Pfarrnachrichten 05 / 2023

Bergpredigt - Fresco Fra Angelico1437-1445

Antiken Überlieferungen nach hielt Jesus die Bergpredigt auf einem Hügel in der Nähe von Tabgha, etwa drei Kilometer von Kafarnaum entfernt. Dort befindet sich, vom Seeufer aus gleichmäßig und nur allmählich aufsteigend, ein Hügelland in etwa 250 Metern Meereshöhe.

Wenn man an den Berg Sinai denkt, klingt im Wort Berg ein zusätzlicher und besonderer Klang mit. Und vom Inhaltlichen steht der Berg der Seligpreisungen dann auch real in einem engeren Zusammenhang mit dem Berg Sinai, von dem aus über Mose das Gesetz des Alten Bundes Gestalt annahm.

Vom Berg Sinai aus wurden den biblisch lebenden und denkenden Menschen die Grundforderungen des humanen Gewissens präzisiert und eindeutiger konturiert, als es gewöhnlich aus eigener Kraft im Verlauf eines Menschenlebens möglich wird.

Vom Berg bei Tabgha aus (deshalb „Bergpredigt“: vgl. Mt 5,1 ff) zeigt sich darüber hinaus der Geist, der die von Gott aus Gnade als seine Kinder Angenommenen beseelt.

Vom Berg Sinai aus spricht Gott unter dem Zucken der ihn verherrlichenden Blitze und als höchster und unumschränkter Herr, der mit überwältigender Kraft sein Gesetz in die rebellischen Herzen der Menschen einschreiben möchte.

Vom Berg bei Tabgha aus spricht er in schlichtem Gespräch zwar von oben nach unten (so bei Matthäus: s.o.), aber in der lukanischen Parallelüberlieferung der Seligpreisungen als „Feldrede“ (vgl. Lk 6,17 ff) auf Augenhöhe von Mensch zu Mensch. Von daher ist das Evangelium von den Seligpreisungen (Mt 5,1 ff und Lk 6, 17 ff) die Blüte, in die alle Segnungen des Alten Testaments hineinströmen.

Die Seligpreisungen stehen im Herzen der Predigt Jesu. Sie nehmen die Verheißungen wieder auf, die dem auserwählten Volk seit Abraham gemacht wurden. Die Seligpreisungen vollenden die Verheißungen, indem sie diese nicht mehr bloß auf den Besitz eines Landes, sondern auf das Himmelreich ausrichten. Sie enthüllen den Sinn des menschlichen Daseins, das letzte Ziel des menschlichen Handelns: die Seligkeit in Gott.

Die Menschheitsgeschichte ist überreich an Erfahrungen, dass irdisches Glücksstreben an Gott vorbei in eine Sackgasse führt. Der heilige Augustinus, von seinem weltlichen Lebenswandel bekehrt, betet (Bekenntnisse, 10,29): „Auf welche Weise soll ich dich suchen, Herr? Denn wenn ich dich, meinen Gott, suche, suche ich das glückselige Leben. Ich will dich suchen, auf dass meine Seele lebe. Denn mein Leib lebt durch meine Seele, und meine Seele lebt durch dich.

Mit der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus ist eine Gesinnung in die Welt gekommen, die alle gängigen Wertvorstellungen umkehrt. Für einen frommen Juden waren irdisches Glück und weltlicher Segen verdiente Belohnung; irdisches Unglück und weltliches Leiden hingegen Strafe und Vergeltung Gottes. Demgegenüber lehrt Jesus, dass kein irdisches Gut und kein weltlicher Reichtum das Verlangen nach Glück zu stillen vermögen. Jesus verkündet vielmehr, dass die Armen, die Verfolgten und die Trauernden näher am eigentlichen Ziel des Lebens sind als die Reichen, die Genießer und die Selbstzufriedenen.

Das tief im Menschen eingeschriebene Streben nach Glück und Erfüllung lehnt Jesus weder ab noch verurteilt er dies. Es erwächst ja einem Verlangen, das Gott selbst tief ins menschliche Herz gelegt hat. Aber Jesus will von seinem göttlichen Sendungs- und Erlösungsauftrag her, dass die Menschen irr irdisches Leben im richtigen Licht sehen.

Die Wahrheit ist nur dann in den Seelen fruchtbar, ja sie kann nur dann verstanden werden, wenn der Wille oder, wie man auch sagt, das Herz schon für Gott aufgeschlossen ist. Hat hingegen das Herz für Gott nichts übrig hat, bleibt der Verstand blind.

Zuerst also muss der dem Menschen eigene Hang zu den zeitlichen Dingen durch ein anderes Urteil über die wahren Werte ersetzt werden. Es gibt Güter, die nur den Augen gefallen und nur den Sinnen Freude machen. Und es gibt andere Güter, die einen darüber hinaus gehenden Wert haben. Von daher muss man offen sein, für einer Art „Umkehrung der Werte“.

Fakt ist: selbst das schönste irdische Glück ist relativ und kann sich ins Gegenteil verkehren, sobald es absolut gesetzt wird. Im tiefsten Kern ist jedes Glück auf Erden ambivalent. Deshalb folgen in der Fassung nach Lukas unmittelbar auf dort nur vier Seligpreisungen vier Wehrufe (Lk 6,24-26): „Doch weh euch, ihr Reichen; denn ihr habt euren Trost schon empfangen. Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern. Weh, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet klagen und weinen. Weh, wenn euch alle Menschen loben. Denn ebenso haben es ihre Väter mit den falschen Propheten gemacht.“

Pfarrnachrichten 04 / 2023

Duccio di Boninsegna, 1308-1311, Dom von Siena

Nach dem letzten großen Auftritt des Täufers Johannes am letzten Sonntag gemäß Leseordnung tritt nun Jesus in den Vordergrund (Mt 4, 12-17): „(12) Als Jesus hörte, dass Johannes ausgeliefert worden war, kehrte er nach Galiläa zurück. (13) Er verließ Nazaret, um in Kafárnaum zu wohnen, das am See liegt, im Gebiet von Sébulon und Náftali. (14) Denn es sollte sich erfüllen, was durch den Propheten Jesája gesagt worden ist: (15) Das Land Sébulon und das Land Náftali, die Straße am Meer, das Gebiet jenseits des Jordan, das heidnische Galiläa: (16) Das Volk, das im Dunkel saß, hat ein helles Licht gesehen; denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, ist ein Licht erschienen. (17) Von da an begann Jesus zu verkünden: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“

Interessanterweise verbindet der Evangelist Matthäus die ersten öffentlichen Predigt-Worte Jesu (ibid., 17): „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe“ mit der bekannten Voraussage des Propheten Jesaja (ibid., 16): „Das Volk, das im Dunkel saß, hat ein helles Licht gesehen; denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, ist ein Licht erschienen.“

Hier findet sich eine aufschlussreiche Parallele etwa zu den Worten des vorchristlichen Lyrikers Pindar, der im 5. Jahrhundert vor Christus in Theben seine 8. Pythische Ode verfasst: „Was ist? Was ist man nicht? Eines Schattens Traum der Mensch! Sobald aber Glanz, gottgegebener, kommt, ist strahlend Licht bei den Menschen, freundlich ihr Dasein.“

Bis heute, auch auf dem Kölner Melaten Friedhof, finden wir diese Worte sogar in griechischer Sprache als Grabinschrift, meist allerdings in gekürzter Form: „Eines Schattens Traum der Mensch!“ (σκιάς όναρ άνθρωπος). In dieser Verkürzung ist folgerichtig, dass darüber hinaus weder ein christliches Symbol, noch ein Wort aus der Heiligen Schrift oder der kirchlichen Liturgie den Grabstein ziert. Denn ohne Gott bleibt der Mensch nur ein Schattentraum.

Parallel hält sich in der Literatur und in religiösen Texten als Ahnung und Hoffnung die nie verstummende Erfahrung: Wo Gott in diese Welt hineinwirkt, da wird es hell. Jesaja und Pindar bezeugen dies in je unterschiedlicher und erkenntnisreicher Weise im siebten bzw. im fünften Jahrhundert vor Christus.

Im biblischen Zeugnis des Evangelisten Matthäus ist dieser Augenblick göttlichen Wirkens in die Welt hinein in der fassbaren Person des Menschensohns nun endgültig und bleibend gekommen. Und darüber hinaus: Unter der Voraussetzung der Bekehrung und Umkehr des Menschen zu Gott, wirkt nun auch der Mensch mit Gottes Kraft durch und aus dieser Welt heraus als Träger und Vermittler des göttlichen und friedvollen Lichtes.

Auch das ist ein Grund, warum Gott in der zweiten göttlichen Person des Sohnes in Jesus Mensch geworden ist. Nun kann jedes rechtmäßiges Tun des Menschen, der aufrichtig mit dem Menschensohn in Verbindung ist, durch Gott vergöttlicht und geheiligt werden.

Mit Jesus hat sich erfüllt, was bis dahin nur Hoffnung war: Der „Schattentraum Mensch“ wird mit Gottes Licht erfüllt und wird selber Licht, dass er weitergibt. Dafür bedarf es aber der Umkehr und Christusnachfolge in seinen vielfältigen Ausprägungen: als christgläubiger Laie, am besten ohne jedwede klerikalen Allüren, sondern im durch Gottes Licht erhellten Weltcharakter, oder Ordensfrau bzw. Priester.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

 

Pfarrnachrichten 03 / 2023

Seht das Lamm Gottes – Buntglasfenster Kathedrale San Juan Bautista, Bogota, Kolumbien, von Nicolas Grisales (commons.wikimedia.org)

Ende Januar werden wir die anlässlich Corona eingeführte zusätzliche Sonntagsmesse um 12:30 Uhr nicht weiter fortführen. Unter den damaligen Umständen war das gut und segensreich. Inzwischen hat sich die Situation verändert.

Seit gut einem dreiviertel Jahr sind es nur noch 20 bis maximal 25 Gläubige, die diese Sonntagsmesse mitfeiern. Das ist vor dem Hintergrund des in St. Pantaleon weiterhin reichen Angebotes von insgesamt vier Sonntagsmesse (inkl. der am Samstagvorabend) sehr wenig. Und der zusätzliche personelle Aufwand dafür ist sehr hoch. Deshalb haben wir uns schweren Herzens entschlossen, diese zusätzliche Heilige Messe am Sonntag um 12:30 Uhr bis auf Weiteres zum letzten Mal am 29. Januar zu feiern und die Zahl der Sonntagsmessen wie vor Corona wieder auf vier zu reduzieren.

Und noch eine zweite, das Leben der Pfarrei betreffende Nachricht: Der Pantaleonskreis lädt herzlich ein zum traditionellen, jährlichen Ehrenamtstreffen jetzt am Sonntag, dem 22. Januar ab 15:00Uhr im Pfarrsaal. Neben dem geselligen Miteinander wird es auch einige interessante Informationen geben.

Ausgehend von den Evangelien der Taufe des Herrn und des darauffolgenden zweiten Sonntags im Jahreskreis möchte ich gerne noch ein geistliches Wort in das noch junge Neue Jahr mitgeben.

Letzten Sonntag, am Hochfest der Taufe des Herrn, hörten wir (Mt 3,14f), dass „Jesus von Galiläa an den Jordan zu Johannes kam, um sich von ihm taufen zu lassen. Johannes aber wollte es nicht zulassen und sagte zu ihm: Ich müsste von dir getauft werden und du kommst zu mir? Jesus antwortete ihm: Lass es nur zu! Denn so können wir die Gerechtigkeit ganz erfüllen. Da gab Johannes nach.

Der Heilige Augustinus hat auf den berechtigen Einwand des Täufers („Ich müsste von dir getauft werden und du kommst zu mir?“) die Antwort Jesu („Lass es nur zu! Denn so können wir die Gerechtigkeit ganz erfüllen“) so erklärt (Predigt 51,33): Der Herr wünsche die Taufe auch für sich, „um mit seiner Demut kundzutun, was für uns Notwendigkeit war“.

Jesus bedarf der Taufe nicht. Aber wir bedürfen der Taufe: unverzichtbar und auf jeden Fall. Das wird hier sichtbar. Anschaulich offenbart Matthäus in seiner Darstellung der Taufe Jesu: Ohne die Bereitschaft, sich taufen zu lassen, was unter anderem rechte Demut voraussetzt, kann man weder christlich glauben noch wird man Heil, Glück und Erfüllung im Sinne der Bibel mit Blick auf das ganze Leben finden.

Die Heilige Schrift bezeugt gleich mehrfach, dass der Mensch erlösungsbedürftig ist. Aus eigener Kraft findet er keinen Frieden über das hinaus, was er aus eigener Kraft nur als bruchstückhaften Kompromiss mal länger, mal kürzer erreichen kann. Die Fülle des Friedens bleibt ihm seit seiner ersten Sünde im Paradies aus eigener Kraft verwehrt.

Damals hatte der Mensch die Stelle Gottes einnehmen wollen. Und er versucht es bis heute immer wieder: in verfehlten Formen der Emanzipation und Selbstverwirklichung, die Unfrieden nach sich ziehen.

Nach christlichem Glauben - und er wird darin durch die gesunde Lebenserfahrung bestärkt - kann nur Gott den Menschen aus dieser Situation befreien. Das geschieht durch die Taufe. Neben der Taufe mit Wasser und den dafür vorgesehenen Worten, die auf Jesus zurückgehen, kennen wir noch die Wunsch- und die Märtyrertaufe. Näheres dazu findet man im Katechismus der katholischen Kirche; insbesondere unter den Nummer 1257 - 1261.

Mit dem Fest der Taufe Jesu erinnert die Kirche den Getauften an seine eigene Taufe; und dass er von da an in besonderer Weise Kind Gottes ist. An diesem zweiten Sonntag im Jahreskreis hören wir dann, was uns aus jeder Heiligen Messe bekannt ist: „Seht das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt hinwegnimmt.

So wünsche ich Ihnen für dieses Jahr, dass Sie in den vielen alltäglichen Herausforderungen als Kind Gottes zugleich Frieden finden. „Denn Gott ist ein Vater voll Zärtlichkeit und unendlicher Liebe“, so hat es der Heilige Josefmaría Escrivá einmal gesagt und dann empfohlen: „Nennt ihn oft Vater und sagt ihm – wenn ihr allein seid –, dass ihr ihn liebt, … und dass ihr … euch stark fühlt, weil ihr seine Kinder seid.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 01+02 / 2023

Mit dem Tod von Papst em. Benedikt XVI. ist ein demütiger und vorbildhafter Arbeiter im Weinberg des Herrn von uns gegangen. In unnachahmlicher Weise hat er der Kirche ein überaus reiches Erbe hinterlassen. In ihr und für sie hat er segensreich gewirkt als Priester, Bischof, Papst und außergewöhnlich begnadeter Theologe. Nach seinem bis dahin ungewöhnlichen Rücktritt als Papst hat er in den letzten Jahren der Kirche und allen Menschen durch sein stilles Gebet gedient.

Unvergesslich ist uns sein Besuch anlässlich des Weltjugendtages am 19. August 2005 in St. Pantaleon. Kardinal Meisner hat uns wiederholt erzählt, wie es dazu kam. - Er habe Papst Benedikt das Programm des Weltjugendtages erläutert. Und ihm dabei auch vom geistlichen Begegnungs-Zentrum für Priesteramtskandidaten erzählt, die aus der ganzen Welt erwartet würden. Schon lange im Voraus war dafür St. Pantaleon mit seiner großzügigen Anlage vorgesehen worden.

Für diese Seminaristen wäre eine Veranstaltung mit drei Lebenszeugnissen geplant: von einem Kölner Seminaristen, einem Priester aus Russland und einem kanadischen Bischof. Am Ende der Vorstellung des Weltjugendtag-Programms insgesamt habe Papst Benedikt mit einem spürbaren Interesse an der für die Seminaristen geplanten Veranstaltung nachgefragt: ob dafür nicht noch ein viertes Zeugnis angebracht wäre. Er, Kardinal Meisner, habe Papst Benedikt wohl etwas unverständig angeblickt, bis ihm dieser erklärte, dass er gerne als Vierter ein persönliches Zeugnis geben würde. Papst Benedikt hat sich damals also selber nach St. Pantaleon eingeladen.

Weitere Bilder davon auf unserer Homepage;und hier der WDR-Bericht über den gesamten Besuch.

Nun lädt unser jetziger Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki ein zu einem Pontifikalrequiem für den verstorbene Papst em. Benedikt XVI. am Samstag, den 7. Januar 2023 um 12.00 Uhr im Hohen Dom zu Köln.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)