Pfarrnachrichten 48 / 2022

Kretisches Advents-Labyrinth aus 2500 brennenden Teelichtern in der Heilig-Kreuz-Kirche in Frankfurt-Bornheim

Noch in der Reha hat unser Subsidiar, Msgr. Dr. Cesar Martinez einen weiteren Predigtband zur Veröffentlichung gebracht. Gerne empfehle ich die Predigten, die nun gedruckt auch an andere gewinnbringend weitergegeben werden können. Die Advents- und Weihnachtszeit bietet sich dafür ja bestens an. Aus diesem Anlass gebe ich im Folgenden eine jüngst in der Tagespost veröffentlichte Buchbesprechung von Barbara Stühlmeyer an Sie weiter. (Pfarrer Dr. Volker Hildebrandt)

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Die Predigten von Monsignore Cesar Martinez, Priester des Opus Dei und Prediger an der Kölner Kirche St. Pantaleon, haben eine Wirkung, die derjenigen gleicht, die ein wärmendes Feuer in der weglosen Wildnis auf einen einsam herumirrenden Wanderer hat. Sie ziehen denjenigen, der sie hört magisch an. Denn sie erreichen nicht nur den Kopf, der dem Wanderer mitteilt, dass hier eine Möglichkeit wartet, die steif gewordenen Glieder wieder zu wärmen, sondern vor allem das Herz, jene glutvolle Mitte des Menschen, von der Heilung, Liebe und Wandlung ausgehen.

Die Predigten dieses Bandes legen die Schrifttexte des Lesejahres A aus. Sie sind deshalb ein idealer Jahresbegleiter für geistliche Sinnsucher… Im Vergleich zu seinem ersten Band mit Predigten zum Lesejahr C, der im vergangenen Jahr erschien, ist der Ton in diesem Büchlein dringlicher geworden. Denn es geht bei dem inzwischen offenkundig massenhaften Glaubensabfall, der alle Ebenen der Kirche in unserem Land betrifft, um keine Lappalie oder gar um etwas, das man in nachsichtiger Toleranz mit entgegenkommender Pastoral gutheißen kann.

Es geht vielmehr darum, dass Christus, wie Cesar Martinez in seinem Vorwort an die Leser, Josefmaria Escrivá zitierend, sagt, „keine vorrübergehende Erscheinung, keine Erinnerung, die sie zu in der Geschichte verliert“ ist, sondern ein jedem von uns gegenwärtiges, Sie und mich suchendes und an sein Herz ziehendes Du ist, das unablässig darum wirbt, uns zu sich, in die ewige und überzeitliche Wirklichkeiten seiner Kirche einzuladen. Damit dies gelingt, bedarf es einer echten Beziehung. Denn Christsein ist keine Frage der Mitgliedschaft in einem Verein oder der Zugehörigkeit, die der eines Rädchens in einem Apparat gleicht, der womöglich bei der Herstellung nicht fehlerfrei justiert wurde und den man deshalb nun umbauen muss.

Was die notwendige Reform der Kirche an Haupt und Gliedern betrifft, geht Cesar Martinez weder von einer Neuverteilung der „Macht“ noch der Abschaffung des Priestertums aus, sondern vielmehr von dessen innerer Erneuerung, der allein ein zu erhoffender neuer Frühling der Kirche folgen kann. Christusförmig zu werden, ist den Priestern in besonderer Weise auferlegt, zugleich aber allen anempfohlen, die auf Seinen Wegen gehen.

Cesar Martinez möchte Begleiter auf diesem Weg sein. Jede einzelne seiner Predigten ist ein Licht, das den oft schmalen Pfad des Glaubens erhellt, bei dem wir der Gabe der Unterscheidung bedürfen, um nicht in die Irre zu laufen. Ein Licht, dass dafür sorgt, was wir, die wir diese Predigten lesen, die Orientierung behalten. Dieser Predigtband ist deshalb, wenn man so will, eine Landkarte, die mitten ins Herz Jesu hineinführt. Eine, die von dort ausgeht, wo wir sind, uns aber nicht dort stehen lässt, sondern uns vielmehr aufruft, Ihm zu folgen.

„Unser Alltag ist ein Begegnungsort mit Gott“, schreibt Martinez in seinem Vorwort und lädt dazu ein, so wie er selbst es getan hat, in dem in den Evangelien geschilderten Alltag Jesu die Spuren unserer eigenen Begegnungsgeschichte mit ihm zu entdecken, wahrzunehmen, dass er uns, egal wo und wie wir sind, bereits gefunden hat und uns mit ewiger Liebe an sich ziehen will.

Dass Cesar Martinez all dies in herzenswarmer, einfacher, jedem Menschen guten Willens verständlicher Sprache tut, ist sein Erkennungsmerkmal. Dass er zudem immer wieder mit einem Lächeln zu sagen vermag, wo der Weg zum Leben ist, auch wenn es dabei um schwierige Dinge wie die Umkehr, um Reue und Buße geht, ist ein weiteres Kennzeichen dieses begnadeten Predigers. Seine Bücher wünscht man sich in den Händen vieler. Für Priester und solche, die es werden wollen, sollten sie eine als Gnadengeschenk empfangene Pflichtlektüre sein.

Cesar Martinez: Habt keine Angst! Christiana-Verlag im Fe-Medienverlag, Kisslegg, 2022, 331 Seiten, ISBN /EAN: 9783717113560

 

 

Pfarrnachrichten 47 / 2022

Christus Pantokrator in der Apsis der Kathedrale von Cefalù

Am Christkönigssonntag betet die Kirche in all ihren Sonntagsgottesdiensten: „Allmächtiger, ewiger Gott, du hast deinem geliebten Sohn alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden und ihn zum Haupt der neuen Schöpfung gemacht. Befreie alle Geschöpfe von der Macht des Bösen, damit sie allein dir dienen und dich in Ewigkeit rühmen.“ In diesem Gebet spiegelt sich wider, was Papst Pius XI im Jahr 1925 zur Einführung des Christkönigfestes vor knapp einem Jahrhundert bewogen hat.

Bis zu jener Zeit verbanden die jeweils Regierenden ihre herrschaftliche Gewalt gewöhnlich mit der umfassenderen Herrschaft, die von Gott als dem Schöpfer aller Dinge ausgeht. Die Regierenden wussten sich an erster Stelle nicht dem Volk, sondern Gott verantwortlich. Sie ordneten ihre Herrschaft ein in die größere Herrschaft Gottes und verstanden ihre Unterordnung unter der Vorherrschaft Gottes nicht als Einschränkung, sondern als Voraussetzung und Absicherung, nicht zum Despoten zu werden.

Durch die säkulare Wende, nach der alle Gewalt vermeintlich vom Volk ausgehe, bedurfte es einer Klärung und zugleich einer Korrektur vor Missverständnissen, damit die Gesellschaft fortan nicht abhängig werde von der Diktatur des sich auch stetig veränderbar Vorherrschenden. Eben diese säkulare Fehlentwicklung hat die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts durch das Erstarken kommunistischer und faschistischer Kräfte schließlich in den zweiten Weltkrieg geführt.

Zu Beginn dieser Entwicklung zeigte sich die Parteienlandschaft der Weimarer Republik hoffnungslos zersplittert. Auf den Straßen der großen deutschen Städte herrschten Chaos und Gewalt. Die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn war zerfallen. Im ehemaligen Zarenreich Russland erstarkten kommunistische und in anderen Ländern Europas faschistische Kräfte, die Religion und Kirche grundsätzlich ablehnten.

Auf diese Situation bezog sich Papst Pius XI., als er am 11. Dezember 1925 seine Enzyklika „Quas Primas“ veröffentlichte und in der Einleitung unter anderem schrieb: „Jene Flut von Übeln hat eben deshalb die Welt überschwemmt, weil die meisten Menschen Jesus Christus und sein heiligstes Gesetz sowohl aus ihrem persönlichen Lebenswandel als auch aus der häuslichen Gemeinschaft und dem öffentlichen Leben verbannt haben".

Mit der Einführung eines neuen Hochfestes, des Christkönigssonntags, wollte Papst Pius XI. an den Herrschaftsanspruch Jesu erinnern und wieder Hoffnung auf eine bessere Zukunft schenken: „Wenn wir nun anordnen, Christus solle von der ganzen katholischen Welt als König verehrt werden, so wollen wir damit auch dem Bedürfnis unserer Zeit entgegenkommen und ein wirksames Heilmittel jener Pest entgegenstellen, welche die menschliche Gesellschaft befallen hat. Die Pest unserer Zeit ist der sogenannte Laizismus mit seinen Irrtümern und gottlosen Absichten.

Diese Anordnung hat an Aktualität nichts verloren. Zahlreiche fragliche Mehrheitsbeschlüsse lassen teils sehr deutlich erkennen, dass Demokratie nicht allmächtig ist und es auch nicht werden darf. Sie ist eine geeignete und derzeit wohl die beste Organisationsform einer modernen Gesellschaft, sofern sie sich ihrer Grenzen, die auf die Begrenztheit des Menschen zurückgeht, bewusst bleibt.

In seiner Begrenztheit ist und bliebt der Mensch auf Erlösung durch seinen Schöpfer angewiesen. Das gilt dann auch für jede demokratische Gesellschaft, die nur dann segensreich sein kann und wird, wenn sie die Vorherrschaft Gottes und die „Spielregeln“ anerkennt, die er seiner Schöpfung vom Menschen durchaus erkennbar – und am besten gelingt das mit Gottes Hilfe – mit auf den Weg gegeben hat.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 46 / 2022

Der im Vergleich zur sonstigen Bebauung Jerusalems gigantische Tempel wurde 70 n.Chr. im jüdisch-römischen Krieg dem Erdboden gleich gemacht. Erhalten sind nur noch die gewaltigen westlichen Fundamentmauern, die heutige Klage- oder Westmauer.

Die Lesungen gegen Ende des Kirchenjahres könnten eine gewisse "Weltuntergangsstimmung" aufkommen lassen. Da ist vom Gericht, von Katastrophen und vom Ende der Zeit die Rede. Da hören wir u.a. die apokalyptischen Worte Jesu (Lk 21,6-11): „Es wird eine Zeit kommen, da wird … alles niedergerissen werden. ... Viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin es!, und: Die Zeit ist da. – Lauft ihnen nicht nach! Und wenn ihr von Kriegen und Unruhen hört, lasst euch dadurch nicht erschrecken! Denn das muss als Erstes geschehen; aber das Ende kommt noch nicht sofort. … Es wird gewaltige Erdbeben und an vielen Orten Seuchen und Hungersnöte geben; schreckliche Dinge werden geschehen, und am Himmel wird man gewaltige Zeichen sehen.“

Ausgangspunkt dieser Voraussagen ist die Bewunderung einiger Zeitgenossen Jesu für die Schönheit und gigantischen Ausmaße des Jerusalemer Tempels. Dieser gewaltige Tempel war damals als „Wohnsitz Gottes auf Erden“ Nationalheiligtum der Juden. In seiner Größe und Pracht zählt er zu den sieben Weltwundern der Antike: eine kolossale Gottesburg mit Steinquadern, die bis zu 8 Tonnen wogen. Für die Juden war der Tempel Teil ihrer Identität und galt als unzerstörbar.

Mit seinen Worten weist der Herr auf die Vergänglichkeit alles Irdischen hin, mag es auch für unsere begrenzte Wahrnehmung kurzfristig alles andere überstrahlen. Der Tag des Herrn, der Tag seiner offenbaren Ankunft, wird das Ende dieser Zeit bedeuten. Die Macht und die Herrlichkeit werden sichtbar werden. Dann wird klar sein, was gilt und wer bleibt. – Allerdings: Sollen wir den Tag herbeiwünschen? Bringt er mehr Entsetzen und schmachvolles Erwachen als die verheißene endgültige Erlösung?

Von ihrem Grundtenor her rufen die Lesungen uns zu, sich durch Panikmache, egal von welcher Seite, nicht aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen! Andernfalls wird man zum Sklaven der eigenen Angst und geht schnell all den selbsternannten Propheten auf den Leim! Auf der einen Seite lähmt Angst und führt zur Tatenlosigkeit. Auf der anderen Seite bewirkt Angst aber auch das andere Extrem: unbesonnene Hektik und Übereifer. Beide Extreme verdrehen und verkürzen die Wirklichkeit und verhindern wohlüberlegtes und besonnenes Handeln. Sie entsprechen nicht dem christlichen Glauben.

Aber auch andere Verirrungen sind möglich. Paulus musste damals den christgläubig gewordenen Thessalonichern deutlich ins Gewissen reden. Sie lebten in ihrer schon gefährlichen Glaubensvorstellung so sehr in der verheißenen Endzeit, dass sie darüber ihre alltäglichen Pflichte grob vernachlässigten: „Wir hören, dass einige von euch ein unordentliches Leben führen und alles Mögliche treiben, nur nicht arbeiten“, schreibt Paulus (2 Thess 3) und erinnert an das eigene Beispiel, das er ihnen gegeben hat: „Wir haben bei euch kein unordentliches Leben geführt und bei niemand unser Brot umsonst gegessen; wir haben uns gemüht und geplagt, Tag und Nacht haben wir gearbeitet, um keinem von euch zur Last zu fallen. … Als wir bei euch waren, haben wir euch die Regel eingeprägt: Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.“

So fordert Paulus die Thessalonicher auf, „im Namen Jesu Christi, des Herrn, in Ruhe ihrer Arbeit nachzugehen und ihr selbst verdientes Brot zu essen.“ Damit schließt sich der Kreis; denn der Tag der Wahrheit hat in gewisser Weise längst begonnen: Gott richtet und rettet jetzt. Deshalb sagt der Herr (Lk 21, 18f): „Wenn ihr (gemeint ist: jetzt) standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen … und es wird euch kein Haar gekrümmt werden.“

Der rechte Blick auf die letzten Dinge erhellt das gegenwärtige Leben und verdunkelt es gerade nicht. Er befähigt, losgelöst über den materiellen Gütern zu stehen und den Wert der einem zugemessenen Zeit zu erkennen. Er lässt den Sinn von Pflichttreue in Beruf und Gesellschaft tief und beglückend erfahren. Der rechte Blick auf die letzten Dinge führt dazu, mitten im Leben schon jetzt erfüllt auf den Himmel zu schauen, doch nicht wie einer, der sich in der Welt nicht zurechtfindet, sondern wie einer, der mit beiden Füßen fest auf der Erde steht. – Daran knüpft sich eine wunderbare Sicht und großartige Perspektive der Arbeit des Menschen und seines irdischen Schaffens als Gabe Gottes an.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 45 / 2022

Der Reliquien-Schrein der Makkabäer in St. Andreas, Köln

Gott hat in seine Schöpfung ein machtvolles Entwicklungspotential hineingelegt. So vollzogen sich in der Natur gewaltige Veränderungen. Wo Evolution sich überzeugend nachweisen lässt, setzt sie sinnvollerweise Gottes schöpferische Vorgreifen voraus, nicht jedoch außer Kraft. Aber das Staunen wie das Erschrecken darüber kommt erst mit dem Menschen auf. Vor seinem Auftreten sprach niemand von Katastrophen; niemand staunte, niemand erzitterte. In einem tieferen Sinn gab es weder Furcht noch Ehrfurcht, weder Verzweiflung noch Hoffnung.

Im irdischen Geschehen fragt erst der Mensch nach Sinn, nach gestern und morgen. Und nur der Mensch lebt nicht vor sich hin, sondern er lebt in und auf Hoffnung hin. Er lebt von den vielen kleinen Hoffnungen und von der einen großen: Ich lebe, und ich werde leben.

Die Alternative zu einem Leben in Hoffnung ist ein Leben in Gleichgültigkeit, die im Eigentlichen nur Verzweiflung und Sinnlosigkeit überdeckt: Alles vergeht, auch ich vergehe. Nichts wird bleiben, und am Ende ist es auch besser so.

Für Menschen aber, die zum Leben erwacht aus dem tiefsten Grund ihres Wesens leben, gibt es Hoffnung. Sie leben in und aus der Hoffnung im Glauben an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Von solchen Menschen ist nicht erst im Neuen, sondern schon im Alten Testament die Rede. Gegen Ende des Kirchenjahres hört der Christgläubige von ihnen unter anderem in den aktuellen Sonntagslesungen.

Das zweite Buch der Makkabäer berichtet im siebten Kapitel von sieben Brüdern, die mit Ihrer Mutter vom König (mit relativer Gewissheit wohl der hellenistische Antiochus IV. Epiphanes: 175–164 v. Chr.) festgenommen wurden, um sie gegen ihre religiöse Überzeugung unter Folter zur heidnischen Opferpraxis zu zwingen. Sie widerstanden und ihre Mutter ermutigte sie noch dazu.

Als die Folterknechte etwa vom dritten Bruder (2 Makk 7, 10f) „seine Zunge forderten, streckte er sie sofort heraus und hielt mutig die Hände hin. Dabei sagte er gefasst: Vom Himmel habe ich sie bekommen, und wegen seiner Gesetze achte ich nicht auf sie. Von ihm hoffe ich sie wiederzuerlangen.

Es wird berichtet, dass (ibid., 12-14) „sogar der König und seine Leute über den Mut des jungen Mannes staunten, dem die Schmerzen nichts bedeuteten.“ Und (ibid. 13f) „als er tot war, quälten und misshandelten sie den vierten genauso. Dieser sagte, als er dem Ende nahe war: Gott hat uns die Hoffnung gegeben, dass er uns wieder auferweckt. Darauf warten wir gern, wenn wir von Menschenhand sterben. Für dich aber gibt es keine Auferstehung zum Leben.

Schon die Makkabäerbrüder lebten mit ihrer Mutter in der Hoffnung, welche den christlichen Märtyrern im frühen Christentum bis heute die Kraft gab, gegen die Androhung und den Vollzug des Foltertodes dem Gott und Herrn in Jesus Christus zu vertrauen, der uns Menschen treu bleibt. Und der, wie der Hl. Paulus in seinem Pastoralbrief an die Thessalonicher schreibt (2 Thess 2, 16), „uns seine Liebe zugewandt und uns in seiner Gnade ewigen Trost und sichere Hoffnung geschenkt hat.“ Wie von selber wird diese Erinnerung zum Gebet, wenn Paulus dann fürbittend den Adressaten schreibt (ibid., 2, 17 und 3, 5): „Er tröste euch und gebe euch Kraft zu jedem guten Werk und Wort. … Der Herr richte euer Herz darauf, dass ihr Gott liebt und unbeirrt auf Christus wartet.

Im Neuen Testament „rückt die Auferstehung in die Mitte des Credo. Sie ist nicht mehr eine unter vielen anderen Glaubensaussagen, sondern wird mit dem Gottesbegriff identifiziert. Der Auferstehungsglaube ist im Gottesglauben selbst enthalten.“ So der große Theologe Josef Ratzinger und spätere Papst Benedikt XVI., mit Blick auf das aktuelle Sonntagsevangelium. Zum Ende des darin überlieferten Streitgespräches erklärt der Herr den Sadduzäern, welche die Auferstehung leugneten (Lk 20, 27f): „Dass aber die Toten auferstehen, hat schon Mose in der Geschichte vom Dornbusch angedeutet, in der er den Herrn den Gott Abrahams, den Gott Isaaks und den Gott Jakobs nennt. Er ist doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden; denn für ihn sind alle lebendig.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 44 / 2022

Jesus und Zachäus

Das Evangelium von diesem Sonntag – die Begegnung von Zachäus mit Jesus (Lk 19, 1-10) – stellt dem Zuhörer ein anschauliches Ereignis vor Augen, an dessen Ende Jesus in Form einer Selbstoffenbarung über sich sagt (ibid., 10): „Der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.

Von den vier Evangelisten berichtet alleine der Heilige Lukas von diesem Ereignis. Und Lukas positioniert es aufschlussreich an prominenter Stelle: am Ende des Weges nämlich, den Jesu von Galiläa aus nach Jerusalem ging. Dort vollendete er im realen Vollzug seines Sterbens und Auferstehens, was er durch Wort und Tat als das kommende und geheimnisvoll unter uns schon gegenwärtige Reich Gottes verkündet hat: wie es hier auf Erden beginnt und im Himmel für immer fortdauern wird.

Es spricht also vieles dafür, dass Lukas in der Begegnung des Zachäus mit Jesus die Botschaft Jesu so verdichtete, wie er selber sie verstanden hat. Lassen wir deshalb Lukas ungekürzt zu Wort kommen, was und wie er aufschlussreich über Jesus und Zachäus berichtet; insbesondere unter welchen Umständen sich beide begegnet sind. – Lukas berichtet folgendes (Kapitel 19, Vers 1-10):

In jener Zeit (1) kam Jesus nach Jéricho und ging durch die Stadt. (2) Und siehe, da war ein Mann namens Zachäus; er war der oberste Zollpächter und war reich. (3) Er suchte Jesus, um zu sehen, wer er sei, doch er konnte es nicht wegen der Menschenmenge; denn er war klein von Gestalt. (4) Darum lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus zu sehen, der dort vorbeikommen musste. (5) Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und sagte zu ihm: Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus bleiben. (6) Da stieg er schnell herunter und nahm Jesus freudig bei sich auf. (7) Und alle, die das sahen, empörten sich und sagten: Er ist bei einem Sünder eingekehrt. (8) Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Siehe, Herr, die Hälfte meines Vermögens gebe ich den Armen, und wenn ich von jemandem zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück. (9) Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist. (10) Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.

In diesem Abschnitt erklärt Lukas beispielhaft, wie Jesus und jeder, der ihm als sein Jünger folgen möchte, dem Reich Gottes gemäß, also christlich lebt, auftritt und handelt.

Zachäus ist klein. Als Oberzöllner, der andere übervorteilt und mit „unreinem Geld“ zu tun hat, wird er von anderen ausgegrenzt. Lukas gestaltet das augenfällig durch die Menschenmenge, die dem Zachäus den Blick verstellt. Schon die vorausgehende Begegnung Jesu und dem Blinden (vgl. Lk 18, 35-48), die mit dem heutigen Evangelium eng verbunden ist, geschieht vor dem Hintergrund von Ausgrenzung und abweisender Menge.

Sowohl der Blinde wie auch Zachäus finden sich mit dieser Situation nicht ab. Sie ergreifen – schon vorab geheimnisvoll von Gottes immer zuvorkommender Gnade berührt – die Initiative und möchten Jesus nahe sein. Der Blinde ruft und schreit „Jesus, Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“ Er lässt sich dabei von den Umstehenden nicht beirren, gar zum Schweigen bringen (vgl. Lk 18, 38f). Zachäus klettert, den Umständen entsprechend, dafür auf den Maulbeerfeigenbaum und hält Ausschau.

Und dann passiert es. Jesus „schaut hinauf“ (s.o.). Die Blicke beider treffen aufeinander. Beide schauen sich an. Und so begegnen sie sich: von Angesicht zu Angesicht; persönlich und unwiederholbar einzigartig.

Vor allem anderen steht die persönliche Begegnung des Zachäus, wie schon des Blinden, mit Gott selber in seiner im Gottessohn menschgewordenen Nähe und Anteilnahme. So nimmt Gott jeden an, der das möchte. Und er nimmt jeden ernst, der das möchte. Und das unabhängig von der jeweiligen Lebenssituation.

Ähnlich wie Jesus zuvor schon den blinden Bettler gefragt hat (Lk 18, 41): „Was willst du, dass ich dir tun soll?“ fordert er den Oberzöllner vielversprechend und einfühlsam wie erwartungsvoll auf (ibid., 19, 5): „Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus bleiben.

Jesus nennt Zachäus beim Namen und er lädt sich bei ihm ein: ohne Tadel; ohne erhobenen Zeigefinger. Noch ist nicht die Zeit einer „Lehre“: einer weiterführenden Unterweisung und begleitenden Unterstützung im christlichen Leben. Allem voran wird Zachäus wahr- und angenommen. So kann Zachäus in seiner nicht einfachen Situation sich auch selber annehmen und in seiner bisherigen Art zu leben ändern.

Das geschieht im unausgesprochenen, aber offensichtlichem Vertrauen des Zachäus auf die durch Jesus vermittelte und immer zuvorkommende liebende und verwandelnde Kraft Gottes. Bezeichnender Weise wird nicht einmal ausdrücklich gesagt, dass Zachäus Jesus nun nachfolgt. Des Zachäus neues Handeln ist Nachfolge!

Das Reich Gottes ereignet sich und wächst dort, wo Vorurteile, Ausgrenzung und Abwertung in ihren vielfachen Facetten in der Begegnung mit Jesus ein Ende finden. Nicht die moralische Verurteilung, ja nicht einmal die Lehre Jesu stehen im Vordergrund, sondern die gelebte Nähe, in und mit der Jesus deutlich macht, wer und wie Gott ist. Zu dieser gelebten Nähe sind alle Getauften aufgerufen und besonders gestärkt durch Gottes Kraft (Hinweise auf die Firmung!) in Jesus Christus befähigt.

Allerdings darf diese Begegnung untereinander all die erlebbare und heilende Kraft Gottes nicht erneut totschlagen durch Vorurteile, Ausgrenzung und Abwertung der Botschaft Jesu, wie sie sich in der über zweitausendjährigen und geistgewirkten Lehrtradition der Kirche segensreich und vertiefend entfaltet hat. Hier kann ich nicht anders, als dem sogenannten „Synodalen Weg“ die rote Karte zeigen.

Viel zu oft und auch verstörend wurde dort behauptet, Teile der Botschaft Jesu hätten sich in der kirchlichen Lehrtradition zu einer gefühlt menschenfeindlichen Ideologie entwickelt. Das ist in meinen Augen eine neue Form von Pelagianismus, eine Form von intellektueller Selbsterlösung, bei der durch wortreiche und gedanklich nicht stringente Papiere die Botschaft Jesu und die Offenbarung Gottes durch irreführende Vorurteile, Ausgrenzung und Abwertung der kirchlich-geistgewirkten Lehrtradition partiell bis zur Unkenntlichkeit entstellt werden.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 43 / 2022

Gleichnis vom ungleichen Beten des Pharisäers und des Zöllners

In seinem Roman „Die Wahlverwandtschaften“ lässt Johann Wolfgang von Goethe den Protagonisten Eduard feststellen: „Der Mensch ist ein wahrer Narziss; er bespiegelt sich überall gern selbst, er legt sich als Folie der ganzen Welt unter.“ – Da ist leider viel Wahres dran. Und Jesus verdeutlicht im heutigen Sonntagsevangelium, dass sogar ein gottgläubiger Mensch bis in das vertraute, innere Gespräch mit Gott sich ihm entfremden und dem Narzissmus verfallen kann. Aus eigener Kraft können wir uns vom Hang zum Narzissmus nicht befreien.

Somit ist auch jedes echte Beten nur aus Gnade möglich. Ohne Gebetsgnade pervertiert das innere Gespräch mit Gott zum Monolog, zum selbstbezogenen Gespräch mit sich selber. Nur durch Gnade bleibt das Beten, was es ist: ein offener Austausch mit Gott. Ein ehrlicher Dialog, der nichts von unserer am Ende armseligen Situation verdrängt und immer ganz offen ist für Gottes lichtvolle Wort.

Jesus erklärt das im Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner (Lk 18, 9–14), „die zum Tempel hinauf gingen, um zu beten“. Um das Gleichnis richtig zu verstehen und im Sinne Jesu zu deuten, erklärt Lukas vorab, dass Jesus dieses Gleichnis jenen erzählte, „die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt … die anderen verachteten.

Das geht unter die Haut. Wenn Narzissmus sogar vermeintlich betende Menschen verdreht, weil sie Gottes Gnade irgendwann als entbehrlich erachten: was ist dann mit einer Gesellschaft, die Beten und Gott grundsätzlich als überflüssig ablehnen? Lassen wir vor diesem Hintergrund das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner, die „zum Tempel hinauf gingen, um zu beten“, auf uns wirken.

Der Pharisäer stellte sich hin und sprach bei sich dieses Gebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den zehnten Teil meines ganzen Einkommens. Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wollte nicht einmal seine Augen zum Himmel erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig!“

Fragen wir uns, bevor wir weiterlesen: Wem ähnelt meine Art zu beten? Mehr der Art des Pharisäers oder mehr der des Zöllners? Halten wir inne. Gehen wir in uns! …

Wenn wir nun noch einige Details beachten, dann wird deutlich, dass zwischen dem Pharisäer und dem Zöllner Welten liegen.

(1) „Der Pharisäer stellte sich hin.“ Lukas verwendet hier das Verb „σταθεὶς (statheis)“. In diesem Verb klingt mit, was wir mit „er trat auf“ oder sogar „er pflanzte sich auf“ ausdrücken. Der Pharisäer „zelebrierte“ also vor Gott im Tempel „einen Auftritt“. „Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen“: „μακρόθεν ἑστὼς“ = „weit weg stehend“. Er betet also von ferne.

(2) Gegenüber dem Zöllner wird die Gebetshaltung des Pharisäers nur kurz beschrieben. Dafür wird ausführlich erzählt, was der Pharisäer „bei sich“, oder genauer übersetzt „zu sich selber (πρὸς ἑαυτὸν) als Gebet sprach“. Das „Gebet“ des Pharisäers ist kein wirklicher Dialog. In seinem bei sich selber bleibenden „Beten“ erhebt er sich über alle anderen: „dass ich nicht wie die anderen Menschen bin“. Undifferenziert sind für den Pharisäer offenbar alle anderen einfach nur „Räuber, Betrüger (und) Ehebrecher“. Und er scheut nicht zurück, über den betenden Zöllner weit hinter ihm (dieser Zöllner dort) ebenso abfällig zu „beten“. Zu guter Letzt hebt er sein über das Gebotene hinausgehende Fasten („zweimal in der Woche“, statt einmal) und Spenden („den zehnten Teil meines ganzen Einkommens“, statt den zehnten Teil seiner Ernte) hervor.

(3) Die äußere Gebetshaltung, als Spiegel der inneren, nimmt hingegen bei der Darstellung des Gebetes vom Zöllner den weitaus größeren Teil ein. Er „blieb ganz hinten stehen“. Er wollte zudem „nicht einmal seine Augen zum Himmel erheben, sondern schlug sich an die Brust.“ Anders als vom narzisstischen Gerede des Pharisäers wird vom Zöllner als Gebet nur wiedergegeben: „Gott, sei mir Sünder gnädig!

Das Urteil Jesu – „Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt nach Hause zurück, der andere nicht.“ – lässt uns erneut innehalten und fragen: Wie bete ich? Ist mein Gebet echt? Geht es aus Gottes Gnade hervor? Oder tu ich nur so, um mir selber zu gefallen? Erneut wird deutlich, wie sehr wir auf Gottes Gnade angewiesen sind.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 41 / 2022

Heilung der zehn Aussätzigen - Codex Aureus Epternacensis

Dankbare Menschen sind angenehme Menschen. Wer hingegen alles wie selbstverständlich annimmt, verliert schnell das Gespür für das, was er anderen verdankt. Er rechnet sich meist alles selber an. In der Folge fehlender Dankbarkeit wird werden Menschen schnell unangenehm

Unter anderem darum geht es dem Evangelisten und Arzt Lukas im heutigen Sonntagsevangelium. Als Arzt waren ihm Lepra-Kranke wohl vertraut. In der Antike mussten sie immer auf Abstand gehen. Am Saum ihrer Gewänder trugen sie kleine Schellen. So wurden die Gesunden auch akustisch vor ihnen gewarnt. Lukas erzählt (17,11-19):

Es geschah auf dem Weg nach Jerusalem: Jesus zog durch das Grenzgebiet von Samárien und Galiläa. Als er in ein Dorf hineingehen wollte, kamen ihm zehn Aussätzige entgegen. Sie blieben in der Ferne stehen und riefen: Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns! Als er sie sah, sagte er zu ihnen: Geht, zeigt euch den Priestern! Und es geschah: Während sie hingingen, wurden sie rein. Einer von ihnen aber kehrte um, als er sah, dass er geheilt war; und er lobte Gott mit lauter Stimme. Er warf sich vor den Füßen Jesu auf das Angesicht und dankte ihm. Dieser Mann war ein Samaríter. Da sagte Jesus: Sind nicht zehn rein geworden? Wo sind die neun? Ist denn keiner umgekehrt, um Gott zu ehren, außer diesem Fremden? Und er sagte zu ihm: Steh auf und geh! Dein Glaube hat dich gerettet.“

Mit der Krankheit hat Jesus kein Problem. Aber die Menschen haben ein Problem, wenn sie nicht dankbar sind. Von den10, die geheilt wurden, kehrte nur dieser eine, der zudem aus dem Land der angebliche ungläubigen Samariter kam, zu Jesus zurück, um zu danken.

Wie sagt man?“ wurden wir als Kinder gefragt, wenn wir vergessen hatten zu danken. „Dank“ schuldet man. Und zu „Dank“ ist man verpflichtet. Unsere Sprache reflektiert, dass danken in einem bedeutenden Zusammenhang mit „Schuld“ und „Verpflichtung“ steht. So ist danken weiß Gott nicht einfach. Aber wer zu danken vergisst, es gar absichtlich übersieht, ist „verpeilt“ und auf dem falschen Weg.

Die zehn Leprösen mussten auf Abstand bleiben. Und vielleicht hat sogar einer der Apostel mit Widerwillen oder Abscheu auf ihr Rufen reagiert. Der Herr aber blickte voll Erbarmen auf sie. Den Samariter wird dies besonders ergriffen haben. Denn er wurde von Jesus, der doch Jude war, in gleicher Weise angeschaut und geheilt wie die anderen, die wohl Juden waren. Darüber hinaus konnte Jesus nur ihm als Zurückkehrendem sagen: „Dein Glaube hat dir geholfen.

Daraus ergibt sich der tiefere Sinn, zu dem der biblische Text von Lukas uns führen möchte. Alle zehn sind „rein“ im Sinne von gesund geworden. Aber „rein“ im Sinne von geheilt wurde nur dieser eine: durch seinen Glauben. Anders als Gesundheit steht Heil für ein neues, erfülltes und auf Endgültigkeit angelegtes Leben.

„Dein Glaube hat dir geholfen.“ Der religiöse Glaube lässt die Beziehung des Menschen zu Gott, zum Nächsten und zu sich selber in einer Weise wachsen – oder stellt sie dort wieder her, wo sie verlorengegangen ist –, die zur Erfüllung führt und dort „ankommen“ lässt, wo sich alles als stimmig und richtig erweist. Was der Mensch dabei an Gutem erfährt, drückt er in seinem Danken und zunehmender Dankbarkeit aus.

Für das alltägliche Leben gibt der Heilige Josefmaria Escrivá in seine Spruchsammlung „Der Weg“ (Nr. 268) deshalb den folgenden Rat: „Gewöhne dich daran, dein Herz viele Male während des Tages in Dankbarkeit zu Gott zu erheben. Weil Er dir dies und jenes gibt. Weil man dich verachtet hat. Weil du das Notwendige hast, oder weil du es nicht hast.

Weil Er seine Mutter, die auch deine Mutter ist, so schön gemacht hat. Weil Er die Sonne geschaffen und den Mond und dieses Tier und jene Pflanze. Weil Er jenen Menschen so beredt geschaffen hat und dich so schwerfällig im Wort... Sage Ihm Dank für alles, denn alles ist gut.“

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 40 / 2022

Stärke unseren Glauben, Herr!

Die Zeiten sind unruhig. Eine anhaltende Ungewissheit über das, was uns in nächster Zukunft alles noch erwartet, schürt Ängste. Diese äußern sich in Unzufrieden mit sich und anderen. Viele spüren das an ihrer Arbeitsstelle und auch in der Nachbarschaft. Man wird noch mehr versucht, zuerst an sich zu denken und den Nächsten immer weniger zu berücksichtigen.

Und viele Fragen bleiben offen: Wird der Krieg in der Ukraine eskalieren; gar auch uns erreichen? Bekommen wir die Energiekrise in Griff? Werden die spürbaren Versorgungsengpässe noch deutlich zunehmen und uns am Ende auch existentiell „an den Kragen gehen“? Das Kommende ist ungewiss, die Hoffnung auf Gutes geschwächt und das Vertrauen in die Zukunft angeschlagen.

Da trifft es sich gut, wenn uns im Evangelium des 27. Sonntages im Jahreskreis folgendes erzählt wird: In jener Zeit baten die Apostel den Herrn: Stärke unseren Glauben! Der Herr erwiderte: Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Entwurzle dich und verpflanz dich ins Meer! und er würde euch gehorchen.“ (Lk 17,5f)

Im vertrauten Gespräch mit Jesus hatte er seinen Aposteln erklärt: „Es ist unvermeidlich, dass Ärgernisse kommen.“ (ibid., 1) Dabei ließ Jesus durchblicken (ibid., 1-4), dass die Ärgernisse, auf die er mahnend hinweist, nicht nur durch Fremde und irgendwo in weiter Ferne hervorgerufen werden, sondern auch aus den eigenen Reihen kommen werden. Damit erschüttert er auch das gegenseitige Vertrauen der Apostel. Man mag sich gut vorstellen, dass sie sich untereinander fragend angeschaut haben. Und dann richtete einer von ihnen im Namen aller diese Bitte an Jesus: „Stärke unseren Glauben!“

Bedenken wir, dass die Jünger diese Bitte vor dem Erlebnishorizont einer überaus reichen und intensiven Zeit mit Jesus an ihn richteten. Sie waren bei vielen Wundern dabei. Sie hatten erlebt, dass der Herr sich durch keine der zahlreichen Anfeindungen erschüttern und von seiner Aufgabe abhalten ließ. Sie hatten die Berg- bzw. die Feldpredigt verinnerlicht. Und auch die zahlreichen Gleichnisse, die Halt und Orientierung geben. Sie hatten mit überschwänglicher Freude erlebt, von ihm erwählt und mit großem Erfolg ausgesandt zu werden. Seine Gegenwart hatte allen Widrigkeiten zum Trotz viel Licht in ihr Leben gebracht.

Dadurch war ihr Glaube ganz stark geworden. Aber der Hinweis Jesu auf die Unvermeidlichkeit von Ärgernissen, von Not und Bedrängnis, verunsichert sie. Später werden sie sogar Reißaus davor nehmen, so dass Jesus ohne sie und von ihnen verlassen am Kreuz stirbt.

Auch wir kennen das: Tiefes Berührtsein von Gott, ganz neues Erwachen aus Not und Sorge, und dann doch wieder Schwachheit und Verzagen, die uns mehr quälend als betend ähnlich den Worten der ersten Lesung aus dem Buch Hábakuk (1, 2-3) innerlich schreien lässt: „Wie lange, Herr, soll ich noch rufen und du hörst nicht? Ich schreie zu dir: Hilfe, Gewalt! Aber du hilfst nicht. Warum lässt du mich die Macht des Bösen sehen und siehst der Unterdrückung zu? Wohin ich blicke, sehe ich Gewalt und Misshandlung, erhebt sich Zwietracht und Streit.

Nicht wir machen den Glauben. Es ist auch keine Einbildung, die ihn hervorruft. Ebenso wenig ist Glaube Galgenhumor oder sonst eine Form von Selbstsuggestion. Glaube ist Geschenk. Er setzt allerdings eine Haltung voraus, wie sie dann im Sonntagsevangelium verdeutlicht wird (Lk 17,7-10): „Wenn einer von euch einen Knecht hat, der pflügt oder das Vieh hütet, wird er etwa zu ihm, wenn er vom Feld kommt, sagen: Komm gleich her und begib dich zu Tisch? Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Mach mir etwas zu essen, gürte dich und bediene mich, bis ich gegessen und getrunken habe; danach kannst auch du essen und trinken. Bedankt er sich etwa bei dem Knecht, weil er getan hat, was ihm befohlen wurde? So soll es auch bei euch sein: Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Knechte; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan.“

Was wir hier hören, spiegelt eine soziale Situation wider, die nicht nur für uns heute unerträglich ist. Darum geht es Jesus allerdings nicht. Und deshalb setzt er sich damit auch nicht weiter auseinander. Er will nur sagen, dass keiner seiner Jünger mit all seinem Tun und Arbeiten einen Anspruch vor Gott erwerben kann. Dass aber dem Jünger auf der anderen Seite ein großes Geschenk damit zuteilwurde, von Gott gerufen zu sein, in seinem Sinne zu leben, zu arbeiten und zu wirken. Wer sich darauf einlässt, erfährt den Glaube als ein Geheimnis, das ihn auf Grund der eigenen Unfähigkeit bis zum Letzten herausfordert, dabei aber auch verwandelt und zutiefst mit Gott erfüllt und glücklich macht.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 39 / 2022

Codex Aureus Epternacensis - Gleichnis vom reichen Prasser und vom armen Lazarus - um 1040

Die mittelalterliche Darstellung (vgl. Pfarrbriefbild) vom reichen Prasser und dem armen Lazarus – eine prachtvolle Buchmalerei aus der Schule von Reichenau unter Abt Humbert von Echternach (1028-1051) – führt in drei Bildabschnitten das ohnehin schon bildhafte Gleichnis, wie Jesu es nach Lukas (Lk 16, 19-31) erzählt und wie wir es diesen Sonntag hören, anschaulich vor Augen.

Der arme, um Aufmerksamkeit und Hilfe bittende Lazarus befindet sich in hockender Haltung und mit Geschwüren übersät, an denen die Hunde des Reichen lecken – der einzige Trost für Lazarus –, vor der Tür des Reichen, der großzügig bedient wird und sich in vornehmer Gesellschaft mit Speisen wählerisch vergnügen kann. Im Gegensatz zum armen Lazarus erfahren wir seinen Name jedoch nicht, obwohl er zu Lebzeiten sicher sehr bekannt war, worauf die zahlreichen Personen in seiner Nähe hinweisen. Das ins Bild übertragene Gleichnis führt im weiteren Verlauf das Entscheidende vor Augen, was den irdischen Tod überdauert. Das wird im mittleren und im unteren Bild dargestellt.

Der Name Lazarus ist die lateinische Form des griechischen Wortes Lazaros, das auf den hebräischen Namen אֶלְעָזָר (El’azar, „Gott hat geholfen“) zurückgeht. – Wer wie Lazarus darauf vertraut, dass Gott auch dann hilft, wenn alle anderen einen vergessen haben sollten, und entsprechend dieser Hoffnung lebt, der wird nicht enttäuscht und nicht vergeblich in Erwartung gelebt haben.

Am Ende wird es ihm wie Lazarus im mittleren Bildsegment ergehen: Wie bei einer Geburt ziehen die Engel Gottes als „Geburtshelfer“ seine Seele – in Form eines kleinen Menschen dargestellt, der die Engel zuversichtlich und voller Erwartung gewähren lässt –, aus seinem nackten, aber von Geschwüren bereits wie erlöst daliegenden Leib nach oben in den Himmel hinauf und zum Übergang in das durch eine geschwungene Linie getrennte Paradies mit exotischen Pflanzen. Es wird wie im Gleichnis anschaulich als „Schoss Abrahams“ dargestellt, auf dem Lazarus wie ein kleines Kind liebevoll gestützt und halb sitzend sogar einen Ehrenplatz vor den anderen Frommen einnehmen darf, die ihn in ihrer Gemeinschaft der Seligen herzlich begrüßen.

In der unteren Bildhälfte hingegen wehrt sich die gottlose Seele des reichen Prassers vergeblich gegen die Gier der bösen Dämonen, die sie endgültig und ganz ihrer bösen Macht unterwerfen wollen. So wird die Seele des reichen Prassers gegen ihren Willen aus seinem bis in den irdischen Tod hinein kostbar gekleideten Körper gezerrt. Die anwesenden Angehörigen und Freunde bemerken von diesem Kampf der dunklen Mächte und ihrer freiheitsraubenden Kraft überhaupt nichts. Sie nehmen nur Anteil am irdischen Abschied des Reichen und sind völlig blind und arglos gegenüber der dunklen Macht der Dämonen. Die Seele des Reichen wird hilflos ausgeliefert „kopfüber“ in die Hölle getragen und fällt dort – womöglich von den anderen in ihrer Solidarität mit dem Bösen schon erwartet – in den „Schoß“ des großen, liegenden Ungeheures, dessen Macht allerdings nur in der Fessel besteht, mit der an diesem Ort der Pein auch alle anderen für immer gebunden sind.

Der große Prediger und Dominikaner Rochus Spieker soll einmal sinngemäß gepredigt haben: „Pass auf, dass Du am Ende deines Lebens [durch das Licht der Gegenwart und Wirklichkeit Gottes] nicht schmerzhaft und auch gegen Dich selber gerichtet erkennen musst, dass Du immer nur Dich und Deinen Vorteil gesucht hast. Zur Umkehr, zu der Du Dich gegen besseres Wissen nie ernsthaft entscheiden konntest, und als Folge davon auch in Deiner Sterbestunde nicht mehr durchringen kannst, ist es dann zu spät. Und fortan bleibt Dir nur, Dich wiederzukäuen, bis dass es Dir zum Kotzen ist, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Wie sieht es mit uns aus? Denken wir in rechter Weise an die anderen? Machen wir uns ihre Anliegen zu Eigen? Nehmen wir uns der anderen, vor allem der Schwachen, je nach unseren Möglichkeiten und ihrer Bedürftigkeit an? – Dieses Gleichnis spricht eine starke Sprache und hält allen einen Spiegel vor. Wir sollten uns dem nicht entziehen. Und wir können es am Ende ja auch gar nicht. Auch darum geht es hier!

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 38 / 2022

Gleichnis vom ungerechten Verwalter

Liebe Mitchristen und Freunde von St. Pantaleon!

„Kein Sklave kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben, oder er wird zu dem einen halten und den anderen verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.“ Mit diesen bekannten Worten endet das Evangelium des 25. Sonntags im Jahreskreis (Lk 16, 1-13). Und von diesen Worten her ist das vorausgehende Gleichnis Jesu vom ungerechten Verwalter dann auch gut zu verstehen.

In diesem Gleichnis geht es um einen Verwalter, möglicherwiese um einen der damals hoch dotierten Sklaven, dem Unregelmäßigkeiten nachgesagt wurden. „Er verschleudere …“ das ihm anvertraute „Vermögen“. Daraufhin stellte ihn sein Herr zur Rede: „Was höre ich über dich? Leg Rechenschaft ab über deine Verwaltung! Du kannst nicht länger mein Verwalter sein.“

Es bleibt offen, wieweit der Herr dem Verwalter die Gelegenheit gegeben hat, sein Verhalten zu rechtfertigen. Er wird fristlos entlassen. Verschlagen wie er ist, nutzt er seine letzte Chance. Er überlegt: „Mein Herr entzieht mir die Verwaltung. Was soll ich jetzt tun? Zu schwerer Arbeit tauge ich nicht, und zu betteln schäme ich mich.“

So lässt er die Schuldner seines Herrn einzeln zu sich kommen. Auf seine Anweisung hin werden die Schuldscheine zu Gunsten der Schuldner geändert. Folglich werden diese ihn zukünftig, wenn er „als Verwalter abgesetzt“ ist, aufnehmen und Unterhalt gewähren müssen.

Daraufhin „lobte der Herr die Klugheit des unehrlichen Verwalters und sagte: Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes. Ich sage euch: Macht euch Freunde mit Hilfe des ungerechten Mammons, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es mit euch zu Ende geht.“

Vom Ende her wird deutlich (s.o.), dass mit diesem Gleichnis nicht die Ungerechtigkeit des Verwalters gelobt wird, sondern seine tatkräftige und pfiffige Klugheit. Diese wird dann noch wie folgt präzisiert: „Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen, und wer bei den kleinsten Dingen unrecht tut, der tut es auch bei den großen. Wenn ihr im Umgang mit dem ungerechten Reichtum nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das wahre Gut anvertrauen? Und wenn ihr im Umgang mit dem fremden Gut nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann euer wahres Eigentum geben?

Das Gleichnis steht in engem Zusammenhang mit der christlichen Lebensweise: „Gott über alles aus ganzem Herzen lieben, und den Nächsten wie sich selbst.“ – Nur wenn Gott tatkräftig, effektiv und im alltäglichen Leben erfahrbar an erster Stelle steht, nur dann steht auf Dauer auch der Nächster so an erster Stelle, wie es seiner Würde entspricht.

Andernfalls wird die Sorge um das eigene Wohl überhandnehmen, alles andere bestimmen, vereinnahmen und ersticken. Die Gemeinschaft mit Gott und den Menschen würde auseinanderdriften. Die Vereinzelung nähme bedrohlich bis zur Atomisierung der menschlichen Gemeinschaft zu. Deshalb hat Gott den Menschen von Anfang an gesagt (Gen 1,28) „unterwerft euch die Erde“, damit nicht das Irdische den Menschen vereinnahmt und versklavt.

Aus eigener Kraft vermag niemand der „Herrschaft“ der Erde zu widerstehen und tatsächlich über die Erde zu „herrschen“ (vgl. Gen 1,26) und sich das irdische Leben zu „unterwerfen“. Dafür muss Gott der wichtigste und alles entscheidende Platz eingeräumt werden. Und das mit einer der tatkräftigen, raffinierten und klugen Verschlagenheit des ungerechten Verwalters vergleichbaren Konsequenz „in den kleinsten Dingen“: beim täglichen Beten, der liebenden Mitfeier des Sonntags-Gottesdienstes, der regelmäßigen Umkehr durch Buße und Beichte, im liebevollen Umgang mit seinem Nächsten usw. usw.

Nur so kann man auch den „großen Dingen“ entsprechen. Nur dann wird man sich als in Gottes Liebe lebender Menschen erfahren, der froh, befreit und erlöst von irdischen Daseinszwängen das eigene Leben mit einer von Gott geschenkten Perspektive gestaltet, die weit über das Irdische hinausreicht.

Ihr Pfr. Dr. Volker Hildebrandt

 

Pfarrnachrichten 37 / 2022

Der verlorene Sohn und sein Bruder - Siger Köder

Liebe Mitchristen und Freunde von St. Pantaleon!

An diesem Sonntag berichtet Lukas in seinem Evangelium (Lk 15,1-32) von „Zöllnern und Sündern, die zu Jesus kamen, um ihn zu hören.“ Darüber „empörten sich die Pharisäer und die Schriftgelehrten und sagten: Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen.“

Lukas reiht dann drei Gleichnisse Jesu an diese Feststellung, mit denen Jesus seinen Zuhörern näherbringen möchte, wie sehr Gott sich für die Menschen und seine Schöpfung interessiert; und dass sein Interesse besonders in seiner Barmherzigkeit dem gegenüber zum Ausdruck kommt, was verloren ging, aber wiedergefunden wurde bzw. sich wiederfinden ließ.

Im ersten Gleichnis wird vom verlorenen Schaf erzählt, das wiedergefunden wurde. Im zweiten von der verlorenen Drachme, die von einer Frau ebenfalls nach intensiver Suche wiedergefunden wurde. Und im dritten vom verlorenen Sohn, der schließlich umkehrte, sich also ebenfalls wiederfand beim barmherzigen Vater.

Vordergründig sind diese Gleichnisse nicht bis ins Letzte konsequent. Denn handelt der Hirt nicht unverantwortlich gegenüber den 99 Schafen, die er der Suche wegen des einen verlorenen Schafes ganz alleine in der Steppe zurücklässt? Und wieso wird deshalb „auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren?“ Und wer sucht schon eine Drachme, um diese Drachme anschließend bei einem Fest anlässlich der Freude, sie wiedergefunden zu haben, wieder weg- und auszugeben?

Die Gleichnisse heben mit dieser vordergründigen Unlogik die alles überragende Konsequenz hervor, mit der Gott gegen jedes scheinbar sinnvolle Abwägen alles daransetzt, dass der Mensch seine Erfüllung findet. Und den „neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren“, wird gesagt, dass sie gefährdet sind, in einer falsche Sicherheit Gott gegenüber gleichgültig zu werden, und so die Fülle ihres Lebens zu verlieren.

Das wird vor allem beim zweiten, beim älteren Sohn deutlich. Er hat sich zwar nie von seinem Vater so dramatisch und würdelos abgesetzt, wie sein jüngerer Bruder. Er behauptet sogar, „nie gegen den Willen (des Vaters) gehandelt“ zu haben, und „er diene schon so viele Jahre“ seinem Vater. In Wirklichkeit aber hat er sich von seinem Vater ganz weit entfernt.

Beim Vater bleibt nur, wer seine Barmherzigkeit „sucht“ und an sie, und damit an den in jeder Hinsicht selbstlosen Gott glaubt, der das Beste für uns will. Ohne diesen Glauben hätte der jüngere, der verlorene Sohn sich auch nicht auf den Weg zurück zum Vater machen können.

Entscheidend ist folglich der aktive und gelebte Glaube; der Glaube, der in seinen Vollzügen die Erlösungsbedürftigkeit eines jeden und insbesondere auch seiner selbst erfährt und dementsprechend den richtigen Umgang mit Gott pflegt.

Ihr Pfr. Dr. Volker Hildebrandt

 

Pfarrnachrichten 36 / 2022

Kommende Woche beginnen die regelmäßigen Vorbereitungstreffen der Erstkommunionkinder wie der Firmanden.

Liebe Mitchristen und Freunde von St. Pantaleon!

In den nächsten Tagen bis zum Ende dieser Woche wird die Heilige Messe vormittags um 09:30 Uhr weiterhin noch nicht stattfinden können. Mit der Rückkehr von Professor Stöhr in den nächsten Tagen wird dann die 09:30 Uhr Vormittags-Messe ab dem 12. September von Montag bis Freitag wieder regelmäßig stattfinden.

Nach einem sehr gelungenen Pfarrfest am letzten Sonntag werden nun ab Sonntag, dem 11. September in zwei altersspezifischen Gruppen die Vorbereitung auf die Jugend-Firmung Ende nächsten Jahres und ab Montag, dem 12. September die Unterrichtsstunden für die neuen Kommunionkinder ebenfalls in zwei Gruppen beginnen. Inzwischen haben sich 16 Kommunionkinder und 27 Jugendliche bzw. junge Erwachsene im Alter zwischen 13 und 20 Jahren zur Vorbereitung auf die Firmung angemeldet. Wir werden sie gerne im Gebet und auch religionspädagogische kompetent begleiten und betreuen.

Die Baustelle wird in den kommenden Wochen und Monaten noch an Fahrt gewinnen. Um jedes Restrisiko durch damit vergrößerte Unfallgefahren auszuschließen, wird die Baustelle vom Vorplatz der Kirche in Kürze unpassierbar ganz abgetrennt. Damit werden einige kurze Wege entfallen. Wir bitten sowohl hierfür um Ihr Verständnis wie auch dafür, dass die Westwerk-Kirche außerhalb der Beicht-, Gebets- und Gottesdienstzeiten ebenfalls aus Sicherheitsgründen weiterhin geschlossen bleiben muss. Auch diese Übergangs-Phase wird bald beendet sein.

Über diese Nachrichten hinaus wollen wir aber auch dem, was uns inspiriert und uns zu all diesen „irdischen“ Maßnahmen und Schritten bewegt, noch Raum geben, und dafür ausgehen vom Sonntagsevangelium (Lk 14,25-33).

Dort berichtet der Heilige Lukas davon, dass viele Menschen Jesus begleiteten. Ihnen erklärte er: „Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein. Wer nicht sein Kreuz trägt und hinter mir hergeht, der kann nicht mein Jünger sein.“

Jünger Jesu sein: Das will und wünscht sich der Gläubige. In seinem Leben hat er erkannt und erkennt er fortschreitend, dass in der Begegnung mit dem in Jesus menschgewordenen Gott das eigene Leben in eine erfüllende Stimmigkeit gelenkt und geführt wird. Und das nicht nur trotz, sondern wegen der auf den ersten Blick mehr als herausfordernd formulieren Aufforderungen des Herrn, wie etwa in diesen aus dem Lukasevangelium zitierten Versen von der Geringachtung des eigenen Lebens.

Das eigene Leben gering achten ist mit Blick auf die Größe Gottes gemeint. Das führt dem Besucher des Gottesdienstes an diesem Sonntag die erste Lesung aus dem Buch der Weisheit (9, 13-19) großartig vor Augen: „Welcher Mensch kann Gottes Plan erkennen oder wer begreift, was der Herr will? Unsicher sind die Überlegungen der Sterblichen und einfältig unsere Gedanken; denn ein vergänglicher Leib beschwert die Seele und das irdische Zelt belastet den um vieles besorgten Verstand. Wir erraten kaum, was auf der Erde vorgeht, und finden nur mit Mühe, was auf der Hand liegt; wer ergründet, was im Himmel ist? Wer hat je deinen Plan erkannt, wenn du ihm nicht Weisheit gegeben und deinen heiligen Geist aus der Höhe gesandt hast? So wurden die Pfade der Erdenbewohner gerade gemacht und die Menschen lernten, was dir gefällt; durch die Weisheit wurden sie gerettet.

Jeder weiß um die Tendenz, sich selber über das Zuträgliche und über das Angebrachte hinaus wichtig zu nehmen. Damit stehen wir aber dann nicht nur uns selber, sondern auch dem im Wege, was Gott uns gewähren und schenken möchten. Deshalb führt Jesus seinen Zuhörern in zwei Gleichnissen vor Augen (vgl. Lk 14, 28-32), dass jeder, der Jünger Jesu sein möchte, das genauso zielstrebig und nüchtern angehen muss, wie wenn man einen Turm bis zu Ende bauen, oder einen sich anbahnenden Krieg mit Erfolg beenden möchte. Deshalb wird man kein Jünger Jesu ohne tägliches Beten, den Sonntagsgottesdienst und in ausgewogener Häufigkeit den Empfang der Sakramente vor allem der Eucharistie und Buße sein können.

Ihr Pfr. Dr. Volker Hildebrandt

 

Pfarrnachrichten 35 / 2022

Der Zöllner und der Pharisäer im Tempel

Liebe Mitchristen und Freunde von St. Pantaleon!

Auch dies und in der nächsten Woche bis inkl. Mittwoch, den 07. September, wird die 09:30 Uhr – Hl. Messe wegen der Abwesenheit von Prof. Stöhr und dem gesundheitsbedingten Ausfall von Msgr. Martinez nicht stattfinden können.

Auch wird die Kirche aus Sicherheitsgründen weiterhin bis auf die zahlreichen Gebets-, Gottesdienst und Beichtzeiten weiterhin geschlossen bleiben. Der Zeitpunkt für den Abschluss der für eine durchgehende Öffnung noch notwendigen Arbeiten rückt zugleich sichtbar näher. Auch hier bitten wir um Verständnis.

Am diesem 22. Sonntag im Jahreskreis wird uns aus dem Lukas-Evangelium (Kapitel 14, Verse 7 – 14) anlässlich der Einladung Jesu bei einem führenden Pharisäer das folgende Gleichnis vorgetragen:

Jesus kam an einem Sabbat in das Haus eines führenden Pharisäers zum Essen. Da beobachtete man ihn genau.

Als er bemerkte, wie sich die Gäste die Ehrenplätze aussuchten, erzählte er ihnen ein Gleichnis. Er sagte zu ihnen:

Wenn du von jemandem zu einer Hochzeit eingeladen bist, nimm nicht den Ehrenplatz ein! Denn es könnte ein anderer von ihm eingeladen sein, der vornehmer ist als du, und dann würde der Gastgeber, der dich und ihn eingeladen hat, kommen und zu dir sagen: Mach diesem hier Platz! Du aber wärst beschämt und müsstest den untersten Platz einnehmen.

Vielmehr, wenn du eingeladen bist, geh hin und nimm den untersten Platz ein, damit dein Gastgeber zu dir kommt und sagt: Mein Freund, rück weiter hinauf! Das wird für dich eine Ehre sein vor allen anderen Gästen.

Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

Dann sagte er zu dem Gastgeber: Wenn du mittags oder abends ein Essen gibst, lade nicht deine Freunde oder deine Brüder, deine Verwandten oder reiche Nachbarn ein; sonst laden auch sie dich wieder ein und dir ist es vergolten.

Nein, wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein. Du wirst selig sein, denn sie haben nichts, um es dir zu vergelten; es wird dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten.

Ähnlich ist es mit dem Zöllner und dem Pharisäer, die beide in den Tempel kamen, um zu beten (Lk 18,9-14). Der Pharisäer stellt sich vor Gott und lobte sich selber. „Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen … schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig! Dieser kehrte als Gerechter nach Hause zurück, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“

Ihr Pfr. Dr. Volker Hildebrandt

 

Pfarrnachrichten 34 / 2022

Liebe Mitchristen und Freunde von St. Pantaleon!

Am Donnerstag und Freitag (25./26.08.) entfällt die Hl. Messe um 09.30 Uhr. Prof Stöhr ist in Bayern und Msgr. Martinez weiterhin im Krankenhaus. Wir beten für seine vollständige Genesung.

Sonntag in einer Woche (28. August) feiern wir wieder unser Pfarrfest. Wir freuen uns darauf. Es wird erst einmal ein kleines Pfarrfest. Aber auch das geht nicht ohne Helfer. In der Kirche liegt zum einen eine Liste aus, um sich dafür einzutragen. Und zum anderen enthalten die gedruckten Pfarrnachrichten Links und QR-Codes, um sich alternativ in „doodle“-Listen einzutragen.

Seit letztem Wochenende feiern wir alle Gottesdienste in der sehr gelungenen Westkirche. Hier muss noch manches optimiert werden. Anders könnten wir einen reibungslosen Ablauf der zahlreichen Gottesdienste und Gebetszeiten nicht garantieren. Wir haben es hier mit einer Mehrbelastung zu tun, die schon sehr herausfordert.

Auch liegt vieles in der Westwerkkirche noch „ganz offen herum“. Wegen handfester Verluste auf der Baustelle durch Diebstahl am helllichten Tag müssen wir auch hier nachbessern. Zudem sind wir phasenweise in der Westwerkkirche immer noch Teil einer Großbaustelle, die aus Sicherheitsgründen nicht betreten werden darf. So können wir den Sicherheitsanforderungen derzeit nur durch eine Teilschließung der Westwerkkirche entsprechen.

Deshalb wird die Westwerk-Kirche vorerst nur für Beter und Gottesdienstbesucher in den Zeitfenstern der Anbetung, der Beichte, des Rosenkranzgebetes und der Eucharistiefeiern offengehalten. Und darüber hinaus auch noch für die Stunden, in denen Ehrenamtliche vom Kirchenempfang vor Ort sind. Für diese Regelung bitte ich um Verständnis.

Ihr Pfr. Dr. Volker Hildebrandt

 

Pfarrnachrichten 31 / 2022

Rembrandt - Das Gleichnis vom reichen Kornbauern

In der neuen Einheitsübersetzung wurde für das Evangelium von diesem 18. Sonntag im Jahreskreis (C) die Überschrift gewählt: „Die Vorläufigkeit des Besitzes.“ Der Hl. Lukas leitet diese Perikope mit einem handfesten Erbstreit ein: „Einer aus der Volksmenge bat Jesus: Meister, sag meinem Bruder, er soll das Erbe mit mir teilen!“ Jesus wird als „Meister“ angeredet, reagiert jedoch deutlich abweisend. So kanzelt er den „aus der Volksmenge“ u.a. mit der Anrede „Mensch“ ab. Wörtlich: „Jesus erwiderte ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbteiler bei euch eingesetzt?

In diese innerweltliche Angelegenheit lässt Jesus sich also nicht hineinziehen. Irdische Dinge wie diese, die in von Menschen festzulegender Ordnung gottgemäß zu regeln sind, hat Gott ausdrücklich - und zudem unüberschaubar zahlreich - dem Menschen anvertraut (vgl. Gen. 1,28). Auch als Menschgewordener nimmt Gott diese Aufgabe dem Menschen nicht weg. Deshalb weist Jesus trotz seiner Vollmacht eine unmittelbare Zuständigkeit für solche Aufgaben weit von sich.

Das ist dann auch von seinen Jüngern zu beachten - und zwar so strikt, wie es Lukas als Aussageabsicht bis in die Wortwahl nahelegt -, wenn sie im Namen Jesu reden oder als kirchliche Amtsträger „in der Person Christi des Hauptes“ (II. Vaticanum, PO 2) handeln.

Wir sprechen aber immer noch von einem katholischen Anwalt, einem katholischen Arbeitnehmer oder -geber. Unreflektiert übernehmen wir damit einen überkommenen Klerikalismus, statt ihn endlich zu überwinden. Und wir verlieren uns weiterhin in einer unbiblisch-irreführenden Rollen- und Kompetenzzuweisung von Christgläubigen und Geweihten.

Arbeitnehmer oder -geber oder Anwälte etc. qualifizieren sich nicht dadurch, dass sie katholisch sind. Wenn sie wirklich katholisch sind, pflegen sie ihren „Weltcharakter“ (II. Vaticanum, LG 31). Damit ist seit dem II. Vatikanum gemeint: Sie begegnen Gott nicht zuerst in Gremien und Räten, oder einer Sakristei, am Ambo oder als Kommunionhelfer. Sie begegnen Gott zuerst dort, wo er sie in ihrer beruflichen, gesellschaftlichen und familiären Kompetenz ernst nimmt. Dort vor allem möchte er mit ihnen reden und sie aus der Kraft ihres praktizierten Glaubens und Betens Mut machen und bestärken, sich der Welt in all ihrer Vielfalt in seinem Sinne anzunehmen. Folglich wohl auch beruflich, gesellschaftlich und familiär so weit oben zu stehen, wie es jedem möglich ist. Und von daher sollten wir besser von Arbeitnehmern oder -gebern etc. sprechen, die katholisch sind.

Hier wird dann auch die Aufgabe deutlich, wie sie besonders denen anvertraut ist, die von Gott dazu gerufen unmittelbar im Namen Jesu reden und in seiner Person handeln sollen. Es ist genau die Aufgabe, die Jesus schließlich im Evangelium von diesem Sonntag übernimmt.

Im Gleichnis vom reichen Mann mit der unerwartet üppigen Ernte entlarvt Jesus jeden als Narr, „der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber bei Gott nicht reich ist.“ Damit schließt sich der Kreis. Denn Jesus antwortet hier nun auch dem „aus der Volksmenge“ mit seinem Erbstreit und all den vielen, die sich um eine gerechte Verteilung der irdischen Güter und ihres richtigen Gebrauchs bemühen.

Jesus antwortet aber nicht auf der ökonomischen, juristischen, soziologischen, psychologischen usw. Ebene, sondern von einer Ebene aus, welche allen anderen Ebenen die grundlegende Richtung auf das Reich Gottes hin aufzeigt und ggf. die rechte Wendung und Korrektur einfordert. Ein Thema für sich.

Aufgabe der Kirche und ihrer von Gott besonders berufenen Vertreter ist also im Kontext dieses Evangeliums eine doppelte: Zum einen an die Vorläufigkeit allen irdisch-materiellen Besitzes und damit auch aller aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu erinnern, die im wissenschaftlichen Diskurs schon morgen revidiert werden. Und sich zweitens auf die ihr anvertraute Vollmacht zu beschränken, von Gottes Wort und Offenbarung her die grundlegende Ausrichtung alles Irdischen auf Gott hin aufzuzeigen und ggf. die rechte Wendung und Korrektur einzufordern: „sich vor jeder Art von Habgier zu hüten“, dass „das Leben … nicht darin besteht, im Überfluss seines Besitzes zu leben“, etc.

Wenn diejenigen der Jünger, die von Gott besonders zum eben genannten berufen sind, sich wie Jesus exklusiv darauf beschränken – und damit im Namen Jesu reden und in seiner Person handeln –, nimmt auch die klerikale Gefahr ab, dass sie in anderer Weise übergriffig werden. Und es erübrigt sich die Forderung, man müsse den Geweihten ihre von Gott gewollte Vollmacht einschränken. Das wäre auch nicht mehr katholisch.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 29+30 / 2022

Jan Vermeer, vor 1654–1655

Aus dem Evangelium des letzten Sonntags klingt noch die Frage des Pharisäers nach dem ewigen Leben nach, die dann zum Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37) führte. Im Lukasevangelium folgt unmittelbar auf dieses Gleichnis die Lehrgeschichte vom Besuch Jesu bei Marta und Maria (Lk 10,38-42). Über diesen Besuch hören wir nun am 16. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C).

Bei diesem Besuch geht es, wie vor einer Woche, um den Zusammenhang von Gottes- und Nächstenliebe. Am kommenden Sonntag hören wir dann, was im Lukasevangelium unmittelbar auf diesen Besuch folgt: Jesus lehrt seine Jünger auf ihre Bitte hin zu beten, und zwar mit den Worten des Vaterunsers.

Diese drei Sonntage übernehmen also auch, was Lukas durch die bewusste Aneinanderreihung als roten Faden vorgibt. Das hilft, alle drei Evangelien wie Lukas zu verstehen und im Sinne von Lukas zu predigen und auszulegen. Das ist entscheidend. Die Ereignisse anlässlich des Besuches von Jesus bei Marta und Maria werden nämlich recht widersprüchlich gedeutet. Insbesondere werden Marta und Maria wiederholt in einer Gegensätzlichkeit gesehen, die dieser rote Faden überwinden hilft.

Was war geschehen? Marta nahm Jesus – offenbar in Begleitung seiner Jünger – „gastlich auf.“ Maria, ihre Schwester „setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu. Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen zu dienen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen!

Ohne das Großartige in der Arbeit von Marta zu schmälern, macht Jesus Marta darauf aufmerksam, dass in ihrer Arbeit etwas fehlt: „Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat den guten Teil gewählt, der wird ihr nicht genommen werden.“

Marta fehlt in ihrer Arbeit, in ihren „vielen Sorgen und Mühen“ der „gute Teil“. Für diesen guten Teil nimmt Jesus Maria in ihrem alleinigen Zuhören und sonstigem Nichtstun gegenüber Marta unverkennbar in Schutz: „der soll ihr nicht genommen werden“. Denn dieser gute Teil, so Jesus, ist jenes „eine Notwendige“, was die Not wendet. Dieser gute Teil würde auch Martas Not wenden. Sie wäre nicht mehr so genervt, verärgert, unzufrieden, unerfüllt usw.

In jeder der drei von Lukas aneinandergereihten Ereignissen kommt dem Ewigen und Heiligen eine richtungswendende Bedeutung zu. Darauf zielte der Gründer des Opus Dei, der Heilige Josefmaria Escrivá ab, wenn er etwa dazu ermutigt: „Seid davon überzeugt: Jede noch so alltägliche Situation birgt etwas Heiliges, etwas Göttliches in sich, und euch ist aufgegeben, das zu entdecken.“

Was heißt das konkret? Wie lässt sich der „gute Teil“ entdecken beziehungsweise wiedergewinnen, sollte er verloren gegangen sein? Ein geistliches Gespräch vor Monaten mag es veranschaulichen.

Der Inhaber eines Handwerkerbetriebes vertraute mir an, er sei in letzter Zeit schlecht gelaunt, genervt, usw. Das würde sich negativ auf den ganzen Betrieb auswirken. Daraufhin habe ich ihn zum täglichen Gebet vor seiner Arbeit ermutigt; zum persönlichen Gespräch und Austausch mit Gott über alle wichtigen Fragen auch des anstehenden Tages.

Dann habe ich ihm noch geraten: „Stell außerdem einen zweiten Stuhl neben deinen Chefsessel: Doppelspitze! Und wenn Du ins Büro kommst, sitzt Jesus bereits dort und sagt Dir:Wir machen heute alles gemeinsam, ok?‘“ Wochen später berichtete mir der Firmeninhaber: „Der Betrieb rockt wieder. Der neue Chef ist super und der alte wie ausgetauscht.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 27+28 / 2022 (C)

Liebe Mitchristen und Freunde von St. Pantaleon!

Derzeit sind die Gerüstarbeiten in jedem Gottesdienst teils sehr präsent. Nun werden auch noch nach der Abendmesse, am Sonntag dem 03. Juli, alle im Seitenschiff vorhandenen Kirchenbänke in den Bereich der zukünftigen Notkirche ins Westwerk gebracht.

Ab Montag, dem 04. Juli wird die fortschreitende Inneneinrüstung einen Transport der Kirchenbänke durch die Kirche versperren. Und die dann noch verbleibende Tür nach außen – in der Josefmaria-Kapelle – ist für die Bänke zu schmal! Selbst wenn man sie mit einiger Mühe hindurch bekäme, wäre dann immer noch der lange und transportwidrige Weg um die halbe Kirche herum. Die Kirchenbänke sind aus massivem Holz; das Gewicht entsprechend. Also haben wir uns für den vernünftigeren Weg entschlossen.

Bis zum endgültigen Wechsel in die Notkirche – die dann aber insgesamt wieder recht komfortabel sein wird – werden für die restlichen Gottesdienste im Seitenschiff nur noch die dort vorhandenen Hocker zur Verfügung stehen. Wie lange diese Übergangsphase dauern wird, kann derzeit noch keiner genau sagen. Vielleicht zwei oder auch drei Wochen. Auf jeden Fall aber nicht über die Sommerferien hinaus.

Nach den Sommerferien werden dann eineinhalb bis maximal zwei Jahre lang in einer zudem gut eingerichteten Notkirche alle Gottesdienste wieder im gewohnten Rhythmus stattfinden können. Deo gratias!

Bitte beachten Sie die deutliche Reduzierung der Sonn- und Werktaggottesdienste ab dem 10. Juli!

Eine gesegnete Zeit wünscht Ihnen

Ihr Pfr. Dr. Volker Hildebrandt

 

Pfarrnachrichten 25+26 / 2022 (C)

Liebe Mitchristen und Freunde von St. Pantaleon!

Es war nicht geplant, weil es bei der aktuellen und komplex laufenden Jahrhundertsanierung unserer Pfarrkirche St. Pantaleon auch nicht realistisch planbar war. Es hat sich vielmehr wunderbar gefügt, dass die Einrichtung der Notkirche im erweiterten Westwerk nun genau in die Sommerferien fällt. Und es hat sich überraschend gezeigt, dass die staubdichte Abtrennung von der nun beginnenden zweiten und letzten Großbaustelle am Ende auch noch recht einfach zu bewerkstelligen ist.

Vor zwei Jahren war die Rede davon, dass in dieser Phase des Umzuges der Gottesdienstgemeinde vom Haut- bzw. nördlichen Seitenschiff in die Notkirche im Westwerk alle Gottesdienste wohl einige Wochen lang ausfallen müssten. Nun ist demgegenüber klar, dass bei einer deutlichen Reduzierung der Gottesdienste ohne Unterbrechung zumindest täglich eine Hl. Messe wird stattfinden können; sonntags sind es einige Gottesdienste mehr.

Bitte rechnen Sie fest damit, dass in den nächsten Wochen folgende Hl. Messen nicht stattfinden werden:

  • ab Fr., 24.06. bis Fr., 05.08.: die 9:30 Uhr Vormittagsmesse – (auch wegen der Sommerferien);
  • ab Mo., 11.07. bis Fr., 29.07.: die 12:00 Uhr Mittagsmesse (auch weil Prof. Stöhr dann wohl ganz alleine hier sein wird);
  • an den drei Sonntagen 10.07 + 17.07 + 24.07. die 10:00 und die 12:15 Uhr Vormittagsmessen. An diesen Sonntagen gibt es dann nur die 11:15 Uhr Vormittags- und die 18:30 Uhr Abendmesse.

Eine gesegnete Zeit wünscht Ihnen

Ihr Pfr. Dr. Volker Hildebrandt

 

Pfarrnachrichten 24/22 (C)

Dreifaltigkeit - Gott ist in sich Gemeinschaft

Das Geheimnis der Dreifaltigkeit

Aus dem Katechismus der Katholischen Kirche:

Nr. 234: Das Mysterium der heiligsten Dreifaltigkeit ist das zentrale Geheimnis des christlichen Glaubens und Lebens. Es ist das Mysterium des inneren Lebens Gottes, der Urgrund aller anderen Glaubensmysterien und das Licht, das diese erhellt. Es ist in der ,,Hierarchie der Glaubenswahrheiten“ die grundlegendste und wesentlichste. „Die ganze Heilsgeschichte ist nichts anderes als die Geschichte des Weges und der Mittel, durch die der wahre, einzige Gott – Vater, Sohn und Heiliger Geist – sich offenbart, sich mit den Menschen, die sich von der Sünde abwenden, versöhnt und sie mit sich vereint“.

Aus dem Jugendkatechismus der katholischen Kirche (Youcat):

Nr. 35: Glauben wir an einen Gott oder an drei Götter? – Wir glauben an einen Gott in drei Personen (à Trinität). „Gott ist nicht Einsamkeit, sondern vollkommene Gemeinschaft.“ (Benedikt XVI).

Christen beten nicht drei verschiedene Götter an, sondern ein einziges Wesen, das sich dreifach entfaltet und doch eins bleibt. Dass Gott dreifaltig ist, wissen wir von Jesus Christus: Er, der Sohn, spricht von seinem Vater im Himmel („Ich und der Vater sind eins“, Joh 10,30). Er betet zum ihm und schenkt uns den Heiligen Geist, der die Liebe des Vaters und des Sohnes ist. Getauft werden wir deshalb „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Mt 28,19).

Nr. 36: Kann man logisch erschließen, dass Gott dreifaltig ist? – Nein. Gottes Dreifaltigkeit(à Trinität) ist ein Geheimnis. Wir wissen nur durch Jesus Christus von der Dreifaltigkeit Gottes.

Menschen können die Dreifaltigkeit Gottes mit den Mitteln ihrer eigenen Vernunft nicht erschließen. Sie erkennen aber die Vernünftigkeit dieses Geheimnisses, wenn sie die Offenbarung Gottes in Jesus Christus annehmen. Wäre Gott allein und einsam, könnte er nicht von Ewigkeit her lieben. Von Jesus erleuchtet, finden wir schon im Alten Testament (z.B. Gen 1,2; 18,2; 2 Sam 23,2), ja sogar in der ganzen Schöpfung Spuren der Dreifaltigkeit Gottes.

Nr. 37: Wieso ist Gott „Vater“? – Gott verehren wir schon allein deshalb als Vater, weil er der Schöpfer ist und sich voller Liebe seiner Geschöpfe annimmt. Jesus, der Sohn Gottes, hat uns darüber hinaus beigebracht, seinen Vater als unseren Vater anzusehen und als „Vater unser“ anzusprechen.

Verschiedene vorchristliche Religionen kennen schon die Gottesanrede „Vater“. Schon vor Jesus sprach man in Israel Gott als den Vater an (Dtn 32,6; Mal 2,10) und wusste dabei, dass er auch wie eine Mutter ist (Jes 66,13). Vater und Mutter stehen in der menschlichen Erfahrung für Ursprung und Autorität, für das Bergende und Tragende. Wie Gott als Vater wirklich ist, zeigt uns Jesus Christus: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh 14,9). Im Gleichnis vom verlorenen Sohn spricht Jesus die tiefsten menschlichen Sehnsüchte nach einem barmherzigen Vater an.

Nr. 38: Wer ist der „Heilige Geist“? – Der Heilige Geist ist die dritte Person der Heiligen Dreifaltigkeit (à Trinität) und von gleicher göttlicher Größe wie der Vater und der Sohn.

Wenn wir die Realität Gottes in uns entdecken, haben wir es mit dem Wirken des Heiligen Geistes zu tun. Gott sandte „den Geist seines Sohnes in unser Herz“ (Gal 4,6), damit er uns ganz erfülle. Im Heiligen Geist findet ein Christ tiefe Freude, inneren Frieden und Freiheit. „Denn ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch fürchten müsstet, sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater!“ (Röm 8, 15). Im Heiligen Geist, den wir in Taufe und Firmung empfangen, dürfen wir zu Gott „Vater“ sagen.

Nr. 39: Ist Jesus Gott? Gehört er zur Dreifaltigkeit (Trinität)? – Jesus von Nazareth ist der Sohn, die zweite göttliche Person, von der gesprochen wird, wenn wir beten: „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Mt 28,19).

Jesus war entweder ein Hochstapler, als er sich zum Herrn über den Sabbat machte und sich mit der Gottesanrede „Herr“ ansprechen ließ – oder er war wirklich Gott. Zum Schwur kam es, als er Sünden vergab. Das war in den Augen seiner Zeitgenossen ein todeswürdiges Verbrechen. Durch Wunder und Zeichen, insbesondere aber durch die Auferstehung, erkannten die Jünger, wer Jesus ist, und beteten ihn als den Herrn an. Das ist der Glaube der Kirche.

 

Pfarrnachrichten 23/22 (C)

Zum Pfingstfest aus einer Predigt des Hl. Josemaría Escrivá, „Der Große Unbekannte“

Mit der Schilderung der Geschehnisse an jenem Pfingsttage, an dem der Heilige Geist in der Gestalt von Feuerzungen auf die Jünger des Herrn herabkam, lässt uns die Apostelgeschichte jene gewaltige Äußerung der Macht Gottes erleben, die am Anfang des Weges der Kirche in die Nationen steht. Damals offenbarte sich mit göttlicher Klarheit der Sieg über Tod und Sünde, den Christus durch seinen Gehorsam, sein Kreuzesopfer und seine Auferstehung errungen hatte.

Die Jünger, bereits Zeugen der Herrlichkeit des Auferstandenen, empfingen nunmehr die Kraft des Heiligen Geistes, ihr Verstand und ihr Herz öffneten sich einem neuen Licht. Sie waren Christus gefolgt und hatten im Glauben seine Lehre angenommen, aber nicht immer vermochten sie diese Lehre ganz zu erfassen: noch musste der Geist der Wahrheit kommen, der sie in die volle Wahrheit einführen würde (vgl. Jo 16,12-13.). Sie wussten, dass sie nur in Jesus Worte ewigen Lebens finden konnten, sie waren auch bereit, Ihm zu folgen und für Ihn das Leben hinzugeben, aber sie waren schwach und, als die Stunde der Prüfung kam, waren sie geflohen, hatten sie Ihn allein gelassen. Am Pfingsttag war all dies vorüber: Der Heilige Geist, der Geist der Stärke, hat ihnen Standhaftigkeit, Sicherheit und Kühnheit gegeben. Auf den Straßen und Gassen Jerusalems hört man das mutige und gewinnende Wort der Apostel.

Männer und Frauen aus vielen Gegenden, die an jenen Tagen in Jerusalem weilen, hören und staunen. Wir Parther und Meder und Elamiten, wir Bewohner von Mesopotamien, von Judäa und Kapadozien, von Pontus und Asien, von Phrygien und Pamphylien, Ägypten und den Landstrichen Libyens gegen Cyrene hin, wir hier weilenden Römer, wir Juden und Proselyten, Kreter und Araber: wir hören sie in unseren Zungen die Großtaten Gottes reden (Apg 2,9-11). Die Wunder, die vor ihren Augen geschehen, wecken ihre Aufmerksamkeit für die Predigt der Apostel. Derselbe Heilige Geist, der in den Jüngern des Herrn wirkt, berührt ihre Herzen und führt sie zum Glauben.

Lukas berichtet, dass viele Menschen, die das Zeugnis des Petrus über die Auferstehung Christi gehört hatten, näher kamen und fragten: Was sollen wir tun, Brüder? Der Apostel antwortete: Bekehrt euch, und ein jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung der Sünden: dann werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen. An jenem Tag – so schließt der Bericht – wurden etwa dreitausend Menschen in die Kirche aufgenommen (vgl. Apg 2,37-41).

Das machtvolle Kommen des Heiligen Geistes am Pfingsttage war kein isoliertes Geschehen. Es gibt kaum eine Seite der Apostelgeschichte, auf der nicht von Ihm und seinem Wirken gesprochen wird, welches Leben und Wandel der urchristlichen Gemeinde leitet und beseelt: Er gibt Petrus das Wort der Verkündigung ein (vgl. Apg 4,8), Er stärkt den Glauben der Jünger (vgl.Apg 4,31), Er besiegelt mit seinem Kommen den Ruf an die Heiden (vgl. Apg 10,44-47), Er sendet Paulus und Barnabas in entfernte Länder, damit sie der Lehre Christi neue Wege öffnen (vgl. Apg 13,2-4). Seine Gegenwart und sein Wirken sind allbeherrschend.

Die tiefe Wirklichkeit, die uns diese Texte der Heiligen Schrift erschließen, ist nicht Erinnerung an Vergangenes, nicht ein goldenes Zeitalter der Kirche, das in der Geschichte versunken ist. Diese Wirklichkeit ist trotz der Armseligkeiten und der Sünden eines jeden von uns die Wirklichkeit der Kirche heute und zu allen Zeiten. Ich werde den Vater bitten, und Er wird euch einen anderen Helfer geben, damit Er in Ewigkeit bei euch bleibe (Jo 14,16), sagte der Herr zu seinen Jüngern. Jesus Christus hat seine Verheißungen erfüllt: Er ist auferstanden, in den Himmel aufgefahren, und in der Einheit des ewigen Vaters sendet Er uns den Heiligen Geist, auf dass Er uns heilige und das Leben gebe.

 

Ihnen allen von Herzen ein frohes Pfingstfet!

 

Pfarrnachrichten 22/22 (C)

Alle sollen eins und in Einheit vollendet sein. (vgl. Joh 17, 21.24)

An diesem siebten Sonntag in der Osterzeit geht es um die von Gott ermöglichte Verbundenheit aller Menschen untereinander. Nach der Überlieferung des Evangelisten Johannes betet Jesus intensiv um eine Vollendung mitmenschlicher Verbundenheit. Und er drückt in diesem Gebet aus, dass die mitmenschliche Verbundenheit ihr ursprunghaftes Vorbild in Gott selber hat.

Dieses Gebet Jesu finden wir im 17. Kapitel des Johannesevangeliums. Dort lesen wir im Vers 20 und dem folgenden: „In jener Zeit erhob Jesus seine Augen zum Himmel und betete: Heiliger Vater, ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein.“ Im darauffolgenden Verse 23 bittet Jesus sogar darum, dass „sie in der Einheit vollendet sein sollen.“

Also: „Alle sollen vollendet eins sein...“ Damit wir das aber nicht einfach überlesen, so als sei diese Bitte „alle sollen vollendet eins sein…“ ein unerreichbarer Wunsch und nur „fromme Soße“ über eine in Wirklichkeit ganz andere Realität, sollten wir innehalten. Dem Herrn geht es ganz sicher nicht um inhaltsleeres Bitten, um Utopisches, sondern um eine Bitte mit realen Folgen: Um eine Bitte also, die zugleich einen Auftrag impliziert.

Somit darf diese Bitte nicht allgemein-abstrakt bleiben. Im Innehalten wird einem bewusst, wo diese als Auftrag anvertraute Bitte vielfältig konkret werden kann und soll. Im Innehalten lässt sich Jesu Bitte und Auftrag dann etwa so lesen: Alle sollen vollendet eins sein in der Familie, alle sollen vollendet eins sein auf der Arbeit, alle sollen vollendet eins sein in der Freizeit (Sport, Unternehmung, Feiern …), alle sollen vollendet eins sein in der unmittelbaren Nachbarschaft bis hinein in weltweite Vernetzungen...

Eine solche Konkretisierung überrascht und lässt nun erst recht innehalten. Denn eine so einfache wie selbstverständliche Aneinanderreihung macht vor dem Hintergrund unserer täglichen Erfahrung deutlich, dass die im Grunde schöne und wünschenswerte Einheit aller in allen Lebensbereichen, und dazu noch in Vollendung, weit über das hinausgeht, was wir von uns aus vermögen.

Wie anfangs schon bemerkt legt das zitierte Gebet Jesu pointiert nahe, dieses Ideal im Kontext seines ursprungshaften Vorbildes zu sehen. Für Jesus ist die kraftvolle Ermöglichung einer bis zur vollendeten Einheit reichenden mitmenschlichen Verbundenheit offensichtlich und real in Gott und des von ihm gewährten Beistandes zu finden. So wie Gott in sich eins ist, so sind von der innergöttlichen Verbundenheit der drei göttlichen Personen her Menschen in einer sie selber übersteigenden Weise zu einer Einheit untereinander fähig, wie sie ihr menschliches Leben und ihre irdischen Ideale in Gott gründen, das heißt: sie betend vor Gott tragen, mit ihm eins werden und sie dann aus ihm heraus real werden lassen.

Ein lebensnahes und zugleich orientierendes Beispiel dazu: Der legendäre Football-Trainer Vincent Thomas Lombardi wurde einmal gefragt, warum seine Mannschaft so erfolgreich wäre. Legendär „Vince“ genannt, errang Lombardi als „Head Coach“ der „Green Bay Packers“ in der amerikanischen „National Football League“ fünf Meisterschaften in sieben Jahren, darunter die ersten beiden „Super Bowls“. Lombardi wurde 1971 in die „Pro Football Hall of Fame“ aufgenommen und der Pokal für den Super-Bowl-Sieger wurde nach ihm benannt.

Sinngemäß gab Lombardi die folgende Antwort: 1) Die Jungs müssen körperlich wie technisch absolut spitze sein. 2) Sie müssen ausnahmslos als Mannschaft spielen. Primadonnen hätten in seiner Mannschaft keinen Platz. 3) Diese beiden Voraussetzungen finde man aber durchaus bei allen erfolgreichen Mannschaften. Den Unterschied mache aus, und darauf achte er ganz besonders, dass jeder den anderen uneingeschränkt mag und gerne hat.

Im Idealfall heißt das dann: Jeder muss den anderen so mögen, dass er ihm denselben sportlichen TOP-Erfolg wünscht, wie sich selber und im Zweifel dem anderen deshalb sogar den Vortritt lässt: „the next first“. Dann funktioniert es.

Wegen der in jedem von uns schlummernden Ichbezogenheit sind wir hier auf Gottes Hilfe angewiesen. Gott gewährt sie uns, wenn wir aufrichtig um seine Hilfe bitten und sie dann, da sie von Gott geschenkt wird, von ganzem Herzen annehmen und uneingeschränkt einsetzen.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 21/22 (C)

Eine der zahlreichen Hochzeiten in St. Pantaleon (bis zur Sanierung und dann danach wieder)

Orthopraxie und Orthodoxie statt Unzucht – Kleiner Schriftkommentar zum 6. Sonntag in der Osterzeit

Am sechsten Sonntag in der Osterzeit werden in den vorgesehenen Schrifttexten viele Themen zugleich angesprochen. Dazu im Folgenden eine Akzentsetzung.

Die Lesung aus der Apostelgeschichte berichtet über die Beendigung gewisser Streitigkeiten unter den ersten Christen. Die im ersten, bedeutenden und richtungsweisenden Konzil versammelten Apostel und Älteste beschlossen auf dem sogenannten Apostelkonzil in Jerusalem – wie sie ausdrücklich sagen, gemeinsam mit dem Heiligen Geist (vgl. Apg 15,28) –, all denen keine weiteren Lasten aufzuerlegen, die sich als Nichtjuden taufen ließen und Christen wurden. Diese sogenannten Heidenchristen wurden von den aus dem Judentum kommenden Christen nämlich dazu gedrängt, mit der Taufe auch alle Pflichten eines Juden übernehmen zu müssen.

Demgegenüber verabschiedeten die auf dem Apostelkonzil Versammelten einen Brief und schrieben unter anderem: „Wir haben gehört, dass einige von uns, denen wir keinen Auftrag erteilt haben, euch mit ihren Reden beunruhigt und eure Gemüter erregt haben.“ (Apg 15, 24) Diese Streitigkeiten beantworteten die auf dem Apostelkonzil Versammelten dann so: „Der Heilige Geist und wir haben beschlossen, euch keine weitere Last aufzuerlegen als diese notwendigen Dinge: Götzenopferfleisch, Blut, Ersticktes und Unzucht zu meiden. Wenn ihr euch davor hütet, handelt ihr richtig.“ (Apg 15,28f).

Durch die Enthaltung von Götzenopferfleisch, Blut und Ersticktem sollten die Heidenchristen deutlich und für die Judenchristen akzeptabel ausdrücken, dass sie heidnische Gewohnheiten und Lebensweisen kompromisslos hinter sich gelassen haben. Und mit der Enthaltung von den schon damals vielfältigen und bunten Formen von Unzucht (griechisch: "porneia“) sollten sie ausschließlich die unauflöslich eheliche Verbindung eines Mannes mit einer Frau zum Wohle aller pflegen und erschließen.

Im Gegensatz zur biblisch-christlichen Botschaft steht das, was gegenwärtig als „sexuelle Selbstbestimmung“ verordnet wird, für viel Hedonismus aber wenig Fruchtbarkeit. Statt fortschrittlich nach vorne wird das Rad der Geschichte in Wirklichkeit zurückgedreht. Und eine Generation verschließt sich sukzessive gegenüber Gott und in sich selber. Eine solche Generation ist nicht überlebensfähig.

Gott hingegen macht lebendig. Sein Wort bestätigt die selbstlose und dem anderen wohlwollende Liebe als lebenspendende und schöpferische Urkraft und vertraut diese dem Menschen als solche ausdrücklich an: „Seid fruchtbar und vermehrt euch“ (Gen 1,28). Nach dem Grundsatz, dass nur in der rechten Praxis das rechte Verständnis wachsen kann, haben die Gottes- wie die Nächstenliebe deshalb auf Dauer auch nur dort eine Zukunft, wo Sexualität in der ihr ureigenen Trias, nämlich unauflösbar hineingewoben in Liebe und Fruchtbarkeit, entfaltet und kultiviert wird.

Das rechte Verständnis inspiriert wiederum die reche Praxis. In dieser Dynamik von Orthopraxie und Orthodoxie steht die naturgegebene Trias von Sexualität, Liebe und Fruchtbarkeit für eine ganzheitlichen Liebe, die schon naturgegeben schier unauslotbar ist. Damit öffnet sich diese Liebe – und eben nur diese Liebe – dem Wirken Gottes und macht sie empfänglich für den Heiligen Geist.

Davon ist dann im Sonntagsevangelium die Rede. „Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ (Joh 14,26). Die in zahlreichen Jahren ins unüberschaubar gewachsene Zahl an abendfüllenden Ehevorbereitungs- und Brautgespräche haben mich als Seelsorger ausnahmslos dankbar erfahren lassen, dass die Botschaft der kirchlich gelesenen und lehramtsgemäß ausgelegten Schrift jüngere Menschen tief berührt und anspricht, und sie dazu bewegt, als Christen leben zu wollen; ähnlich wie damals jene, die aus dem Heidentum kommend sich taufen ließen.

Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 20/22 (C)

Das himmlische Jerusalem, Deckengemälde im Westwerk von St. Pantaleon, Köln - vor der Sanierung

In der Leserordnung von diesem fünften Sonntag der Osterzeit folgt auf ausgewählte Verse der johanneischen Endzeitvision (Offb 21,1-5a) als zweite Lesung ein besonderes Vermächtnis Jesu aus dem Johannesevangelium (Joh 13, 31-33a.34-35). Es liegt nahe, nach dem Verbindenden zu fragen.

Der heiligen Johannes sieht „einen neun Himmel und eine neue Erde“, in der Gott „alle Tränen von ihren Augen abwischen wird.“ Dort wird „kein Tod mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu.“

Auch die in der Leseordnung vorgegebenen Verse aus dem Johannesevangelium enthalten etwas Endzeitliches. Im Anschluss an die Erzählung der Fußwaschung berichtet Johannes nämlich: „Als Judas hinausgegangen war, sagte Jesus: Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, und Gott ist in ihm verherrlicht. Wenn Gott in ihm verherrlicht ist, wird auch Gott ihn in sich verherrlichen, und er wird ihn bald verherrlichen. Meine Kinder, ich bin nur noch kurze Zeit bei euch.“

Darauf folgt bei Johannes, was bei näherem Hinsehen beide Bibelstellen verbindet. Es ist das „neue Gebot“ wahrheitsgemäßer und umfassender Liebe, welches Jesus nun allen Menschen guten Willens hinterlässt.

Nach Johannes fährt Jesus in seiner Rede wörtlich fort: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.

Die für immer erfüllende Erlösung ist nicht mehr aber auch nicht weniger als das, was uns nach Johannes als Liebe gemäß dem Vorbild Jesu geschenkt worden ist. Diese Liebe beginnt demnach schon in dieser Zeit. Ihre bleibende Vollendung allerdings liegt außerhalb von ihr, nämlich in der Endzeit. Erst dort findet die von Gott kommende und erfüllende Liebe als Erlösung aus aller sünd- und fehlerhaften Liebe ihre Vollendung.

Verschiedene Heilige haben uns dies als ihre persönliche Erfahrung hinterlassen. Der große heilige Papst Johannes Paul II. etwa hat einmal gesagt: „Die Liebe war für mich die Erklärung aller Dinge und die Lösung aller Probleme. Darum achte ich die Liebe hoch, wo immer sie zu erfinden ist.

Ähnlich äußerte sich vor vielen Jahrhunderten der heilige Augustinus: „Wo also die Liebe ist, was kann da noch fehlen? Wo sie aber nicht ist, was kann da nützen?“ Nicht weniger an praktischer Erfahrung spricht aus der Empfehlung desselben Heiligen: „Schweigst du, so schweige aus Liebe. Sprichst du, so spricht aus Liebe. Tadelst du, so tadle aus Liebe. Schonst du, so schone aus Liebe! Lass die Liebe in deinem Herzen wurzeln. Und es kann nur Gutes daraus hervorgehen.“

Und aus der Lebenserfahrung des Heiligen Josefmaria wird jemand nicht deshalb ein Heiliger, weil er jeden Tag etwas noch Anspruchsvolleres tun. Ein wirklich heiliger Mensch bemüht sich vielmehr darum, jeden Tag etwas mehr Liebe in das hineinzulegen, was er zu tun hat.

Es ist also notwendig, auch in der Liebe die Spreu vom Weizen zu trennen. Am Ende führt allein die selbstlos Liebe Jesu, die dem Nächsten den Vorrang vor sich selber einräumt, zu endgültiger Erfüllung und bleibender Erlösung. Das weiter zu entfalten und darzulegen ist äußerst spannend. Es sprengt aber den begrenzten Rahmen wöchentlicher Pfarrnachrichten.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 19/22 (C)

Im Evangelium des vierten Ostersonntags offenbart Jesus sich als der gute Hirt. Damit bedient er sich eines vielsagenden Bildes.

Zur Zeit Jesu begegnete man Hirten mit ihren Schafherden überall verstreut auf dem Land; aber auch in der Nähe der Siedlungen und Städten. Hirten und Schafe lebten damals oft monatelang eng zusammen. Nicht selten verteidigten Hirten ihre Schafe gegen gefährliche Tiere oder Räuber unter Einsatz ihres Lebens. So waren Hirten und Schafe allgegenwärtig. Sie waren prägend für das Alltagsleben. Sie waren ja auch die ersten Besucher im Stall zu Bethlehem. Und damit waren sie die ersten Zeugen der Ankunft Gottes unter uns Menschen in Jesus Christus, unserem Herrn.

Mit dem Bild vom Hirten und seinen Schafen konnten die Menschen damals spontan also einiges anfangen. Das gilt bis heute aber genauso. Und das wird auch zukünftig so sein. Um aber das Bild vom Hirten und seinen Schafen so zu verstehen, wie Jesu es gemeint hat, müssen wir es mit den Worten Jesu unbedingt in der von ihm gemeinten Tiefe erschließen.

Sich selber mit einem Hirten vergleichend sagt Jesus über sich und die ihm anvertraute Herde (Joh 10, 27): „Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie, und sie folgen mir.“ Das erscheint erst einmal ganz einfach; geradezu idyllisch: Die Schafe folgen dem Hirten, wenn sie seine Stimme hören. Dafür muss der Hirt weder schreien, noch schimpfen oder drohen und auch keinen Schäferhund los jagen. Alles scheint harmonisch und wie aus sich selber zu funktionieren. Aber sieht die Wirklichkeit nicht oft ganz anders aus?

Viele beten nicht mehr. Die Besucherzahlen in Gottesdiensten sind nicht nur durch Corona drastisch gesunken. Christlicher Nachwuchs bleibt flächendeckend aus. Die frohe Botschaft wird nur noch stark fraktioniert, teils auch gar nicht mehr an die nächste Generation weitergegeben. Und auch die Zahl an christlichen Familien schrumpft beängstigend. Der Abwärtstrend in fast allem hält unvermindert an.

Hier wird deutlich: Um das Bild von Hirt und Schaf im Sinne Jesu zu verstehen, muss man all das miteinbeziehen, was die Hl. Schrift dazu überliefert. Jesus sagt nämlich auch (ibid., 28-30): „Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen, und niemand wird sie meiner Hand entreißen. Mein Vater, der sie mir gab, ist größer als alle, und niemand kann sie der Hand meines Vaters entreißen. Ich und der Vater sind eins.

Mit diesen Worten übersteigt Jesus das Bild vom Hirt und den Schafen. Jesus erklärt, wie dieses Bild in seinem Sinne zu verstehen ist.

Er ist als von Gottvater kommend und mit Gott wesensgleich umfassend Ursprung der Schafe. So das christliche Glaubensbekenntnis und –verständnis. Und deshalb sagt Jesus hier an dieser Stelle (ibid. 29f), dass sein Vater, der ihm die Schafe gab, „größer als alle ist“, aber dass zugleich er „und der Vater eins sind“.

So sind ihm die Schafe nicht wie einem gewöhnlichen Hirten anvertraut. Vielmehr „kennt“ (ibid. 27) er die Schafe im biblischen Sinn des Wortes. Deshalb sagt Jesus im Zusammenhang mit dem Hirten- und Schafbild an anderer Stelle (ibid. 15): „wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne.“

Das „Kennen“, um das es hier geht, ist nicht das „Kennen“, wie wir unsere Welt mehr oder weniger gut kennen. Es ist weitaus mehr als ein Wissen um einen Sinnzusammenhang: etwa, dass „die Schafe“ diesen „Hirten“ gewohnt und mit seinem Ruf vertraut sind; dass sie erfahren, er meint es gut, und sie können ihm zuversichtlich folgen.

Wenn der Herr hier vom Kennen spricht, meint er ein Kennen vom Anfang her, wie Johannes es im Prolog und auch anderswo in seinem Evangelium verdeutlicht. Es ist ein liebendes Kennen, das zuerst und wesentlich als innerstes und höchstes Einvernehmen nur vom Vater zum Sohn und vom Sohn zum Vater geht. Und erst dann, auf dem gleichen Wege, auf welchem für uns Wahrheit wird, gelangt dieses „Kennen“ durch die schöpferische Freiheit Gottes in die Welt.

Mit diesem „Kennen“ gibt Jesus „allen, die ihn aufnahmen, Macht, Kinder Gottes zu werden“ (Joh 1,12). Diese „Kinder Gottes“ sind „die Seinen“, jene, die der „Vater mir gab“ (Joh 10,29); und die er in dem inneren Leben Gottes verankert, wo er sie hineinzieht in die innergöttliche Liebe.

Deshalb sind die Schafe als „Volk Gottes“ zutiefst „Gottes Volk“. Die allmählich unselig werdende Missbrauchsdebatte hat uns das Letzte zunehmend genommen und damit das Erste weitgehend ausgehöhlt. Das „Volk Gottes“ ist nicht „Volk“ im profanen Sinn des Wortes „Volk“, wo Selbstbestimmung, Emanzipation, Souveränität usw. von unverzichtbarer Bedeutung sind. Das „Volk Gottes“ ist in der Sprache und Entwicklung der Bibel auch zugleich „Gottes Volk“, und damit „Braut und geheimnisvoller Leib Christi“.

Letzteres darf nicht ausgeblendet werden. Das gilt es zu bewahren und wieder zu entdecken. Schließlich offenbart sich Jesus dem die Kirche verfolgenden Saulus als der, den er verfolgt, obwohl Paulus doch „nur“ die Kirche verfolgt. Die Kirche als „Gottes Volk“ ist „der Leib Christi“, und als solcher ist sie heilig. Ihre innerste Struktur ist göttlicher Art. Über die zur Kirche in diesem umfassenden Sinn durch Umkehr und Buße Gehörenden haben das Böse und der Tod keine Macht.

Der Gute Hirt, Jesus Christus, hat uns Kunde vom Vater gebracht, eine Kunde, zu der wir ohne Ihn keinen Zugang hätten. Wenn wir durch Ihn in die Gemeinschaft des dreifaltigen Gottes eintreten, sind wir geborgen. Keiner kann uns der Liebe Gottes entreißen; auch nicht das eigene Versagen, sofern wir in der Tiefe des Herzens umkehren und uns im Bad der Liebe Gottes auf das Endgültige hin umfassend reinigen lassen.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 18/22 (C)

Konrad Witz - Der wunderbare Fischzug - 1444

Seit den Anfängen des Christentums denken christlich Glaubende darüber nach, wer sie vor Gott sind: als einzelne und gemeinschaftlich; als Kinder Gottes und als Kirche Christi. Sie wollen ihr Leben als Christen besser verstehen und vom wesentlichen her deuten. Das wird unter anderem im Schlusskapitel des Johannesevangeliums (Joh 21) deutlich, das jetzt aktuell am dritten Sonntag in der Osterzeit an der Reihe ist.

In diesem Schlusskapitel erfahren wir, dass sich Petrus wenige Tage nach der Auferstehung Jesu mit einigen anderen Aposteln wieder dem Fischen zuwendete. So, als sei in den drei Jahren davor nichts geschehen!

Meisterhaft erzählt Johannes (21, 2-6), wie Petrus und die anderen unschlüssig und schon wie gelangweilt in das Fischerboot des Petrus stiegen. Nach dem Schock über den für sie unerwarteten Tod Jesu am Kreuz wollten sie nicht länger wie gelähmt verharren. Sie wollten wieder etwas tun und neu anfangen.

Im Boot des Petrus aber bemühten sie sich die ganze Nacht hindurch vergeblich: „In dieser Nacht fingen sie nichts.“ So beschreibt ungeschönt der Heilige Johannes ihre Anstrengungen. Und als sie ans Ufer zurück kehrten erkannten sie auch den Herrn nicht, der sie erwartete, und der dann auch noch die Frage an sie richtete: „Meine Kinder, habt ihr nicht etwas zu essen?“ Man kann ahnen, wie genervt die Apostel darauf antworteten: „Nein!

Das ist ähnlich peinlich, wie wenn man einen profilierten Handwerker am Ende des Tages fragt: „Bist du gut weitergekommen?“ Und er dann sagen muss: „Nein! Alles, was ich versucht habe, war vergeblich.

Ungefähr drei Jahre zuvor hatte sich ähnliches ereignet. Aber das schien wie vergessen. Jener denkwürdige Tag schien vergessen, an dem Jesus den Fischer Petrus nach einer erfolglosen Nacht auf dem See aufforderte, noch einmal hinauszufahren und die Netze auszuwerfen (vgl. Lk 5, 4-11.) Vergessen schien, dass daraufhin so viele Fische ins Netz gingen, dass die Netze zu zerreißen drohten. Ein zweites Boot musste zur Hilfe kommen, weil das eine Boot mit so vielen Fischen unterzugehen drohte. Und ganz vergessen schien die abschließende Aufforderung Jesu an Petrus: „Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen.“ Und vergessen schien, dass sie daraufhin „die Boote an Land zogen, alles verließen und ihm nachfolgten“.

Das Fischerboot des Petrus steht hier bildhaft für die Kirche, für die Gemeinschaft der Christgläubigen. Das Fischerboot des Petrus steht für eben diese Gemeinschaft, die sich einsetzt für das Heilige und unlösbar damit verbunden für den Frieden und das Gerechte, für das Wahre und das Gute. Das Fischerboot des Petrus steht für die Gemeinschaft der Kirche, die sich weltweit einsetzt; und dabei besonders für die Familie als kleinste natürliche Gemeinschaft. Denn: wo Familien in Frieden leben, da wächst und gedeiht Friede in der Gesellschaft, die sich aus diesen Familien bildet und in der sie sich organisieren. Die Keimzelle jeder größeren Gemeinschaft ist und bleibt die Familie.

Aber, und das ist die Kernbotschaft des heutigen Evangeliums, alles menschliche Bemühen bleibt vergeblich, wenn wir Gott vergessen. All unsere irdischen Anstrengungen verlieren sich ganz schnell in der Flüchtigkeit der Geschichte, wenn auch wir diese Tage vergessen, an denen Gott uns berührt und angesprochen hat. Wenn auch wir das vergessen – wie damals die Apostel – können wir einpacken. Glück und Frieden werden uns immer wieder entgleiten. Unsere Netze werden am Ende leer bleiben; wie damals die der Apostel.

Christus, der gute Hirt, bestellt Petrus zum Hirten seiner Herde. Nicht Johannes, den Jünger der ungebrochenen Treue, sondern Petrus: den, der Christus verleugnet hat und ihn jetzt dreimal seiner Liebe versichert (vgl. Joh 21,15-19).

Das ist gewissermaßen die „Regierungserklärung“ des ersten Papstes. Und das ist auch das Entscheidende für das Leben als Christ vor Gott und miteinander, persönlich und in Gemeinschaft. Nur danach fragt der Herr den in Reue umkehrenden Petrus: „Liebst du mich?

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 16+17/22 (C)

Zur Auferstehung Jesu gehört sein Tod

Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaft auferstanden! Halleluja!

Ostern feiern wir die Auferstehung Jesu von den Toten. Damit sprechen wir aus: Tod und Auferstehung Jesu gehören untrennbar zusammen. Sie bilden eine Einheit. Sprechen wir von der Auferstehung Jesu, sprechen wir immer auch von seinem Tod. Und sprechen wir vom Tod Jesu, sprechen wir immer auch von seiner Auferstehung. Unserem Wesen als Mensch gemäß möchte Gott nur in diesem untrennbaren Zusammenhang des Todes und der Auferstehung Jesu Erlösung gewähren: aus jeder Trauer, aus jeder Ausweglosigkeit, aus dem Tod und dem Krieg.

Als Christgläubige lassen wir uns nach der genuinen Predigt Jesu mit hineinnehmen in seinen Tod. In Jesu Tod stirbt der alte Mensch. Und wir lassen uns gleichzeitig und untrennbar davon mit hineinnehmen in seine Auferstehung, in der wir – nach dem Tod des Alten in uns – als neue Menschen leben.

Wir wissen doch“, so sagt es der Hl. Paulus (Röm 6, 6f): „Unser alter Mensch wurde mitgekreuzigt, damit der von der Sünde beherrschte Leib vernichtet werde, sodass wir nicht mehr Sklaven der Sünde sind. Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. Sind wir nun mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.“

Jahr für Jahr feiern wir genau dies, wenn wir Ostern nicht profan angepasst, sondern ursprünglich und unverfälscht feiern. Alljährlich lassen wir in der Fastenzeit und den Tagen der Karwoche den alten Menschen zurück. Diesen alten Menschen in uns, der übertrieben und verquer Recht haben will. Und wir lassen auch den eitlen, den ichbezogenen, den unbeherrschten, den gierigen gleichermaßen wie den trägen Menschen zurück. Wir lassen ihn zurück im Glauben an die Auferstehung!

Wo dieser Glaube im christlichen Alltag konkret wird, wo wir in diesem Glauben und mit Gottes Hilfe konsequent und von Herzen zurücklassen, was nur Unfrieden und Streit auslöst, da erfahren wir das Neue und Erfüllende eines Lebens in der „Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21).

Ostern bestärkt den Glauben daran, dass dies möglich ist. Ostern befähigt, als Christen real und bodenständig in diesem Sinne zu leben. Und der so gelebte Glaube macht erfahrbar, dass die erste, wichtigste und vorrangige Reform in der Erneuerung der Herzen besteht. Jesus hat weder die Etablierung von Machtstrukturen noch eine Demokratisierung des Reiches Gottes verkündet. Er ist uns vielmehr vorausgegangen in Tod und Auferstehung. Beides haben die Augenzeugen erlebt. Und wie Jesus selber seinen Tod und seine Auferstehung als Kreuzesnachfolge verkündet und gedeutet hat, so haben es die Augenzeugen von damals an ihre Nachfolger bis heute weitergegeben.

Eingestandenermaßen fällt es uns Christen in diesem Jahr nicht leicht, Ostern zu feiern. Angesichts des Krieges zwischen zwei ursprünglich tief christlichen Ländern in Europa ringt man nach Luft. In diesem Krieg werden Menschen aus niederträchtigen Motiven umgebracht. Die profane Logik des Ganzen lässt sich nur bedingt beeinflussen. So fühlt man sich weitgehend machtlos und einem ungewissen Schicksal ausgeliefert. Und die coronabedingten Widrigkeiten der letzten zwei Jahre, die uns viel abverlangt haben, sind diesem Krieg gegenüber eher gering.

Umso mehr bin ich davon überzeugt, dass Gott uns damit etwas sagen möchte. Und das hat zutiefst mit Ostern zu tunt. Nämlich: Lasst Eure Verhärtungen zurück. Folgt mir nach in der Logik von Tod und Auferstehung. Lasst Euer Unfrieden verbreitendes Nörgeln am kirchlichen Verständnis der Botschaft Jesu zurück. Lebt dafür so, wie Jesu seinen Tod und seine Auferstehung gelebt, verkündet und seiner Kirche als immer Segen spendende Osterbotschaft anvertraut hat. Dann geht von Eurem erneuerten Herzen ein hoffnungsfroher und machtvoller Beitrag zum Frieden in der Welt aus.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 15/22 (C)

Jesu Einzug in Jerusalem

Mit dem Evangelium vom feierlichen Einzug Jesu in Jerusalem treten wir am Palmsonntag ein in die Karwoche. Wir steigen in diese Woche ein mit der Freude des Jubels und Willkommens, die damals die Bewohner des irdischen Jerusalems dem Herrn entgegengebracht haben. Diese Freude ist unmissverständlich als Vorausbild der Freude nie vergehenden Jubels und Willkommens aller Menschen guten Willens im himmlischen Jerusalem zu verstehen.

Denn als „einige Pharisäer aus der Menge ihm zuriefen: ‚Meister, weise deine Jünger zurecht!‘ erwiderte er: ‚Ich sage euch: Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien.‘“ (Lk 19,39f) So wie „In-Stein-Gebautes“ als Bild für immer Gebautes gilt, so ist auch der zeitliche Jubel damals als Bild ewigen Jubels dereinst zu verstehen. Hierdurch im Glauben berührt, bestärkt und gut gewappnet können wir uns in den kommenden Tagen dem unsäglichen Leiden Jesu aussetzen.

Zu Beginn dieses Leidensweges lässt Jesus sich feiern. Er nimmt den Hosannajubel des Palmsonntags uneingeschränkt und vorbehaltlos an. Er lässt die ausgelassene Freude und Fröhlichkeit nicht einfach über sich ergehen. Er genießt hingegen das Bad in der Menge, wie es jeder andere, vernünftig und seelisch Gesunde auch tun würde.

Aber Jesus tut es zugleich im Wissen darum, dass er schon sehr bald diese ganze Menge gegen sich haben wird. Selbst die Jünger werden ihn allein lassen. Die irdische Freude ist nicht von Dauer. Sie ist deshalb nur temporär erstrebenswert, sofern sie uns in ihrer Flüchtigkeit Kraft und Stärke auf dem Weg hin zur nie endenden Freude gibt. Und wir müssen in der Kraft und im Mut wachsen, sie loszulassen, wenn die Stunde dazu gekommen ist.

Für Jesus kam diese Stunde dann auch sehr bald. Schon am Gründonnerstag hören wir dann (Joh 13,1): „Es war vor dem Paschafest. Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen.“ Und in der Nacht der Verhaftung hören wir Ihn dann sagen (LK 22,52f): „Wie gegen einen Räuber seid ihr mit Schwertern und Knüppeln ausgezogen. Tag für Tag war ich bei euch im Tempel und ihr habt nicht Hand an mich gelegt. Aber das ist eure Stunde und die Macht der Finsternis.“

In welche Stunde streben wir hinein? Welche Stunde wünschen wir uns? Die Stunde Jesu oder die Stunde machtvoller Finsternis? Es gibt nur diese Alternativen. Einen dritten, mittleren und weniger dramatischen Weg gibt es nicht. Dessen müssen wir uns immer wieder bewusst werden. Und das wird dem Gläubigen alljährlich in der Karwoche, die mit dem Palmsonntag beginnt, und dem folgenden Fest der Auferstehung Jesu, dem Osterfest vor Augen geführt.

Zur Stunde Jesu hat sich Papa emerito Josef Ratzinger, der Kirche und Theologie allen Unkenrufen zum Trotz wie kaum ein anderer zutiefst geprägt hat, vor einigen Jahren einmal wie folgt geäußert: „Die »Stunde« Jesu ist die Stunde des großen Überschritts, der Verwandlung des Seins durch die Agape. Sie ist Agape »bis ans Ende«. Jesus der Christus ist vom Vater ausgegangen und wird zum Vater zurückkehren.

Josef Ratzinger/Benedikt XVI. schreibt weiter: „Das Ausgehen Jesu … setzt zunächst einmal schon die Schöpfung nicht als Abfall, sondern als positiven Willensakt Gottes voraus. Es ist dann ein Prozess der Liebe, die gerade im Absteigen ihr wahres Wesen erweist – aus Liebe zum Geschöpf, aus Liebe zum verlorenen Schaf – und so im Absteigen das wahrhaft Göttliche offenbart. Und der heimkehrende Jesus streift nicht seine Menschheit wie etwas Verunreinigendes wieder ab. Das Ziel seines Abstiegs war das Annehmen und Aufnehmen der ganzen Menschheit, das Heimkehren mit allen Menschen – die Heimkehr von »allem Fleisch«.“ So weit unser hochverdienter und geschätzter Papa emerito.

Auch als tief Gläubige müssen wir es uns immer wieder sagen und sagen lassen: Die Endstation irdischen Lebens sind weder zeitliche Erfüllung noch zeitliches Kreuz und Leid. Die Endstation irdischen Lebens ist tiefste Erfüllung im bleibenden und unvergänglichen Willkommen und Ankommen im himmlischen Leben.

Im Kontext der Karwoche weckt die Palmsonntagsfeier auf und ermutigt. Die Liturgie sensibilisiert zutreffend und realistisch zugleich. Sie lässt nicht länger die ewig wiederkehrende Täuschung allein irdischer Geschichte zu. Sie lässt nicht länger voreilig und unbedacht in zeitlich begrenzter Erfüllung das Heil suchen.

Der Palmsonntag stimmt ein auf die ewig himmlische Erfüllung. Zu ihr gelangt man nur durch eine Verwandlung, wie allein Gott sie ermöglichen und schenken kann. Diese Verwandlung geschieht in opferbereiter Hingabe und Entsagung. Allein so überschreitet das Geschöpf alles Irdische hin zur Erfüllung im himmlischen Jerusalem.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 14/22 (C)

Vom Passionssonntag bis Karfreitag bleibt das Kreuz verhüllt, um das eine Geheimnis der Gnade Gottes auf der einen wie das seiner Gerechtigkeit auf der an-deren Seite dem Gläubigen näher zu bringen.

Ab dem 5. Sonntag in der Fastenzeit bleiben nach einer alten Tradition die Kreuze verhüllt bis zum Karfreitag und wecken so unsere Aufmerksamkeit. Was wir zu sehen gewohnt sind, ist den Blicken entzogen. Durch Verhüllen wird etwas gezeigt! – Wir fasten mit den Augen. Es beginnt die Passionszeit. Am Karfreitag wird das Kreuz dann in einer eindrucksvollen Zeremonie enthüllt.

Der Ursprung der traditionsreichen Kreuzverhüllung liegt im Dunkel der Geschichte. Sie kann damit zu tun haben, dass das Kreuz Jesu im Laufe des Mittelalters immer mehr zum Symbol für die Auferstehung des Herrn wurde. Kreuze mit dem leidenden und geschundenen Jesus waren eher selten. Verbreitet waren hingegen Triumphkreuze, die mit Gold und Edelsteinen geschmückt waren.

Diese Kreuze hatten sie teilwiese keinen Korpus oder sie zeigten den "erhöhten Christus" mit Heiligenschein oder Krone. Der grausame Tod Jesu rückte in diesen Jahrhunderten in den Hintergrund. Damit Wesentliches wieder sichtbar werde, musste alles, was ablenkt, verborgen werden. Daraus könnte die Tradition der Kreuzverhüllung entstanden sein: Sie sollte an den leidenden Jesu in der Passion erinnern, damit das Bild des Gekreuzigten nicht verloren gehe (Matthias Altmann auf katholisch.de).

Eine Deutung des Bischofs Durandus von Mende im 13. Jahrhundert führt uns mitten in die Liturgie des heutigen 5. Fastensonntags, der auch Passionssonntag heißt. Durandus deutet die Verhüllung der Kreuze allegorisch. Er geht dabei aus vom Ende eines Streitgespräches, das Zeitgenossen mit Jesus angezettelt hatten. So lesen wir im Johannesevangelium: "Da hoben sie Steine auf, um sie auf ihn zu werfen. Jesus aber verbarg sich und verließ den Tempel" (Joh 8,59).

Durandus kommt von da ausgehend schließlich zu dem Schluss: Jesus hat in der Zeit seines Leidens seine Gottheit verhüllt. So führt uns die Verhüllung des Kreuzes also zum Geheimnis der Erlösung. Es ist der Gott-Mensch Jesus Christus, der als Mensch in untrennbarer Verbindung mit dem allmächtigen Gott all unsere Bosheit, unsere Gemeinheit, unsere Aggression, unsere selbstbezogene und sich dann in der Sinnlosigkeit verlierende Sinnlichkeit, unseren Hochmut und Stolz im Kreuz auf sich lädt. Damit reinigt er uns und befreit uns durch das Kreuz, mit dem er freiwillig all unsere Abgründe auf seine Schulter lädt, von all dem, was uns ins Unglück führt.

Auch am heutigen Sonntag ist von einer Sünde die Rede, die am Ende nur die Herzen bricht und traurig macht. Es wird von einem vollzogenen Ehebruch berichtet (Joh 8, 1-11). Um vor den negativen Folgen zu schützen, war Ehebruch strafbewährt. Einem Ehebrecher drohte die Todesstrafe durch Steinigung; nach jüdischem Gesetz sowohl dem Mann wie der Frau. Dass es oft anders gehandhabt und nur die Frau bestraft wurde, auch das wird im heutigen Evangelium deutlich.

Vom Evangelisten Johannes (ibid.) erfahren wir: Es hatte sich eine große Menschenmenge um Jesus versammelt, als „Schriftgelehrte und Pharisäer eine Frau brachten, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? Mit diesen Worten wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn anzuklagen.“

Das verhüllte Kreuz wie das Evangelium von der Ehebrecherin vermitteln uns einen Jesus, der die Herrlichkeit seiner Gottheit verbirgt. Er lässt seine göttliche Autorität, seine unendliche Gnade und Barmherzigkeit wie auch seine unbestechliche Gerechtigkeit nur durch seine Gesten und wenige, aber alles erklärenden Worte durchscheinen.

Zuerst schweigt Er und schreibt in den Sand. Damit fordert er die selbstgerechten Ankläger heraus und ruft ihnen das Wort der Schrift in Erinnerung, dass die Sünder in den Sand geschrieben werden (vgl. Jer 17,13), d. h. dem Tod verfallen sind.

Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.“ Einer nach dem anderen, die Ältesten voran, verlassen den Ort. So bleibt Jesus schließlich mit der Ehebrecherin alleine zurück und sagt ihr: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 13/22 (C)

Egal ob kitschig oder nich: Darstellungen des Unbefleckten Herzens Mariä sind Teil der katholischen Volksfrömmigkeit und in bestimmten Regionen stark verbreitet.

Vergangenen Freitag, am 25. März, dem Hochfest der Verkündigung des Herrn, hat Papst Franziskus – gleichsam als päpstliche Waffe gegen den aktuellen Krieg in Osteuropa und mit großer Resonanz auch unter den deutschen Bischöfen – in einem religiösen Weiheakt die beiden Länder Ukraine und Russland dem unbefleckten Herzen Mariens geweiht. Über diese Friedensoffensive von Papst Franziskus wurde in den Medien theologisch peinlich unterbelichtet und kirchengeschichtlich merkwürdig verschraubt berichtet.

Aus diesem Anlass geben wir im Folgende, aus Platzgründen leicht gekürzt, einen hilfreichen Beitrag von Roland Müller vom 25. März auf www.katholisch.de wieder.

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Heute weiht Papst Franziskus die Ukraine, Russland und die ganze Welt dem Herzen Mariens. Was in Deutschland auf nicht wenige Gläubige befremdlich wirken mag, hat eine lange spirituelle Geschichte. Ein Blick auf die Verehrung des Herzens der Gottesmutter und ihre Bedeutung für den Frieden.

Franziskus will heute gemeinsam mit allen Bischöfen der Welt die Ukraine und Russland dem Unbefleckten Herzen Mariens weihen. Nicht wenige Katholiken in Deutschland haben wohl mit einem fragenden Gesichtsausdruck oder vielleicht auch einem Achselzucken auf diese Ankündigung des Vatikan aus der vergangenen Woche reagiert. … Doch die Herz-Mariä-Verehrung … mit Wurzeln in der Heiligen Schrift hat ihre Spuren bis in die Gegenwart auch in der deutschen Kirche hinterlassen.

Der Ursprung der Rede vom Herzen Mariens findet sich im Neuen Testament. Im Lukasevangelium wird berichtet, dass Maria die biblischen Geschehnisse rund um die Geburt Jesu und die Wiederauffindung ihres jugendlichen Sohnes im Tempel "in ihrem Herzen" (Lk 2,19.51) bewahrte. In der Sprache der Bibel symbolisiert das Herz eines Menschen sowohl den Sitz der Gefühle als auch den Ort des Urteilsvermögens bis hin zum Gewissen. Dieses lebenswichtige Organ wird damit zum Bild eines Menschen schlechthin. Bedeutende Theologen der ersten christlichen Jahrhunderte wie Augustinus oder Johannes Chrysostomus formulierten davon ausgehend erste Gedanken, die zu einer Verehrung des Herzens Mariä führten.

Mit dem 13. Jahrhundert wurde diese Spielart christlicher Frömmigkeit immer beliebter, da sich im Spätmittelalter eine intensive Verehrung der Gottesmutter entwickelt hatte: Maria galt fortan als Idealfigur eines christlichen Gläubigen, der nachgeeifert werden sollte. War der Blick auf das Herz Mariens zunächst vor allem eine Praxis der persönlichen Spiritualität jedes Einzelnen, änderte sich das im 17. Jahrhundert grundlegend.

Der französische Priester Johannes Eudes betonte die enge Verbindung zwischen dem Herzen Jesu, dessen Verehrung in jener Zeit ebenfalls einen Höhepunkt erreichte, und dem Herzen Mariens. Der Geistliche führte 1643 in der von ihm gegründeten Priestergemeinschaft ein eigenes Herz-Mariä-Fest ein, das sich mit zunehmender Beliebtheit auf ganz Frankreich und Europa ausdehnte. Mehr als 200 Jahre später wurde 1855 die Feier dieses Festes für die Gesamtkirche erlaubt.

Dieser Schritt steht im Zusammenhang mit dem nur ein Jahr zuvor verkündeten Dogma von der Empfängnis Mariens ohne Erbsünde. Fortan spricht die Kirche daher vom Unbefleckten Herzen Mariä. Da in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Kulturkampf in vielen deutschen Staaten tobte avancierte die Verehrung der Herzen Jesu und Mariens zu einem zu einem katholischen Bekenntnis. Durch die Wahl von entsprechenden Patronaten für Pfarrkirchen und die Errichtung von Statuen der Gottesmutter oder ihres Sohnes, die besonders anschaulich die von Flammen oder Blumen umgebenen und verwundeten Herzen zeigen, bekannte man als Katholik seine Treue zum Papst. Aber auch weltweit wurde die Verehrung des Herzens Mariens oder des Herzens Jesu ein bedeutender Teil der katholischen Volksfrömmigkeit, der auf anderen Kontinenten, wie Lateinamerika, bis heute lebendig ist - samt der entsprechenden Statuen, die von vielen Gläubigen in Deutschland heute eher als kitschig wahrgenommen werden.

Ein Aspekt dieser Frömmigkeit ist die persönliche Weihe an Maria, also die Widmung eines Gläubigen an die Gottesmutter. Damit erbittet er ihren besonderen Schutz und stellt sich ihr, aber auch Gott, zur Verfügung. Besonders der französische Priester Louis-Marie Grignion de Montfort förderte diese spirituelle Praxis im 18. Jahrhundert. Auch Länder wurden Maria geweiht, wie 1638 Frankreich durch König Ludwig XIII. Mit den Marienerscheinungen von Fatima im Jahr 1917 erfuhr die Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens erstmals einen großen Bekanntheitsschub: Die drei portugiesischen Seherkinder berichteten nach ihren Visionen im sogenannten "zweiten Geheimnis", dass die Gottesmutter im Besonderen um die Weihe Russlands an ihr Unbeflecktes Herz gebeten habe. Ansonsten würde Russland "seine Irrtümer in der ganzen Welt verbreiten und Kriege und Verfolgungen der Kirche fördern". Neben dem Wunsch nach Frieden war hier nicht zuletzt auch die Bekehrung Russlands ein entscheidender Punkt. In Europa tobte damals der Erste Weltkrieg (1914-18) und nur wenige Monate nach den Marienerscheinungen von Fatima fand in Russland die kommunistische Oktoberrevolution statt.

1942 weihte Papst Pius XII. während des Zweiten Weltkriegs (1939-45) schließlich die ganze Menschheit dem Unbefleckten Herzen Mariens. Angesichts "von so viel materiellem und sittlichem Elend, von so viel Schmerz und Angst von Vätern und Müttern" während der Kriegsjahre bat Pius die Gottesmutter, bei der Weihe um Frieden auf der Welt. Ihm folgten weitere Päpste, die diese Weihe erneuerten: Paul VI. im Jahr 1964, Johannes Paul II. 1982 und gemeinsam mit allen Bischöfen der Welt noch einmal 1984 sowie schließlich Papst Franziskus im ersten Jahr seines Pontifikats 2013. Auch mehrere Länder wurden durch eine Weihe dem Schutz Mariens anempfohlen, so etwa Deutschland 1954. Selbst Städte, wie seit 2017 Aleppo in Syrien, stehen unter dem Schutz des Herzens Mariä. In Deutschland wurden im vergangenen Jahr zudem die (Erz-)Bistümer Berlin und Passau dem Herzen Jesu und dem Herzen der Gottesmutter geweiht.

Auch wenn solche Frömmigkeitsakte nicht darüber hinwegtäuschen können, dass in Deutschland die Marienverehrung seit der Nachkriegszeit rapide abgenommen hat, erhält der Aufruf von Papst Franziskus unter deutschen Oberhirten eine sehr große Resonanz… Die große Zahl der teilnehmenden Bischöfe wird von einigen Katholiken gelobt. Von anderen aber auch als eine unkritische Erfüllung der Bitte aus Rom angefragt, die nicht zur heutigen Spiritualität in Deutschland passe. In anderen europäischen Ländern und auf weiteren Kontinenten sind ebenfalls viele Bischöfe bereit, die Weihe mitzuvollziehen. … Das Ansinnen von Franziskus, eine möglichst große spirituelle Kraft der Kirche für den Frieden in der Ukraine zu mobilisieren, scheint also aufzugehen.

Gleichzeitig ist die Marienweihe angesichts der Nennung der beiden Konfliktpartner des aktuellen Kriegs, der Ukraine und Russland, mehr als eine bloße Frömmigkeitsübung. So sieht der italienische Historiker Daniele Menozzi einen politischen Hintergrund hinter dieser geistlichen Friedensoffensive des Papstes…: "Für den Frieden zu beten und die Menschen beten zu lassen, ist ein Aspekt von Bergoglios Haltung zu diesem Krieg." Der Papst sei dadurch keineswegs neutral, sondern habe vielmehr einen Weg gefunden, seine Verurteilung der Gewalt zum Ausdruck zu bringen, "ohne Meinungsverschiedenheiten unter den Christen zu vertiefen und um den diplomatischen Dialog mit dem Kreml offen zu halten". Und diese diplomatischen Kanäle könnte Franziskus in Zukunft brauchen. Denn immer wieder werden der Vatikan oder auch die europäischen Bischöfe als künftige Vermittler zwischen den Kriegsparteien ins Spiel gebracht.

Pfarrnachrichten 12/22 (C)

Weihe Russlands und der Ukraine an das Unbefleckte Herz Mariens am Fest der Verkündigung des Herrn - 25. März 2022, 17 Uhr

(Vatikanstaat) Am kommenden 25. März wird Papst Franziskus Russland und die Ukraine dem Unbefleckten Herzen Mariens weihen. Der liturgische Akt erfolgt im Rahmen einer Bußfeier im Petersdom. Denselben Ritus wird, ebenfalls am 25. März, der päpstliche Almosenpfleger Kardinal Konrad Krajewski im portugiesischen Fatima vornehmen.

Der 25. März ist in der katholischen wie auch in der orthodoxen Kirche das Fest der Verkündigung der Geburt Jesu an seine Mutter Maria durch den Erzengel Gabriel; die orthodoxe Kirche begeht es als eines von zwölf Hochfesten im Kirchenjahr.

Die Weihe Russlands an das Unbefleckte Herz Mariens spielt eine zentrale Rolle bei den Marienerscheinungen in dem portugiesischen Wallfahrtsort. Die Jungfrau und Gottesmutter Maria hatte nach Aussage der Seherkinder am 13. Juli 1917 in Fatima um die Weihe Russlands an ihr Unbeflecktes Herz gebeten und erklärt, dass andernfalls Russland »seine Irrtümer in der ganzen Welt verbreiten und Kriege und Verfolgungen der Kirche fördern« würde.

Nach den Erscheinungen von Fatima gab es bereits mehrere Akte der Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens: Pius XII. weihte am 31. Oktober 1942 die ganze Welt und am 7. Juli 1952 gesondert die Völker Russlands dem Unbefleckten Herzen Mariens. Am 21. November 1964 erneuerte Paul VI. beim Zweiten Vatikanischen Konzil die Weihe Russlands an das Unbefleckte Herz.

Papst Johannes Paul II. verfasste ein Gebet für einen, wie er es nannte, »Akt des Anvertrauens«, der am 7. Juni 1981, dem Pfingstfest, in der Päpstlichen Basilika Santa Maria Maggiore gefeiert wurde. In Erinnerung an das »Mir geschehe nach deinem Wort«, das Maria nach den Worten der Schrift bei der Verkündigung aussprach, hat der heilige Papst Johannes Paul II. am 25. März 1984 auf dem Petersplatz in geistlicher Verbundenheit mit den Bischöfen abermals der Welt alle Völker dem Unbefleckten Herzen Mariens anvertraut.

Im Juni 2000 enthüllte der Heilige Stuhl den dritten Teil des Geheimnisses von Fatima. Schwester Lucia – das einzige der drei Seherkinder von Fatima, welches das Erwachsenenalter erreichte – bestätigte in einem Brief von 1989, dass der Weiheakt dem Willen der Gottesmutter entsprach, wie der damalige Sekretär der Glaubenskongregation, Erzbischof Tarcisio Bertone, bekanntgab.

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Angesichts der tragischen Kriegsereignisse werden wir am 25. März um 17.00 Uhr – zeitgleich mit PAPST FRANZISKUS in St. PETER in ROM und mit der Weltkirche, besonders im Heiligtum von FATIMA – Russland und Ukraine dem Unbefleckten Herzen Mariens weihen; im Rahmen der täglichen Anbetung des Allerheiligsten in ST. PANTALEON, KÖLN.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 10/22 (C)

Verklärung Jesu auf dem Berg Tabor

Countdown Weltsynode – Beteiligung noch bis 18. März: Jede Stimme zählt!

Zum einen möchte ich Sie erinnern: bis einschließlich kommenden Freitag, 18. März (24 Uhr), können Sie unter dem Motto „Sag’s dem Papst! Wie soll die Zukunft der Kirche aussehen?“ als Gruppe oder Einzelperson auf der Beteiligungsplattform www.weltsynode.koeln/ eigene Beiträge verfassen und andere kommentieren.

Vorgegeben sind insgesamt zehn Themen, die dem Papst besonders wichtig sind. Die Beiträge auf der Plattform fließen ein in die Rückmeldung des Erzbistums Köln für den weltkirchlichen Prozess der Weltbischofssynode „Für eine synodale Kirche. Gemeinschaft – Teilhabe – Sendung“.

Mit einige haben wir uns letzte Woche im kleinen Kreis getroffen und ausgetauscht. Dabei haben wir festgestellt: Die bisherigen Einträge sind sehr unterschiedlich, teils auch recht kontrovers. Die Lektüre dieser Einträge ist aber durchaus inspirierend. Sie hilft, eigene Anliegen zu konkretisieren; sie zu profilieren und umfassend zu präzisieren. So sind wir am Ende verblieben, dass jeder für sich in den kommenden Tagen das einträgt, was ihm wichtig ist.

Es wäre schön, wenn bis zum 18. März noch einmal deutlich mehr Gläubige diese Chance nutzen, um so dem Heiligen Vater von der Basis her mitzuteilen, was man vor Ort als segensreich erfahren hat, wo ggf. “der Schuh drückt”, welche aus dem Gebet erwachsenen Visionen für Kirche und Gesellschaft man gerne anderen mitteilen und mit ihnen umsetzen möchte, was in aktuellen Diskussionen, Nachrichten oder Prozessen als verstörend oder als zukunftsweisend und prophetisch wahrgenommen wird usw.

Bitte beteiligen Sie sich doch! Ihr Einsatz und Ihre Mühe sind nicht vergeblich. Ihr Beitrag wird beachtet und geht nicht unter zwischen den zahlreichen anderen Beiträgen. Vor allem, wenn er gehaltvoll, biblisch wie kirchlich geerdet und von dort her prophetisch ist.

Nach dem 18. März startet die Auswertung. Differenziert und solide soll sie auswerten, “was auf der Plattform los war, so dass Themen und Positionen erkennbar werden.“ Bei der diözesanen Synodalversammlung am Wochenende 31. April und 1. Mai wird schließlich ein finaler Text beschlossen, der über die Bischofskonferenz als Rückmeldung aus dem Erzbistum Köln an die Weltkirche weitergegeben wird. Darüber hinaus wird beraten, welche Bedeutung die Rückmeldungen für das Erzbistum Köln haben, um das synodale Kirche-Sein zu stärken.

Zum zweiten Fastensonntag:

Nun sind wir schon eine ganze Weile auf dem Weg durch diese Fastenzeit. Damit wir auf diesem Weg nicht vorschnell ermüden, werden wir ermutigt wie damals die Apostel an der Seite Jesu. Drei von ihnen – Petrus, Johannes und Jakobus – nahm Jesus mit sich „und stieg auf einen Berg, um zu beten. Und während er betete, veränderte sich das Aussehen seines Gesichtes und sein Gewand wurde leuchtend weiß.“ So hören wir aus dem Evangelium am zweiten Fastensonntag (Lk 9, 28f).

Jesus offenbarte den Seinen die Herrlichkeit Gottes, die in ihm war. Darüber hinaus „rief eine Stimme …: Dieser ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören.“ (ibid., 35)

In Anlehnung an die Art, wie Gott in Jesus war, möchte Gott auch in uns sein. Aber wir müssen das wünschen und zulassen. Deshalb feiern wir Gottesdienst und beten wenn möglich täglich.

Die entscheidende Veränderung des Menschen, die innere „Verklärung“ im Hinblick auf Christus, vollzieht sich zumeist in der Stille, nicht im Lesen von Büchern, im Hören von Predigten, in Gesprächen und Diskussionen, die freilich unerlässliche Impulse geben können.

Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn einer meine Stimme hört und mir auftut, so will ich Mahl mit ihm halten und er mit mir“. In der Innerlichkeit des Schweigens, so hat es Heinrich Spaemann einmal gesagt, wenn das Hören zum Lauschen wird, wird dieses Klopfen gehört, diese Stimme vernommen. Das Licht kommt zu denen, die Dunkel erfahren, das erweckende Wort zu denen, die gelernt haben still zu werden. Aber das Schweigen muss tief gehen und ausdauernd sein.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 09/22 (C)

Wir dokumentieren im Folgenden in gekürzter Fassung den Brief unseres Erzbischofs zum Aschermittwoch 2022. Die ungekürzte Fassung liegt in der Kirche zum Mitnehmen aus. Wir empfehlen Ihnen diesen Brief zur Lektüre. So sind Sie aus erster Hand informiert und können sich ein objektives Urteil über Aussagen machen, mit denen etwas Anderes intendiert wird.

( An Aschermittwoch 2022 )

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

am heutigen Aschermittwoch beginnt für uns alle die österliche Bußzeit dieses Kirchenjahres. Für mich ist es zugleich der Tag, an dem ich nach einer mehrmonatigen Auszeit in den aktiven Dienst als Erzbischof von Köln zurückkehre. Mir ist klar, dass sich für viele von Ihnen damit auch ganz unterschiedliche Gefühle verbinden: Verunsicherung, Unverständnis, Misstrauen bis hin zur Ablehnung meiner Person sowie einer gewissen Sorge im Hinblick darauf, wie es bei uns im Erzbistum weitergehen wird. Es tut mir leid, dass diese Zeit für viele Menschen in unserer Kirche eine so belastete Zeit ist. Und ich weiß und es schmerzt mich, dass auch ich für diese Situation Verantwortung trage.

Eines ist mir aber zunächst vor allem wichtig: Ihnen allen aufrichtig Dank zu sagen, die Sie in den vergangenen Wochen und Monaten in ganz unterschiedlicher Weise Verantwortung getragen und wahrgenommen haben, die Sie sich in unserem Erzbistum gekümmert und den Glauben gelebt haben. … Kardinal Woelki bedankt sich im Folgenden ausdrücklich bei WB Steinhäuser. Dann erklärt er, dass segensreich Auszeiten noch nicht all das klären, was nur im Miteinander geklärt werden kann. Und er fährt fort:

…. Ich kehre nicht unverändert einfach so zurück, als sei in dieser Zeit nichts geschehen. … Es war eine Zeit, meine eigene Erschöpfung zuzulassen und wieder neu zu Kräften zu kommen. Zeit, auf die letzten Jahre zurückzuschauen und Zukünftiges in den Blick zu nehmen. Zeit, mich den Versäumnissen, den Fehlern und der Schuld in meinem Leben zu stellen und dabei auch Gelungenes und den Zuspruch zu sehen und wertzuschätzen – und aus beidem zu lernen.

Es war vor allem eine Zeit der Nähe mit Jesus und, in meinem Sozialeinsatz nach den Exerzitien, mit ganz unterschiedlichen Menschen … Das hat mir einen neuen Blick ermöglicht auf die Situation im Erzbistum Köln, auf mein eigenes und auf fremdes Handeln. Dabei ist in mir manches in Bewegung gekommen, was sich in der immer angespannteren kirchlichen Situation und zunehmenden, oft sehr persönlichen Anfeindungen meiner Person in unguter Weise in mir verhärtet hatte. Das betrifft Zusammenhänge von Beteiligung und Leitung, Möglichkeiten der pastoralen Entwicklung sowie notwendige Reformen in der Kirche ...

Immer und immer wieder habe ich in den vergangenen Monaten – betend und arbeitend – mein Handeln und die Situation in unserem Erzbistum reflektiert und meditiert. Besonders bedeutsam wurde mir ein Impuls, der für meine 30-tägigen Exerzitien grundlegend war und in die gesamte Auszeit hineingestrahlt hat: das immer neue Einüben in die ignatianische Haltung der Indifferenz, also in die Haltung, mich wie am Tage meiner Priesterweihe Christus, dem Herrn der Kirche, ganz und vorbehaltlos zu übereignen, die Haltung, „nichts zu sehr zu wollen“, sondern alles, wirklich alles auf Gott hin frei zu geben.

Als Ausdruck dieser Haltung innerer Freiheit habe ich dem Heiligen Vater meinen Dienst und mein Amt als Erzbischof von Köln zur Verfügung gestellt, so dass auch er frei ist, zu entscheiden, was dem Wohl der Kirche von Köln am meisten dient. Persönlich werde ich mich weiterhin mit allen mir zur Verfügung stehenden Kräften dafür einsetzen, dass der barmherzige Herr uns die Chance für einen Neuanfang schenken möge, auf neuen Wegen und in einem neuen Geist. Hierzu bitte ich Sie um Ihre Offenheit, Ihre Geduld, darum, dass Sie mir, nein, uns noch eine Chance geben. Vor allem aber erbitte ich Ihr Gebet für uns alle auf einem sicherlich nicht einfachen Weg, der jetzt vor uns liegt.

Ja, ich weiß um den Missbrauch in seinen verschiedenen Dimensionen. Ich weiß um den ungenügenden Umgang damit, um Fehlverhalten von Verantwortlichen insgesamt und um Irritationen in der Kirche in Deutschland und der Weltkirche – bis hin zu einer reformbedürftigen Kommunikation und Verkündigung des Glaubens, die heute zu oft am Leben der Menschen vorbeigeht. … Gern würde ich heute von möglichst vielen von Ihnen erfahren, was Sie in den vergangenen Monaten im Einzelnen bewegt hat und was die konkreten Beweg-Gründe sind für den Standpunkt, den Sie aktuell einnehmen: zu mir persönlich, aber doch vielmehr noch hinsichtlich Ihres Christseins in dieser Krisen- und Umbruchszeit der Kirche.

Kardinal Woelki setzt darauf, dass besonders die … erfüllenden Momente der Begegnung mit Gott und untereinander … unseren Alltag bestimmen; und kommt auf den Punkt: … Daran möchte ich sehr gewissenhaft mit Ihnen gemeinsam arbeiten. …

Dafür möchte ich in den kommenden Wochen und Monaten die Begegnung mit möglichst vielen von Ihnen suchen, um voneinander zu hören, was uns zu schaffen macht – und auch, woraus wir leben. Ich wünsche mir sehr und hoffe darauf, dass Sie mir auf den Wegen, die dafür notwendig sind, entgegenkommen. Dass dies offen, angstfrei und ehrlich geschehen kann, dafür möchte ich alles mir Mögliche tun. Vielleicht wird dies nicht immer direkt gelingen. So möchte ich Sie um Ihre Hilfe und Ihre Unterstützung bitten. Die Hoffnung, die ich damit verbinde, ist die Möglichkeit einer neuen Erfahrung miteinander. Es würde mich freuen, wenn auch Sie diese Hoffnung und Offenheit teilen könnten.

Kardinal Woelki bietet an, … dass wir nach Möglichkeit nicht von vornherein festgelegt aufeinander zu kommen und gehen, sondern auch dem eine Chance geben, was wir jetzt wahrnehmen, was und wie wir etwas heute hören und dabei vielleicht entdecken, welche neuen Einsichten sich als zukunftsweisend herausstellen. Dafür möchte ich in der kommenden Zeit Räume und Möglichkeiten zur Verfügung stellen und Sie dahin einladen. Und sehr gerne werde ich auch überall dort hinkommen, wo Sie mir Ihre Türen öffnen.

… Mir liegt daran, miteinander Räume zu betreten und zu gestalten, in denen wir uns ehrlich begegnen, einander zuhören und in denen wir gemeinsam die Möglichkeiten ausloten, wie es in unserem Erzbistum „gut“ weitergehen kann. Dafür möchte ich jetzt vor allem meine Zeit einsetzen.

So wird es für mich ein eher stiller Beginn sein … zu dem vor allem gehört, Ihnen zuzuhören: Ihrer Enttäuschung, Ihrem Ärger, Ihren Vorwürfen genauso wie Ihren Erwartungen, Wünschen, Ihrem Zuspruch und Ihren guten Ideen. Ich bitte Sie, geben Sie dem, geben Sie mir, Gelegenheit dazu.

Unser Kardinal schließt mit einem Gebet. Wir verweisen erneut auf die ungekürzte Fassung, die wir Ihnen zur vertiefenden Lektüre von Herzen empfehlen.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 08/22 (C)

Zum Krieg in der Ukraine

Bei seiner wöchentlichen Generalaudienz am Mittwoch, dem 23. Februar, appellierte Papst Franziskus an Gläubige und Nicht-Gläubige gleichermaßen, für den Frieden in der Ukraine zu beten und zu fasten.

Wörtlich sagte er: „Ich lade alle ein, den kommenden 2. März, den Aschermittwoch, zu einem Tag des Fastens für den Frieden zu machen. Ich ermutige die Gläubigen in besonderer Weise, sich an diesem Tag intensiv dem Gebet und dem Fasten zu widmen. Möge die Königin des Friedens die Welt vor dem Wahnsinn des Krieges bewahren."

Wenig später, am Freitagabend, meldete sich der Hl. Vater dann mit einem Tweet auch auf Russisch und Ukrainisch zum Krieg in Osteuropa. Über den Onlinedienst Twitter ließ er verbreiten: „Krieg ist ein Versagen der Politik und der Menschheit, eine beschämende Kapitulation. Jeder Krieg hinterlässt die Welt schlechter, als er sie vorgefunden hat."

Der Vatikan verbreitete das Zitat aus der Enzyklika „Fratelli tutti“ (2020) von Papst Franziskus in den üblichen Sprachen Italienisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Deutsch, Polnisch und Arabisch auf Twitter – und ausnahmsweise auch auf Russisch und Ukrainisch.

Das Internet-Portal „Vatican News“ berichtet von einem ungewöhnlichen Schritt, mit dem Papst Franziskus bereits am Freitagvormittag Russlands Botschafter beim Heiligen Stuhl aufsuchte. Er blieb eine halbe Stunde und brachte seine Sorge über den Krieg gegen die Ukraine zum Ausdruck. Üblicherweise werden Botschafter in solchen Fällen einbestellt; Franziskus entschied sich umgekehrt für einen Besuch in der Botschaft.

Darüber hinaus telefonierte der Papst am Samstag mit Kiewer Großerzbischof und Oberhaupt der griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine. Über dieses Telefongespräch berichtete das Sekretariat des Großerzbischofs mit Sitz in Rom.

Franziskus habe sich nach der Lage in Kiew und der Ukraine im Allgemeinen erkundigt und bereit erklärt, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um zu helfen. Auch habe er sich nach der Situation der Bischöfe und Priester in den von der russischen Militäroperation am stärksten betroffenen Gebieten erkundigt.

Anschließend dankte der Papst der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche für ihre Nähe zu den Menschen, für ihre Entscheidung, ihnen beizustehen, und dafür, dass sie den Keller der Kiewer Kathedrale zur Verfügung gestellt hat, der zu einem Zufluchtsort geworden ist. Schließlich versicherte er sie seiner Gebete und erteilte dem leidenden ukrainischen Volk einen Segen.

Schewtschuk war diese Woche zu einer Audienz bei Papst Franziskus erwartet worden. Er musste seine Reise wegen der aktuellen Entwicklungen absagen.

In dem Tweet mit den Hashtags #Ukraine #Betenwirgemeinsam erneuert der Papst auch seine Einladung, für den Frieden zu beten. Für kommenden Aschermittwoch hat er alle Gläubigen wiederholt dazu aufgerufen, einen Gebets- und Fastentag für die Ukraine einzulegen.

Zur Weltsynode

Ein weiteres Anliegen ist die Weltsynode. Erstmalig bezieht Papst Franziskus alle Gläubigen weltweit in die Vorbereitung dieses gemeinsamen Weges für alle Gläubigen ein. Die zentralen Fragen dabei: Wie soll die Zukunft unserer Kirche aussehen? Was bewegt die Gläubigen?

Die Rückmeldungen aus dem Erzbistum Köln sind nicht nur für Papst Franziskus und die Synode 2023 in Rom gedacht. Sie sind auch Orientierung und Chance für das Leben in unseren Gemeinden vor Ort!

Bis zum 18. März haben alle Gläubigen aus dem Kölner Erzbistum Gelegenheit, über die Beteiligungsplattform https://www.weltsynode.koeln/ all das zu sagen, was ihnen wichtig ist. Ich lade Sie ein, dies auch in größeren und kleineren Gruppen zu tun.

Von meiner Seite aus biete ich dafür drei Möglichkeiten an zu einem Austausch am:

·         Samstag, dem 05. März von 10:00 bis 11:30 Uhr, und / oder

·         Samstag, dem 12. März von 10:00 bis 11:30 Uhr, und / oder

·         Sonntag, dem 13. März von 15:00 bis 16:30 Uhr.

Wer vor Ort live dabei sein möchte: Wir treffen uns im Pfarrbüro / Sitzungsaal. Wer online dazukommen möchte: Bitte melden Sie sich im Pfarrbüro. Am einfachsten per E-Mail. Wir schicken Ihnen dann den Link zur Einwahl zu.

Wir tauschen uns aus und geben unsere Anliegen entweder gemeinsam oder individuell über die Beteiligungsplattform https://www.weltsynode.koeln/ an das Erzbistum weiter.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 07/22 (C)

Jan Brueghel der Ältere - Bergpredigt (1598)

Auch wenn es sich fast so anhört, ist es nicht die “Berg-” sondern die “Feldpredigt”, die an diesem Sonntag, dem sechsten im Jahreskreis (Lesejahr C) vorgetragen wird. Der heilige Lukas berichtet im sechsten Kapitel, ab Vers 17, dass „Jesus mit den Zwölf den Berg hinabstieg. In der Ebene blieb er mit einer großen Schar seiner Jünger stehen und viele Menschen aus ganz Judäa und Jerusalem und dem Küstengebiet von Tyrus und Sidon waren gekommen.“

Jesus stieg also vom Berg hinab. Er doziert nicht als Erhabener von oben nach unten wie im Matthäus-Evangelium (5,1 ff), worin selbstverständlich auch eine wichtige Aussage liegt. Matthäus legt Wert darauf, dass die Bergpredigt als autoritative Offenbarung verstanden wird.

Lukas hingegen betont, dass Jesus nicht nur auf Augenhöhe mit den Menschen spricht. Er sagt darüber hinausführend ausdrücklich (Lk 6,20): „Jesus richtete seine Augen auf seine Jünger.“ Damit unterstreicht Lukas das große Interesse, dass der in Jesus menschgewordene Gott an jedem einzelnen seiner Zuhörer hat. Und alles christliche Beten gipfelt in der Tat über das anfängliche Reden des Beters, dem sein Schweigen folgt, dann vor allem im vertrauensvoll zuhörenden Blick auf Gott.

Den dann folgenden vier Seligpreisungen werden vier Wehrufe entgegengesetzt. Jeus mutet damit seinen Zuhörern einiges zu (Lk 6,20-26): „Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes. Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet gesättigt werden. Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und wenn sie euch ausstoßen und schmähen und euren Namen in Verruf bringen um des Menschensohnes willen. Freut euch und jauchzt an jenem Tag; denn siehe, euer Lohn im Himmel wird groß sein. … Doch weh euch, ihr Reichen; denn ihr habt euren Trost schon empfangen. Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern. Weh, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet klagen und weinen. Weh, wenn euch alle Menschen loben.

Wir sind auf materielle Güter angewiesen, die zwangsweise auch irgendjemandem gehören. Wo genau verläuft – für jeden nämlich anders – der richtige Weg zwischen arm und reich. Jeder von uns muss essen und trinken. Wo genau verläuft – für jeden nämlich anders – der richtige Weg zwischen Magersucht und Völlerei?

Frohe Menschen sind ein Segen. Ausgelassene Fröhlichkeit kann allerdings leicht umkippen, und man verlacht die, denen aus berechtigten Gründen nicht zum Lachen ist. Letzteres kann jedoch schnell zu einer unseligen Traurigkeit führen.

Eine wunderbare Antwort auf diesen scheinbaren Widerstreit legen die beiden Kurzgebete zu Beginn des Gottesdienstes an diesem sechsten Sonntag nahe, die der Heiligen Schrift entnommen sind bzw. ihr eng folgen. Zum einen das Eröffnungsgebet: „Sei mir ein schützender Fels, eine feste Burg, die mich rettet. Denn du bist mein Fels und meine Burg; um deines Namens willen wirst du mich führen und leiten.“ (Ps 31 bzw. 30, 3-4). Und dann das Tagesgebet: „Gott, du liebst deine Geschöpfe, und es ist deine Freude, bei den Menschen zu wohnen. Gib uns ein neues und reines Herz, das bereit ist, dich aufzunehmen.

So betet der ehrlich Aufrechte. Er weiß, auch aus wiederholter Erfahrung, dass er aus eigener Kraft nicht mit jenem Gott vertraut sein kann, der ihn herausholt und erlöst aus dem Dilemma und der am Ende abgrundtiefen Aussichtslosigkeit des Lebens. Das wird dann auch angesprochen in der ersten Sonntagslesung (Jer 17, 5): „Verflucht der Mann, der auf Menschen vertraut, auf schwaches Fleisch sich stützt.“ Das Herz dieses Mannes (ibid.) „wendet sich ab vom Herrn“ (ibid.). Demgegenüber ist jener Mann gesegnet, „der auf den Herrn sich verlässt und dessen Hoffnung der Herr ist“ (ibid., 7).

Die grundsätzlich aussichts- und ausweglose Situation des Menschen liegt nicht auf der gleichen Ebene wie die „führende und leitende“ Nähe eines Gottes, der den Menschen voraussetzungslos liebt. Somit ist beides zunächst einmal unvereinbar. Zur Überwindung dieser abgrundtiefen Diskrepanz bittet der Betende deshalb um „ein neues und reines Herz, das bereit ist, dich (Gott) aufzunehmen.“

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 06/22 (C)

Sag's dem Papst!" - Weltsynode 2021-2023

Start der diözesanen Beteiligungsphase im Erzbistum Köln – Freischaltung der Onlineplattform

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder,

das ist einzigartig: Als weltweite Gemeinschaft macht sich die Kirche auf den Weg und beginnt einen zweijährigen synodalen Prozess, der die XVI. ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode zum Thema „Synodalität“ im Herbst 2023 vorbereiten soll.

Erstmalig bezieht Papst Franziskus die gesamte Weltkirche – und damit auch das Erzbistum Köln – in die Vorbereitung der Weltsynode ein. Ausdrücklich wünscht er sich eine aktive Teilnahme möglichst vieler Katholikinnen und Katholiken sowie von Menschen anderer christlicher Konfessionen und auch von den Menschen, die sich bereits von der Kirche abgewandt haben, um ihm mitzuteilen, wie sie sich die Kirche der Zukunft vorstellen.

Die Phase der Beteiligung in unserer Diözese wollen wir nutzen, um auf die Hoffnungen und Freuden, aber auch auf die Ängste und Sorgen der Menschen in unserem Erzbistum zu hören. Dabei gibt es keine Tabuthemen. Insbesondere kritische Themen und Stimmen sollen benannt werden.

Für diese Beteiligung steht im Erzbistum Köln unter www.weltsynode.koeln vom 1. Februar bis zum 18. März eine digitale Beteiligungsplattform zur Verfügung. Sie ermöglicht es Einzelnen wie Gruppen, zu den vom Papst benannten zehn Themenfeldern ihre Erfahrungen, Wünsche und Meinungen zu benennen und beizutragen. Die Beteiligungsplattform ist so eingerichtet, dass die Eingaben gelesen und kommentiert werden können.

Ich lade Sie alle ausdrücklich ein: Beteiligen Sie sich, sagen Sie es weiter und nutzen Sie diese Chance.

Kommen Sie miteinander ins Gespräch. Tauschen Sie sich aus, in Ihren Pfarreien, Gemeinden, Seelsorgebereichen, Gemeinschaften, Verbänden, Familienkreisen, in Ihren Einrichtungen und Initiativen, in Ihren Schulklassen, Kinder- und Jugendgruppen, in Ihren informellen Gruppen, mit Ihren Berufskolleginnen und -kollegen... – oder in welchen Verbindungen auch immer, und geben Sie uns Ihre Rückmeldung! Jede und jeder kann sich einbringen.

Alle Rückmeldungen auf der Beteiligungsplattform www.weltsynode.koeln werden nach dem 18. März gebündelt. Das Ergebnis wird zeigen, was den Menschen in unserem Erzbistum am Herzen liegt, was für Veränderungen sie von ihrer Kirche erwarten oder ihr vorschlagen – für Rom, aber vor allem auch für uns selbst und das Leben in unseren eigenen Gemeinden. Ich bin in gespannter Erwartung, wie es gelingen wird, die Impulse aufzugreifen und umzusetzen.

Auf einer großen diözesanen Synodalversammlung am 30. April und 1. Mai 2022 wird mit Menschen aus dem Erzbistum beraten, wie die Ergebnisse zu einem etwa zehnseitigen Papier zusammengefasst werden können. Nach der Synodalversammlung wird diese finale Zusammenfassung aus dem Erzbistum Köln über die Deutsche Bischofskonferenz nach Rom geleitet und somit Teil des globalen, weltweiten synodalen Prozesses.

Die Beteiligungsplattform für das Erzbistum Köln – mit vielen Informationen und Angeboten zum Mittun und zum Austausch – finden Sie unter www.weltsynode.koeln.

Sagen Sie uns und dem Papst, wie Sie sich Ihre Kirche der Zukunft vorstellen. Ich bin überzeugt, dass die diözesane Phase der Weltsynode unser Erzbistum und unsere Kirche weiterbringen wird.

Verbunden im gemeinsamen Glauben grüßt Sie sehr herzlich

Ihr Weihbischof Rolf Steinhäuser

Apostolischer Administrator des Erzbistums Köln

 

Pfarrnachrichten 05/22 (C)

Jesus in der Synagoge - Autor unbekannt

An diesem „vierten Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr (C)“ kommt im katholischen Gottesdienst der Evangelist Lukas mit seinem aufschlussreichen Bericht (Kap. 4, Verse 21-30) über die „Antrittsrede Jesu in Nazareth“ zu Wort. Nach der Taufe im Jordan (vgl. Lk 3, 21ff) und der Versuchung in der Wüste (vgl. Lk 4,1 ff) hatte Jesus in einigen Synagogen in Galiläa bereits gelehrt (vgl. Lk 4, 14f). „Die Kunde von ihm verbreitete sich in der ganzen Gegend“, und er „wurde von allen gepriesen“, wie Lukas (ibid.) eigens bemerkt.

Daran anschließend berichtet Lukas ausführlich über die erste Predigt, die Jesus in Nazareth, seiner Heimatstadt hielt. Heute ist Nazareth eine Stadt von 70.000 Einwohnern. Damals war Nazareth ein Dorf mit ca. 100 Bewohnern. Es war damals so üblich, dass einer aus der Gemeinde beim Gottesdienst aufstand, sich eine Schriftrolle geben ließ, daraus vorlag und sich dann dazu äußerte. Aber dieses Mal geschah etwas Ungewöhnliches.

Man reichte Jesus (vgl. Lk 4,17-21) „die Buchrolle des Propheten Jesaja. Er öffnete sie und fand die Stelle, wo geschrieben steht: Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe. Dann schloss er die Buchrolle, gab sie dem Synagogendiener und setzte sich. Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet. Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.

Anfangs (vgl. Lk 4, 22) „stimmten ihm alle zu; sie staunten über die Worte der Gnade, die aus seinem Mund hervorgingen, und sagten: Ist das nicht Josefs Sohn?“ Jesus weiß, dass diese Zustimmung nur seinem beeindruckend elegant-gewandtem Auftreten galt. Nicht aber dem, was er ihnen gerade erklärt hatte: „Heute hat sich das Schriftwort … erfüllt.“

Jesus sagt ihnen voraus, dass sie ihn nicht als den Gesalbten, den verheißenen Messias annehmen, sondern ihn gerade als diesen ablehnen werden (vgl. Lk 4, 23-27). Und Lukas beendet seine Erzählung dann so: „Als die Leute in der Synagoge das hörten, gerieten sie alle in Wut. Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus; sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, und wollten ihn hinabstürzen. Er aber schritt mitten durch sie hindurch und ging weg.

Wir hören Worte voller Gnade, sehen wutentbrannte Zuhörer und einen Jesus, der mitten durch sie hindurchschritt und wegging.

Unwillkürlich – womöglich von Lukas mit Blick auf den Leser auch so beabsichtigt – mag man sich fragen: Wie hätte ich reagiert, wäre ich damals dabei gewesen wäre? Und natürlich auch verstanden hätte, was Jesus hier gesagt hat, nämlich: Ich bin der Messias! Was mag Theophilus gedacht haben, dem Lukas sein Evangelium gewidmet hat?

Spätestens hier wird deutlich: Es geht im Evangelium um Entscheidung – für oder gegen den „Sohn des lebendigen Gottes“! (vgl. Mt 16,16)

Die Frage „Wer ist Jesus für mich?“ stellt sich immer wieder. Auch heute basteln sich viele einen Jesus so zurecht, wie er einem passt: als Freund der Armen, als Sozialreformer, als ein besonders Großer, als Versöhner durch Feindesliebe, oder als „Sohn Gottes“ im Sinne eines mit Gott nur besonders vertrauten Menschen. Die "pluralistische Theologie der Religionen" schätzt ihn hoch, aber eben nur gleichwertig mit anderen Religionsstiftern. Der moderne Subjektivismus reduziert. Er lässt nur einen Jesus à la carte, einen Messias nur nach dem jeweiligen Geschmack zu.

So sieht man dann auch die Kirche. Sie soll eine Kirche für alle werden, indem in ihr alles möglich werde. Es ist an der Zeit, innezuhalten und in sich zu gehen.

Der in Jesus menschgewordene dreifaltige Gott, der in einer Person Mensch und Gott zugleich ist, wirkt in seiner Kirche in einer Kontinuität ohne Brüche und Paradigmenwechsel. Also kein Jesus à la carte, und auch keine Kirche, die sich jedem je nach seinem Geschmack anbietet. Dann wird auch die Frage wieder erlösungsrelevant: „Und wer bin ich für Dich, Jesus?

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 04/22 (C)

Der Evangelist Lukas bei der Arbeit - Stollhofen Chorgemälde

Der Evangelist Lukas beginnt sein Evangelium mit folgender, interessanter Vorbemerkung (Lk 1,1-4), wie sie heute zum Evangelium (dritter Sontag im Jahreskreis, Lesejahr C) vorgetragen wird: „Schon viele haben es unternommen, eine Erzählung über die Ereignisse abzufassen, die sich unter uns erfüllt haben. Dabei hielten sie sich an die Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren. Nun habe auch ich mich entschlossen, nachdem ich allem von Beginn an sorgfältig nachgegangen bin, es für dich, hochverehrter Theóphilus, der Reihe nach aufzuschreiben. So kannst du dich von der Zuverlässigkeit der Lehre überzeugen, in der du unterwiesen wurdest.

Nach einhelliger Meinung führender Altphilologen sind dies die kunstvollsten Sätze im Neuen Testament. Die Anrede des namentlich genannten Theophilus mit „hochverehrt (Κράτιστε Θεόφιλε)" dürfte ein Hinweis auf dessen Stand als römischer Senator, Ritter oder Prokurator sein. Vielleicht war er ein Katechumene, der zur Vorbereitung auf die Taufe im christlichen Glauben unterwiesen wurde. Oder er war Neophyt, also gerade getauft.

Was mag er bei der Lektüre gedacht haben? Was denken wir heute, wenn wir mit dieser Einleitung das Evangelium des hl. Lukas lesen?

Lukas legt in seiner kunstvollen Einführung dar, dass auch er – wie schon seine Vorgänger – Informationen eingeholt, Zeugen befragt und sorgfältig recherchiert habe.

Als einziger unter den Evangelisten gehörte Lukas zu den „klassisch“ Gebildeten seiner Zeit. Er ist kein gewöhnlicher Schreiber. Er ist ein feinsinniger Schriftsteller, mit dem großen Gefühl eines Griechen für die Formschönheit des Satzes und der Erzählung. Trotz seiner Fähigkeit geht er mit einigem Zögern ans Werk: nur weil es schon andere versucht hätten, hofft er in Bescheidenheit, dass nun auch er sein Ziel erreichen könne. Hier zeigt sich seine Herzensbildung.

Zudem erweist Lukas sich als qualifizierter Geschichtsschreiber. In moderner Art bemüht er sich um sorgfältige Quellenkritik. Gewissenhaft geht es ihm um Treue dem ihm überlieferten „Wort“ gegenüber. So ist Lukas zugleich auch ein demütiger, bescheidener, gewissenhafter und vor allem ein glaubender Mensch.

Er will durch seine Erzählung andere zur Wahrheit des Wortes der christlichen Botschaft führen. Dabei findet sich nichts, was wie „aufdringliche Propaganda“ für den christlichen Glauben aussehen könnte.

Lukas ist ein erfüllter und mit Freude Glaubender, der allein von Tatsachen erzählen will. Diese sind ihm so überzeugend, dass allein durch sie der Leser schon zur eigenen Überzeugung finden werde. Ihm selber sind sie so wunderbar und kostbar, dass auf Dauer wohl niemand sich dem Erzählten verschließen könne.

In dieser Überzeugung geht er ans Werk: Mit Sinn für Schönheit und Grazie, mit dem ernsthaften Wunsch, allein der Wahrheit zu dienen, und zugleich mit kindlichem Glauben, den er mit anderen in Fülle teilen möchte.

Lukas, der demütige Diener des Wortes (vgl. Kol 1,25f), nennt sein Werk „Erzählung (διηγήσις)". Damit setzt er es bewusst ab von den Evangelien des Markus, Matthäus und Johannes. Lukas ist selber kein Augenzeuge; wie auch Markus nicht. Sie stehen bereits in der Reihe der Überlieferer, die sich jedem öffnet, der die Heilige Schrift in die Hand nimmt und vorbehaltlos zu lesen beginnt.

Die Heilige Schrift insgesamt, und hier noch einmal besonders das Neue Testament, ist in der Weltliteratur einmalig. Religiöse Tiefe und historische Zuverlässigkeit treffen zusammen, wie es sonst nirgends der Fall ist. Wir Christen brauchen uns mit unserer Bibel vor niemandem zu verstecken. Wir sind nicht auf irgendwelche klug ausgedachten Geschichten hereingefallen!

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 03/22 (C)

Hochzeit zu Kana, Bilddetail, Louvre - Paolo Veronese

„In jener Zeit fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt und die Mutter Jesu war dabei. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen.“ So beginnt das Evangelium von diesem zweiten Sonntag im Jahreskreis (vgl. Joh 2,1-11).

Nach dem Besuch der drei Könige an der Krippe, der Taufe Jesu im Jordan ist als drittes Ereignis die Hochzeit zu Kana ein sogenanntes „Epiphanie Geschehen“, also ein Ereignis, bei dem die göttliche Größe und Besonderheit Jesu für alle sichtbar aufleuchtet und „erscheint“.

Mit dieser dritten „Epiphanie“ beginnt Jesus sein öffentliches Wirken ausgerechnet anlässlich einer Hochzeit. Womöglich haben wir uns schon öfter einmal gefragt: „Herr, wie warst bzw. wie bist du eigentlich? Hast Du auch gelacht? Und lachst du weiterhin? Oder bist du immer nur ernst?“

Anlässlich der Hochzeit von Kana und des ersten von Jesus dort gewirkten Wunders, die Verwandlung von Wasser in Wein, lernen auch wir ihn kennen, wie damals die Jünger der ersten Stunde. Jesus ist kein finsterer Asket. Mit ihm wollen und dürfen auch wir uns von ganzem Herzen freuen.

Das Leben als Christ macht wirklich Freude. Wer nicht auch Spaß am Leben hat, ist womöglich ein schlechter Christ. Man übersieht leicht den Eingang zum Himmel und läuft daran vorbei, wenn man nur mit erstem Gesicht unterwegs ist.

Jesus verwandelte Wasser in Wein. Damit rettete er eine ausgelassen Hochzeitsfeiert. Und er unterstützte damit, dass Menschen sich auch materiell – an Speise und Trank, an Gesang und Tanz – erfreuen konnten!

Da war bestimmt gute Stimmung! Und Jesus, seine Mutter und seine Jünger waren mittendrin. Jesus führte seine Jünger nicht in die Einsamkeit, sondern mitten unter die Menschen. Dort lebte er unbefangen und nahm an ihren Festen teil. Wir können uns hier ruhig einmal ganz ehrlich fragen: Bin auch ich ein Jünger, ein Schüler Jesu? Lasse ich mich von ihm dorthin führen, wo meine Anwesenheit zum Segen werden soll?

Aber das Evangelium von der Hochzeit zu Kana sagt uns noch viel mehr. Jesus spricht von seiner „Stunde“, die „noch nicht gekommen ist“. Dann redet er seine Mutter mit „Frau“ an und doch wirkt er auf ihre Fürsprache das Wunder, das der Evangelist ein „Zeichen“ nennt.

In keiner neutestamentlichen Schrift kommt der Begriff „Stunde“ so oft vor wie bei Johannes. Was bei den anderen Evangelisten der „Kairos“ ist, ist beim vierten Evangelisten „seine Stunde“:

Im siebten Kapitel bei Johannes etwa heißt es (Joh 7,30): „Da suchten sie ihn festzunehmen; doch keiner legte Hand an ihn, denn seine Stunde war noch nicht gekommen.“ Und dann fünf Kapitel weiter (Joh 13,1): „Es war vor dem Paschafest. Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen.“ Und kurz vor der Passion dann erneut (Joh 17, 1): „Er erhob seine Augen zum Himmel und sagte: Vater, die Stunde ist gekommen. Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht!“

Das sind nur drei von den insgesamt 19 Stellen, in denen von der „Stunde Jesu“ die Rede ist. Diese Rede von der „Stunde“ wird meist so gedeutet (vgl. Papst Benedikt XVI., Jesus von Nazareth, in: JRGS 6/1, S.460): Das Wesentliche dieser Stunde ist zum einen das „Hinübergehen“ (metabainein); und zum anderen die bis ans Ende reichenden Liebe (agápe). Beide Bedeutungen erklären sich gegenseitig. Und sie sind voneinander untrennbar.

Beim „Hinübergehen“ wird das ins Leben verwandelt, was dem Tod verfallenen ist. Und diese Verwandlung gründet in der Liebe. Die „Stunde“ Jesu ist also die Stunde der Verwandlung. In ihr wird das Geschaffene durch die Liebe, die Agape, umgeschmolzen und ganz neu gemacht. Diese Stunde ist damit Hinübergehen – im Sinne von Verwandlung – und Liebe in einem.

Deshalb überliefert Johannes die Worte (19,30) „Es ist vollbracht“ als letzte Wort des Gekreuzigten. Es ist die Liebe bis in den Tod hinein, die bis ans Ende sich schenkende Agape, die alles neu macht und dann für immer so sein lässt.

Jetzt erklärt sich auch, warum Jesus seine Mutter scheinbar zurückweist. Er redet sie nicht mit Mutter, sondern mit „Frau“ an. Jesus drückt damit aus, dass das persönlich-familiäre Verhältnis von Mutter und Sohn vorbei und zu Ende ist. Das ist nicht mehr.

Das Wort „Frau“ drückt darüber hinaus auch ein „Noch nicht“ aus. Seine Stunde ist „noch nicht“ gekommen. Wenn sie aber kommt, dann wird Maria eine neue Aufgabe haben, die ihr jetzt noch nicht zukommt.

Vom Kreuz aus, unmittelbar vor seinem Übergang zum Vater, blickt Jesus auf seine Mutter und auf Johannes. Er redet sie erneut mit „Frau“ an. Beide Augenblicke greifen also ineinander. Kana ist Vorgriff auf die endgültige Hochzeit; auf den neuen Wein, den der Herr als sein Blut schenken will. Am Kreuz wurde zur Wirklichkeit, was in Kana noch vorausdeutendes Zeichen war. (vgl. Papst Benedikt XVI., Jesus von Nazareth, in: JRGS 6/1, S. 582.)

Wenn Jesus trotzdem erst auf die Intervention Mariens hin das Wunder wirkt, dann ist es ein augenblickliches, ein vorübergehendes Aufleuchten des Kommenden; ein Anzeichen dessen, was nachher sein wird, wenn sie die Mittlerin in seinem Reich ist.

Insbesondere deutet Johannes schließlich das, was vom Evangelium der Hochzeit zu Kana in die Augen springt, generell als Zeichen. Wörtlich (2,11): „So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn.“ Nicht die Verwandlung der zudem ungewöhnlichen Menge von 600 Litern Wasser in vorzüglichen Wein ist das Entscheidende. Sondern der Glaube an die göttliche Sendung des Herrn, die er in Tod und Auferstehung vollenden wird.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 02/22 (C)

Taufe Jesu - 1440 von Fra Angelico

Coronabedingt haben wir im vergangenen Jahr sehr oft die Gottesdienste mit dem „Asperges-Ritus“ begonnen: begleitet von einem Messdiener schritt der Priester mit dem Weihwasserwedel durch den Mittelgang. Und einige Gläubige sind dabei richtig nass geworden. Auf der anderen Seite haben kleinere Kinder, die nur wenig Weihwasser mitbekommen hatten, auf dem glatten Steinboden nach weiteren „Weihwassertropfen“ gesuchte, die „daneben“ gegangen waren. - Dieser Ritus in Verbindung mit den Worten „Herr, wasch ab meine Schuld, von meinen Sünden mache mich rein”, erinnert an die Taufe.

An diesem Sonntag feiern wir das Fest der Taufe Jesu. Sie erscheint immer in Verbindung mit einer anderen großen Persönlichkeit, mit Johannes dem Täufer in der Wüste. Besonders auffällig an ihm ist seine Selbstlosigkeit, mit der er vor allem auf Jesus hinweist. Johannes hält niemanden bei sich fest. So lässt er seine eigenen Freunde und Jünger zu Jesus gehen, als wolle er sagen: „Der nach mir kommt”, ist die Zukunft. Folgt ihm; nicht mir.

Eine kaum fassbare Selbstlosigkeit liegt auch im Verhalten Jesu. Als er zum Jordan kam, lagen die prägenden Erfahrungen der Kindheit und der Jahre des „Zunehmens an Alter, Weisheit und Gnade“ (vgl. Lk 2,52) hinter ihm. In diesen Jahren war das überwältigende Bewusstsein einer ungeheuren Aufgabe gewachsen. Ihm war seine Aufgabe bewusstgeworden, als „Menschensohn“ die verloren gegangene Verbundenheit der ganzen Schöpfung mit Gott wiederherzustellen. In unergründlicher Tiefe war Gott selber in ihm und göttliche Kraft durchströmte ihn.

Romano Guardini hat in seinem Buch „Der Herr“ hierzu geschrieben: „Die erste Gebärde aber, die wir von ihm (Jesus) sehen, und das erste Wort, das er spricht, sind Demut. Nirgendwo der Anspruch der Ungewöhnlichkeit, der sagt: ‚Das gilt für andere, nicht für mich!‘ Er kommt zu Johannes und verlangt die Taufe. Sie verlangen heißt das Wort des Täufers annehmen und sich als Sünder bekennen; Buße tun und sich dem öffnen, was von Gott herkommen will. So verstehen wir, wie Johannes erschrocken abwehrt. Jesus aber tritt in die Reihe (vgl. Mt 3,14 f). Er beansprucht keine Ausnahme, sondern stellt sich unter die ‚Gerechtigkeit', die für alle gilt.

So wie für Johannes der Weg in die Zukunft die Gemeinschaft mit Jesus war, so liegt für Jesus die Zukunft im Reich Gottes, in der Verbundenheit des Menschen mit Gott.

Johannes hat sich mit ganzer Kraft dafür eingesetzt, die Menschen mit Jesus bekannt zu machen. Denn wer mit Jesus zusammenkommt, der hat Zukunft. Denn Jesus hat Gott auf seiner Seite. Und das weiterführend hat sich Jesus mit ganzer Kraft dafür eingesetzt, in engster Verbundenheit mit Gott zu leben. Dann wird einem bewusst, wofür und aus welcher Kraft man lebt.

Auch ein mit Gott zutiefst Verbundener hört „nicht immer die Engel singen.“ Aber er erlebt, dass sich immer wieder „der Himmel öffnet“, wie es an diesem Sonntag im Evangelium heißt.

Wenn der Himmel sich auftut, hagelt es nicht Gesetze und Vorschriften, sondern Gott kommt in die Welt. Dann gilt für jeden, was über Jesus bei seiner Taufe gesagt wurde: Er ist der geliebte Sohn, an dem der Vater seine Freude hat.

In einem Kinderlied wird dieses Gefühl gut getroffen: „Wenn einer sagt: Ich mag dich, du, ich find dich ehrlich gut, dann krieg ich eine Gänsehaut und auch ein bisschen Mut.

In Gemeinschaft mit Johannes dem Täufer und dem „Menschensohn“ Jesus Christus bekommen auch wir dieses Wort zu hören.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 01/22 (C)

Hl. Drei Könige (pixabay)

In seiner Katechese am 2. Sonntag nach Weihnachten rief Papst Franziskus dazu auf, Jesus in unser Leben einzuladen. Wörtlich sagte er: „Die Krippe zeigt uns, dass Jesus in unser ganz konkretes gewöhnliches Leben kommt, in dem nicht immer alles gut läuft und wo es viele Probleme gibt."

In seiner kurzen Ansprache ging Franziskus vom Johannesprolog aus, den Johannes an den Anfang seines Evangeliums gestellt hat. Dieser Prolog ist dann auch das für diesen Sonntag vorgegebene Evangelium. Der Evangelist Johannes schreibt dort unter anderem: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt" (1,14).

Hierzu erklärte der Papst: „Genaugenommen sind es Worte die ein Paradoxon enthalten. Sie bringen zwei gegensätzliche Realitäten zusammen: Wort und Fleisch. ,Wort' verweist darauf, dass Jesus das ewige Wort des Vaters ist, unendlich, seit jeher existierend, vor allen geschaffenen Dingen; ,Fleisch' dagegen verweist auf unsere geschaffene Wirklichkeit: zerbrechlich, begrenzt, sterblich."

Doch mit unserer Schwachheit konfrontiert, ziehe sich der Herr nicht zurück, stellte Franziskus fest. „Das ist das Werk Gottes: in unsere Mitte zu kommen. Auch wenn wir uns für unwürdig halten, hält ihn das nicht auf. Wenn wir ihn ablehnen, wird er nicht müde, uns zu suchen. Wenn wir nicht bereit und willens sind, ihn zu empfangen, zieht er es vor, trotzdem zu kommen."

Damit, dass Jesus in einem Stall in Bethlehem, in Armut, geboren wurde, habe er uns sagen wollen, dass er in unser Leben kommen wolle – ganz gleich, wie problembehaftet und armselig dieses auch sei. Gott suche die Vertrautheit mit uns, und wir müssten nur Platz für ihn schaffen, schlussfolgerte der Papst und erklärte, wie wir diese Vertrautheit mit dem Herrn erreichen können:

„Zum Beispiel, indem wir vor der Krippe innehalten, denn sie zeigt, dass Jesus in unser ganz konkretes, gewöhnliches Leben kommt, in dem nicht immer alles gut läuft und wo es viele Probleme gibt: Hirten, die hart arbeiten müssen, Herodes, der das Leben die Unschuldigen bedroht, große Armut... Aber mitten in all dem ist Gott, der unter uns Wohnstatt nehmen will. Und er wartet darauf, dass wir unsere Situation, unser Leben vor ihn tragen. Sprechen wir also vor der Krippe mit Jesus über unsere konkrete Situation. Laden wir ihn offiziell in unser Leben ein, vor allem in die dunklen Bereiche, in unsere ‚inneren Ställe‘. Und erzählen wir ihm auch furchtlos von den sozialen und kirchlichen Problemen unserer Zeit, denn Gott liebt es, unter uns zu wohnen."

(Quelle: vaticannews, 02 Januar 2022, 12:16 - https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2022-01/papst-franziskus-angelus-katechese-vertrautheit-jesus.html?fbclid=IwAR04GcmNCHOWPeGHXH5Z6q6IWzX6yZf9_YoieuqVme4mFiHU94OECmAL88o)