Pfarrnachrichten 12/2020 (A)

Liebe Mitchristen und Freunde von St. Pantaleon!

Im Erzbistum Köln finden von diesem Sonntag (15. März) an bis Karfreitag (10. April) keine öffentlichen Gottesdienste (Hl. Messen, Hochzeiten, Taufen, Andachten usw.) statt. Damit folgt unser Erzbistum in entschlossener Mitsorge um das Wohl aller dem kommunalen Verbot jeglicher Veranstaltung im Kölner Stadtgebiet.

Zugleich werden wir mit dieser einschneidenden Maßnahme an eine elementare Christenpflicht erinnert und dazu aufgerufen. Denn die Sorge und Verantwortung um das Wohl aller gehören unverzichtbar zum christlichen Glauben. Zurzeit gilt, die gegenwärtige Herausforderung beispielhaft und aus tiefster Überzeugung solidarisch auch dann mitzutragen, wenn einem manches in der Seele sehr weh tut.

Sonntagsmesse und Sonntagspflicht

Von daher werden alle Gläubigen gebeten, Gottesdienstübertragungen in Fernsehen, Radio oder Internet zu verfolgen. Hierzu finden Sie eine Übersicht u.a. auf der Internetseite des Erzbistums: https://www.erzbistum-koeln.de/presse_und_medien/magazin/Live-Uebertragungen-der-Hl.-Messe-an-Sonntagen-und-Werktagen/.

Die „Sonntagspflicht“, gemäß der alle Katholiken der Weisung der Kirche folgend sich letztlich selber dazu verpflichten, an allen Sonn- und gebotenen Feiertagen der Feier der Eucharistie (Heilige Messe) „andächtig beizuwohnen“, ist in dieser Ausnahmesituation nach alter Tradition und kirchenrechtlicher Regelung „aus schwerwiegenden Gründen“ ausgesetzt.

Die private Zelebration der Priester bleibt unverändert erlaubt und ist gegenwärtig als stellvertretender Vollzug besonders empfohlen.

So werden auch in St. Pantaleon – der Regelung in der Bischofskirche, unserem geliebten Dom folgend – ab sofort keine heiligen Messen unter physischer Anwesenheit von Gläubigen stattfinden. Selbstverständlich werden wir Priester für die Gläubigen und die Welt die heilige Messe auch weiterhin täglich feiern.

Die 12:00 Uhr Mittags-Messe jeweils am Montag in St. Pantaleon – und womöglich weitere Heilige Messen an anderen Tagen – wird wie bislang über KTV (https://k-tv.org/programm) weltweit übertragen. Auch diese Heiligen Messen mit einer Kurzpredigt können Sie am Bildschirm mitfeiern. Bis zum 10. April wird sie von nun an allerdings ebenfalls ohne physische Anwesenheit von Gläubigen gefeiert. Deshalb wird die Kirche in dieser Zeit geschlossen bleiben. Von daher ist ein Besuch der Kirche in diesem Zeitfenster nicht möglich.

Darüber hinaus wird St. Pantaleon „zu den gewohnten Zeiten in der je üblichen Weise und unter Beachtung der bekannt gemachten Hygieneregeln für das persönliche Gebet geöffnet bleiben. Hierbei sind in jedem Falle die jeweils geltenden amtlichen Verfügungen (z.B. Versammlungsbeschränkungen oder –verbote) maßgeblich.“ (zitiert aus der Pressemittelung des Kölner Erzbistums vom 14. März 2020, 17:43)

Sakramenten-Empfang: Beichte und Kommunion

Die Beichte wird wie bislang (s. Pfarrbrief) angeboten. Allerdings nicht im Beichtstuhl, sondern offen bei entsprechendem Abstand und bis auf Weiteres in der Taufkapelle. Bis auf weiteres bleibt auch das Pfarrbüro wie gewohnt erreichbar. Alle anderen Veranstaltungen werden ersatzlos verschoben und fallen auch weiterhin bis zum 10. April aus.

Dass die Kommunion nur noch im schweren Krankheits- und Sterbefall gereicht werden soll, ist in diesen Umständen besonders schmerzhaft. Denn die Kommunion ist nach dem Wort des urchristlichen Märtyrerbischofs Ignatius von Antiochien (+112) „Pharmazie der Unsterblichkeit“. Also eine Arznei par excellence, die gerade auch heute vielen sehr gut tun und sie nicht nur in der Seele, sondern in der Folge dann auch in ihrem Leib heilen würde.

Sehen Sie darin bitte eine wunderbare Chance, im Glauben zu wachsen und die ganz persönliche Verbundenheit mit Gott durch das Gebet und die sogenannte „geistige Kommunion“ zu suchen.

Mein Nachbarpfarrer und guter Freund hat zur gegenwärtigen Lage geschrieben: „Es tut ja gut, dass die Absagen Verlustschmerz hinterlassen. … In all dem wage ich – nicht zur Schmerzverweigerung – diese Situation als eine geistliche Herausforderung zu sehen und anzunehmen. Ich weiß im Moment nicht, was der Geist uns mit diesem Verzicht auf Gottesdienstfeiern in der Gemeinschaft sagen will. Vermutlich wird sich uns bei einiger geistlicher Wachsamkeit etwas zeigen. Das ist die Einladung an uns …, dass wir alle uns wach halten für das, was der Geist uns für die Zwischenzeit mit auf den Weg gibt." Das ist wunderbar, und gerne gebe ich das so weiter!

Ihr Pfr. Dr. Volker Hildebrandt

 

Pfarrnachrichten 11/2020 (A)

Raffael: Transfiguration (1516/20), Vatikanische Museen, Rom

Der heutige, zweite Sonntag in der Fastenzeit wird bestimmt vom vielschichtigen Evangelium der Verklärung Jesu (vgl. Mt 17,1-9). Der Evangelist Matthäus berichtet über dieses Ereignis folgendes: „In jener Zeit nahm Jesus Petrus, Jakobus und dessen Bruder Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg.“ Man könnte auch übersetzen: „Er nahm sie zu sich“; denn auf dem Berg zeigte er den Auserwählten die überwältigende Schönheit seines Gottseins. „Er wurde vor ihren Augen verwandelt (metemorjwqh). Sein Gesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden blendend weiß wie das Licht.

Im Verlauf des Berichtes wird deutlich, dass all unsere Worte wohl nur unvermögend beschreiben können, was den drei Aposteln zuteil wurde. Auch die Reaktion der Apostel lässt ein gewisses Unvermögen erkennen. Sie haben Schwierigkeiten, allen voran Petrus, situationsgemäß zu antworten, wie im Folgenden deutlich wird: „Da erschienen plötzlich vor ihren Augen Mose und Elija und redeten mit Jesus. Und Petrus sagte zu ihm: Herr, es ist gut, dass wir hier sind. Wenn du willst, werde ich hier drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija.

Petrus ist so überwältigt, dass er das Erlebte festhalten möchte, am liebsten für immer. Aber er weiß nicht so recht, wie das geht. Und das Erlebte scheint zugleich überirdisch intensiv, wie er es bislang noch nie erlebt hat.

Ähnliches erfährt der Gläubige, wenn er dann wirklich einmal Gott im Gebet begegnet. Wo ein Gläubiger regelmäßig betet, wird er Solches mit großer Wahrscheinlichkeit auch wirklich erfahren. Ein solches „Gebets-Erlebnis“ ist selten. Sogar ziemlich selten. Dafür prägt es aber und reicht aus für ein ganzes Leben.

Nicht weniger aufschlussreich ist dann das Nächste, was sich ereignete. „Noch während er (Petrus) redete, warf eine leuchtende Wolke ihren Schatten auf sie, und aus der Wolke rief eine Stimme: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören Als die Jünger das hörten, bekamen sie große Angst und warfen sich mit dem Gesicht zu Boden. Da trat Jesus zu ihnen, fasste sie an und sagte: Steht auf, habt keine Angst! Und als sie aufblickten, sahen sie nur noch Jesus.

Wie konnte eine Wolke leuchten? Und wie konnte sie dann als “leuchtende Wolke ihren Schatten auf sie werfen“? Doch nur, wenn sie von Jesus erleuchtet wurde, von dem wiederum ein so intensives Licht ausging, dass die durch ihn „leuchtende Wolke“ die Apostel nicht in helles Licht, sondern in ihren Wolken-Schatten tauchte.

Das einzige Licht, das dem Menschen alles Verborgene aufdeckt und ins Licht setzt, ist Jesus Christus allein. So verwandelt am Ende auch nur er all unsere gottlosen Heidenängste in christliche Zuversicht und Gelassenheit: „Habt keine Angst!

Mit dem abschließenden Redeverbot sichert Jesus die unauslotbare Bedeutung seiner Worte und Taten. So werden sie nicht profaniert. So führen sie ins Heilige und zur Heiligkeit.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 10/2020 (A)

Die Fastenzeit hat in der katholischen Kirche eine lange Tradition. Ursprünglich fiel der erste Fastentag auf den 6. Sonntag vor Ostern. Papst Gregor der Große (590-604) verlegte den Beginn auf den davorliegenden Mittwoch, um die Sonntage als „Tag des Herrn“ von der Fastenzeit auszunehmen. So beläuft sich die Zeit exakt auf 40 Tage.

Die 40 Tage erinnern an den Zeitraum, in dem Jesus nach dem Zeugnis der Schrift (vgl. Mt 4, 1-11) in der Wüste gefastet hat. In der österlichen Bußzeit bereiten sich die Gläubigen durch Besinnung auf den Glauben, Reduzierung auf das Wesentliche und durch Sühne für begangene Schuld auf das Osterfest vor. Es ist das höchste Fest im Kirchenjahr. Die innere Einkehr und die Nachfolge Jesus in seinem Fasten stehen dabei im Vordergrund.

In einem berühmten Karnevalslied heißt es: „Am Aschermittwoch ist alles vorbei“ und das närrische Treiben geht zu Ende. Das Ende des Straßenkarnevals markiert also gleichzeitig den Beginn der christlichen Fastenzeit. Das hat seinen Grund darin, dass der Ursprung des Karnevals in der nahenden Fastenzeit liegt. Die Menschen wollen – als Tradition besonders ausgeprägt im Rheinland – vor der Fastenzeit die Freunde des Lebens noch einmal zünftig würdigen. Das Wort "Karneval" kommt wahrscheinlich aus dem Lateinischen und bedeutet "Carne vale", also "Fleisch - lebe wohl". Von daher abgeleitet gibt schon das Wort "Karneval" selber einen guten Hinweis auf den eigentlichen Sinn dieser Tage.

Die Tradition, an Aschermittwoch ein Aschekreuz auszuteilen, geht in das 10. Jahrhundert zurück. Am Aschermittwoch wird die Asche im Gottesdienst vom Priester gesegnet und mit Weihwasser vermengt. Mit den Worten „Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst" oder alternativ die Worte Jesu: "Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium" (Mk 1,15b) malt er den Gläubigen das Aschekreuz auf die Stirn.

Die Asche kann auch in Form eines Kreuzes auf den Kopf gestreut werden. Auch Laien können bei der Ausgabe des Aschekreuzes mithelfen, wenn sie vom Ortspfarrer dazu beauftragt worden sind, da es sich nicht um ein Sakrament handelt.

Und woher kommt die Asche für das Aschekreuz? Seit dem 12. Jahrhundert wird die Asche bis heute durch das Verbrennen von den Palmzweigen vom Palmsonntag aus dem letzten Jahr erzeugt. Die Asche steht dabei stellvertretend für die Vergänglichkeit und die Reinigung der Seele, da Asche ab dem Mittelalter auch als Reinigungsmittel genutzt wurde.

An Aschermittwoch und an Karfreitag, zum Beginn und zum Ende der Fastenzeit, gibt es traditionell das „Fischessen“, zu dem sich viele Karnevalsjecken treffen. Fisch – besonders Hering – war früher ein „Arme-Leute-Essen“ und im Gegensatz zu anderen Speisen sehr günstig. Und man verzichtet ganz auf Fleisch. Diese beiden Tage gelten als strenge Fast- und Abstinenztage. Sie heben sich damit von der übrigen 40-tägigen Fastenzeit ab.

Die kirchliche Fast- und Bußordnung ordnet für alle an – sofern sie das 21. Lebensjahr vollendet und das 60. noch nicht begonnen haben, und soweit nicht Krankheit etwas Anderes gebietet –, am Aschermittwoch und Karfreitag nur eine volle Mahlzeit einzunehmen. Darüber hinaus sind zwei kleine Stärkungen gestattet.

Für die Fastenzeit selber gibt es viele Möglichkeiten, ihr gerecht zu werden. Die wohl beliebteste Variante ist der Verzicht auf Genussmittel wie Kaffee, Alkohol, Süßigkeiten oder Zigaretten. In der jüngeren Vergangenheit kam es in Mode, elektronischen Geräten wie dem Fernseher oder dem Smartphone zu entsagen. Auch „Autofasten“ oder „Plastikfasten“ liegen im Trend. Aus christlicher Perspektive bleibt entscheidend, dass das eigentliche Ziel des Fastens nicht aus dem Blick gerät: die innere Vorbereitung auf das Osterfest.

Über die Fastenzeit hinaus soll jeder Gläubige das ganze Jahr über jeden Freitag im Gedenken an den Tod Jesu ein Opfer bringen.

Quelle: https://www.erzbistum-koeln.de/presse_und_medien/magazin/Aschermittwoch-Mit-Aschekreuz-in-die-Fastenzeit-starten/

 

Pfarrnachrichten 09/2020 (A)

Auf die jecken Tage folgt in der Fastenzeit von Aschermittwoch an die Einstimmung auf Jesu Passion und Sterben wie auf seine Auferstehung am Ostermorgen

Im Evangelium dieses Sonntags drängt Jesus mit großer Entschiedenheit alle Menschen guten Willens, selbst da keine Gewalt anzuwenden, wo einem Unrecht widerfährt (Mt 5, 38-48): „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin. Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel. Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm.

Dieses Drängen, alles mit und durch Gewaltlosigkeit zu klären, gipfelt in der finalen Aufforderung zur Feindesliebe: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet.

Sein Recht um jeden Preis durchsetzen ist nicht das Beste. Das wissen wir alle. Denn vielleicht fügt man altem Unrecht neues hinzu. Und man nährt den Hass. Natürlich scheint es erste einmal vernünftig, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Aber nur solange, wie Gott durch seine Menschwerdung noch nicht so nahe war wie jetzt. Was einst sogar für das Volk Gottes, für Israel galt, kann jetzt dem weltweiten Volk Gottes, den Christen nicht mehr als der Wille Gottes gelten.

Das neue Gebot Jesu heißt lieben ohne Wenn und Aber, ohne einschränkenden Vorbehalt, einfach bedingungslos. Wer es fertig bringt, auf sein Recht ohne Bitterkeit zu verzichten, gewinnt damit etwas Größeres: die Freiheit und den Frieden; im Äußersten die Freiheit und den Frieden in Gottes Ewigkeit. Deshalb hat Jesus vorgezogen, brutalste Grausamkeit und infame Ungerechtigkeit zu ertragen und das irdisch schmachvolle Kreuz auf sich zu nehmen: dem Willen des göttlichen Vaters gemäß und gegen sein abgrundtief bedrängendes Leiden (vgl. Lk 22,41-44). Mit diesem Hintergrund ist Jesus bewusst und freiwillig in den dann unvermeidlichen Tod gegangen, auf den die Auferstehung folgte.

Diese freie Entscheidung des Gottmenschen Jesu hat seinen letzten Grund in Gottes eigenem Wesen und Verhalten. Gott liebt bedingungslos, absolut und uneigennützig. Kritiker mögen einwenden: Wenn Gott alles hat, wie ihr Gläubige behauptet, und ihm weder seine Schöpfung noch sonst etwas einen Mehrwert bringt, dann ist die selbstlose Liebe für Gott auch ganz leicht. Und ebenso leicht ist es für euch Gläubige, das so zu behaupten. Aber für uns irdische Menschen ist und bleibt das Illusion und weltfremde Träumerei. Als Menschen, so wie wir nun mal sind, bleiben wir auf einen Mehrwert durch unser Tun und Leisten angewiesen. Deshalb müssen wir uns auch unser Recht erkämpfen.

Dem hält der Gläubige kraftvoll mit der Heiligen Schrift entgegen, dass schon das Alte Testament, unter anderem das Buch Levitikus (vgl. die erste Lesung von diesem Sonntag), eine Sammlung von Gesetzen enthält, die man unter dem Namen „Heiligkeitsgesetz“ zusammenfasst (Kap 17-25).

Das Volk Israel ist „heilig“, weil es Gott geweiht ist, ihm in besonderer Weise gehört, und zwar vom Anfang seiner Geschichte her. „Ich bin Jahwe, euer Gott, der euch aus Ägypten herausgeführt hat“ (Lev 19,36). Daraus ergeben sich Folgerungen für das Leben dieses Volkes: für die Nächstenliebe nämlich. Der „Nächste“ war zunächst der Angehörige des eigenen Volkes, der „Bruder“. Ihn lieben heißt: ihm Gutes wollen und Gutes tun.

Jesus hat daraufhin das alte Gesetz vertieft und seinen eigentlichen Sinn verdeutlicht. Nicht nur den Nächsten, den „Bruder“, den Angehörigen des eigenen Volkes, sondern auch den Feind soll man lieben.

Das ist jetzt auch möglich, weil jeder Gläubige und die ganze Gemeinde Christi lebendige Tempel Gottes sind (vgl. 1 Kor 3, 16-23; die zweite Lesung von diesem Sonntag): „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ Gott wohnt nun nicht mehr in den Tempeln aus Stein, in den keiner hineindurfte. Sonst war man des Todes.

Gott wohnt nun in jedem, der es zulässt und sich nach Gott sehnt. Das verändert grundlegend: „Denn Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr.“ Nun kann der Heilige, der durch Gott in seinem ganzen Sein Verwandelte, so wie Gott lieben. Von daher kann Paulus scheinbar vermessen und völlig abgehoben, aber im Leben eines Gläubigen handfest erfahrbar und überwältigend real erklären: „Keiner täusche sich selbst. Wenn einer unter euch meint, er sei weise in dieser Welt, dann werde er töricht, um weise zu werden. Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott. … Der Herr kennt die Gedanken der Weisen; er weiß, sie sind nichtig. Daher soll sich niemand eines Menschen rühmen. Denn alles gehört euch. … Welt, Leben, Tod, Gegenwart und Zukunft: alles gehört euch; ihr aber gehört Christus, und Christus gehört Gott.

Damit schließt sich der Kreis. Die grenzenlos selbstlose Liebe wird im Verzicht auf vorschnelle Gegengewalt oder rein irdischer Logik durch die Gegenwart Gottes im Tempel, der wir selber sind, bereits in diesem Leben möglich und als erfüllend, befreiend und beglückend erfahrbar.

Pfr. Dr. Volker Hildebrandt

 

Pfarrnachrichten 08/2020 (A)

Berpredigt - Glasfenster

Von seinem Wesen her wünscht ein jeder, frei zu sein. Zugleich erfahren wir, dass unserem Wunsch nach Freiheit klare Grenzen gesetzt sind. Keiner kann sich ganz frei in die Luft und darüber hinaus in die Weite des Alls begeben, auch wenn einem danach ist. Gerader dieser Wunsch nach grenzenloser Freiheit, den jeder von Kindheit an in sich verspürt, ist zugleich interessant und weiterführend.

In dieser Linie liegt dann auch die folgende Annäherung an das, was Freiheit ist: „Der ist ein freier Mensch, der tun und lassen kann, was er will.“ Da ist viel Wahres dran. Es trifft den Kern von Freiheit aber nur, wenn man richtig versteht, was „wollen“ und „können“ bedeuten.

Die Fülle richtig verstandenen „Wollens“ und „Könnens“ hat nämlich mit Gehorsam zu tun. Und zwar so sehr, dass zur Freiheit immer und unbedingt auch Gehorsam gehört. Ohne Gehorsam gibt es keine Freiheit. Denn frei ist der Mensch nicht nur, wenn er „tun und lassen kann, was er will“, sondern wenn er auch zugleich das zu tun vermag, was er nicht will, ihm aber im Gehorsam nachkommt, weil es das Gebotene ist. Dann will man also, und kann es dann auch – weil man frei ist –, was man zuerst nicht wollte.

Wer nicht gehorcht, der wird nie wirklich frei. Der bleibt ewig Sklave seiner Launen, Triebe und Impulse. Eine solch vermeintliche Freiheit ist in Wirklichkeit Willkür, und hat mit Freiheit wenig, am Ende gar nichts zu tun. Willkür will der Mensch, da er frei sein möchte, eben nicht. Es gibt also keine Freiheit ohne Gehorsam!

Der für die Freiheit notwendige Gehorsam bezieht sich auf die Wirklichkeiten des Lebens. Und da kann und darf ich nun mal nicht alles. Tue ich es dennoch, verliere ich meine Freiheit und womöglich die Grundlage meines Lebens. Genau hier haben die Gebote – richtig formuliert und erkannt – ihren Platz. Sie spielen eine segensreiche und wichtige Rolle bei der Selbstformung, die bis zum Lebensende andauert. Die Gebote verpflichten nämlich auf die Wirklichkeiten des Lebens.

Du sollst nicht töten. Du sollst nicht die Ehe brechen und somit auch deiner Sexualität nicht wirklichkeitsfremd – also lieblos und unfruchtbar – freien Lauf lassen. Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht lügen und somit auch sich selber ehrlich bleiben und sich nicht von dem entfernen, was man als Gegebenes und Gebotenes vorfindet.

Im Sonntagsevangelium (Mt 5, 17-37) dieser Woche sagt Jesus (ibid., 17): „Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.“ Und er hält dazu an, dass unsere Gerechtigkeit weit größer sein muss (ibid., 19) „als die der Schriftgelehrten und Pharisäer.“ Andernfalls „werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.

Hier schließt sich der Kreis für unsere kurze Darlegung. Denn frei ist nicht jener, der seine Ehe einfach weiterlaufen lässt, aber mit dem Herzen längst woanders ist. Deshalb sagt Jesus im Evangelium dieses Sonntags (ibid., 28): „Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.“

Frei ist hingegen jener, der dem für ein ganzes Leben gegebene Wort – und der damit gemeinten Person – treu bleiben will und es auch kann, weil er ein Leben lang an der dafür notwendigen Freiheit arbeitet, dass er es jederzeit kann.

Das ist vergleichbar mit einem Kind, das man nicht auf Probe zeugen und zur Welt bringen kann. Die Entscheidung für ein Kind lässt sich so wenig rückgängig machen wie die Entscheidung für einen Menschen, mit dem man ein Leben lang zusammenbleiben will. Dafür ist es dann nötig, ein Leben lang daran zu arbeiten, sich die Freiheit dieser seiner Lebensentscheidung nicht nehmen zu lassen.

In dieser Freiheit und in diesem Gehorsam der gebotenen Wirklichkeit gegenüber kann sich jene Liebe entwickeln, die als Grundlage von Anfang bis Ende Jesu Bergpredigt durchzieht (ibid., 34a; 37): „Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht. Euer Ja sein ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen.

Pfr. Dr. Volker Hildebrandt

 

Pfarrnachrichten 06/2020 (A)

Rembrandt - Simeon und das Jesuskind

Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.“ Mit diesen Worten drückt der greise Símeon seine ganze Freude und Ergriffenheit aus, am Ziel seines irdischen Lebens, bei Gott angekommen zu sein. Seitdem beten täglich weltweit inzwischen Hunderttausende mit diesen Worten das „Abendlob der Kirche“ zum Abschluss des Tages.

Über diesen Símeon sagt das Evangelium an diesem Sonntag (Lk 2,11-40), der mit dem Fest der Darstellung des Herrn im Tempel zusammenfällt, dass er „gerecht und fromm war und auf den Trost Israels wartete“. Ihm „war vom Heiligen Geist offenbart worden, er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Christus des Herrn gesehen habe.“ So wurde Símeon vom Geist genau zu dem Augenblick „in den Tempel geführt, als die Eltern das Kind Jesus hereinbrachten, um mit ihm zu tun, was nach dem Gesetz üblich war.“ So kam es, dass „Símeon das Kind in seine Arme nahm“ und sich lobpreisend und dankend mit eben diesen Worten an Gott wendete.

Rembrandt Harmensz van Rijns hat mit seinem Bild des greisen Símeon mit dem Jesuskind nicht nur Símeon mit dem Kind, sondern allem, was sich dahinter offenbart, ein eindrucksvolles Denkmal geschaffen. Im Folgenden zitiere ich Ralph Pechmann:

»Sein Leben lang hatte dieses Motiv den Maler angezogen. Es gibt viele Skizzen und Darstellungen, die er dazu ausführte. Sein letztes Gemälde jedoch unterscheidet sich wesentlich von allen früheren Darstellungen. Als Rembrandt am 4. Oktober 1669 einsam und verarmt starb, war er 63 Jahre alt. Am Tag nach seinem Tode fand man unter vielen Gemälden dieses unvollendete Bild, das Símeon mit dem Kind auf den Armen zeigt.

Rembrandts frühe Símeonbilder zeigen hohe Hallen mit Menschen, die in einer Ecke versammelt und in Gestik und Haltung um Símeon und das Kind angeordnet sind. Am meisten drängte es den Künstler, die Hauptpersonen in Licht zu tauchen und ihre Heiligkeit durch den Kontrast zu dem sie umgebenden Dunkel zu steigern. Das Licht verlieh allem Sichtbaren in geheimnisvoller Weise Form und Kontur und drängte die Allgegenwart des Dunkels zurück. Mit jeder weiteren Ausführung des Motivs nahm die Anzahl der beteiligten Personen ab und der Kontrast von Licht und Dunkel an Intensität zu. (…)

Rembrandt verdichtet in seinen Bildern zunehmend seine Sicht vom Geheimnis Jesu. Am Ende dieses Prozesses entsteht die besondere Schau von einem intimen Geschehen: Der Künstler entdeckt sich selbst im alten Símeon – vom Kind auf den Armen getröstet nach Jahren der äußeren und inneren verzweifelten Unruhe und der Sehnsucht nach einer heilvolleren Zeit. Das "unvollendete Gemälde Simeon und das Jesuskind zeigt, (...) wie der betagte Maler am Ende seines Lebens sich selbst versteht" (Henri J.M. Nouwen). Die Geburt Jesu ist ihm weit mehr als ein historisches Ereignis: das Kind ist ihm geboren worden, er wird zum Christusträger.

Selbst fast erblindet, aber innerlich zum Sehenden geworden, malte Rembrandt den alten Símeon mit trüben Augen, die mehr in innerer Schau erkennen, als dass sie tatsächlich sehen, wen er auf seinen Armen hält. Símeons Hände wirken steif, als fassten sie ins Leere. Sein Antlitz aber leuchtet von dankbarem Ergriffensein. "Was die Augen sehen, das entscheiden nicht die Augen, sondern das Herz", sagt Martin Buber. Nicht Símeon hatte ergriffen, was er lebenslang geglaubt hatte: er selbst ist am Ende der Ergriffene, für den in diesem Kind die Gegenwart Gottes als Mitte seines Lebens, Ehre seines Volkes und Licht der Völker prophetisch aufleuchtet. Als reichte er uns den Heiland herüber, um ihn in unsere Arme zu legen – so lebendig wirken seine Ergriffenheit und seine freudige Überraschung. Nun kann Símeon in Frieden scheiden, denn er ist gewiss, dass er die Zukunft der Welt, den Erlöser in den Händen hält. Seine Sehnsucht ist an ihr Ziel gelangt!

Rembrandt malte die Weihnachtsfreude des frommen Alten gerade so, wie sie ihm selbst widerfahren war. Schließlich vollendet sich Símeons sehnsuchtsvolles Warten durch Gottes leibhaftige Antwort. "Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geborn und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verlorn" – du hättest keinen Anteil daran –, formulierte Rembrandts Zeitgenosse Angelus Silesius. Kein noch so wichtiges Geschehen in der Geschichte vermag uns zu berühren oder gar zu verwandeln, wenn es sich nicht in unserem Leben fortsetzt: Uns ist ein Kind geboren, auf dass es uns zu eigen werde.«

Pfarrnachrichten 05/2020 (A)

Berufung der ersten Jünger - russische Ikone, 18. Jh.

Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf.“ (Jes 8,1) Dieses biblische Wort hören wir an diesem Sonntag gleich zweimal. Das erste Mal in der alttestamentlichen Lesung. Und das zweite Mal im Evangelium (vgl. Mt 4,16).

Dem Evangelisten Matthäus scheint es ein dringendes Anliegen zu sein, die alttestamentlichen Worte als durch Jesus Christus erfüllt zu deuten. „Es sollte sich erfüllen“, lesen wir bei ihm, „was durch den Propheten Jesaja gesagt worden ist (ibid.,14). Und er gibt, eng an Jesaja angelehnt, dessen Prophezeiung als Geschehenes wieder: „das Volk, das im Dunkel lebte, hat ein helles Licht gesehen; denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, ist ein Licht erschienen.“ (ibid.,16)

Im Folgenden legt Matthäus anschaulich dar, was dies bedeutet. Ganz grundsätzlich und noch sehr allgemein gibt er zuerst Jesus Worte wieder, die Jesus am Anfang seines nun beginnenden öffentlichen Auftretens und Wirkens predigte: „Von da an begann Jesus zu verkünden: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“ (ibid.,17)

Daraufhin wird es sehr konkret und anschaulich zugleich. Matthäus berichtet: „Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er zwei Brüder, Simon, genannt Petrus, und seinen Bruder Andreas; sie warfen ihre Netze in den See, denn sie waren Fischer. Da sagte er zu ihnen: Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm.“ (ibid.,18-20)

Petrus und Andreas waren zwei gestandene Männer. Es spricht manches dafür, dass Petrus in einem Kleinunternehmen mehreren Fischerei-Mitarbeitern vorstand. Er hatte also Rang und Namen, trug Verantwortung für seine Mitarbeiter und war in Kafarnaum gut eingeführt. Da ist es schon überraschend, dass er und sein Bruder „sofort“ ihre Netze liegen ließen und ihm, dem Herrn auf der Stelle folgten. Ähnliches ereignete sich kurz darauf.

Als Jesus „weiterging, sah er zwei andere Brüder, Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes; sie waren mit ihrem Vater Zebedäus im Boot und richteten ihre Netze her. Er rief sie, und sogleich verließen sie das Boot und ihren Vater und folgten Jesus.“ (ibid.,21f) Wie Petrus und Andreas waren auch Jakobus und Johannes gut etabliert. Sie hatten ein sicheres und gutes Einkommen. Dennoch verlassen sie ebenfalls „sogleich“ nicht nur ihren festen Arbeitsplatz, sondern darüber hinaus auch ihren Vater. Ähnlich wie Petrus ja auch seine Frau „verlassen“ hat. (vgl. Mt. 8,14 usw.)

Von daher lässt sich nun gut erklären, was genau Jesus allgemeingültig an den Anfang seines Predigens und Wirkens stellt: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“ Und es lässt sich auch erklären, warum Matthäus Jesu erstes Auftreten und die dabei eingeschlagene Richtung und Weichenstellung für alles Folgende als nun eingetretene Erfüllung der Voraussage bei Jesaja (s.o.) deutet. Ich möchte es wie folgt erklären.

Man beginnt als Christ erst dann christlich zu leben, wenn man sein Leben mit Gottes Hilfe daraufhin prüft, ob irgendetwas im eigenen Leben dem Wort Jesu und damit der Nähe Gottes entgegensteht. Seien es bestimmte Launen, eine Tätigkeit oder Arbeitshaltung, bestimmte Kontakte oder Lebensvollzüge, die in sich nicht einmal böse sein müssen. Bis hin zu allem, was in sich eher schlecht und zugleich böse ist: Übereifer oder Faulheit, Bequemlichkeit, Gleichgültigkeit, Unehrlichkeit … oder was auch immer.

Man beginnt also als Christ zu leben, wenn mit der Aufforderung Jesu „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe“ die Frage zugelassen wird, was im eigenen Leben Gottes Nähe behindert und ihr entgegensteht. Und man daraufhin – auch wiederum mit Gottes Hilfe – sich so schnell davon löst – oder es zumindest versucht; und mit Gottes Hilfe wird es überraschend gut gelingen –, wie die Apostel ihr Bisheriges „sofort“ und „sogleich“ verlassen haben.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 03/2020 (A)

Johannes tauft Jesus im Jordan

Mit dem Fest der Taufe des Herrn an diesem Sonntag geht die Weihnachtszeit zu Ende. Vor wenigen Tagen haben wir noch den Besuch der Heiligen Drei Könige in Bethlehem gefeiert. Zwischen diesem Ereignis und der Taufe Jesu am Jordan liegen drei Jahrzehnte. In diesen Jahren wuchs Jesus heran: Fluchterfahrung, Rückkehr in seine Heimatstadt Nazareth, Kindheit und Jugend.

Für seine Eltern schmerzhaft begann er eigene Wege zu gehen (vgl. Lk 2,41-52) und trat schließlich als „Sohn des Zimmermanns“ (vgl. Mt 13,55) in die Fußstapfen seines Pflegevaters Josef. In diesen Jahren seines „verborgenen“ Lebens verdiente er sich sein tägliches Brot durch gute und rechtschaffene Arbeit.

Es sind Jahre, in denen der Gott-Mensch Jesus in seiner irdisch-sterblichen Persönlichkeit als Mensch heranreift, wie jeder andere auch. Es sind nicht nur interessante, sondern auch unverzichtbare Jahre für das Heil der Menschen. Leider sind diese Jahre des verborgenen Lebens Jesu in ihrer Bedeutung und Tragweite für das irdische Glück, das Gott uns ebenfalls schenken möchte, immer noch viel zu wenig erschlossen. 

Zu Beginn seines öffentlichen Lebens lässt Jesus sich taufen. Anfangs wollte Johannes „es nicht zulassen“. Er widersetzte sich mit den Worten: „Ich müsste von dir getauft werden, und du kommst zu mir?“ (Mt 3,14)

Jesus aber (Mt 3,15) „antwortete ihm: Lass es nur zu! Denn so können wir die Gerechtigkeit ganz erfüllen. Da gab Johannes nach.“ – Andere Übersetzung lassen Jesus sagen: „Gott will es so!“ Und in der noch nicht revidierten Einheitsübersetzung stand hier bis 2016 noch: „Denn nur so können wir die Gerechtigkeit, die Gott fordert, ganz erfüllen.“

Jesus tut, was Gott will. Und Gott wiederum will die Taufe Jesu aus Gründen der Gerechtigkeit. Jesus, der ganz gerecht und ganz ohne Sünde ist, lebt mit uns, die wir nie ganz gerecht und nie ganz ohne Sünde sind. In dieser Solidarität Jesu mit uns tilgt er unsere Sünden und Ungerechtigkeiten, indem er sie sich selber aufbürdet (vgl. 2. Kor 5, 21). So geht er uns als Erster voran: durch das Bad der Taufe und der erlösenden Annahme des täglichen und schließlich des finalen Kreuzes.

Von hier aus lassen sich die drei Jahrzehnte des verborgenen Lebens Jesu in ihrer Bedeutung für uns erschließen: In seinem menschlichen Leben lebt Gott selber das Menschlich-Alltägliche. Er lebt es als Kind, als Jugendlicher, als Studierender oder Auszubildender und schließlich als Erwachsener und Erwerbstätiger. Damit durchformt und verändert sich unser Alltagsleben – durch Gottes überraschende Nähe nämlich –, bis auch wir richtig sind und gerecht dastehen. Aus eigener Kraft vermag das keiner von uns. Wohl aber mit Jesus Christus, der beständig mit uns geht.

So sind die dreißig Jahre, in denen Jesus unerkannt und verborgen arbeitete und sein Brot verdiente, eine großartige Offenbarung Gottes. Vor allem einer Offenbarung christlicher Lebenshaltung: „Lass es nur zu!“ Diese Lebenshaltung prägte dann auch das öffentliche Leben Jesu bis in den erlösenden Kreuzestod und die Auferstehung hinein.

Lassen auch wir zu, was Gott Tag für Tag, Stunde für Stunde in unsere alltäglichen Lebensvollzüge hineingeben möchte? Und auch so, wie es von ihm kommt?

Implizit wird deutlich: Das Gespür und die hautnahe Erfahrung dieser umwerfenden Nähe Gottes im alltäglichen Leben bedarf einer starken Glaubens- und Gebetspraxis. Nur dann wächst die Erfahrung, dass Gott in unserem Leben, unserem Bemühen und Arbeiten bis hinein in unser hoffnungsvolles Aushalten von Krankheit und Gebrechen überraschend Großes bewirkt. Viel Größeres, als wir aus eigener Kraft vermögen.

Und was genau ist das Große, was Gott bewirkt?

Wer betend und in vertrauter Zwiesprache mit Gott zulässt, was Gott für unser alltägliches Leben in all seinen Vollzügen will – und auch so, wie Gott es will: „dein Wille geschehe“ –, der steht zunehmend richtig und gerecht da. Der begegnet mit unfehlbarer Gewissheit Gott selber in seiner göttlichen Liebe.

Es gibt nichts Schöneres und Wertvolleres, nichts, was mehr erfüllt und beglückt, als jene Liebeserklärung, wie Gottvater sie dann Jesus gegenüber ausgesprochen hat (Mt 3,16-17): „Kaum war Jesus getauft und aus dem Wasser gestiegen, da öffnete sich der Himmel, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe.“

Gott konnte vom Himmel aus so zu Jesus sprechen, weil Jesus in seinem Leben als Mensch Gott immer wieder zugehört und ihn dann so hat handeln und wirken lassen. Was also Jesus dem Johannes sagte: „Lass es nur zu!“, das sagt Jesus auch uns!

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 02/2020 (A)

Die Heiligen drei Könige - Kinder-Tusche-Zeichnung

Die Geschichte der Heiligen Drei Könige gehört mit zu den bekanntesten biblischen Erzählungen (Mt 2,1-12). Wohl auch, weil sie den Reiz des Geheimnisvollen in sich trägt. Dazu gehört die Faszination, dass ein Stern einer Gruppe Auserwählter den Weg weist. Und die Auserwählten sind nicht irgendjemand. Es sind Kluge und Weise, die Ansehen genießen und in ihrem Leben gewöhnlich gut zurechtkommen.

Der Stern führt sie über ihre von Natur gegebenen Möglichkeiten hinaus, wobei sich die Auserwählten klug und weise führen lassen. Ihr außergewöhnliches Verhalten lässt sie schließlich Gottes übergroßen Segen erfahren. Und dadurch werden sie auch selber für andere zum Segen.

In Jerusalem, der damaligen Hauptstadt Israels angekommen, fragen Sie nach dem neugeborenen König der Juden. Noch wissen sie nichts vom abgründigen Alleinanspruch des Herodes, der sich am Ende in der widerlichen Ermordung unschuldiger Kinder entlädt. Schlimm ist auch das Verhalten der Hohepriester und Schriftgelehrten. Obwohl sie nun wissen, dass der "Hirt des Volkes Israel" in Bethlehem, in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft geboren wird, bleiben sie einfach zu Hause.

Die Geschichte hat auch mit uns zu tun. Einem jeden ist ein "Stern" beschieden. Gott gewährt auch uns ein gutes Maß weiser Klugheit. Er schenkt darüber hinaus in Anderen und in Ereignissen wunderbare Anhaltspunkte, um den eigenen Weg zu finden: Einen Weg, den er uns bereitet hat, und den wir für uns aus eigener Kraft passender und schöner nicht finden können. Dafür müssen wir es jedoch so machen, wie die "Sterndeuter aus dem Osten".

Sie begeben sich auf den Weg. Sie fragen und lassen sich helfen. Dabei bedient sich Gott sogar derer, die in ihrem Leben enttäuschend und auch erschreckend scheitern. Anders als diese gehen die drei Könige vor dem göttlichen Kind in die Knie. Sie beten den wahren Gott an. Deshalb können sie auch dem Stern folgen, der sie am Ende punktgenau ins Ziel führt. Und sie wurden auf ihrem Weg bis dorthin von sogar "sehr großer Freude erfüllt", wie es wörtlich im Evangelium nach Matthäus (ibid., Vers 10) heißt.

Zu guter Letzt haben sie mit Gottes Hilfe den Mut und die Kraft, ihnen inzwischen bekannte, aber unheilbringende Wege fortan zu meiden. So suchen und finden sie souverän andere Wege, auf denen sie ankommen und ihr Ziel, schließlich ihr endgültiges Zuhause sicher erreichen.

Nun ist es an uns, die Heiligen Drei Könige als zutiefst gottverbundene Friedensbringer in ihrer Kraft und Segen spendenden Lebensweise auch für uns persönlich zu entdecken.

(Pfr. Dfr. Volker Hildebrandt)