Pfarrnachrichten 09/21 (B)

Wie Abrahams Sohn trägt auch Gottes Sohne das Opfer-Holz auf dem Rücken den Berg empor.

A B R A H A M S   O P F E R   H E U T E

Die erste Lesung des zweiten Fastensonntags mutet Ungeheuerliches zu. Die Verse dieser Perikope (Gen 22,1-18) gehören mit zu den schwierigsten in der Bibel.

Abraham und seiner Frau Sara waren kinderlos geblieben. Altersbedingt war Sara schon länger in Umständen, die ein Kind ausschlossen. Die Verheißung Gottes an Abraham, soviel Nachkommen zu haben, wie Sterne am Himmel, schien dahin. Mit der unerwarteten Geburt Isaaks erfüllte sich Gottes Verheißung dann doch. Alles hatte sich zum Guten gewendet!

Dann aber „stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: Abraham! Er sagte: Hier bin ich. Er sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Ísaak, geh in das Land Moríja und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar!“ Den einzigen Sohn, den Abraham über alles liebte, den Hoffnungsträger und die alleinige Zukunft der Familie sollte Abraham jetzt opfern.

Als Abraham seine Hand zum Messer ausstreckte, um seinen Sohn zu schlachten, gebot der Engel des Herrn dem Abraham überraschend Einhalt: „Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest; du hast mir deinen Sohn, deinen einzigen, nicht vorenthalten.“ Abraham muss seinen Sohn nun doch nicht opfern. Zur Rettung des Sohnes lässt Gott den Abraham einen Widder in unmittelbarer Nähe sehen, den er nun anstelle seines Sohnes opfert.

Daraufhin erneuert und bestätigt Gott seinen Bund und seine Verheißungen: „Weil du das getan hast und deinen Sohn, deinen einzigen, mir nicht vorenthalten hast, will ich dir Segen schenken in Fülle und deine Nachkommen überaus zahlreich machen wie die Sterne am Himmel und den Sand am Meeresstrand.“ Es war also „lediglich“ eine Prüfung, eine „Probe“.

Dennoch erregt das Anstoß. Obwohl auch diese Episode am Ende gut ausgeht, fragt man unwillkürlich: Was ist das für ein Gott, der einem Menschen solches zumutet und mit so etwas auf die Probe stellt? Ist das nicht grausam; zutiefst unmenschlich, gar „ungöttlich“? Auch wenn diese Prüfung dann doch nicht mit einem Menschenopfer endet?

Ich möchte im Folgenden fünf kurze Antworten auf diese Fragen geben. Eine erste finden wir in der Geschichte; bis heute. Damals waren Menschenopfer, unter anderem das Ofer der Erstgeburt, durchaus verbreitet. Schon allein deshalb war es für Abraham nicht völlig abwegig, Gott seinen Sohn zu opfern. Das war Bestandteil alter Kulturen, in denen er großgeworden war.

Nun aber wurde auf Gottes Anordnung das Opfer des Knaben zurückgewiesen und anstelle von Isaak ein Tier geopfert. Von da an sind Menschenopfer in Israel tabu. Andere Völker brachten noch Jahrhunderte später, die Azteken bis ins frühe 16 Jahrhundert Menschenopfer dar. Israel seit Abraham nicht mehr.

Gott will keine Menschenopfer. Gegen den ersten Augenschein ist genau das die erste Botschaft dieser biblischen Erzählung: Für Gott ist der Mensch so heilig, dass er nie geopfert werden darf. – Hier nun sind wir gefragt. Wie halten wir es damit in unserer scheinbar aufgeklärten und zivilisierten Welt von heute?

Leider sind „Menschenopfer“ weiterhin Realität. Etwa in den Kriegen des 20. Jahrhunderts. Unzählige – insbesondere Väter – haben stolz ihre Söhne in den Krieg und damit in den Heldentod ziehen lassen. Sie fühlten ähnlich wie Abraham. Nun aber säkularisiert. Sie haben ihre Söhne nicht mehr Gott, sondern der eigenen Nation geopfert. Dazu sagt die Bibel eindeutig: Gott will das nicht!

Bis heute begehen Menschen aus scheinbar religiösen Motiven Selbstmord-Attentate und halten sich für Märtyrer. Auch dazu sagt die Bibel: Gott will das nicht!

Aus meiner Kindheit und Jugend erinnere ich mich noch sehr gut an einige wenige Gleichaltrige mit mongoloiden Zügen. Es sind statistisch exakt 0,2 Prozent aller gezeugten Kinder, die eine der vier möglichen Varianten von „Trisomie“ haben. Damals haben wir mitbekommen, wie diese Kinder uns alle zu Fürsorge und Zuneigung gegenüber Benachteiligten inspiriert und gefördert haben. Man sieht diese Kinder heute aber nicht mehr, weil 96% von ihnen vor ihrer Geburt irgendeiner gesamtgesellschaftlichen Gesundheit geopfert und als Abfall entsorgt werden. Auch dazu sagt die Bibel: Gott will das nicht!

Ähnlich ergeht es den anderen Ungeborenen, die vor ihrer Geburt einer angeblich höherwertigen Lebensplanung geopfert und ebenfalls entsorgt werden. In den Jahren 2017-2019 waren es bundesweit jährlich über 100.000 Ungeborene, die durch den sogenannten „Schwangerschaftsabbruch“ nie das Licht der Welt erblickt haben. Auch dazu sagt die Bibel: Gott will das nicht!

Demgegenüber fordert die Geschichte vom Opfer des eigenen Sohnes durch den greisen Abraham auf der anderen Seite dazu auf, die eigenen Kinder loszulassen. Das ist das zweite; was Gott nun ausdrücklich will.

Jeder Vater, jede Mutter muss irgendwann den eigenen Sohn, die eigene Tochter „hergeben“: Wenn die Kinder heranwachsen und ihr eigenes Leben führen wollen. Es fällt schwer, Kinder loszulassen! Es ist oft über Jahre ein Ringen um den richtigen Weg, um die „goldene Mitte“.

Manche Eltern „klammern“ oder setzen ihre Kinder unter Druck, wenn sie eigene Wege gehen wollen oder den elterlichen Wunschvorstellungen nicht entsprechen. Andere machen es sich zu einfach. Sie lassen ihre Kinder im Stich, wo sie auf elterliche Führung weiterhin angewiesen sind. Das ist die andere Seite des Opfers, um das Gott uns bittet, ähnlich bis zum Äußersten wie damals Abraham.

Im Opfer des Isaak signalisiert Gott dem Abraham zunächst: Dein Sohn ist ein Geschenk, aber er wird dadurch nicht dein Eigentum! Er gehört dir nicht. Du musst ihn freigeben. Dann bekommt Abraham seinen Sohn zurück, jedoch erst nachdem er ihn hergegeben und gerade nicht festgehalten hat.

So ist es bis heute: Eltern, die ihre Kinder unbedacht und ohne Opferbereitschaft festhalten, verlieren sie meist erst recht. Die Kinder müssen sich mit Gewalt befreien und gehen dann im Unfrieden. Lässt man sie aber im rechten Augenblick frei, bleibt zumindest ein gutes Verhältnis. Kinder gehen dann weg; aber sie kommen auch wieder. Nach einer gewissen Zeit entdecken sie neu, was sie ihren Eltern verdanken. Vor allem dann, wenn Eltern bis zum Äußersten zur notwendigen Begleitung und zugleich zur größtmöglichen Freiheit bereit sind.

Die letzten drei Antworten sind zunehmend religiös. – So wiederholt sich die „Glaubensprobe“ des Abraham bis heute auch bei uns: bei Schicksalsschlägen oder durchkreuzten Lebensplänen bis hin beim Sterben lieber Menschen.

Manche Eltern verlieren tatsächlich ein Kind. Das gehört zu den tragischsten Verlusten überhaupt. All das stellt den Glauben auf die Probe, ja erschüttern ihn.

Die schicksalhafte Geschichte Abrahams und Isaaks bestärkt darin, dass am Ende Gott alles zum Guten lenkt. Das tröstet, macht Hoffnung und schenkt in der Prüfung Mut. Man fühlt sich Schicksalsschläge nicht länger ohnmächtig ausgeliefert und wie blind ergeben. Man vermag ihnen einen Sinn abzugewinnen und sie als „Prüfung“, als positive Herausforderung anzunehmen, an denen man wachsen kann. Allein dieser andere Blickwinkel macht schon viel aus.

Das gilt auch für den Tod, obwohl er endgültig ist. Paulus sagt mit Anspielung auf diese Geschichte etwas Eigentümliches: „Abraham glaubte dem Gott, der die Toten lebendig macht und das, was nicht ist, ins Dasein ruft“ (vgl. Römerbrief 4,17). Wir können im Glauben auch die Toten loslassen und in Gottes Hand geben. Denn Gott wird sie auferwecken und uns wieder mit ihnen vereinen. Am Ende lenkt Gott alles zu Guten – wenn nicht schon in dieser Welt, dann in der jenseitigen!

Die vierte Antwort nach dem Sinn dieser Geschichte und dem vermeintlich unmöglichen Gott lässt sich am besten als Frage formulieren. Nämlich: Wieviel ist mir Gott wert?

Bedeutet mir Gott wirklich mehr als alles? Bin ich bereit, für Gott wirklich alles loszulassen und herzugeben? Im Extremfall sogar das Leben, wenn mein Zeugnis für das grundlegend Wahre, Gute und Gerechte unumgänglich gefragt wäre?

Gott sei Dank wird nur wenigen so viel abverlangt. Wir wären dem vielleicht nicht gewachsen. Aber es gibt noch weitaus anderes, das wir auf jeden Fall hergeben müssen, wenn wir als Christen leben und am Ende überleben wollen. Lebenspläne etwa. Und zwar eigene, wenn sich unerwartet Wichtigeres ergibt, oder auch die, die wir für unsere Kinder ausdenken, wenn sie andere Wege gehen.

Und wie ist das mit dem eigenen Stolz, den irdischen Erfolgen, und dem Ansehen bei anderen? Abraham war bereit, für Gott alles aufzugeben. Wieviel bin ich bereit, für Gott aufzugeben?

Wäre ich bereit, für Gott und den einen wahren Glauben an ihn auch anspruchsvolle Konflikte zu wagen? Und notfalls auch meine gute Reputation dafür aufs Spiel zu setzen, wenn das notwendig werden sollte? Was ist mir Gott wert? Ist er für mich wirklich Gott, das heißt: mehr als alles?

Zuletzt noch eine fünfte Antwort auf die Frage nach dem Sinn dieser anspruchsvollen Opfergeschichte von Abraham und Isaak aus dem Alten Testament. Sie wurde bereits in urchristlicher Zeit von Jesu Leben, Sterben und Auferstehen her neu gelesen. Isaaks Opfergang wird dann zum Voraus-bild von Jesu Kreuzweg. Und was Gott von Abraham am Ende doch nicht verlangt hat, das gibt er uns in seinem Sohn, der wie Isaak das Opferholz den Berg empor trägt. Dort teilt er unser Schicksal von Tod und Leiden und nimmt dabei unsere Schuld auf sich. „Um den Knecht zu erlösen, gabst du den Sohn dahin“, beten wir in der Osternacht.

Auch hier lenkt Gott am Ende alles zum Guten. Jesu Sterben bringt Segen und Heil. Seine Auferstehung öffnet den Himmel und damit den Zugang zum göttlichen Leben.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Aktuelle Pfarrnachrichten im PDF - Format

Die Pfarrnachrichten liegen für Sie im PDF-Format bereit. Um PDF-Dateien lesen zu können, benötigen Sie den Adobe (Acrobat) Reader. Sollten Sie noch nicht über den aktuellen Adobe Reader verfügen, können Sie ihn durch anklicken des nachstehenden Logos herunterladen. Der Adobe Reader ist kostenfrei!

| Pfarrnachrichten 09/21 (B) (PDF, 49 KB)

==========================================

Web-Archiv Pfarrnachrichten

Die Pfarrnachrichten der vergangenen Wochen finden Sie im Web-Archiv Pfarrnachrichten

==========================================

Beichtgelegenheit: 11:00-12:00 (Mo-Fr); 17:00-18:20 Uhr (täglich)

  11:00 - 12:00 Uhr 17:00 - 18:20 Uhr    
  In der Regel folgende Priester: In der Regel folgende Priester:    
Montags Dr. Theo Irrgang Pfr. Dr. Volker Hildebrandt    
Dienstags Dr. Peter Irrgang Pfr. Dr. Volker Hildebrandt    
Mittwochs Dr. Nikolas Masmann Pfr. Dr. Volker Hildebrandt    
Donnerstags Dr. German Rovira Pfr. Dr. Volker Hildebrandt    
Freitags Dr. Thomas Schauff Pfr. Dr. Volker Hildebrandt    
Samstags   Pfr. Dr. Volker Hildebrandt    
Sonntags   Pfr. Dr. Volker Hildebrandt    
         

==========================================

Öffnungszeiten Pfarrbüro

Montag, Donnerstag und Freitag von 9.30 - 12.30 Uhr

Donnerstag von 16.00 - 18.00 Uhr

Kontakt

Katholisches Pfarramt St. Pantaleon
Am Pantaleonsberg 8
50676 Köln

Tel.: 02 21 / 31 66 55
Fax: 02 21 / 31 91 30

Mail: Sankt.Pantaleon(at)outlook.de