Predigt des Kölner Erzbischofs, Joachim Kardinal Meisner, am 16. November 2008 in St. Pantaleon anlässlich des 80. Geburtstags des Opus Dei

Liebe Schwestern, liebe Brüder! – Der erste Satz der ersten Predigt Jesu lautet: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15). In der Mitte seiner Predigttätigkeit legt er seinen Jüngern im Vaterunser die Gebetsbitte in den Mund: „Dein Reich komme“. Das letzte Gebet, das uns von der Urgemeinde überliefert wird, lautet: „Maranatha“ – Komm, Herr Jesus! Es ist nur eine andere Formulierung der Gleichnisse über das Reich Gottes. Diese Sehnsucht nach dem wiederkommenden Christus lässt die Kirche wachsam und aufmerksam bleiben. Wir gedenken heute in großer Dankbarkeit der Gründung des Opus Dei vor 80 Jahren, in dem Wesentliches vom Reich Gottes sichtbar geworden ist. Denn das Reich Gottes ist nicht mehr aber auch nicht weniger als die Einflusssphäre Jesu Christi in dieser Welt. Dieses Reich Gottes ist ein Reich – wie Christus es selbst formuliert – der Wahrheit, des Lebens und der Liebe. 

1. „Was ist Wahrheit?“ (Joh 18,38), fragt Pilatus Christus bei seinem Verhör in der Karwoche. Wahrheit ist zunächst Ehrlichkeit vor Gott über sich selbst, dass wir uns nichts vormachen, denn das wäre das Hindernis, das zwischen mir und Gott stehen würde, sodass es zu keiner wirklichen Begegnung käme. Das hat uns in überzeugender Weise der hl. Josefmaria Escrivá vorgelebt. Wahrheit bedeutet aber auch Ehrlichkeit und Redlichkeit vor Gott über Gott. Unser Gott ist kein kleiner Gernegroß, sondern ein großer Gerneklein, der sich so klein macht, dass er in unsere alltäglichen irdischen Dinge hineinpasst: in mich selbst und den Mitmenschen, in die Kleinigkeiten des grauen Alltags. Reich der Wahrheit bedeutet: fähig sein, den großen Gott in den kleinen Dingen des Lebens zu entdecken, Gott in der Welt auf der Spur zu bleiben. Das ist ja gerade das Sondercharisma, so möchte ich sagen, was das Opus Dei in die Kirche hineingebracht hat.  

Ein Christ ist zu definieren als ein Mystiker des Alltags. Das bedeutet, dass wir täglich unsere Arbeit beten und dann nur noch unser Gebet zu arbeiten brauchen. Ich habe beim Morgengebet zwei Bücher auf meinem Gebetsschemel: den Terminkalender und das Brevier. Ich bete am frühen Morgen meine Tagesarbeit, und dann arbeite ich nur den Tag über mein Gebet. Wir müssen fähig werden, Gott im Alltag zu begegnen: in unseren Mitmenschen, in der ermüdenden Tätigkeit in der Fabrik, in der Werkstatt, im Büro, wo auch immer Gott uns hingestellt hat. Wir müssen unsere Erfahrungen mit dem lebendigen Gott in unserer Lebensmitte haben. Und dann sollte eine Gemeinde, eine Gemeinschaft und eine Familie des Opus Dei der Ort sein, wo man über diese Gotteserfahrungen freimütig Erfahrungsaustausch pflegen kann. Wir sind gewöhnt, über die Welt zu sprechen, die geprägt ist durch unsere Arbeit und unsere Freizeit. Wo gibt es heute christliche Frauen und Männer, die Rede und Antwort stehen können über ihre Erfahrungen mit Gott? Leiden nicht gerade unsere jungen Christen daran, dass ihnen ältere, erfahrene Christen fehlen, die ihnen Rede und Antwort stehen können über ihre Gebets- und Glaubenserfahrungen? In einer Stadt unserer Erzdiözese ist im nächsten Jahr eine Stadtmission geplant. Dabei sollen auch die Gemeindemitglieder auf die Straße gehen, und nun stellt sich heraus, dass sie gar nicht über den Glauben sprechen können. Wir sind als Christen nicht Anhänger einer frommen Weltanschauung, sondern wir sind Nachfolger Christi oder Freunde Christi, der zu uns sagt: Euch nenne ich nicht mehr Knechte, sondern Freunde (vgl. Joh 15,15). Wenn wir das für wahr halten, müsste es uns eigentlich allen gegeben sein, über diesen unseren Freund Rede und Antwort zu stehen. Das Reich Gottes ist die Einflusssphäre Christi in dieser Welt. Sind das auch unsere Gemeinschaften und Gemeinden, wo man dem Herrn auf die Spur gekommen ist, wo man seine Arbeit betet und dann sein Gebet arbeitet? 

2. Das Reich Gottes ist ein Reich des Lebens. Nicht wahr, wir alle haben nur das Leben, wir sind nicht das Leben! Wir hatten es einmal nicht gehabt und werden es eines Tages in dieser Weise, wie jetzt, auch nicht mehr haben. Ich kenne eigentlich nur einen, der von sich sagen kann: „Ich bin das Leben“. Das ist Jesus Christus selbst. Er hat sich in seiner Kirche für uns berührbar gemacht, damit auch wir durch Berührung lebendig werden. Wer mit seinem Finger Goldbronze berührt, dessen Finger wird golden. Wer Christus, das Leben, berührt, der wird lebendig. Und wer mit ihm dann in Berührung kommt, der wird von seiner Vitalität, von seiner Lebendigkeit angesteckt. Christentum ist ansteckend. Eine christliche Gemeinde darf nicht ein harmloser Verein sein, in dem man christlich gemeinsam Feste feiert und gelegentlich zusammenkommt, sondern es muss eine Gemeinschaft von Berührten sein, von Begeisterten, von christoaktiven Leuten. Wer mit ihnen in Berührung kommt, der muss mit Christus in Berührung kommen. Das Evangelium hat sich zu allen Zeiten nicht durch Propaganda, sondern durch Berührung fortgepflanzt. Und wenn sich die große Krise in den europäischen Ortskirchen darin zeigt, dass die Weitergabe des Glaubens nicht mehr gelingt, so liegt es vielleicht daran, dass wir nicht mehr von Christus Berührte sind, dass uns die Christoaktivität abhanden gekommen ist, sodass wir nicht mehr ansteckend wirken?  

Gerade in dieses Dilemma hinein hat der Heilige Geist das Opus Dei erweckt, um die Kirche wieder christoaktiver werden zu lassen. Der hl. Josefmaria Esacrivá und seine Gefährten bewegten die Welt zunächst nicht durch ihr Wort, sondern durch die Stigmata, durch das Siegel ihrer Berührtheit. Es ist niemand von ihnen weggegangen, ohne das Gefühl zu haben, in irgendeiner Weise von etwas berührt worden zu sein, was mehr war als das Gegenüber. In der Kirche hat sich Christus berührbar gemacht. Im Opus Dei sollten gleichsam so Intensiv-Kerne über die Weltkirche verstreut sein, in denen Christus berührbar ist. Und wenn der Zellkern gesund bleibt, dann ist auch die zerstörte Zelle regenerierbar. Das Reich Gottes ist die Einflusssphäre Christi in dieser Welt. Wer unter den Einfluss Christi gerät, der wird lebendig, wie der Apostel Paulus mitunter die Christen bezeichnet: die Lebendigen. 

3. Die Einflusssphäre Christi ist ein Reich der Liebe. Als man die selige Mutter Teresa von Kalkutta eines Tages fragte, ob sie das Christentum mit einem einzigen Wort zusammenfassen könnte, gab sie die schlichte Antwort: „Christentum heißt nichts weiter als Geben: Der Vater gibt seinen Sohn, die allerseligste Jungfrau Maria gibt uns Christus. Christus gibt uns sein Leben. Vater und Sohn geben uns den Heiligen Geist“. Die Kirche gibt uns die heilige Eucharistie. Christus sagt: „Geben ist seliger als nehmen“ (Apg 20,35). Und wir fügen hinzu: „Weil es göttlicher ist“. „Was nämlich der Vater tut, das tut in gleicher Weise der Sohn“ (Joh 5,19). Und weil der Vater nur gibt, sehen wir den Sohn immer nur als Gebenden. Für uns heißt es: Alles, was die Söhne und Töchter den Sohn tun sehen, das tun in gleicher Weise auch seine Schwestern und Brüder. Wie die erbberechtigten Töchter und Söhne haben wir das Vorrecht, das Tun dessen nachzuahmen, den wir beerben. Christus hat uns nur die Vollmacht vermacht, zu geben. Wir werden darum nur das besitzen, was wir gegeben haben. Die einzige wahre Freude, die man besitzen kann, ist die, die ich einem anderen geben durfte.  

Die Ursünde bestand nicht in dem Wunsch, wie Gott zu werden. Kann es denn einen schöneren Ehrgeiz geben, als wie Gott werden zu wollen? Lädt uns Christus nicht geradezu dazu ein, indem er sagt: „Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist“ (Mt 5,48). Darin kann nicht die Ursünde bestehen. Aber Adam hatte sich in seinem Vorbild getäuscht. Er meinte, Gott hätte ein einnehmendes Wesen. Und da sich Gott offenbarte, zeigte er sich als ein gebendes „Du“, als Hingabe, als Geschenk. Darum hatte der Tod, als er Christus am Kreuz erreichte, nichts gefunden, an dem er sich hätte festhalten können. Es war alles verschenkt. Es war alles vergeben. Es war alles für andere bestimmt. Der Tod hatte nichts gefunden, an dem er sich hätte festhalten können. Von daher gesehen ist die Auferstehung der Toten nichts anderes als die Energie der Liebe. Das Reich Gottes ist ein Reich der Liebe: Geben. Der hl. Josefmaria Escrivá hat seine Gemeinschaft als einen Stoßtrupp der Gebenden gegründet. Er hat sie mit Christus in Verbindung gebracht, damit sie gleichsam aufgeladen von der Energie seiner Liebe der Welt das Antlitz Christi aufprägen. Das Reich Gottes ist ein Reich der Liebe: Geben. Gib mir Anteil an deiner Zeit, an deinen Interessen, an deinem Leben, in der Begegnung, in der gegenseitigen Solidarität, im Einstehen füreinander, in der stellvertretenden Liebe vor dem Angesichte Gottes. Das Opus Dei ist nicht eine Organisation; es ist ein Organismus, in dem man voneinander lebt im Austausch von Geben und Nehmen. 

Liebe Schwestern, liebe Brüder! – Das Reich Gottes ist die Einflusssphäre Christi in unserem Land. Und wie die Heilige Schrift sagt, scheint die Einflusssphäre immer sehr klein zu sein, klein wie ein Senfkorn, aber mit der Mächtigkeit, ein großer Baum zu werden. Oder der Herr formuliert es im Hinblick auf seine Jünger, indem er sagt: „Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben“ (Lk 12,32). Ich glaube, dass es in der Strategie Gottes liegt oder in seinem Ehrgeiz, aus dem Kleinen das Große hervorgehen zu lassen. Darum darf uns die kleine Zahl nie depressiv machen. Ganz im Gegenteil! Sie muss uns mit einer ungeheuren Erwartung erfüllen, weil Gottes Ehrgeiz darin besteht, aus dem Kleinen das Große zu machen. Darum sagen wir am Ende dieser Stunde: „Herr, nun handle! Die kleine Zahl ist gegenwärtig. In deiner Macht liegt es, das Große durch die Kleinen zu tun. Dein Reich komme! – „Marathana“ – Komm, Herr Jesus! – Amen.