Pfarrnachrichten 29+30 / 2022

Jan Vermeer, vor 1654–1655

Aus dem Evangelium des letzten Sonntags klingt noch die Frage des Pharisäers nach dem ewigen Leben nach, die dann zum Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37) führte. Im Lukasevangelium folgt unmittelbar auf dieses Gleichnis die Lehrgeschichte vom Besuch Jesu bei Marta und Maria (Lk 10,38-42). Über diesen Besuch hören wir nun am 16. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C).

Bei diesem Besuch geht es, wie vor einer Woche, um den Zusammenhang von Gottes- und Nächstenliebe. Am kommenden Sonntag hören wir dann, was im Lukasevangelium unmittelbar auf diesen Besuch folgt: Jesus lehrt seine Jünger auf ihre Bitte hin zu beten, und zwar mit den Worten des Vaterunsers.

Diese drei Sonntage übernehmen also auch, was Lukas durch die bewusste Aneinanderreihung als roten Faden vorgibt. Das hilft, alle drei Evangelien wie Lukas zu verstehen und im Sinne von Lukas zu predigen und auszulegen. Das ist entscheidend. Die Ereignisse anlässlich des Besuches von Jesus bei Marta und Maria werden nämlich recht widersprüchlich gedeutet. Insbesondere werden Marta und Maria wiederholt in einer Gegensätzlichkeit gesehen, die dieser rote Faden überwinden hilft.

Was war geschehen? Marta nahm Jesus – offenbar in Begleitung seiner Jünger – „gastlich auf.“ Maria, ihre Schwester „setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu. Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen zu dienen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen!

Ohne das Großartige in der Arbeit von Marta zu schmälern, macht Jesus Marta darauf aufmerksam, dass in ihrer Arbeit etwas fehlt: „Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat den guten Teil gewählt, der wird ihr nicht genommen werden.“

Marta fehlt in ihrer Arbeit, in ihren „vielen Sorgen und Mühen“ der „gute Teil“. Für diesen guten Teil nimmt Jesus Maria in ihrem alleinigen Zuhören und sonstigem Nichtstun gegenüber Marta unverkennbar in Schutz: „der soll ihr nicht genommen werden“. Denn dieser gute Teil, so Jesus, ist jenes „eine Notwendige“, was die Not wendet. Dieser gute Teil würde auch Martas Not wenden. Sie wäre nicht mehr so genervt, verärgert, unzufrieden, unerfüllt usw.

In jeder der drei von Lukas aneinandergereihten Ereignissen kommt dem Ewigen und Heiligen eine richtungswendende Bedeutung zu. Darauf zielte der Gründer des Opus Dei, der Heilige Josefmaria Escrivá ab, wenn er etwa dazu ermutigt: „Seid davon überzeugt: Jede noch so alltägliche Situation birgt etwas Heiliges, etwas Göttliches in sich, und euch ist aufgegeben, das zu entdecken.“

Was heißt das konkret? Wie lässt sich der „gute Teil“ entdecken beziehungsweise wiedergewinnen, sollte er verloren gegangen sein? Ein geistliches Gespräch vor Monaten mag es veranschaulichen.

Der Inhaber eines Handwerkerbetriebes vertraute mir an, er sei in letzter Zeit schlecht gelaunt, genervt, usw. Das würde sich negativ auf den ganzen Betrieb auswirken. Daraufhin habe ich ihn zum täglichen Gebet vor seiner Arbeit ermutigt; zum persönlichen Gespräch und Austausch mit Gott über alle wichtigen Fragen auch des anstehenden Tages.

Dann habe ich ihm noch geraten: „Stell außerdem einen zweiten Stuhl neben deinen Chefsessel: Doppelspitze! Und wenn Du ins Büro kommst, sitzt Jesus bereits dort und sagt Dir:Wir machen heute alles gemeinsam, ok?‘“ Wochen später berichtete mir der Firmeninhaber: „Der Betrieb rockt wieder. Der neue Chef ist super und der alte wie ausgetauscht.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 27+28 / 2022 (C)

Liebe Mitchristen und Freunde von St. Pantaleon!

Derzeit sind die Gerüstarbeiten in jedem Gottesdienst teils sehr präsent. Nun werden auch noch nach der Abendmesse, am Sonntag dem 03. Juli, alle im Seitenschiff vorhandenen Kirchenbänke in den Bereich der zukünftigen Notkirche ins Westwerk gebracht.

Ab Montag, dem 04. Juli wird die fortschreitende Inneneinrüstung einen Transport der Kirchenbänke durch die Kirche versperren. Und die dann noch verbleibende Tür nach außen – in der Josefmaria-Kapelle – ist für die Bänke zu schmal! Selbst wenn man sie mit einiger Mühe hindurch bekäme, wäre dann immer noch der lange und transportwidrige Weg um die halbe Kirche herum. Die Kirchenbänke sind aus massivem Holz; das Gewicht entsprechend. Also haben wir uns für den vernünftigeren Weg entschlossen.

Bis zum endgültigen Wechsel in die Notkirche – die dann aber insgesamt wieder recht komfortabel sein wird – werden für die restlichen Gottesdienste im Seitenschiff nur noch die dort vorhandenen Hocker zur Verfügung stehen. Wie lange diese Übergangsphase dauern wird, kann derzeit noch keiner genau sagen. Vielleicht zwei oder auch drei Wochen. Auf jeden Fall aber nicht über die Sommerferien hinaus.

Nach den Sommerferien werden dann eineinhalb bis maximal zwei Jahre lang in einer zudem gut eingerichteten Notkirche alle Gottesdienste wieder im gewohnten Rhythmus stattfinden können. Deo gratias!

Bitte beachten Sie die deutliche Reduzierung der Sonn- und Werktaggottesdienste ab dem 10. Juli!

Eine gesegnete Zeit wünscht Ihnen

Ihr Pfr. Dr. Volker Hildebrandt

 

Pfarrnachrichten 25+26 / 2022 (C)

Liebe Mitchristen und Freunde von St. Pantaleon!

Es war nicht geplant, weil es bei der aktuellen und komplex laufenden Jahrhundertsanierung unserer Pfarrkirche St. Pantaleon auch nicht realistisch planbar war. Es hat sich vielmehr wunderbar gefügt, dass die Einrichtung der Notkirche im erweiterten Westwerk nun genau in die Sommerferien fällt. Und es hat sich überraschend gezeigt, dass die staubdichte Abtrennung von der nun beginnenden zweiten und letzten Großbaustelle am Ende auch noch recht einfach zu bewerkstelligen ist.

Vor zwei Jahren war die Rede davon, dass in dieser Phase des Umzuges der Gottesdienstgemeinde vom Haut- bzw. nördlichen Seitenschiff in die Notkirche im Westwerk alle Gottesdienste wohl einige Wochen lang ausfallen müssten. Nun ist demgegenüber klar, dass bei einer deutlichen Reduzierung der Gottesdienste ohne Unterbrechung zumindest täglich eine Hl. Messe wird stattfinden können; sonntags sind es einige Gottesdienste mehr.

Bitte rechnen Sie fest damit, dass in den nächsten Wochen folgende Hl. Messen nicht stattfinden werden:

  • ab Fr., 24.06. bis Fr., 05.08.: die 9:30 Uhr Vormittagsmesse – (auch wegen der Sommerferien);
  • ab Mo., 11.07. bis Fr., 29.07.: die 12:00 Uhr Mittagsmesse (auch weil Prof. Stöhr dann wohl ganz alleine hier sein wird);
  • an den drei Sonntagen 10.07 + 17.07 + 24.07. die 10:00 und die 12:15 Uhr Vormittagsmessen. An diesen Sonntagen gibt es dann nur die 11:15 Uhr Vormittags- und die 18:30 Uhr Abendmesse.

Eine gesegnete Zeit wünscht Ihnen

Ihr Pfr. Dr. Volker Hildebrandt

 

Pfarrnachrichten 24/22 (C)

Dreifaltigkeit - Gott ist in sich Gemeinschaft

Das Geheimnis der Dreifaltigkeit

Aus dem Katechismus der Katholischen Kirche:

Nr. 234: Das Mysterium der heiligsten Dreifaltigkeit ist das zentrale Geheimnis des christlichen Glaubens und Lebens. Es ist das Mysterium des inneren Lebens Gottes, der Urgrund aller anderen Glaubensmysterien und das Licht, das diese erhellt. Es ist in der ,,Hierarchie der Glaubenswahrheiten“ die grundlegendste und wesentlichste. „Die ganze Heilsgeschichte ist nichts anderes als die Geschichte des Weges und der Mittel, durch die der wahre, einzige Gott – Vater, Sohn und Heiliger Geist – sich offenbart, sich mit den Menschen, die sich von der Sünde abwenden, versöhnt und sie mit sich vereint“.

Aus dem Jugendkatechismus der katholischen Kirche (Youcat):

Nr. 35: Glauben wir an einen Gott oder an drei Götter? – Wir glauben an einen Gott in drei Personen (à Trinität). „Gott ist nicht Einsamkeit, sondern vollkommene Gemeinschaft.“ (Benedikt XVI).

Christen beten nicht drei verschiedene Götter an, sondern ein einziges Wesen, das sich dreifach entfaltet und doch eins bleibt. Dass Gott dreifaltig ist, wissen wir von Jesus Christus: Er, der Sohn, spricht von seinem Vater im Himmel („Ich und der Vater sind eins“, Joh 10,30). Er betet zum ihm und schenkt uns den Heiligen Geist, der die Liebe des Vaters und des Sohnes ist. Getauft werden wir deshalb „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Mt 28,19).

Nr. 36: Kann man logisch erschließen, dass Gott dreifaltig ist? – Nein. Gottes Dreifaltigkeit(à Trinität) ist ein Geheimnis. Wir wissen nur durch Jesus Christus von der Dreifaltigkeit Gottes.

Menschen können die Dreifaltigkeit Gottes mit den Mitteln ihrer eigenen Vernunft nicht erschließen. Sie erkennen aber die Vernünftigkeit dieses Geheimnisses, wenn sie die Offenbarung Gottes in Jesus Christus annehmen. Wäre Gott allein und einsam, könnte er nicht von Ewigkeit her lieben. Von Jesus erleuchtet, finden wir schon im Alten Testament (z.B. Gen 1,2; 18,2; 2 Sam 23,2), ja sogar in der ganzen Schöpfung Spuren der Dreifaltigkeit Gottes.

Nr. 37: Wieso ist Gott „Vater“? – Gott verehren wir schon allein deshalb als Vater, weil er der Schöpfer ist und sich voller Liebe seiner Geschöpfe annimmt. Jesus, der Sohn Gottes, hat uns darüber hinaus beigebracht, seinen Vater als unseren Vater anzusehen und als „Vater unser“ anzusprechen.

Verschiedene vorchristliche Religionen kennen schon die Gottesanrede „Vater“. Schon vor Jesus sprach man in Israel Gott als den Vater an (Dtn 32,6; Mal 2,10) und wusste dabei, dass er auch wie eine Mutter ist (Jes 66,13). Vater und Mutter stehen in der menschlichen Erfahrung für Ursprung und Autorität, für das Bergende und Tragende. Wie Gott als Vater wirklich ist, zeigt uns Jesus Christus: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh 14,9). Im Gleichnis vom verlorenen Sohn spricht Jesus die tiefsten menschlichen Sehnsüchte nach einem barmherzigen Vater an.

Nr. 38: Wer ist der „Heilige Geist“? – Der Heilige Geist ist die dritte Person der Heiligen Dreifaltigkeit (à Trinität) und von gleicher göttlicher Größe wie der Vater und der Sohn.

Wenn wir die Realität Gottes in uns entdecken, haben wir es mit dem Wirken des Heiligen Geistes zu tun. Gott sandte „den Geist seines Sohnes in unser Herz“ (Gal 4,6), damit er uns ganz erfülle. Im Heiligen Geist findet ein Christ tiefe Freude, inneren Frieden und Freiheit. „Denn ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch fürchten müsstet, sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater!“ (Röm 8, 15). Im Heiligen Geist, den wir in Taufe und Firmung empfangen, dürfen wir zu Gott „Vater“ sagen.

Nr. 39: Ist Jesus Gott? Gehört er zur Dreifaltigkeit (Trinität)? – Jesus von Nazareth ist der Sohn, die zweite göttliche Person, von der gesprochen wird, wenn wir beten: „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Mt 28,19).

Jesus war entweder ein Hochstapler, als er sich zum Herrn über den Sabbat machte und sich mit der Gottesanrede „Herr“ ansprechen ließ – oder er war wirklich Gott. Zum Schwur kam es, als er Sünden vergab. Das war in den Augen seiner Zeitgenossen ein todeswürdiges Verbrechen. Durch Wunder und Zeichen, insbesondere aber durch die Auferstehung, erkannten die Jünger, wer Jesus ist, und beteten ihn als den Herrn an. Das ist der Glaube der Kirche.

 

Pfarrnachrichten 23/22 (C)

Zum Pfingstfest aus einer Predigt des Hl. Josemaría Escrivá, „Der Große Unbekannte“

Mit der Schilderung der Geschehnisse an jenem Pfingsttage, an dem der Heilige Geist in der Gestalt von Feuerzungen auf die Jünger des Herrn herabkam, lässt uns die Apostelgeschichte jene gewaltige Äußerung der Macht Gottes erleben, die am Anfang des Weges der Kirche in die Nationen steht. Damals offenbarte sich mit göttlicher Klarheit der Sieg über Tod und Sünde, den Christus durch seinen Gehorsam, sein Kreuzesopfer und seine Auferstehung errungen hatte.

Die Jünger, bereits Zeugen der Herrlichkeit des Auferstandenen, empfingen nunmehr die Kraft des Heiligen Geistes, ihr Verstand und ihr Herz öffneten sich einem neuen Licht. Sie waren Christus gefolgt und hatten im Glauben seine Lehre angenommen, aber nicht immer vermochten sie diese Lehre ganz zu erfassen: noch musste der Geist der Wahrheit kommen, der sie in die volle Wahrheit einführen würde (vgl. Jo 16,12-13.). Sie wussten, dass sie nur in Jesus Worte ewigen Lebens finden konnten, sie waren auch bereit, Ihm zu folgen und für Ihn das Leben hinzugeben, aber sie waren schwach und, als die Stunde der Prüfung kam, waren sie geflohen, hatten sie Ihn allein gelassen. Am Pfingsttag war all dies vorüber: Der Heilige Geist, der Geist der Stärke, hat ihnen Standhaftigkeit, Sicherheit und Kühnheit gegeben. Auf den Straßen und Gassen Jerusalems hört man das mutige und gewinnende Wort der Apostel.

Männer und Frauen aus vielen Gegenden, die an jenen Tagen in Jerusalem weilen, hören und staunen. Wir Parther und Meder und Elamiten, wir Bewohner von Mesopotamien, von Judäa und Kapadozien, von Pontus und Asien, von Phrygien und Pamphylien, Ägypten und den Landstrichen Libyens gegen Cyrene hin, wir hier weilenden Römer, wir Juden und Proselyten, Kreter und Araber: wir hören sie in unseren Zungen die Großtaten Gottes reden (Apg 2,9-11). Die Wunder, die vor ihren Augen geschehen, wecken ihre Aufmerksamkeit für die Predigt der Apostel. Derselbe Heilige Geist, der in den Jüngern des Herrn wirkt, berührt ihre Herzen und führt sie zum Glauben.

Lukas berichtet, dass viele Menschen, die das Zeugnis des Petrus über die Auferstehung Christi gehört hatten, näher kamen und fragten: Was sollen wir tun, Brüder? Der Apostel antwortete: Bekehrt euch, und ein jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung der Sünden: dann werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen. An jenem Tag – so schließt der Bericht – wurden etwa dreitausend Menschen in die Kirche aufgenommen (vgl. Apg 2,37-41).

Das machtvolle Kommen des Heiligen Geistes am Pfingsttage war kein isoliertes Geschehen. Es gibt kaum eine Seite der Apostelgeschichte, auf der nicht von Ihm und seinem Wirken gesprochen wird, welches Leben und Wandel der urchristlichen Gemeinde leitet und beseelt: Er gibt Petrus das Wort der Verkündigung ein (vgl. Apg 4,8), Er stärkt den Glauben der Jünger (vgl.Apg 4,31), Er besiegelt mit seinem Kommen den Ruf an die Heiden (vgl. Apg 10,44-47), Er sendet Paulus und Barnabas in entfernte Länder, damit sie der Lehre Christi neue Wege öffnen (vgl. Apg 13,2-4). Seine Gegenwart und sein Wirken sind allbeherrschend.

Die tiefe Wirklichkeit, die uns diese Texte der Heiligen Schrift erschließen, ist nicht Erinnerung an Vergangenes, nicht ein goldenes Zeitalter der Kirche, das in der Geschichte versunken ist. Diese Wirklichkeit ist trotz der Armseligkeiten und der Sünden eines jeden von uns die Wirklichkeit der Kirche heute und zu allen Zeiten. Ich werde den Vater bitten, und Er wird euch einen anderen Helfer geben, damit Er in Ewigkeit bei euch bleibe (Jo 14,16), sagte der Herr zu seinen Jüngern. Jesus Christus hat seine Verheißungen erfüllt: Er ist auferstanden, in den Himmel aufgefahren, und in der Einheit des ewigen Vaters sendet Er uns den Heiligen Geist, auf dass Er uns heilige und das Leben gebe.

 

Ihnen allen von Herzen ein frohes Pfingstfet!

 

Pfarrnachrichten 22/22 (C)

Alle sollen eins und in Einheit vollendet sein. (vgl. Joh 17, 21.24)

An diesem siebten Sonntag in der Osterzeit geht es um die von Gott ermöglichte Verbundenheit aller Menschen untereinander. Nach der Überlieferung des Evangelisten Johannes betet Jesus intensiv um eine Vollendung mitmenschlicher Verbundenheit. Und er drückt in diesem Gebet aus, dass die mitmenschliche Verbundenheit ihr ursprunghaftes Vorbild in Gott selber hat.

Dieses Gebet Jesu finden wir im 17. Kapitel des Johannesevangeliums. Dort lesen wir im Vers 20 und dem folgenden: „In jener Zeit erhob Jesus seine Augen zum Himmel und betete: Heiliger Vater, ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein.“ Im darauffolgenden Verse 23 bittet Jesus sogar darum, dass „sie in der Einheit vollendet sein sollen.“

Also: „Alle sollen vollendet eins sein...“ Damit wir das aber nicht einfach überlesen, so als sei diese Bitte „alle sollen vollendet eins sein…“ ein unerreichbarer Wunsch und nur „fromme Soße“ über eine in Wirklichkeit ganz andere Realität, sollten wir innehalten. Dem Herrn geht es ganz sicher nicht um inhaltsleeres Bitten, um Utopisches, sondern um eine Bitte mit realen Folgen: Um eine Bitte also, die zugleich einen Auftrag impliziert.

Somit darf diese Bitte nicht allgemein-abstrakt bleiben. Im Innehalten wird einem bewusst, wo diese als Auftrag anvertraute Bitte vielfältig konkret werden kann und soll. Im Innehalten lässt sich Jesu Bitte und Auftrag dann etwa so lesen: Alle sollen vollendet eins sein in der Familie, alle sollen vollendet eins sein auf der Arbeit, alle sollen vollendet eins sein in der Freizeit (Sport, Unternehmung, Feiern …), alle sollen vollendet eins sein in der unmittelbaren Nachbarschaft bis hinein in weltweite Vernetzungen...

Eine solche Konkretisierung überrascht und lässt nun erst recht innehalten. Denn eine so einfache wie selbstverständliche Aneinanderreihung macht vor dem Hintergrund unserer täglichen Erfahrung deutlich, dass die im Grunde schöne und wünschenswerte Einheit aller in allen Lebensbereichen, und dazu noch in Vollendung, weit über das hinausgeht, was wir von uns aus vermögen.

Wie anfangs schon bemerkt legt das zitierte Gebet Jesu pointiert nahe, dieses Ideal im Kontext seines ursprungshaften Vorbildes zu sehen. Für Jesus ist die kraftvolle Ermöglichung einer bis zur vollendeten Einheit reichenden mitmenschlichen Verbundenheit offensichtlich und real in Gott und des von ihm gewährten Beistandes zu finden. So wie Gott in sich eins ist, so sind von der innergöttlichen Verbundenheit der drei göttlichen Personen her Menschen in einer sie selber übersteigenden Weise zu einer Einheit untereinander fähig, wie sie ihr menschliches Leben und ihre irdischen Ideale in Gott gründen, das heißt: sie betend vor Gott tragen, mit ihm eins werden und sie dann aus ihm heraus real werden lassen.

Ein lebensnahes und zugleich orientierendes Beispiel dazu: Der legendäre Football-Trainer Vincent Thomas Lombardi wurde einmal gefragt, warum seine Mannschaft so erfolgreich wäre. Legendär „Vince“ genannt, errang Lombardi als „Head Coach“ der „Green Bay Packers“ in der amerikanischen „National Football League“ fünf Meisterschaften in sieben Jahren, darunter die ersten beiden „Super Bowls“. Lombardi wurde 1971 in die „Pro Football Hall of Fame“ aufgenommen und der Pokal für den Super-Bowl-Sieger wurde nach ihm benannt.

Sinngemäß gab Lombardi die folgende Antwort: 1) Die Jungs müssen körperlich wie technisch absolut spitze sein. 2) Sie müssen ausnahmslos als Mannschaft spielen. Primadonnen hätten in seiner Mannschaft keinen Platz. 3) Diese beiden Voraussetzungen finde man aber durchaus bei allen erfolgreichen Mannschaften. Den Unterschied mache aus, und darauf achte er ganz besonders, dass jeder den anderen uneingeschränkt mag und gerne hat.

Im Idealfall heißt das dann: Jeder muss den anderen so mögen, dass er ihm denselben sportlichen TOP-Erfolg wünscht, wie sich selber und im Zweifel dem anderen deshalb sogar den Vortritt lässt: „the next first“. Dann funktioniert es.

Wegen der in jedem von uns schlummernden Ichbezogenheit sind wir hier auf Gottes Hilfe angewiesen. Gott gewährt sie uns, wenn wir aufrichtig um seine Hilfe bitten und sie dann, da sie von Gott geschenkt wird, von ganzem Herzen annehmen und uneingeschränkt einsetzen.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 21/22 (C)

Eine der zahlreichen Hochzeiten in St. Pantaleon (bis zur Sanierung und dann danach wieder)

Orthopraxie und Orthodoxie statt Unzucht – Kleiner Schriftkommentar zum 6. Sonntag in der Osterzeit

Am sechsten Sonntag in der Osterzeit werden in den vorgesehenen Schrifttexten viele Themen zugleich angesprochen. Dazu im Folgenden eine Akzentsetzung.

Die Lesung aus der Apostelgeschichte berichtet über die Beendigung gewisser Streitigkeiten unter den ersten Christen. Die im ersten, bedeutenden und richtungsweisenden Konzil versammelten Apostel und Älteste beschlossen auf dem sogenannten Apostelkonzil in Jerusalem – wie sie ausdrücklich sagen, gemeinsam mit dem Heiligen Geist (vgl. Apg 15,28) –, all denen keine weiteren Lasten aufzuerlegen, die sich als Nichtjuden taufen ließen und Christen wurden. Diese sogenannten Heidenchristen wurden von den aus dem Judentum kommenden Christen nämlich dazu gedrängt, mit der Taufe auch alle Pflichten eines Juden übernehmen zu müssen.

Demgegenüber verabschiedeten die auf dem Apostelkonzil Versammelten einen Brief und schrieben unter anderem: „Wir haben gehört, dass einige von uns, denen wir keinen Auftrag erteilt haben, euch mit ihren Reden beunruhigt und eure Gemüter erregt haben.“ (Apg 15, 24) Diese Streitigkeiten beantworteten die auf dem Apostelkonzil Versammelten dann so: „Der Heilige Geist und wir haben beschlossen, euch keine weitere Last aufzuerlegen als diese notwendigen Dinge: Götzenopferfleisch, Blut, Ersticktes und Unzucht zu meiden. Wenn ihr euch davor hütet, handelt ihr richtig.“ (Apg 15,28f).

Durch die Enthaltung von Götzenopferfleisch, Blut und Ersticktem sollten die Heidenchristen deutlich und für die Judenchristen akzeptabel ausdrücken, dass sie heidnische Gewohnheiten und Lebensweisen kompromisslos hinter sich gelassen haben. Und mit der Enthaltung von den schon damals vielfältigen und bunten Formen von Unzucht (griechisch: "porneia“) sollten sie ausschließlich die unauflöslich eheliche Verbindung eines Mannes mit einer Frau zum Wohle aller pflegen und erschließen.

Im Gegensatz zur biblisch-christlichen Botschaft steht das, was gegenwärtig als „sexuelle Selbstbestimmung“ verordnet wird, für viel Hedonismus aber wenig Fruchtbarkeit. Statt fortschrittlich nach vorne wird das Rad der Geschichte in Wirklichkeit zurückgedreht. Und eine Generation verschließt sich sukzessive gegenüber Gott und in sich selber. Eine solche Generation ist nicht überlebensfähig.

Gott hingegen macht lebendig. Sein Wort bestätigt die selbstlose und dem anderen wohlwollende Liebe als lebenspendende und schöpferische Urkraft und vertraut diese dem Menschen als solche ausdrücklich an: „Seid fruchtbar und vermehrt euch“ (Gen 1,28). Nach dem Grundsatz, dass nur in der rechten Praxis das rechte Verständnis wachsen kann, haben die Gottes- wie die Nächstenliebe deshalb auf Dauer auch nur dort eine Zukunft, wo Sexualität in der ihr ureigenen Trias, nämlich unauflösbar hineingewoben in Liebe und Fruchtbarkeit, entfaltet und kultiviert wird.

Das rechte Verständnis inspiriert wiederum die reche Praxis. In dieser Dynamik von Orthopraxie und Orthodoxie steht die naturgegebene Trias von Sexualität, Liebe und Fruchtbarkeit für eine ganzheitlichen Liebe, die schon naturgegeben schier unauslotbar ist. Damit öffnet sich diese Liebe – und eben nur diese Liebe – dem Wirken Gottes und macht sie empfänglich für den Heiligen Geist.

Davon ist dann im Sonntagsevangelium die Rede. „Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ (Joh 14,26). Die in zahlreichen Jahren ins unüberschaubar gewachsene Zahl an abendfüllenden Ehevorbereitungs- und Brautgespräche haben mich als Seelsorger ausnahmslos dankbar erfahren lassen, dass die Botschaft der kirchlich gelesenen und lehramtsgemäß ausgelegten Schrift jüngere Menschen tief berührt und anspricht, und sie dazu bewegt, als Christen leben zu wollen; ähnlich wie damals jene, die aus dem Heidentum kommend sich taufen ließen.

Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 20/22 (C)

Das himmlische Jerusalem, Deckengemälde im Westwerk von St. Pantaleon, Köln - vor der Sanierung

In der Leserordnung von diesem fünften Sonntag der Osterzeit folgt auf ausgewählte Verse der johanneischen Endzeitvision (Offb 21,1-5a) als zweite Lesung ein besonderes Vermächtnis Jesu aus dem Johannesevangelium (Joh 13, 31-33a.34-35). Es liegt nahe, nach dem Verbindenden zu fragen.

Der heiligen Johannes sieht „einen neun Himmel und eine neue Erde“, in der Gott „alle Tränen von ihren Augen abwischen wird.“ Dort wird „kein Tod mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu.“

Auch die in der Leseordnung vorgegebenen Verse aus dem Johannesevangelium enthalten etwas Endzeitliches. Im Anschluss an die Erzählung der Fußwaschung berichtet Johannes nämlich: „Als Judas hinausgegangen war, sagte Jesus: Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, und Gott ist in ihm verherrlicht. Wenn Gott in ihm verherrlicht ist, wird auch Gott ihn in sich verherrlichen, und er wird ihn bald verherrlichen. Meine Kinder, ich bin nur noch kurze Zeit bei euch.“

Darauf folgt bei Johannes, was bei näherem Hinsehen beide Bibelstellen verbindet. Es ist das „neue Gebot“ wahrheitsgemäßer und umfassender Liebe, welches Jesus nun allen Menschen guten Willens hinterlässt.

Nach Johannes fährt Jesus in seiner Rede wörtlich fort: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.

Die für immer erfüllende Erlösung ist nicht mehr aber auch nicht weniger als das, was uns nach Johannes als Liebe gemäß dem Vorbild Jesu geschenkt worden ist. Diese Liebe beginnt demnach schon in dieser Zeit. Ihre bleibende Vollendung allerdings liegt außerhalb von ihr, nämlich in der Endzeit. Erst dort findet die von Gott kommende und erfüllende Liebe als Erlösung aus aller sünd- und fehlerhaften Liebe ihre Vollendung.

Verschiedene Heilige haben uns dies als ihre persönliche Erfahrung hinterlassen. Der große heilige Papst Johannes Paul II. etwa hat einmal gesagt: „Die Liebe war für mich die Erklärung aller Dinge und die Lösung aller Probleme. Darum achte ich die Liebe hoch, wo immer sie zu erfinden ist.

Ähnlich äußerte sich vor vielen Jahrhunderten der heilige Augustinus: „Wo also die Liebe ist, was kann da noch fehlen? Wo sie aber nicht ist, was kann da nützen?“ Nicht weniger an praktischer Erfahrung spricht aus der Empfehlung desselben Heiligen: „Schweigst du, so schweige aus Liebe. Sprichst du, so spricht aus Liebe. Tadelst du, so tadle aus Liebe. Schonst du, so schone aus Liebe! Lass die Liebe in deinem Herzen wurzeln. Und es kann nur Gutes daraus hervorgehen.“

Und aus der Lebenserfahrung des Heiligen Josefmaria wird jemand nicht deshalb ein Heiliger, weil er jeden Tag etwas noch Anspruchsvolleres tun. Ein wirklich heiliger Mensch bemüht sich vielmehr darum, jeden Tag etwas mehr Liebe in das hineinzulegen, was er zu tun hat.

Es ist also notwendig, auch in der Liebe die Spreu vom Weizen zu trennen. Am Ende führt allein die selbstlos Liebe Jesu, die dem Nächsten den Vorrang vor sich selber einräumt, zu endgültiger Erfüllung und bleibender Erlösung. Das weiter zu entfalten und darzulegen ist äußerst spannend. Es sprengt aber den begrenzten Rahmen wöchentlicher Pfarrnachrichten.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 19/22 (C)

Im Evangelium des vierten Ostersonntags offenbart Jesus sich als der gute Hirt. Damit bedient er sich eines vielsagenden Bildes.

Zur Zeit Jesu begegnete man Hirten mit ihren Schafherden überall verstreut auf dem Land; aber auch in der Nähe der Siedlungen und Städten. Hirten und Schafe lebten damals oft monatelang eng zusammen. Nicht selten verteidigten Hirten ihre Schafe gegen gefährliche Tiere oder Räuber unter Einsatz ihres Lebens. So waren Hirten und Schafe allgegenwärtig. Sie waren prägend für das Alltagsleben. Sie waren ja auch die ersten Besucher im Stall zu Bethlehem. Und damit waren sie die ersten Zeugen der Ankunft Gottes unter uns Menschen in Jesus Christus, unserem Herrn.

Mit dem Bild vom Hirten und seinen Schafen konnten die Menschen damals spontan also einiges anfangen. Das gilt bis heute aber genauso. Und das wird auch zukünftig so sein. Um aber das Bild vom Hirten und seinen Schafen so zu verstehen, wie Jesu es gemeint hat, müssen wir es mit den Worten Jesu unbedingt in der von ihm gemeinten Tiefe erschließen.

Sich selber mit einem Hirten vergleichend sagt Jesus über sich und die ihm anvertraute Herde (Joh 10, 27): „Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie, und sie folgen mir.“ Das erscheint erst einmal ganz einfach; geradezu idyllisch: Die Schafe folgen dem Hirten, wenn sie seine Stimme hören. Dafür muss der Hirt weder schreien, noch schimpfen oder drohen und auch keinen Schäferhund los jagen. Alles scheint harmonisch und wie aus sich selber zu funktionieren. Aber sieht die Wirklichkeit nicht oft ganz anders aus?

Viele beten nicht mehr. Die Besucherzahlen in Gottesdiensten sind nicht nur durch Corona drastisch gesunken. Christlicher Nachwuchs bleibt flächendeckend aus. Die frohe Botschaft wird nur noch stark fraktioniert, teils auch gar nicht mehr an die nächste Generation weitergegeben. Und auch die Zahl an christlichen Familien schrumpft beängstigend. Der Abwärtstrend in fast allem hält unvermindert an.

Hier wird deutlich: Um das Bild von Hirt und Schaf im Sinne Jesu zu verstehen, muss man all das miteinbeziehen, was die Hl. Schrift dazu überliefert. Jesus sagt nämlich auch (ibid., 28-30): „Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen, und niemand wird sie meiner Hand entreißen. Mein Vater, der sie mir gab, ist größer als alle, und niemand kann sie der Hand meines Vaters entreißen. Ich und der Vater sind eins.

Mit diesen Worten übersteigt Jesus das Bild vom Hirt und den Schafen. Jesus erklärt, wie dieses Bild in seinem Sinne zu verstehen ist.

Er ist als von Gottvater kommend und mit Gott wesensgleich umfassend Ursprung der Schafe. So das christliche Glaubensbekenntnis und –verständnis. Und deshalb sagt Jesus hier an dieser Stelle (ibid. 29f), dass sein Vater, der ihm die Schafe gab, „größer als alle ist“, aber dass zugleich er „und der Vater eins sind“.

So sind ihm die Schafe nicht wie einem gewöhnlichen Hirten anvertraut. Vielmehr „kennt“ (ibid. 27) er die Schafe im biblischen Sinn des Wortes. Deshalb sagt Jesus im Zusammenhang mit dem Hirten- und Schafbild an anderer Stelle (ibid. 15): „wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne.“

Das „Kennen“, um das es hier geht, ist nicht das „Kennen“, wie wir unsere Welt mehr oder weniger gut kennen. Es ist weitaus mehr als ein Wissen um einen Sinnzusammenhang: etwa, dass „die Schafe“ diesen „Hirten“ gewohnt und mit seinem Ruf vertraut sind; dass sie erfahren, er meint es gut, und sie können ihm zuversichtlich folgen.

Wenn der Herr hier vom Kennen spricht, meint er ein Kennen vom Anfang her, wie Johannes es im Prolog und auch anderswo in seinem Evangelium verdeutlicht. Es ist ein liebendes Kennen, das zuerst und wesentlich als innerstes und höchstes Einvernehmen nur vom Vater zum Sohn und vom Sohn zum Vater geht. Und erst dann, auf dem gleichen Wege, auf welchem für uns Wahrheit wird, gelangt dieses „Kennen“ durch die schöpferische Freiheit Gottes in die Welt.

Mit diesem „Kennen“ gibt Jesus „allen, die ihn aufnahmen, Macht, Kinder Gottes zu werden“ (Joh 1,12). Diese „Kinder Gottes“ sind „die Seinen“, jene, die der „Vater mir gab“ (Joh 10,29); und die er in dem inneren Leben Gottes verankert, wo er sie hineinzieht in die innergöttliche Liebe.

Deshalb sind die Schafe als „Volk Gottes“ zutiefst „Gottes Volk“. Die allmählich unselig werdende Missbrauchsdebatte hat uns das Letzte zunehmend genommen und damit das Erste weitgehend ausgehöhlt. Das „Volk Gottes“ ist nicht „Volk“ im profanen Sinn des Wortes „Volk“, wo Selbstbestimmung, Emanzipation, Souveränität usw. von unverzichtbarer Bedeutung sind. Das „Volk Gottes“ ist in der Sprache und Entwicklung der Bibel auch zugleich „Gottes Volk“, und damit „Braut und geheimnisvoller Leib Christi“.

Letzteres darf nicht ausgeblendet werden. Das gilt es zu bewahren und wieder zu entdecken. Schließlich offenbart sich Jesus dem die Kirche verfolgenden Saulus als der, den er verfolgt, obwohl Paulus doch „nur“ die Kirche verfolgt. Die Kirche als „Gottes Volk“ ist „der Leib Christi“, und als solcher ist sie heilig. Ihre innerste Struktur ist göttlicher Art. Über die zur Kirche in diesem umfassenden Sinn durch Umkehr und Buße Gehörenden haben das Böse und der Tod keine Macht.

Der Gute Hirt, Jesus Christus, hat uns Kunde vom Vater gebracht, eine Kunde, zu der wir ohne Ihn keinen Zugang hätten. Wenn wir durch Ihn in die Gemeinschaft des dreifaltigen Gottes eintreten, sind wir geborgen. Keiner kann uns der Liebe Gottes entreißen; auch nicht das eigene Versagen, sofern wir in der Tiefe des Herzens umkehren und uns im Bad der Liebe Gottes auf das Endgültige hin umfassend reinigen lassen.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 18/22 (C)

Konrad Witz - Der wunderbare Fischzug - 1444

Seit den Anfängen des Christentums denken christlich Glaubende darüber nach, wer sie vor Gott sind: als einzelne und gemeinschaftlich; als Kinder Gottes und als Kirche Christi. Sie wollen ihr Leben als Christen besser verstehen und vom wesentlichen her deuten. Das wird unter anderem im Schlusskapitel des Johannesevangeliums (Joh 21) deutlich, das jetzt aktuell am dritten Sonntag in der Osterzeit an der Reihe ist.

In diesem Schlusskapitel erfahren wir, dass sich Petrus wenige Tage nach der Auferstehung Jesu mit einigen anderen Aposteln wieder dem Fischen zuwendete. So, als sei in den drei Jahren davor nichts geschehen!

Meisterhaft erzählt Johannes (21, 2-6), wie Petrus und die anderen unschlüssig und schon wie gelangweilt in das Fischerboot des Petrus stiegen. Nach dem Schock über den für sie unerwarteten Tod Jesu am Kreuz wollten sie nicht länger wie gelähmt verharren. Sie wollten wieder etwas tun und neu anfangen.

Im Boot des Petrus aber bemühten sie sich die ganze Nacht hindurch vergeblich: „In dieser Nacht fingen sie nichts.“ So beschreibt ungeschönt der Heilige Johannes ihre Anstrengungen. Und als sie ans Ufer zurück kehrten erkannten sie auch den Herrn nicht, der sie erwartete, und der dann auch noch die Frage an sie richtete: „Meine Kinder, habt ihr nicht etwas zu essen?“ Man kann ahnen, wie genervt die Apostel darauf antworteten: „Nein!

Das ist ähnlich peinlich, wie wenn man einen profilierten Handwerker am Ende des Tages fragt: „Bist du gut weitergekommen?“ Und er dann sagen muss: „Nein! Alles, was ich versucht habe, war vergeblich.

Ungefähr drei Jahre zuvor hatte sich ähnliches ereignet. Aber das schien wie vergessen. Jener denkwürdige Tag schien vergessen, an dem Jesus den Fischer Petrus nach einer erfolglosen Nacht auf dem See aufforderte, noch einmal hinauszufahren und die Netze auszuwerfen (vgl. Lk 5, 4-11.) Vergessen schien, dass daraufhin so viele Fische ins Netz gingen, dass die Netze zu zerreißen drohten. Ein zweites Boot musste zur Hilfe kommen, weil das eine Boot mit so vielen Fischen unterzugehen drohte. Und ganz vergessen schien die abschließende Aufforderung Jesu an Petrus: „Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen.“ Und vergessen schien, dass sie daraufhin „die Boote an Land zogen, alles verließen und ihm nachfolgten“.

Das Fischerboot des Petrus steht hier bildhaft für die Kirche, für die Gemeinschaft der Christgläubigen. Das Fischerboot des Petrus steht für eben diese Gemeinschaft, die sich einsetzt für das Heilige und unlösbar damit verbunden für den Frieden und das Gerechte, für das Wahre und das Gute. Das Fischerboot des Petrus steht für die Gemeinschaft der Kirche, die sich weltweit einsetzt; und dabei besonders für die Familie als kleinste natürliche Gemeinschaft. Denn: wo Familien in Frieden leben, da wächst und gedeiht Friede in der Gesellschaft, die sich aus diesen Familien bildet und in der sie sich organisieren. Die Keimzelle jeder größeren Gemeinschaft ist und bleibt die Familie.

Aber, und das ist die Kernbotschaft des heutigen Evangeliums, alles menschliche Bemühen bleibt vergeblich, wenn wir Gott vergessen. All unsere irdischen Anstrengungen verlieren sich ganz schnell in der Flüchtigkeit der Geschichte, wenn auch wir diese Tage vergessen, an denen Gott uns berührt und angesprochen hat. Wenn auch wir das vergessen – wie damals die Apostel – können wir einpacken. Glück und Frieden werden uns immer wieder entgleiten. Unsere Netze werden am Ende leer bleiben; wie damals die der Apostel.

Christus, der gute Hirt, bestellt Petrus zum Hirten seiner Herde. Nicht Johannes, den Jünger der ungebrochenen Treue, sondern Petrus: den, der Christus verleugnet hat und ihn jetzt dreimal seiner Liebe versichert (vgl. Joh 21,15-19).

Das ist gewissermaßen die „Regierungserklärung“ des ersten Papstes. Und das ist auch das Entscheidende für das Leben als Christ vor Gott und miteinander, persönlich und in Gemeinschaft. Nur danach fragt der Herr den in Reue umkehrenden Petrus: „Liebst du mich?

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 16+17/22 (C)

Zur Auferstehung Jesu gehört sein Tod

Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaft auferstanden! Halleluja!

Ostern feiern wir die Auferstehung Jesu von den Toten. Damit sprechen wir aus: Tod und Auferstehung Jesu gehören untrennbar zusammen. Sie bilden eine Einheit. Sprechen wir von der Auferstehung Jesu, sprechen wir immer auch von seinem Tod. Und sprechen wir vom Tod Jesu, sprechen wir immer auch von seiner Auferstehung. Unserem Wesen als Mensch gemäß möchte Gott nur in diesem untrennbaren Zusammenhang des Todes und der Auferstehung Jesu Erlösung gewähren: aus jeder Trauer, aus jeder Ausweglosigkeit, aus dem Tod und dem Krieg.

Als Christgläubige lassen wir uns nach der genuinen Predigt Jesu mit hineinnehmen in seinen Tod. In Jesu Tod stirbt der alte Mensch. Und wir lassen uns gleichzeitig und untrennbar davon mit hineinnehmen in seine Auferstehung, in der wir – nach dem Tod des Alten in uns – als neue Menschen leben.

Wir wissen doch“, so sagt es der Hl. Paulus (Röm 6, 6f): „Unser alter Mensch wurde mitgekreuzigt, damit der von der Sünde beherrschte Leib vernichtet werde, sodass wir nicht mehr Sklaven der Sünde sind. Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. Sind wir nun mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.“

Jahr für Jahr feiern wir genau dies, wenn wir Ostern nicht profan angepasst, sondern ursprünglich und unverfälscht feiern. Alljährlich lassen wir in der Fastenzeit und den Tagen der Karwoche den alten Menschen zurück. Diesen alten Menschen in uns, der übertrieben und verquer Recht haben will. Und wir lassen auch den eitlen, den ichbezogenen, den unbeherrschten, den gierigen gleichermaßen wie den trägen Menschen zurück. Wir lassen ihn zurück im Glauben an die Auferstehung!

Wo dieser Glaube im christlichen Alltag konkret wird, wo wir in diesem Glauben und mit Gottes Hilfe konsequent und von Herzen zurücklassen, was nur Unfrieden und Streit auslöst, da erfahren wir das Neue und Erfüllende eines Lebens in der „Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21).

Ostern bestärkt den Glauben daran, dass dies möglich ist. Ostern befähigt, als Christen real und bodenständig in diesem Sinne zu leben. Und der so gelebte Glaube macht erfahrbar, dass die erste, wichtigste und vorrangige Reform in der Erneuerung der Herzen besteht. Jesus hat weder die Etablierung von Machtstrukturen noch eine Demokratisierung des Reiches Gottes verkündet. Er ist uns vielmehr vorausgegangen in Tod und Auferstehung. Beides haben die Augenzeugen erlebt. Und wie Jesus selber seinen Tod und seine Auferstehung als Kreuzesnachfolge verkündet und gedeutet hat, so haben es die Augenzeugen von damals an ihre Nachfolger bis heute weitergegeben.

Eingestandenermaßen fällt es uns Christen in diesem Jahr nicht leicht, Ostern zu feiern. Angesichts des Krieges zwischen zwei ursprünglich tief christlichen Ländern in Europa ringt man nach Luft. In diesem Krieg werden Menschen aus niederträchtigen Motiven umgebracht. Die profane Logik des Ganzen lässt sich nur bedingt beeinflussen. So fühlt man sich weitgehend machtlos und einem ungewissen Schicksal ausgeliefert. Und die coronabedingten Widrigkeiten der letzten zwei Jahre, die uns viel abverlangt haben, sind diesem Krieg gegenüber eher gering.

Umso mehr bin ich davon überzeugt, dass Gott uns damit etwas sagen möchte. Und das hat zutiefst mit Ostern zu tunt. Nämlich: Lasst Eure Verhärtungen zurück. Folgt mir nach in der Logik von Tod und Auferstehung. Lasst Euer Unfrieden verbreitendes Nörgeln am kirchlichen Verständnis der Botschaft Jesu zurück. Lebt dafür so, wie Jesu seinen Tod und seine Auferstehung gelebt, verkündet und seiner Kirche als immer Segen spendende Osterbotschaft anvertraut hat. Dann geht von Eurem erneuerten Herzen ein hoffnungsfroher und machtvoller Beitrag zum Frieden in der Welt aus.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 15/22 (C)

Jesu Einzug in Jerusalem

Mit dem Evangelium vom feierlichen Einzug Jesu in Jerusalem treten wir am Palmsonntag ein in die Karwoche. Wir steigen in diese Woche ein mit der Freude des Jubels und Willkommens, die damals die Bewohner des irdischen Jerusalems dem Herrn entgegengebracht haben. Diese Freude ist unmissverständlich als Vorausbild der Freude nie vergehenden Jubels und Willkommens aller Menschen guten Willens im himmlischen Jerusalem zu verstehen.

Denn als „einige Pharisäer aus der Menge ihm zuriefen: ‚Meister, weise deine Jünger zurecht!‘ erwiderte er: ‚Ich sage euch: Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien.‘“ (Lk 19,39f) So wie „In-Stein-Gebautes“ als Bild für immer Gebautes gilt, so ist auch der zeitliche Jubel damals als Bild ewigen Jubels dereinst zu verstehen. Hierdurch im Glauben berührt, bestärkt und gut gewappnet können wir uns in den kommenden Tagen dem unsäglichen Leiden Jesu aussetzen.

Zu Beginn dieses Leidensweges lässt Jesus sich feiern. Er nimmt den Hosannajubel des Palmsonntags uneingeschränkt und vorbehaltlos an. Er lässt die ausgelassene Freude und Fröhlichkeit nicht einfach über sich ergehen. Er genießt hingegen das Bad in der Menge, wie es jeder andere, vernünftig und seelisch Gesunde auch tun würde.

Aber Jesus tut es zugleich im Wissen darum, dass er schon sehr bald diese ganze Menge gegen sich haben wird. Selbst die Jünger werden ihn allein lassen. Die irdische Freude ist nicht von Dauer. Sie ist deshalb nur temporär erstrebenswert, sofern sie uns in ihrer Flüchtigkeit Kraft und Stärke auf dem Weg hin zur nie endenden Freude gibt. Und wir müssen in der Kraft und im Mut wachsen, sie loszulassen, wenn die Stunde dazu gekommen ist.

Für Jesus kam diese Stunde dann auch sehr bald. Schon am Gründonnerstag hören wir dann (Joh 13,1): „Es war vor dem Paschafest. Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen.“ Und in der Nacht der Verhaftung hören wir Ihn dann sagen (LK 22,52f): „Wie gegen einen Räuber seid ihr mit Schwertern und Knüppeln ausgezogen. Tag für Tag war ich bei euch im Tempel und ihr habt nicht Hand an mich gelegt. Aber das ist eure Stunde und die Macht der Finsternis.“

In welche Stunde streben wir hinein? Welche Stunde wünschen wir uns? Die Stunde Jesu oder die Stunde machtvoller Finsternis? Es gibt nur diese Alternativen. Einen dritten, mittleren und weniger dramatischen Weg gibt es nicht. Dessen müssen wir uns immer wieder bewusst werden. Und das wird dem Gläubigen alljährlich in der Karwoche, die mit dem Palmsonntag beginnt, und dem folgenden Fest der Auferstehung Jesu, dem Osterfest vor Augen geführt.

Zur Stunde Jesu hat sich Papa emerito Josef Ratzinger, der Kirche und Theologie allen Unkenrufen zum Trotz wie kaum ein anderer zutiefst geprägt hat, vor einigen Jahren einmal wie folgt geäußert: „Die »Stunde« Jesu ist die Stunde des großen Überschritts, der Verwandlung des Seins durch die Agape. Sie ist Agape »bis ans Ende«. Jesus der Christus ist vom Vater ausgegangen und wird zum Vater zurückkehren.

Josef Ratzinger/Benedikt XVI. schreibt weiter: „Das Ausgehen Jesu … setzt zunächst einmal schon die Schöpfung nicht als Abfall, sondern als positiven Willensakt Gottes voraus. Es ist dann ein Prozess der Liebe, die gerade im Absteigen ihr wahres Wesen erweist – aus Liebe zum Geschöpf, aus Liebe zum verlorenen Schaf – und so im Absteigen das wahrhaft Göttliche offenbart. Und der heimkehrende Jesus streift nicht seine Menschheit wie etwas Verunreinigendes wieder ab. Das Ziel seines Abstiegs war das Annehmen und Aufnehmen der ganzen Menschheit, das Heimkehren mit allen Menschen – die Heimkehr von »allem Fleisch«.“ So weit unser hochverdienter und geschätzter Papa emerito.

Auch als tief Gläubige müssen wir es uns immer wieder sagen und sagen lassen: Die Endstation irdischen Lebens sind weder zeitliche Erfüllung noch zeitliches Kreuz und Leid. Die Endstation irdischen Lebens ist tiefste Erfüllung im bleibenden und unvergänglichen Willkommen und Ankommen im himmlischen Leben.

Im Kontext der Karwoche weckt die Palmsonntagsfeier auf und ermutigt. Die Liturgie sensibilisiert zutreffend und realistisch zugleich. Sie lässt nicht länger die ewig wiederkehrende Täuschung allein irdischer Geschichte zu. Sie lässt nicht länger voreilig und unbedacht in zeitlich begrenzter Erfüllung das Heil suchen.

Der Palmsonntag stimmt ein auf die ewig himmlische Erfüllung. Zu ihr gelangt man nur durch eine Verwandlung, wie allein Gott sie ermöglichen und schenken kann. Diese Verwandlung geschieht in opferbereiter Hingabe und Entsagung. Allein so überschreitet das Geschöpf alles Irdische hin zur Erfüllung im himmlischen Jerusalem.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 14/22 (C)

Vom Passionssonntag bis Karfreitag bleibt das Kreuz verhüllt, um das eine Geheimnis der Gnade Gottes auf der einen wie das seiner Gerechtigkeit auf der an-deren Seite dem Gläubigen näher zu bringen.

Ab dem 5. Sonntag in der Fastenzeit bleiben nach einer alten Tradition die Kreuze verhüllt bis zum Karfreitag und wecken so unsere Aufmerksamkeit. Was wir zu sehen gewohnt sind, ist den Blicken entzogen. Durch Verhüllen wird etwas gezeigt! – Wir fasten mit den Augen. Es beginnt die Passionszeit. Am Karfreitag wird das Kreuz dann in einer eindrucksvollen Zeremonie enthüllt.

Der Ursprung der traditionsreichen Kreuzverhüllung liegt im Dunkel der Geschichte. Sie kann damit zu tun haben, dass das Kreuz Jesu im Laufe des Mittelalters immer mehr zum Symbol für die Auferstehung des Herrn wurde. Kreuze mit dem leidenden und geschundenen Jesus waren eher selten. Verbreitet waren hingegen Triumphkreuze, die mit Gold und Edelsteinen geschmückt waren.

Diese Kreuze hatten sie teilwiese keinen Korpus oder sie zeigten den "erhöhten Christus" mit Heiligenschein oder Krone. Der grausame Tod Jesu rückte in diesen Jahrhunderten in den Hintergrund. Damit Wesentliches wieder sichtbar werde, musste alles, was ablenkt, verborgen werden. Daraus könnte die Tradition der Kreuzverhüllung entstanden sein: Sie sollte an den leidenden Jesu in der Passion erinnern, damit das Bild des Gekreuzigten nicht verloren gehe (Matthias Altmann auf katholisch.de).

Eine Deutung des Bischofs Durandus von Mende im 13. Jahrhundert führt uns mitten in die Liturgie des heutigen 5. Fastensonntags, der auch Passionssonntag heißt. Durandus deutet die Verhüllung der Kreuze allegorisch. Er geht dabei aus vom Ende eines Streitgespräches, das Zeitgenossen mit Jesus angezettelt hatten. So lesen wir im Johannesevangelium: "Da hoben sie Steine auf, um sie auf ihn zu werfen. Jesus aber verbarg sich und verließ den Tempel" (Joh 8,59).

Durandus kommt von da ausgehend schließlich zu dem Schluss: Jesus hat in der Zeit seines Leidens seine Gottheit verhüllt. So führt uns die Verhüllung des Kreuzes also zum Geheimnis der Erlösung. Es ist der Gott-Mensch Jesus Christus, der als Mensch in untrennbarer Verbindung mit dem allmächtigen Gott all unsere Bosheit, unsere Gemeinheit, unsere Aggression, unsere selbstbezogene und sich dann in der Sinnlosigkeit verlierende Sinnlichkeit, unseren Hochmut und Stolz im Kreuz auf sich lädt. Damit reinigt er uns und befreit uns durch das Kreuz, mit dem er freiwillig all unsere Abgründe auf seine Schulter lädt, von all dem, was uns ins Unglück führt.

Auch am heutigen Sonntag ist von einer Sünde die Rede, die am Ende nur die Herzen bricht und traurig macht. Es wird von einem vollzogenen Ehebruch berichtet (Joh 8, 1-11). Um vor den negativen Folgen zu schützen, war Ehebruch strafbewährt. Einem Ehebrecher drohte die Todesstrafe durch Steinigung; nach jüdischem Gesetz sowohl dem Mann wie der Frau. Dass es oft anders gehandhabt und nur die Frau bestraft wurde, auch das wird im heutigen Evangelium deutlich.

Vom Evangelisten Johannes (ibid.) erfahren wir: Es hatte sich eine große Menschenmenge um Jesus versammelt, als „Schriftgelehrte und Pharisäer eine Frau brachten, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? Mit diesen Worten wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn anzuklagen.“

Das verhüllte Kreuz wie das Evangelium von der Ehebrecherin vermitteln uns einen Jesus, der die Herrlichkeit seiner Gottheit verbirgt. Er lässt seine göttliche Autorität, seine unendliche Gnade und Barmherzigkeit wie auch seine unbestechliche Gerechtigkeit nur durch seine Gesten und wenige, aber alles erklärenden Worte durchscheinen.

Zuerst schweigt Er und schreibt in den Sand. Damit fordert er die selbstgerechten Ankläger heraus und ruft ihnen das Wort der Schrift in Erinnerung, dass die Sünder in den Sand geschrieben werden (vgl. Jer 17,13), d. h. dem Tod verfallen sind.

Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.“ Einer nach dem anderen, die Ältesten voran, verlassen den Ort. So bleibt Jesus schließlich mit der Ehebrecherin alleine zurück und sagt ihr: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 13/22 (C)

Egal ob kitschig oder nich: Darstellungen des Unbefleckten Herzens Mariä sind Teil der katholischen Volksfrömmigkeit und in bestimmten Regionen stark verbreitet.

Vergangenen Freitag, am 25. März, dem Hochfest der Verkündigung des Herrn, hat Papst Franziskus – gleichsam als päpstliche Waffe gegen den aktuellen Krieg in Osteuropa und mit großer Resonanz auch unter den deutschen Bischöfen – in einem religiösen Weiheakt die beiden Länder Ukraine und Russland dem unbefleckten Herzen Mariens geweiht. Über diese Friedensoffensive von Papst Franziskus wurde in den Medien theologisch peinlich unterbelichtet und kirchengeschichtlich merkwürdig verschraubt berichtet.

Aus diesem Anlass geben wir im Folgende, aus Platzgründen leicht gekürzt, einen hilfreichen Beitrag von Roland Müller vom 25. März auf www.katholisch.de wieder.

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Heute weiht Papst Franziskus die Ukraine, Russland und die ganze Welt dem Herzen Mariens. Was in Deutschland auf nicht wenige Gläubige befremdlich wirken mag, hat eine lange spirituelle Geschichte. Ein Blick auf die Verehrung des Herzens der Gottesmutter und ihre Bedeutung für den Frieden.

Franziskus will heute gemeinsam mit allen Bischöfen der Welt die Ukraine und Russland dem Unbefleckten Herzen Mariens weihen. Nicht wenige Katholiken in Deutschland haben wohl mit einem fragenden Gesichtsausdruck oder vielleicht auch einem Achselzucken auf diese Ankündigung des Vatikan aus der vergangenen Woche reagiert. … Doch die Herz-Mariä-Verehrung … mit Wurzeln in der Heiligen Schrift hat ihre Spuren bis in die Gegenwart auch in der deutschen Kirche hinterlassen.

Der Ursprung der Rede vom Herzen Mariens findet sich im Neuen Testament. Im Lukasevangelium wird berichtet, dass Maria die biblischen Geschehnisse rund um die Geburt Jesu und die Wiederauffindung ihres jugendlichen Sohnes im Tempel "in ihrem Herzen" (Lk 2,19.51) bewahrte. In der Sprache der Bibel symbolisiert das Herz eines Menschen sowohl den Sitz der Gefühle als auch den Ort des Urteilsvermögens bis hin zum Gewissen. Dieses lebenswichtige Organ wird damit zum Bild eines Menschen schlechthin. Bedeutende Theologen der ersten christlichen Jahrhunderte wie Augustinus oder Johannes Chrysostomus formulierten davon ausgehend erste Gedanken, die zu einer Verehrung des Herzens Mariä führten.

Mit dem 13. Jahrhundert wurde diese Spielart christlicher Frömmigkeit immer beliebter, da sich im Spätmittelalter eine intensive Verehrung der Gottesmutter entwickelt hatte: Maria galt fortan als Idealfigur eines christlichen Gläubigen, der nachgeeifert werden sollte. War der Blick auf das Herz Mariens zunächst vor allem eine Praxis der persönlichen Spiritualität jedes Einzelnen, änderte sich das im 17. Jahrhundert grundlegend.

Der französische Priester Johannes Eudes betonte die enge Verbindung zwischen dem Herzen Jesu, dessen Verehrung in jener Zeit ebenfalls einen Höhepunkt erreichte, und dem Herzen Mariens. Der Geistliche führte 1643 in der von ihm gegründeten Priestergemeinschaft ein eigenes Herz-Mariä-Fest ein, das sich mit zunehmender Beliebtheit auf ganz Frankreich und Europa ausdehnte. Mehr als 200 Jahre später wurde 1855 die Feier dieses Festes für die Gesamtkirche erlaubt.

Dieser Schritt steht im Zusammenhang mit dem nur ein Jahr zuvor verkündeten Dogma von der Empfängnis Mariens ohne Erbsünde. Fortan spricht die Kirche daher vom Unbefleckten Herzen Mariä. Da in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Kulturkampf in vielen deutschen Staaten tobte avancierte die Verehrung der Herzen Jesu und Mariens zu einem zu einem katholischen Bekenntnis. Durch die Wahl von entsprechenden Patronaten für Pfarrkirchen und die Errichtung von Statuen der Gottesmutter oder ihres Sohnes, die besonders anschaulich die von Flammen oder Blumen umgebenen und verwundeten Herzen zeigen, bekannte man als Katholik seine Treue zum Papst. Aber auch weltweit wurde die Verehrung des Herzens Mariens oder des Herzens Jesu ein bedeutender Teil der katholischen Volksfrömmigkeit, der auf anderen Kontinenten, wie Lateinamerika, bis heute lebendig ist - samt der entsprechenden Statuen, die von vielen Gläubigen in Deutschland heute eher als kitschig wahrgenommen werden.

Ein Aspekt dieser Frömmigkeit ist die persönliche Weihe an Maria, also die Widmung eines Gläubigen an die Gottesmutter. Damit erbittet er ihren besonderen Schutz und stellt sich ihr, aber auch Gott, zur Verfügung. Besonders der französische Priester Louis-Marie Grignion de Montfort förderte diese spirituelle Praxis im 18. Jahrhundert. Auch Länder wurden Maria geweiht, wie 1638 Frankreich durch König Ludwig XIII. Mit den Marienerscheinungen von Fatima im Jahr 1917 erfuhr die Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens erstmals einen großen Bekanntheitsschub: Die drei portugiesischen Seherkinder berichteten nach ihren Visionen im sogenannten "zweiten Geheimnis", dass die Gottesmutter im Besonderen um die Weihe Russlands an ihr Unbeflecktes Herz gebeten habe. Ansonsten würde Russland "seine Irrtümer in der ganzen Welt verbreiten und Kriege und Verfolgungen der Kirche fördern". Neben dem Wunsch nach Frieden war hier nicht zuletzt auch die Bekehrung Russlands ein entscheidender Punkt. In Europa tobte damals der Erste Weltkrieg (1914-18) und nur wenige Monate nach den Marienerscheinungen von Fatima fand in Russland die kommunistische Oktoberrevolution statt.

1942 weihte Papst Pius XII. während des Zweiten Weltkriegs (1939-45) schließlich die ganze Menschheit dem Unbefleckten Herzen Mariens. Angesichts "von so viel materiellem und sittlichem Elend, von so viel Schmerz und Angst von Vätern und Müttern" während der Kriegsjahre bat Pius die Gottesmutter, bei der Weihe um Frieden auf der Welt. Ihm folgten weitere Päpste, die diese Weihe erneuerten: Paul VI. im Jahr 1964, Johannes Paul II. 1982 und gemeinsam mit allen Bischöfen der Welt noch einmal 1984 sowie schließlich Papst Franziskus im ersten Jahr seines Pontifikats 2013. Auch mehrere Länder wurden durch eine Weihe dem Schutz Mariens anempfohlen, so etwa Deutschland 1954. Selbst Städte, wie seit 2017 Aleppo in Syrien, stehen unter dem Schutz des Herzens Mariä. In Deutschland wurden im vergangenen Jahr zudem die (Erz-)Bistümer Berlin und Passau dem Herzen Jesu und dem Herzen der Gottesmutter geweiht.

Auch wenn solche Frömmigkeitsakte nicht darüber hinwegtäuschen können, dass in Deutschland die Marienverehrung seit der Nachkriegszeit rapide abgenommen hat, erhält der Aufruf von Papst Franziskus unter deutschen Oberhirten eine sehr große Resonanz… Die große Zahl der teilnehmenden Bischöfe wird von einigen Katholiken gelobt. Von anderen aber auch als eine unkritische Erfüllung der Bitte aus Rom angefragt, die nicht zur heutigen Spiritualität in Deutschland passe. In anderen europäischen Ländern und auf weiteren Kontinenten sind ebenfalls viele Bischöfe bereit, die Weihe mitzuvollziehen. … Das Ansinnen von Franziskus, eine möglichst große spirituelle Kraft der Kirche für den Frieden in der Ukraine zu mobilisieren, scheint also aufzugehen.

Gleichzeitig ist die Marienweihe angesichts der Nennung der beiden Konfliktpartner des aktuellen Kriegs, der Ukraine und Russland, mehr als eine bloße Frömmigkeitsübung. So sieht der italienische Historiker Daniele Menozzi einen politischen Hintergrund hinter dieser geistlichen Friedensoffensive des Papstes…: "Für den Frieden zu beten und die Menschen beten zu lassen, ist ein Aspekt von Bergoglios Haltung zu diesem Krieg." Der Papst sei dadurch keineswegs neutral, sondern habe vielmehr einen Weg gefunden, seine Verurteilung der Gewalt zum Ausdruck zu bringen, "ohne Meinungsverschiedenheiten unter den Christen zu vertiefen und um den diplomatischen Dialog mit dem Kreml offen zu halten". Und diese diplomatischen Kanäle könnte Franziskus in Zukunft brauchen. Denn immer wieder werden der Vatikan oder auch die europäischen Bischöfe als künftige Vermittler zwischen den Kriegsparteien ins Spiel gebracht.

Pfarrnachrichten 12/22 (C)

Weihe Russlands und der Ukraine an das Unbefleckte Herz Mariens am Fest der Verkündigung des Herrn - 25. März 2022, 17 Uhr

(Vatikanstaat) Am kommenden 25. März wird Papst Franziskus Russland und die Ukraine dem Unbefleckten Herzen Mariens weihen. Der liturgische Akt erfolgt im Rahmen einer Bußfeier im Petersdom. Denselben Ritus wird, ebenfalls am 25. März, der päpstliche Almosenpfleger Kardinal Konrad Krajewski im portugiesischen Fatima vornehmen.

Der 25. März ist in der katholischen wie auch in der orthodoxen Kirche das Fest der Verkündigung der Geburt Jesu an seine Mutter Maria durch den Erzengel Gabriel; die orthodoxe Kirche begeht es als eines von zwölf Hochfesten im Kirchenjahr.

Die Weihe Russlands an das Unbefleckte Herz Mariens spielt eine zentrale Rolle bei den Marienerscheinungen in dem portugiesischen Wallfahrtsort. Die Jungfrau und Gottesmutter Maria hatte nach Aussage der Seherkinder am 13. Juli 1917 in Fatima um die Weihe Russlands an ihr Unbeflecktes Herz gebeten und erklärt, dass andernfalls Russland »seine Irrtümer in der ganzen Welt verbreiten und Kriege und Verfolgungen der Kirche fördern« würde.

Nach den Erscheinungen von Fatima gab es bereits mehrere Akte der Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens: Pius XII. weihte am 31. Oktober 1942 die ganze Welt und am 7. Juli 1952 gesondert die Völker Russlands dem Unbefleckten Herzen Mariens. Am 21. November 1964 erneuerte Paul VI. beim Zweiten Vatikanischen Konzil die Weihe Russlands an das Unbefleckte Herz.

Papst Johannes Paul II. verfasste ein Gebet für einen, wie er es nannte, »Akt des Anvertrauens«, der am 7. Juni 1981, dem Pfingstfest, in der Päpstlichen Basilika Santa Maria Maggiore gefeiert wurde. In Erinnerung an das »Mir geschehe nach deinem Wort«, das Maria nach den Worten der Schrift bei der Verkündigung aussprach, hat der heilige Papst Johannes Paul II. am 25. März 1984 auf dem Petersplatz in geistlicher Verbundenheit mit den Bischöfen abermals der Welt alle Völker dem Unbefleckten Herzen Mariens anvertraut.

Im Juni 2000 enthüllte der Heilige Stuhl den dritten Teil des Geheimnisses von Fatima. Schwester Lucia – das einzige der drei Seherkinder von Fatima, welches das Erwachsenenalter erreichte – bestätigte in einem Brief von 1989, dass der Weiheakt dem Willen der Gottesmutter entsprach, wie der damalige Sekretär der Glaubenskongregation, Erzbischof Tarcisio Bertone, bekanntgab.

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Angesichts der tragischen Kriegsereignisse werden wir am 25. März um 17.00 Uhr – zeitgleich mit PAPST FRANZISKUS in St. PETER in ROM und mit der Weltkirche, besonders im Heiligtum von FATIMA – Russland und Ukraine dem Unbefleckten Herzen Mariens weihen; im Rahmen der täglichen Anbetung des Allerheiligsten in ST. PANTALEON, KÖLN.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 10/22 (C)

Verklärung Jesu auf dem Berg Tabor

Countdown Weltsynode – Beteiligung noch bis 18. März: Jede Stimme zählt!

Zum einen möchte ich Sie erinnern: bis einschließlich kommenden Freitag, 18. März (24 Uhr), können Sie unter dem Motto „Sag’s dem Papst! Wie soll die Zukunft der Kirche aussehen?“ als Gruppe oder Einzelperson auf der Beteiligungsplattform www.weltsynode.koeln/ eigene Beiträge verfassen und andere kommentieren.

Vorgegeben sind insgesamt zehn Themen, die dem Papst besonders wichtig sind. Die Beiträge auf der Plattform fließen ein in die Rückmeldung des Erzbistums Köln für den weltkirchlichen Prozess der Weltbischofssynode „Für eine synodale Kirche. Gemeinschaft – Teilhabe – Sendung“.

Mit einige haben wir uns letzte Woche im kleinen Kreis getroffen und ausgetauscht. Dabei haben wir festgestellt: Die bisherigen Einträge sind sehr unterschiedlich, teils auch recht kontrovers. Die Lektüre dieser Einträge ist aber durchaus inspirierend. Sie hilft, eigene Anliegen zu konkretisieren; sie zu profilieren und umfassend zu präzisieren. So sind wir am Ende verblieben, dass jeder für sich in den kommenden Tagen das einträgt, was ihm wichtig ist.

Es wäre schön, wenn bis zum 18. März noch einmal deutlich mehr Gläubige diese Chance nutzen, um so dem Heiligen Vater von der Basis her mitzuteilen, was man vor Ort als segensreich erfahren hat, wo ggf. “der Schuh drückt”, welche aus dem Gebet erwachsenen Visionen für Kirche und Gesellschaft man gerne anderen mitteilen und mit ihnen umsetzen möchte, was in aktuellen Diskussionen, Nachrichten oder Prozessen als verstörend oder als zukunftsweisend und prophetisch wahrgenommen wird usw.

Bitte beteiligen Sie sich doch! Ihr Einsatz und Ihre Mühe sind nicht vergeblich. Ihr Beitrag wird beachtet und geht nicht unter zwischen den zahlreichen anderen Beiträgen. Vor allem, wenn er gehaltvoll, biblisch wie kirchlich geerdet und von dort her prophetisch ist.

Nach dem 18. März startet die Auswertung. Differenziert und solide soll sie auswerten, “was auf der Plattform los war, so dass Themen und Positionen erkennbar werden.“ Bei der diözesanen Synodalversammlung am Wochenende 31. April und 1. Mai wird schließlich ein finaler Text beschlossen, der über die Bischofskonferenz als Rückmeldung aus dem Erzbistum Köln an die Weltkirche weitergegeben wird. Darüber hinaus wird beraten, welche Bedeutung die Rückmeldungen für das Erzbistum Köln haben, um das synodale Kirche-Sein zu stärken.

Zum zweiten Fastensonntag:

Nun sind wir schon eine ganze Weile auf dem Weg durch diese Fastenzeit. Damit wir auf diesem Weg nicht vorschnell ermüden, werden wir ermutigt wie damals die Apostel an der Seite Jesu. Drei von ihnen – Petrus, Johannes und Jakobus – nahm Jesus mit sich „und stieg auf einen Berg, um zu beten. Und während er betete, veränderte sich das Aussehen seines Gesichtes und sein Gewand wurde leuchtend weiß.“ So hören wir aus dem Evangelium am zweiten Fastensonntag (Lk 9, 28f).

Jesus offenbarte den Seinen die Herrlichkeit Gottes, die in ihm war. Darüber hinaus „rief eine Stimme …: Dieser ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören.“ (ibid., 35)

In Anlehnung an die Art, wie Gott in Jesus war, möchte Gott auch in uns sein. Aber wir müssen das wünschen und zulassen. Deshalb feiern wir Gottesdienst und beten wenn möglich täglich.

Die entscheidende Veränderung des Menschen, die innere „Verklärung“ im Hinblick auf Christus, vollzieht sich zumeist in der Stille, nicht im Lesen von Büchern, im Hören von Predigten, in Gesprächen und Diskussionen, die freilich unerlässliche Impulse geben können.

Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn einer meine Stimme hört und mir auftut, so will ich Mahl mit ihm halten und er mit mir“. In der Innerlichkeit des Schweigens, so hat es Heinrich Spaemann einmal gesagt, wenn das Hören zum Lauschen wird, wird dieses Klopfen gehört, diese Stimme vernommen. Das Licht kommt zu denen, die Dunkel erfahren, das erweckende Wort zu denen, die gelernt haben still zu werden. Aber das Schweigen muss tief gehen und ausdauernd sein.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 09/22 (C)

Wir dokumentieren im Folgenden in gekürzter Fassung den Brief unseres Erzbischofs zum Aschermittwoch 2022. Die ungekürzte Fassung liegt in der Kirche zum Mitnehmen aus. Wir empfehlen Ihnen diesen Brief zur Lektüre. So sind Sie aus erster Hand informiert und können sich ein objektives Urteil über Aussagen machen, mit denen etwas Anderes intendiert wird.

( An Aschermittwoch 2022 )

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

am heutigen Aschermittwoch beginnt für uns alle die österliche Bußzeit dieses Kirchenjahres. Für mich ist es zugleich der Tag, an dem ich nach einer mehrmonatigen Auszeit in den aktiven Dienst als Erzbischof von Köln zurückkehre. Mir ist klar, dass sich für viele von Ihnen damit auch ganz unterschiedliche Gefühle verbinden: Verunsicherung, Unverständnis, Misstrauen bis hin zur Ablehnung meiner Person sowie einer gewissen Sorge im Hinblick darauf, wie es bei uns im Erzbistum weitergehen wird. Es tut mir leid, dass diese Zeit für viele Menschen in unserer Kirche eine so belastete Zeit ist. Und ich weiß und es schmerzt mich, dass auch ich für diese Situation Verantwortung trage.

Eines ist mir aber zunächst vor allem wichtig: Ihnen allen aufrichtig Dank zu sagen, die Sie in den vergangenen Wochen und Monaten in ganz unterschiedlicher Weise Verantwortung getragen und wahrgenommen haben, die Sie sich in unserem Erzbistum gekümmert und den Glauben gelebt haben. … Kardinal Woelki bedankt sich im Folgenden ausdrücklich bei WB Steinhäuser. Dann erklärt er, dass segensreich Auszeiten noch nicht all das klären, was nur im Miteinander geklärt werden kann. Und er fährt fort:

…. Ich kehre nicht unverändert einfach so zurück, als sei in dieser Zeit nichts geschehen. … Es war eine Zeit, meine eigene Erschöpfung zuzulassen und wieder neu zu Kräften zu kommen. Zeit, auf die letzten Jahre zurückzuschauen und Zukünftiges in den Blick zu nehmen. Zeit, mich den Versäumnissen, den Fehlern und der Schuld in meinem Leben zu stellen und dabei auch Gelungenes und den Zuspruch zu sehen und wertzuschätzen – und aus beidem zu lernen.

Es war vor allem eine Zeit der Nähe mit Jesus und, in meinem Sozialeinsatz nach den Exerzitien, mit ganz unterschiedlichen Menschen … Das hat mir einen neuen Blick ermöglicht auf die Situation im Erzbistum Köln, auf mein eigenes und auf fremdes Handeln. Dabei ist in mir manches in Bewegung gekommen, was sich in der immer angespannteren kirchlichen Situation und zunehmenden, oft sehr persönlichen Anfeindungen meiner Person in unguter Weise in mir verhärtet hatte. Das betrifft Zusammenhänge von Beteiligung und Leitung, Möglichkeiten der pastoralen Entwicklung sowie notwendige Reformen in der Kirche ...

Immer und immer wieder habe ich in den vergangenen Monaten – betend und arbeitend – mein Handeln und die Situation in unserem Erzbistum reflektiert und meditiert. Besonders bedeutsam wurde mir ein Impuls, der für meine 30-tägigen Exerzitien grundlegend war und in die gesamte Auszeit hineingestrahlt hat: das immer neue Einüben in die ignatianische Haltung der Indifferenz, also in die Haltung, mich wie am Tage meiner Priesterweihe Christus, dem Herrn der Kirche, ganz und vorbehaltlos zu übereignen, die Haltung, „nichts zu sehr zu wollen“, sondern alles, wirklich alles auf Gott hin frei zu geben.

Als Ausdruck dieser Haltung innerer Freiheit habe ich dem Heiligen Vater meinen Dienst und mein Amt als Erzbischof von Köln zur Verfügung gestellt, so dass auch er frei ist, zu entscheiden, was dem Wohl der Kirche von Köln am meisten dient. Persönlich werde ich mich weiterhin mit allen mir zur Verfügung stehenden Kräften dafür einsetzen, dass der barmherzige Herr uns die Chance für einen Neuanfang schenken möge, auf neuen Wegen und in einem neuen Geist. Hierzu bitte ich Sie um Ihre Offenheit, Ihre Geduld, darum, dass Sie mir, nein, uns noch eine Chance geben. Vor allem aber erbitte ich Ihr Gebet für uns alle auf einem sicherlich nicht einfachen Weg, der jetzt vor uns liegt.

Ja, ich weiß um den Missbrauch in seinen verschiedenen Dimensionen. Ich weiß um den ungenügenden Umgang damit, um Fehlverhalten von Verantwortlichen insgesamt und um Irritationen in der Kirche in Deutschland und der Weltkirche – bis hin zu einer reformbedürftigen Kommunikation und Verkündigung des Glaubens, die heute zu oft am Leben der Menschen vorbeigeht. … Gern würde ich heute von möglichst vielen von Ihnen erfahren, was Sie in den vergangenen Monaten im Einzelnen bewegt hat und was die konkreten Beweg-Gründe sind für den Standpunkt, den Sie aktuell einnehmen: zu mir persönlich, aber doch vielmehr noch hinsichtlich Ihres Christseins in dieser Krisen- und Umbruchszeit der Kirche.

Kardinal Woelki setzt darauf, dass besonders die … erfüllenden Momente der Begegnung mit Gott und untereinander … unseren Alltag bestimmen; und kommt auf den Punkt: … Daran möchte ich sehr gewissenhaft mit Ihnen gemeinsam arbeiten. …

Dafür möchte ich in den kommenden Wochen und Monaten die Begegnung mit möglichst vielen von Ihnen suchen, um voneinander zu hören, was uns zu schaffen macht – und auch, woraus wir leben. Ich wünsche mir sehr und hoffe darauf, dass Sie mir auf den Wegen, die dafür notwendig sind, entgegenkommen. Dass dies offen, angstfrei und ehrlich geschehen kann, dafür möchte ich alles mir Mögliche tun. Vielleicht wird dies nicht immer direkt gelingen. So möchte ich Sie um Ihre Hilfe und Ihre Unterstützung bitten. Die Hoffnung, die ich damit verbinde, ist die Möglichkeit einer neuen Erfahrung miteinander. Es würde mich freuen, wenn auch Sie diese Hoffnung und Offenheit teilen könnten.

Kardinal Woelki bietet an, … dass wir nach Möglichkeit nicht von vornherein festgelegt aufeinander zu kommen und gehen, sondern auch dem eine Chance geben, was wir jetzt wahrnehmen, was und wie wir etwas heute hören und dabei vielleicht entdecken, welche neuen Einsichten sich als zukunftsweisend herausstellen. Dafür möchte ich in der kommenden Zeit Räume und Möglichkeiten zur Verfügung stellen und Sie dahin einladen. Und sehr gerne werde ich auch überall dort hinkommen, wo Sie mir Ihre Türen öffnen.

… Mir liegt daran, miteinander Räume zu betreten und zu gestalten, in denen wir uns ehrlich begegnen, einander zuhören und in denen wir gemeinsam die Möglichkeiten ausloten, wie es in unserem Erzbistum „gut“ weitergehen kann. Dafür möchte ich jetzt vor allem meine Zeit einsetzen.

So wird es für mich ein eher stiller Beginn sein … zu dem vor allem gehört, Ihnen zuzuhören: Ihrer Enttäuschung, Ihrem Ärger, Ihren Vorwürfen genauso wie Ihren Erwartungen, Wünschen, Ihrem Zuspruch und Ihren guten Ideen. Ich bitte Sie, geben Sie dem, geben Sie mir, Gelegenheit dazu.

Unser Kardinal schließt mit einem Gebet. Wir verweisen erneut auf die ungekürzte Fassung, die wir Ihnen zur vertiefenden Lektüre von Herzen empfehlen.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 08/22 (C)

Zum Krieg in der Ukraine

Bei seiner wöchentlichen Generalaudienz am Mittwoch, dem 23. Februar, appellierte Papst Franziskus an Gläubige und Nicht-Gläubige gleichermaßen, für den Frieden in der Ukraine zu beten und zu fasten.

Wörtlich sagte er: „Ich lade alle ein, den kommenden 2. März, den Aschermittwoch, zu einem Tag des Fastens für den Frieden zu machen. Ich ermutige die Gläubigen in besonderer Weise, sich an diesem Tag intensiv dem Gebet und dem Fasten zu widmen. Möge die Königin des Friedens die Welt vor dem Wahnsinn des Krieges bewahren."

Wenig später, am Freitagabend, meldete sich der Hl. Vater dann mit einem Tweet auch auf Russisch und Ukrainisch zum Krieg in Osteuropa. Über den Onlinedienst Twitter ließ er verbreiten: „Krieg ist ein Versagen der Politik und der Menschheit, eine beschämende Kapitulation. Jeder Krieg hinterlässt die Welt schlechter, als er sie vorgefunden hat."

Der Vatikan verbreitete das Zitat aus der Enzyklika „Fratelli tutti“ (2020) von Papst Franziskus in den üblichen Sprachen Italienisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Deutsch, Polnisch und Arabisch auf Twitter – und ausnahmsweise auch auf Russisch und Ukrainisch.

Das Internet-Portal „Vatican News“ berichtet von einem ungewöhnlichen Schritt, mit dem Papst Franziskus bereits am Freitagvormittag Russlands Botschafter beim Heiligen Stuhl aufsuchte. Er blieb eine halbe Stunde und brachte seine Sorge über den Krieg gegen die Ukraine zum Ausdruck. Üblicherweise werden Botschafter in solchen Fällen einbestellt; Franziskus entschied sich umgekehrt für einen Besuch in der Botschaft.

Darüber hinaus telefonierte der Papst am Samstag mit Kiewer Großerzbischof und Oberhaupt der griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine. Über dieses Telefongespräch berichtete das Sekretariat des Großerzbischofs mit Sitz in Rom.

Franziskus habe sich nach der Lage in Kiew und der Ukraine im Allgemeinen erkundigt und bereit erklärt, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um zu helfen. Auch habe er sich nach der Situation der Bischöfe und Priester in den von der russischen Militäroperation am stärksten betroffenen Gebieten erkundigt.

Anschließend dankte der Papst der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche für ihre Nähe zu den Menschen, für ihre Entscheidung, ihnen beizustehen, und dafür, dass sie den Keller der Kiewer Kathedrale zur Verfügung gestellt hat, der zu einem Zufluchtsort geworden ist. Schließlich versicherte er sie seiner Gebete und erteilte dem leidenden ukrainischen Volk einen Segen.

Schewtschuk war diese Woche zu einer Audienz bei Papst Franziskus erwartet worden. Er musste seine Reise wegen der aktuellen Entwicklungen absagen.

In dem Tweet mit den Hashtags #Ukraine #Betenwirgemeinsam erneuert der Papst auch seine Einladung, für den Frieden zu beten. Für kommenden Aschermittwoch hat er alle Gläubigen wiederholt dazu aufgerufen, einen Gebets- und Fastentag für die Ukraine einzulegen.

Zur Weltsynode

Ein weiteres Anliegen ist die Weltsynode. Erstmalig bezieht Papst Franziskus alle Gläubigen weltweit in die Vorbereitung dieses gemeinsamen Weges für alle Gläubigen ein. Die zentralen Fragen dabei: Wie soll die Zukunft unserer Kirche aussehen? Was bewegt die Gläubigen?

Die Rückmeldungen aus dem Erzbistum Köln sind nicht nur für Papst Franziskus und die Synode 2023 in Rom gedacht. Sie sind auch Orientierung und Chance für das Leben in unseren Gemeinden vor Ort!

Bis zum 18. März haben alle Gläubigen aus dem Kölner Erzbistum Gelegenheit, über die Beteiligungsplattform https://www.weltsynode.koeln/ all das zu sagen, was ihnen wichtig ist. Ich lade Sie ein, dies auch in größeren und kleineren Gruppen zu tun.

Von meiner Seite aus biete ich dafür drei Möglichkeiten an zu einem Austausch am:

·         Samstag, dem 05. März von 10:00 bis 11:30 Uhr, und / oder

·         Samstag, dem 12. März von 10:00 bis 11:30 Uhr, und / oder

·         Sonntag, dem 13. März von 15:00 bis 16:30 Uhr.

Wer vor Ort live dabei sein möchte: Wir treffen uns im Pfarrbüro / Sitzungsaal. Wer online dazukommen möchte: Bitte melden Sie sich im Pfarrbüro. Am einfachsten per E-Mail. Wir schicken Ihnen dann den Link zur Einwahl zu.

Wir tauschen uns aus und geben unsere Anliegen entweder gemeinsam oder individuell über die Beteiligungsplattform https://www.weltsynode.koeln/ an das Erzbistum weiter.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 07/22 (C)

Jan Brueghel der Ältere - Bergpredigt (1598)

Auch wenn es sich fast so anhört, ist es nicht die “Berg-” sondern die “Feldpredigt”, die an diesem Sonntag, dem sechsten im Jahreskreis (Lesejahr C) vorgetragen wird. Der heilige Lukas berichtet im sechsten Kapitel, ab Vers 17, dass „Jesus mit den Zwölf den Berg hinabstieg. In der Ebene blieb er mit einer großen Schar seiner Jünger stehen und viele Menschen aus ganz Judäa und Jerusalem und dem Küstengebiet von Tyrus und Sidon waren gekommen.“

Jesus stieg also vom Berg hinab. Er doziert nicht als Erhabener von oben nach unten wie im Matthäus-Evangelium (5,1 ff), worin selbstverständlich auch eine wichtige Aussage liegt. Matthäus legt Wert darauf, dass die Bergpredigt als autoritative Offenbarung verstanden wird.

Lukas hingegen betont, dass Jesus nicht nur auf Augenhöhe mit den Menschen spricht. Er sagt darüber hinausführend ausdrücklich (Lk 6,20): „Jesus richtete seine Augen auf seine Jünger.“ Damit unterstreicht Lukas das große Interesse, dass der in Jesus menschgewordene Gott an jedem einzelnen seiner Zuhörer hat. Und alles christliche Beten gipfelt in der Tat über das anfängliche Reden des Beters, dem sein Schweigen folgt, dann vor allem im vertrauensvoll zuhörenden Blick auf Gott.

Den dann folgenden vier Seligpreisungen werden vier Wehrufe entgegengesetzt. Jeus mutet damit seinen Zuhörern einiges zu (Lk 6,20-26): „Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes. Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet gesättigt werden. Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und wenn sie euch ausstoßen und schmähen und euren Namen in Verruf bringen um des Menschensohnes willen. Freut euch und jauchzt an jenem Tag; denn siehe, euer Lohn im Himmel wird groß sein. … Doch weh euch, ihr Reichen; denn ihr habt euren Trost schon empfangen. Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern. Weh, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet klagen und weinen. Weh, wenn euch alle Menschen loben.

Wir sind auf materielle Güter angewiesen, die zwangsweise auch irgendjemandem gehören. Wo genau verläuft – für jeden nämlich anders – der richtige Weg zwischen arm und reich. Jeder von uns muss essen und trinken. Wo genau verläuft – für jeden nämlich anders – der richtige Weg zwischen Magersucht und Völlerei?

Frohe Menschen sind ein Segen. Ausgelassene Fröhlichkeit kann allerdings leicht umkippen, und man verlacht die, denen aus berechtigten Gründen nicht zum Lachen ist. Letzteres kann jedoch schnell zu einer unseligen Traurigkeit führen.

Eine wunderbare Antwort auf diesen scheinbaren Widerstreit legen die beiden Kurzgebete zu Beginn des Gottesdienstes an diesem sechsten Sonntag nahe, die der Heiligen Schrift entnommen sind bzw. ihr eng folgen. Zum einen das Eröffnungsgebet: „Sei mir ein schützender Fels, eine feste Burg, die mich rettet. Denn du bist mein Fels und meine Burg; um deines Namens willen wirst du mich führen und leiten.“ (Ps 31 bzw. 30, 3-4). Und dann das Tagesgebet: „Gott, du liebst deine Geschöpfe, und es ist deine Freude, bei den Menschen zu wohnen. Gib uns ein neues und reines Herz, das bereit ist, dich aufzunehmen.

So betet der ehrlich Aufrechte. Er weiß, auch aus wiederholter Erfahrung, dass er aus eigener Kraft nicht mit jenem Gott vertraut sein kann, der ihn herausholt und erlöst aus dem Dilemma und der am Ende abgrundtiefen Aussichtslosigkeit des Lebens. Das wird dann auch angesprochen in der ersten Sonntagslesung (Jer 17, 5): „Verflucht der Mann, der auf Menschen vertraut, auf schwaches Fleisch sich stützt.“ Das Herz dieses Mannes (ibid.) „wendet sich ab vom Herrn“ (ibid.). Demgegenüber ist jener Mann gesegnet, „der auf den Herrn sich verlässt und dessen Hoffnung der Herr ist“ (ibid., 7).

Die grundsätzlich aussichts- und ausweglose Situation des Menschen liegt nicht auf der gleichen Ebene wie die „führende und leitende“ Nähe eines Gottes, der den Menschen voraussetzungslos liebt. Somit ist beides zunächst einmal unvereinbar. Zur Überwindung dieser abgrundtiefen Diskrepanz bittet der Betende deshalb um „ein neues und reines Herz, das bereit ist, dich (Gott) aufzunehmen.“

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 06/22 (C)

Sag's dem Papst!" - Weltsynode 2021-2023

Start der diözesanen Beteiligungsphase im Erzbistum Köln – Freischaltung der Onlineplattform

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder,

das ist einzigartig: Als weltweite Gemeinschaft macht sich die Kirche auf den Weg und beginnt einen zweijährigen synodalen Prozess, der die XVI. ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode zum Thema „Synodalität“ im Herbst 2023 vorbereiten soll.

Erstmalig bezieht Papst Franziskus die gesamte Weltkirche – und damit auch das Erzbistum Köln – in die Vorbereitung der Weltsynode ein. Ausdrücklich wünscht er sich eine aktive Teilnahme möglichst vieler Katholikinnen und Katholiken sowie von Menschen anderer christlicher Konfessionen und auch von den Menschen, die sich bereits von der Kirche abgewandt haben, um ihm mitzuteilen, wie sie sich die Kirche der Zukunft vorstellen.

Die Phase der Beteiligung in unserer Diözese wollen wir nutzen, um auf die Hoffnungen und Freuden, aber auch auf die Ängste und Sorgen der Menschen in unserem Erzbistum zu hören. Dabei gibt es keine Tabuthemen. Insbesondere kritische Themen und Stimmen sollen benannt werden.

Für diese Beteiligung steht im Erzbistum Köln unter www.weltsynode.koeln vom 1. Februar bis zum 18. März eine digitale Beteiligungsplattform zur Verfügung. Sie ermöglicht es Einzelnen wie Gruppen, zu den vom Papst benannten zehn Themenfeldern ihre Erfahrungen, Wünsche und Meinungen zu benennen und beizutragen. Die Beteiligungsplattform ist so eingerichtet, dass die Eingaben gelesen und kommentiert werden können.

Ich lade Sie alle ausdrücklich ein: Beteiligen Sie sich, sagen Sie es weiter und nutzen Sie diese Chance.

Kommen Sie miteinander ins Gespräch. Tauschen Sie sich aus, in Ihren Pfarreien, Gemeinden, Seelsorgebereichen, Gemeinschaften, Verbänden, Familienkreisen, in Ihren Einrichtungen und Initiativen, in Ihren Schulklassen, Kinder- und Jugendgruppen, in Ihren informellen Gruppen, mit Ihren Berufskolleginnen und -kollegen... – oder in welchen Verbindungen auch immer, und geben Sie uns Ihre Rückmeldung! Jede und jeder kann sich einbringen.

Alle Rückmeldungen auf der Beteiligungsplattform www.weltsynode.koeln werden nach dem 18. März gebündelt. Das Ergebnis wird zeigen, was den Menschen in unserem Erzbistum am Herzen liegt, was für Veränderungen sie von ihrer Kirche erwarten oder ihr vorschlagen – für Rom, aber vor allem auch für uns selbst und das Leben in unseren eigenen Gemeinden. Ich bin in gespannter Erwartung, wie es gelingen wird, die Impulse aufzugreifen und umzusetzen.

Auf einer großen diözesanen Synodalversammlung am 30. April und 1. Mai 2022 wird mit Menschen aus dem Erzbistum beraten, wie die Ergebnisse zu einem etwa zehnseitigen Papier zusammengefasst werden können. Nach der Synodalversammlung wird diese finale Zusammenfassung aus dem Erzbistum Köln über die Deutsche Bischofskonferenz nach Rom geleitet und somit Teil des globalen, weltweiten synodalen Prozesses.

Die Beteiligungsplattform für das Erzbistum Köln – mit vielen Informationen und Angeboten zum Mittun und zum Austausch – finden Sie unter www.weltsynode.koeln.

Sagen Sie uns und dem Papst, wie Sie sich Ihre Kirche der Zukunft vorstellen. Ich bin überzeugt, dass die diözesane Phase der Weltsynode unser Erzbistum und unsere Kirche weiterbringen wird.

Verbunden im gemeinsamen Glauben grüßt Sie sehr herzlich

Ihr Weihbischof Rolf Steinhäuser

Apostolischer Administrator des Erzbistums Köln

 

Pfarrnachrichten 05/22 (C)

Jesus in der Synagoge - Autor unbekannt

An diesem „vierten Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr (C)“ kommt im katholischen Gottesdienst der Evangelist Lukas mit seinem aufschlussreichen Bericht (Kap. 4, Verse 21-30) über die „Antrittsrede Jesu in Nazareth“ zu Wort. Nach der Taufe im Jordan (vgl. Lk 3, 21ff) und der Versuchung in der Wüste (vgl. Lk 4,1 ff) hatte Jesus in einigen Synagogen in Galiläa bereits gelehrt (vgl. Lk 4, 14f). „Die Kunde von ihm verbreitete sich in der ganzen Gegend“, und er „wurde von allen gepriesen“, wie Lukas (ibid.) eigens bemerkt.

Daran anschließend berichtet Lukas ausführlich über die erste Predigt, die Jesus in Nazareth, seiner Heimatstadt hielt. Heute ist Nazareth eine Stadt von 70.000 Einwohnern. Damals war Nazareth ein Dorf mit ca. 100 Bewohnern. Es war damals so üblich, dass einer aus der Gemeinde beim Gottesdienst aufstand, sich eine Schriftrolle geben ließ, daraus vorlag und sich dann dazu äußerte. Aber dieses Mal geschah etwas Ungewöhnliches.

Man reichte Jesus (vgl. Lk 4,17-21) „die Buchrolle des Propheten Jesaja. Er öffnete sie und fand die Stelle, wo geschrieben steht: Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe. Dann schloss er die Buchrolle, gab sie dem Synagogendiener und setzte sich. Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet. Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.

Anfangs (vgl. Lk 4, 22) „stimmten ihm alle zu; sie staunten über die Worte der Gnade, die aus seinem Mund hervorgingen, und sagten: Ist das nicht Josefs Sohn?“ Jesus weiß, dass diese Zustimmung nur seinem beeindruckend elegant-gewandtem Auftreten galt. Nicht aber dem, was er ihnen gerade erklärt hatte: „Heute hat sich das Schriftwort … erfüllt.“

Jesus sagt ihnen voraus, dass sie ihn nicht als den Gesalbten, den verheißenen Messias annehmen, sondern ihn gerade als diesen ablehnen werden (vgl. Lk 4, 23-27). Und Lukas beendet seine Erzählung dann so: „Als die Leute in der Synagoge das hörten, gerieten sie alle in Wut. Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus; sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, und wollten ihn hinabstürzen. Er aber schritt mitten durch sie hindurch und ging weg.

Wir hören Worte voller Gnade, sehen wutentbrannte Zuhörer und einen Jesus, der mitten durch sie hindurchschritt und wegging.

Unwillkürlich – womöglich von Lukas mit Blick auf den Leser auch so beabsichtigt – mag man sich fragen: Wie hätte ich reagiert, wäre ich damals dabei gewesen wäre? Und natürlich auch verstanden hätte, was Jesus hier gesagt hat, nämlich: Ich bin der Messias! Was mag Theophilus gedacht haben, dem Lukas sein Evangelium gewidmet hat?

Spätestens hier wird deutlich: Es geht im Evangelium um Entscheidung – für oder gegen den „Sohn des lebendigen Gottes“! (vgl. Mt 16,16)

Die Frage „Wer ist Jesus für mich?“ stellt sich immer wieder. Auch heute basteln sich viele einen Jesus so zurecht, wie er einem passt: als Freund der Armen, als Sozialreformer, als ein besonders Großer, als Versöhner durch Feindesliebe, oder als „Sohn Gottes“ im Sinne eines mit Gott nur besonders vertrauten Menschen. Die "pluralistische Theologie der Religionen" schätzt ihn hoch, aber eben nur gleichwertig mit anderen Religionsstiftern. Der moderne Subjektivismus reduziert. Er lässt nur einen Jesus à la carte, einen Messias nur nach dem jeweiligen Geschmack zu.

So sieht man dann auch die Kirche. Sie soll eine Kirche für alle werden, indem in ihr alles möglich werde. Es ist an der Zeit, innezuhalten und in sich zu gehen.

Der in Jesus menschgewordene dreifaltige Gott, der in einer Person Mensch und Gott zugleich ist, wirkt in seiner Kirche in einer Kontinuität ohne Brüche und Paradigmenwechsel. Also kein Jesus à la carte, und auch keine Kirche, die sich jedem je nach seinem Geschmack anbietet. Dann wird auch die Frage wieder erlösungsrelevant: „Und wer bin ich für Dich, Jesus?

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 04/22 (C)

Der Evangelist Lukas bei der Arbeit - Stollhofen Chorgemälde

Der Evangelist Lukas beginnt sein Evangelium mit folgender, interessanter Vorbemerkung (Lk 1,1-4), wie sie heute zum Evangelium (dritter Sontag im Jahreskreis, Lesejahr C) vorgetragen wird: „Schon viele haben es unternommen, eine Erzählung über die Ereignisse abzufassen, die sich unter uns erfüllt haben. Dabei hielten sie sich an die Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren. Nun habe auch ich mich entschlossen, nachdem ich allem von Beginn an sorgfältig nachgegangen bin, es für dich, hochverehrter Theóphilus, der Reihe nach aufzuschreiben. So kannst du dich von der Zuverlässigkeit der Lehre überzeugen, in der du unterwiesen wurdest.

Nach einhelliger Meinung führender Altphilologen sind dies die kunstvollsten Sätze im Neuen Testament. Die Anrede des namentlich genannten Theophilus mit „hochverehrt (Κράτιστε Θεόφιλε)" dürfte ein Hinweis auf dessen Stand als römischer Senator, Ritter oder Prokurator sein. Vielleicht war er ein Katechumene, der zur Vorbereitung auf die Taufe im christlichen Glauben unterwiesen wurde. Oder er war Neophyt, also gerade getauft.

Was mag er bei der Lektüre gedacht haben? Was denken wir heute, wenn wir mit dieser Einleitung das Evangelium des hl. Lukas lesen?

Lukas legt in seiner kunstvollen Einführung dar, dass auch er – wie schon seine Vorgänger – Informationen eingeholt, Zeugen befragt und sorgfältig recherchiert habe.

Als einziger unter den Evangelisten gehörte Lukas zu den „klassisch“ Gebildeten seiner Zeit. Er ist kein gewöhnlicher Schreiber. Er ist ein feinsinniger Schriftsteller, mit dem großen Gefühl eines Griechen für die Formschönheit des Satzes und der Erzählung. Trotz seiner Fähigkeit geht er mit einigem Zögern ans Werk: nur weil es schon andere versucht hätten, hofft er in Bescheidenheit, dass nun auch er sein Ziel erreichen könne. Hier zeigt sich seine Herzensbildung.

Zudem erweist Lukas sich als qualifizierter Geschichtsschreiber. In moderner Art bemüht er sich um sorgfältige Quellenkritik. Gewissenhaft geht es ihm um Treue dem ihm überlieferten „Wort“ gegenüber. So ist Lukas zugleich auch ein demütiger, bescheidener, gewissenhafter und vor allem ein glaubender Mensch.

Er will durch seine Erzählung andere zur Wahrheit des Wortes der christlichen Botschaft führen. Dabei findet sich nichts, was wie „aufdringliche Propaganda“ für den christlichen Glauben aussehen könnte.

Lukas ist ein erfüllter und mit Freude Glaubender, der allein von Tatsachen erzählen will. Diese sind ihm so überzeugend, dass allein durch sie der Leser schon zur eigenen Überzeugung finden werde. Ihm selber sind sie so wunderbar und kostbar, dass auf Dauer wohl niemand sich dem Erzählten verschließen könne.

In dieser Überzeugung geht er ans Werk: Mit Sinn für Schönheit und Grazie, mit dem ernsthaften Wunsch, allein der Wahrheit zu dienen, und zugleich mit kindlichem Glauben, den er mit anderen in Fülle teilen möchte.

Lukas, der demütige Diener des Wortes (vgl. Kol 1,25f), nennt sein Werk „Erzählung (διηγήσις)". Damit setzt er es bewusst ab von den Evangelien des Markus, Matthäus und Johannes. Lukas ist selber kein Augenzeuge; wie auch Markus nicht. Sie stehen bereits in der Reihe der Überlieferer, die sich jedem öffnet, der die Heilige Schrift in die Hand nimmt und vorbehaltlos zu lesen beginnt.

Die Heilige Schrift insgesamt, und hier noch einmal besonders das Neue Testament, ist in der Weltliteratur einmalig. Religiöse Tiefe und historische Zuverlässigkeit treffen zusammen, wie es sonst nirgends der Fall ist. Wir Christen brauchen uns mit unserer Bibel vor niemandem zu verstecken. Wir sind nicht auf irgendwelche klug ausgedachten Geschichten hereingefallen!

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 03/22 (C)

Hochzeit zu Kana, Bilddetail, Louvre - Paolo Veronese

„In jener Zeit fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt und die Mutter Jesu war dabei. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen.“ So beginnt das Evangelium von diesem zweiten Sonntag im Jahreskreis (vgl. Joh 2,1-11).

Nach dem Besuch der drei Könige an der Krippe, der Taufe Jesu im Jordan ist als drittes Ereignis die Hochzeit zu Kana ein sogenanntes „Epiphanie Geschehen“, also ein Ereignis, bei dem die göttliche Größe und Besonderheit Jesu für alle sichtbar aufleuchtet und „erscheint“.

Mit dieser dritten „Epiphanie“ beginnt Jesus sein öffentliches Wirken ausgerechnet anlässlich einer Hochzeit. Womöglich haben wir uns schon öfter einmal gefragt: „Herr, wie warst bzw. wie bist du eigentlich? Hast Du auch gelacht? Und lachst du weiterhin? Oder bist du immer nur ernst?“

Anlässlich der Hochzeit von Kana und des ersten von Jesus dort gewirkten Wunders, die Verwandlung von Wasser in Wein, lernen auch wir ihn kennen, wie damals die Jünger der ersten Stunde. Jesus ist kein finsterer Asket. Mit ihm wollen und dürfen auch wir uns von ganzem Herzen freuen.

Das Leben als Christ macht wirklich Freude. Wer nicht auch Spaß am Leben hat, ist womöglich ein schlechter Christ. Man übersieht leicht den Eingang zum Himmel und läuft daran vorbei, wenn man nur mit erstem Gesicht unterwegs ist.

Jesus verwandelte Wasser in Wein. Damit rettete er eine ausgelassen Hochzeitsfeiert. Und er unterstützte damit, dass Menschen sich auch materiell – an Speise und Trank, an Gesang und Tanz – erfreuen konnten!

Da war bestimmt gute Stimmung! Und Jesus, seine Mutter und seine Jünger waren mittendrin. Jesus führte seine Jünger nicht in die Einsamkeit, sondern mitten unter die Menschen. Dort lebte er unbefangen und nahm an ihren Festen teil. Wir können uns hier ruhig einmal ganz ehrlich fragen: Bin auch ich ein Jünger, ein Schüler Jesu? Lasse ich mich von ihm dorthin führen, wo meine Anwesenheit zum Segen werden soll?

Aber das Evangelium von der Hochzeit zu Kana sagt uns noch viel mehr. Jesus spricht von seiner „Stunde“, die „noch nicht gekommen ist“. Dann redet er seine Mutter mit „Frau“ an und doch wirkt er auf ihre Fürsprache das Wunder, das der Evangelist ein „Zeichen“ nennt.

In keiner neutestamentlichen Schrift kommt der Begriff „Stunde“ so oft vor wie bei Johannes. Was bei den anderen Evangelisten der „Kairos“ ist, ist beim vierten Evangelisten „seine Stunde“:

Im siebten Kapitel bei Johannes etwa heißt es (Joh 7,30): „Da suchten sie ihn festzunehmen; doch keiner legte Hand an ihn, denn seine Stunde war noch nicht gekommen.“ Und dann fünf Kapitel weiter (Joh 13,1): „Es war vor dem Paschafest. Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen.“ Und kurz vor der Passion dann erneut (Joh 17, 1): „Er erhob seine Augen zum Himmel und sagte: Vater, die Stunde ist gekommen. Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht!“

Das sind nur drei von den insgesamt 19 Stellen, in denen von der „Stunde Jesu“ die Rede ist. Diese Rede von der „Stunde“ wird meist so gedeutet (vgl. Papst Benedikt XVI., Jesus von Nazareth, in: JRGS 6/1, S.460): Das Wesentliche dieser Stunde ist zum einen das „Hinübergehen“ (metabainein); und zum anderen die bis ans Ende reichenden Liebe (agápe). Beide Bedeutungen erklären sich gegenseitig. Und sie sind voneinander untrennbar.

Beim „Hinübergehen“ wird das ins Leben verwandelt, was dem Tod verfallenen ist. Und diese Verwandlung gründet in der Liebe. Die „Stunde“ Jesu ist also die Stunde der Verwandlung. In ihr wird das Geschaffene durch die Liebe, die Agape, umgeschmolzen und ganz neu gemacht. Diese Stunde ist damit Hinübergehen – im Sinne von Verwandlung – und Liebe in einem.

Deshalb überliefert Johannes die Worte (19,30) „Es ist vollbracht“ als letzte Wort des Gekreuzigten. Es ist die Liebe bis in den Tod hinein, die bis ans Ende sich schenkende Agape, die alles neu macht und dann für immer so sein lässt.

Jetzt erklärt sich auch, warum Jesus seine Mutter scheinbar zurückweist. Er redet sie nicht mit Mutter, sondern mit „Frau“ an. Jesus drückt damit aus, dass das persönlich-familiäre Verhältnis von Mutter und Sohn vorbei und zu Ende ist. Das ist nicht mehr.

Das Wort „Frau“ drückt darüber hinaus auch ein „Noch nicht“ aus. Seine Stunde ist „noch nicht“ gekommen. Wenn sie aber kommt, dann wird Maria eine neue Aufgabe haben, die ihr jetzt noch nicht zukommt.

Vom Kreuz aus, unmittelbar vor seinem Übergang zum Vater, blickt Jesus auf seine Mutter und auf Johannes. Er redet sie erneut mit „Frau“ an. Beide Augenblicke greifen also ineinander. Kana ist Vorgriff auf die endgültige Hochzeit; auf den neuen Wein, den der Herr als sein Blut schenken will. Am Kreuz wurde zur Wirklichkeit, was in Kana noch vorausdeutendes Zeichen war. (vgl. Papst Benedikt XVI., Jesus von Nazareth, in: JRGS 6/1, S. 582.)

Wenn Jesus trotzdem erst auf die Intervention Mariens hin das Wunder wirkt, dann ist es ein augenblickliches, ein vorübergehendes Aufleuchten des Kommenden; ein Anzeichen dessen, was nachher sein wird, wenn sie die Mittlerin in seinem Reich ist.

Insbesondere deutet Johannes schließlich das, was vom Evangelium der Hochzeit zu Kana in die Augen springt, generell als Zeichen. Wörtlich (2,11): „So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn.“ Nicht die Verwandlung der zudem ungewöhnlichen Menge von 600 Litern Wasser in vorzüglichen Wein ist das Entscheidende. Sondern der Glaube an die göttliche Sendung des Herrn, die er in Tod und Auferstehung vollenden wird.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 02/22 (C)

Taufe Jesu - 1440 von Fra Angelico

Coronabedingt haben wir im vergangenen Jahr sehr oft die Gottesdienste mit dem „Asperges-Ritus“ begonnen: begleitet von einem Messdiener schritt der Priester mit dem Weihwasserwedel durch den Mittelgang. Und einige Gläubige sind dabei richtig nass geworden. Auf der anderen Seite haben kleinere Kinder, die nur wenig Weihwasser mitbekommen hatten, auf dem glatten Steinboden nach weiteren „Weihwassertropfen“ gesuchte, die „daneben“ gegangen waren. - Dieser Ritus in Verbindung mit den Worten „Herr, wasch ab meine Schuld, von meinen Sünden mache mich rein”, erinnert an die Taufe.

An diesem Sonntag feiern wir das Fest der Taufe Jesu. Sie erscheint immer in Verbindung mit einer anderen großen Persönlichkeit, mit Johannes dem Täufer in der Wüste. Besonders auffällig an ihm ist seine Selbstlosigkeit, mit der er vor allem auf Jesus hinweist. Johannes hält niemanden bei sich fest. So lässt er seine eigenen Freunde und Jünger zu Jesus gehen, als wolle er sagen: „Der nach mir kommt”, ist die Zukunft. Folgt ihm; nicht mir.

Eine kaum fassbare Selbstlosigkeit liegt auch im Verhalten Jesu. Als er zum Jordan kam, lagen die prägenden Erfahrungen der Kindheit und der Jahre des „Zunehmens an Alter, Weisheit und Gnade“ (vgl. Lk 2,52) hinter ihm. In diesen Jahren war das überwältigende Bewusstsein einer ungeheuren Aufgabe gewachsen. Ihm war seine Aufgabe bewusstgeworden, als „Menschensohn“ die verloren gegangene Verbundenheit der ganzen Schöpfung mit Gott wiederherzustellen. In unergründlicher Tiefe war Gott selber in ihm und göttliche Kraft durchströmte ihn.

Romano Guardini hat in seinem Buch „Der Herr“ hierzu geschrieben: „Die erste Gebärde aber, die wir von ihm (Jesus) sehen, und das erste Wort, das er spricht, sind Demut. Nirgendwo der Anspruch der Ungewöhnlichkeit, der sagt: ‚Das gilt für andere, nicht für mich!‘ Er kommt zu Johannes und verlangt die Taufe. Sie verlangen heißt das Wort des Täufers annehmen und sich als Sünder bekennen; Buße tun und sich dem öffnen, was von Gott herkommen will. So verstehen wir, wie Johannes erschrocken abwehrt. Jesus aber tritt in die Reihe (vgl. Mt 3,14 f). Er beansprucht keine Ausnahme, sondern stellt sich unter die ‚Gerechtigkeit', die für alle gilt.

So wie für Johannes der Weg in die Zukunft die Gemeinschaft mit Jesus war, so liegt für Jesus die Zukunft im Reich Gottes, in der Verbundenheit des Menschen mit Gott.

Johannes hat sich mit ganzer Kraft dafür eingesetzt, die Menschen mit Jesus bekannt zu machen. Denn wer mit Jesus zusammenkommt, der hat Zukunft. Denn Jesus hat Gott auf seiner Seite. Und das weiterführend hat sich Jesus mit ganzer Kraft dafür eingesetzt, in engster Verbundenheit mit Gott zu leben. Dann wird einem bewusst, wofür und aus welcher Kraft man lebt.

Auch ein mit Gott zutiefst Verbundener hört „nicht immer die Engel singen.“ Aber er erlebt, dass sich immer wieder „der Himmel öffnet“, wie es an diesem Sonntag im Evangelium heißt.

Wenn der Himmel sich auftut, hagelt es nicht Gesetze und Vorschriften, sondern Gott kommt in die Welt. Dann gilt für jeden, was über Jesus bei seiner Taufe gesagt wurde: Er ist der geliebte Sohn, an dem der Vater seine Freude hat.

In einem Kinderlied wird dieses Gefühl gut getroffen: „Wenn einer sagt: Ich mag dich, du, ich find dich ehrlich gut, dann krieg ich eine Gänsehaut und auch ein bisschen Mut.

In Gemeinschaft mit Johannes dem Täufer und dem „Menschensohn“ Jesus Christus bekommen auch wir dieses Wort zu hören.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 01/22 (C)

Hl. Drei Könige (pixabay)

In seiner Katechese am 2. Sonntag nach Weihnachten rief Papst Franziskus dazu auf, Jesus in unser Leben einzuladen. Wörtlich sagte er: „Die Krippe zeigt uns, dass Jesus in unser ganz konkretes gewöhnliches Leben kommt, in dem nicht immer alles gut läuft und wo es viele Probleme gibt."

In seiner kurzen Ansprache ging Franziskus vom Johannesprolog aus, den Johannes an den Anfang seines Evangeliums gestellt hat. Dieser Prolog ist dann auch das für diesen Sonntag vorgegebene Evangelium. Der Evangelist Johannes schreibt dort unter anderem: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt" (1,14).

Hierzu erklärte der Papst: „Genaugenommen sind es Worte die ein Paradoxon enthalten. Sie bringen zwei gegensätzliche Realitäten zusammen: Wort und Fleisch. ,Wort' verweist darauf, dass Jesus das ewige Wort des Vaters ist, unendlich, seit jeher existierend, vor allen geschaffenen Dingen; ,Fleisch' dagegen verweist auf unsere geschaffene Wirklichkeit: zerbrechlich, begrenzt, sterblich."

Doch mit unserer Schwachheit konfrontiert, ziehe sich der Herr nicht zurück, stellte Franziskus fest. „Das ist das Werk Gottes: in unsere Mitte zu kommen. Auch wenn wir uns für unwürdig halten, hält ihn das nicht auf. Wenn wir ihn ablehnen, wird er nicht müde, uns zu suchen. Wenn wir nicht bereit und willens sind, ihn zu empfangen, zieht er es vor, trotzdem zu kommen."

Damit, dass Jesus in einem Stall in Bethlehem, in Armut, geboren wurde, habe er uns sagen wollen, dass er in unser Leben kommen wolle – ganz gleich, wie problembehaftet und armselig dieses auch sei. Gott suche die Vertrautheit mit uns, und wir müssten nur Platz für ihn schaffen, schlussfolgerte der Papst und erklärte, wie wir diese Vertrautheit mit dem Herrn erreichen können:

„Zum Beispiel, indem wir vor der Krippe innehalten, denn sie zeigt, dass Jesus in unser ganz konkretes, gewöhnliches Leben kommt, in dem nicht immer alles gut läuft und wo es viele Probleme gibt: Hirten, die hart arbeiten müssen, Herodes, der das Leben die Unschuldigen bedroht, große Armut... Aber mitten in all dem ist Gott, der unter uns Wohnstatt nehmen will. Und er wartet darauf, dass wir unsere Situation, unser Leben vor ihn tragen. Sprechen wir also vor der Krippe mit Jesus über unsere konkrete Situation. Laden wir ihn offiziell in unser Leben ein, vor allem in die dunklen Bereiche, in unsere ‚inneren Ställe‘. Und erzählen wir ihm auch furchtlos von den sozialen und kirchlichen Problemen unserer Zeit, denn Gott liebt es, unter uns zu wohnen."

(Quelle: vaticannews, 02 Januar 2022, 12:16 - https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2022-01/papst-franziskus-angelus-katechese-vertrautheit-jesus.html?fbclid=IwAR04GcmNCHOWPeGHXH5Z6q6IWzX6yZf9_YoieuqVme4mFiHU94OECmAL88o)