Pfarrnachrichten 22/2018 - 9. Woche im Jahreskreis (B)

jüdische Sabbat-Kerzen

Die alttestamentliche Lesung dieses Sonntags aus dem Buch Deuteronomium (Kapitel 5, Verse 12-15) gibt Gottes Worte über den Sabbat wieder. Dieser Tag, der Sabbat, soll besonders geachtet und heiliggehalten werden. Er ist nach sechs Tagen der Arbeit und des Schaffens als ein Tag Gottes und deshalb als ein Ruhetag einzuhalten. Wörtlich steht hierzu an dieser Stelle der Heiligen Schrift:

Achte auf den Sabbat: Halte ihn heilig, wie es dir der Herr, dein Gott, zur Pflicht gemacht hat. Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun.“

Diese Sabbat-Ruhe, so ist dem Buch Deuteronomium im Folgenden zu entnehmen, gilt umfassend. Keiner soll von der göttlich verordneten Ruhe ausgenommen sein. So folgt auf das Arbeitsverbot am Sabbat – „an ihm darfst du keine Arbeit tun“ – eine ausführliche Aufzählung, auf wen dieses Arbeitsverbot zutrifft und wer damit gemeint ist: „du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, dein Rind, dein Esel und dein ganzes Vieh und der Fremde, der in deinen Stadtbereichen Wohnrecht hat. Dein Sklave und deine Sklavin sollen sich ausruhen wie du.“

Von dieser umfassenden Aufzählung her lässt sich nachvollziehen, wie durch menschliche Kurzsichtigkeit im Laufe der Zeit aus dem Sabbatgebot ein kompliziertes Gesetzeswerk werden konnte. Am Ende dieser Entwicklung war bis ins Detail geregelt, was an diesem Sabbat-Tag gerade noch erlaubt war: etwa wie viele Schritte man am Sabbat noch gehen durfte. Demgegenüber schien der ursprüngliche Sinn des Sabbats, zumindest in der Praxis, an die zweite Stelle getreten zu sein.

Das erklärt, warum Jesus sich souverän hinwegsetzt über diese abgehobenen Regeln, die im Laufe der Zeit den eigentlichen Sinn des Sabbatgebotes verdunkelt hatten. Das wird uns an diesem Sonntag anschaulich durch die Überlieferung des Heiligen Markus (Markusevangelium, Kapitel 2, Verse 23-28) vor Augen geführt:

An einem Sabbat ging Jesus durch die Kornfelder, und unterwegs rissen seine Jünger Ähren ab. Da sagten die Pharisäer zu ihm: Sieh dir an, was sie tun! Das ist doch am Sabbat verboten. Er antwortete: Habt ihr nie gelesen, was David getan hat, als er und seine Begleiter hungrig waren und nichts zu essen hatten, wie er zur Zeit des Hohepriesters Abjatar in das Haus Gottes ging und die heiligen Brote aß, die außer den Priestern niemand essen darf, und auch seinen Begleitern davon gab?“

Das konkrete Ereignis gipfelt in der grundlegenden Erklärung Jesu: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat. Deshalb ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.“

Was ist der Sinn des Sabbats, den die Christen als Sonntag feiern? Nach dem Sinn zu fragen kann sehr unbequem sein; denn der Sinn entscheidet über die richtige Praxis. Es ist leichter, sich an den Buchstaben zu halten, als in eigener Verantwortung zu entscheiden.

Der niederländische Biologe und Anthropologe Frederik Jacobus Johannes Buytendijk hat sich zum Sonntag einmal so geäußert: „Der Sonntag ist zunächst Feiertag. Feier ist mehr als Sich besinnen, wie sie mehr ist als bloßes Ausruhen. Man feiert immer etwas Bestimmtes: ein Ereignis, ein Gelingen, eine Gründung, ein Gedächtnis. – Das Urereignis unserer Gemeinschaft ist die Liebe. Sie wird gefeiert in der Wiederholung der Festtage, und zwar an zwei Stellen: am Altar der Kirche, wo Gottes Liebe die ewige Quelle des Lebens und die unzerbrochene Trinkschale ist, und am heimischen Herd, dem Sinnbild des Hausaltars, auf dem die Nächstenliebe brennt, wärmt und vereinigt.“

Als Christen feiern wir den Sonntag als den Tag der Auferstehung des Herrn. Und wir heiligen den Sonntag nicht dadurch, dass wir nichts tun. Der Sinn der Feier ist hingegen die Begegnung mit Christus, dem Auferstandenen: im Wort, im Sakrament und damit in der Gemeinschaft, der „Kommunion“ mit Gott und unseren Nächsten.

Dann ist der Feiertag im Alltag präsent. Und der Werktag im Feiertag, weil auch dieser eine gute Struktur und Disziplin braucht. Zuerst Gott, dann in der richtigen Reihenfolge all das andere.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 21/2018 - 8. Woche im Jahreskreis (B)

Anschaulich immer nur unzureichend darstellbar: Der eine Gott in drei Personen - Glasfenster

Nach Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten wird als weiteres großes Fest das der Dreifaltigkeit begangen. In der genannten Reihenfolge dieser Festreihe steht der Dreifaltigkeitssonntag seiner Bedeutung wegen in gewisser Weise zu Recht abschließend am Ende. Bei diesem Fest geht es um Gott und wie er in sich selber ist.

Das Evangelium (Mt 28, 16-20) des Dreifaltigkeitssonntags enthält den Auftrag Jesu, alle Völker zu taufen „auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Gemäß dieser Weisung wird die Taufe, so erklärt der Katechismus der katholischen Kirche (KKK, 223) „… »im Namen« (Einzahl) und nicht »auf die Namen« (Mehrzahl) des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes … [gespendet], denn es gibt nur einen einzigen Gott, den allmächtigen Vater und seinen eingeborenen Sohn und den Heiligen Geist: die heiligste Dreifaltigkeit.“

Der folgende Absatz (Nr. 234) führt daraufhin aus: „Das Mysterium der heiligsten Dreifaltigkeit ist das zentrale Geheimnis des christlichen Glaubens und Lebens. Es ist das Mysterium des inneren Lebens Gottes, der Urgrund aller anderen Glaubensmysterien und das Licht, das diese erhellt. Es ist in der »Hierarchie der Glaubenswahrheiten« die grundlegendste und wesentlichste.“

In seinem aufschlussreichen Buch, „Allah gesucht – Jesus gefunden, eine außergewöhnliche Biografie“, erzählt Nabeel Quereshi, wie er als Student zum christlichen Glauben gefunden hat. Im ersten Teil seines Buches weckt er beim Leser eine Liebe für Muslime und ein Interesse für ihre Kultur und ihren Glauben. Im zweiten Teil legt er aber auch dar, welche Vorurteile nicht wenige Muslime Christen gegenüber haben.

Wörtlich schreibt er (S. 257): „Auch wenn ich in einer scheinbar christlichen Nation aufgewachsen bin, impften mich meine muslimischen Ältesten gegen die Dreieinigkeit. Ich kann mich an viele Juma Chutbas, Unterrichtsstunden auf Jugendlagern, religiöse Erziehungsbücher und Koranstudientagungen erinnern, die sich der Widerlegung der Dreinigkeit widmeten. Sie alle lehrten die gleiche Sache: die Dreinigkeit ist dünn verschleierte Vielgötterei.

lm Wesentlichen lehrten sie mich, die Dreieinigkeit wie folgt zu sehen: Christen wollen Jesus zusätzlich zu Gott anbeten, aber sie wissen, dass es nur einen Gott gibt. Deshalb sagen sie, dass Gott zur gleichen Zeit drei und einer sei, und nennen Ihn eine Dreieinigkeit. Obwohl das keinen Sinn ergibt, bestehen Christen darauf, dass es so sei. Wenn sie darum gebeten werden, die Dreieinigkeit zu erklären, sagen sie, dass das ein Rätsel ist und im Glauben angenommen werden muss.“

Als überzeugter Muslim hat der Autor das dann auch erprobt: „Immer, wenn ich mit Christen eine Diskussion über die Dreieinigkeit hatte, lautete meine erste Frage: »Ist die Dreieinigkeit wichtig für dich?« Wenn sie bejahend antworteten, fragte ich: »Wie wichtig?«, und erwartete die Antwort, dass es ketzerisch wäre, die Dreieinigkeit zu leugnen. Die dritte Frage machte die Falle perfekt. Ich fragte: »Also, was ist die Dreieinigkeit?«, und erhielt die auswendig gelernte Antwort, dass Gott drei in einem sei. Dann der Gnadenstoß: »Und was bedeutet das?« Ich erntete normalerweise ausdruckslose Blicke. … Niemals war jemand in der Lage zu erklären, was die Lehre von der Dreieinigkeit wirklich bedeutete. Drei Dinge in einem Ding? Und das soll kein Widerspruch in sich selbst sein?

Auf den folgenden Seiten berichtet der Autor, wie er an einem dafür völlig unwahrscheinlichen Ort das erste Mal die Dreifaltigkeit als etwas in sich Mögliches nicht mehr ausschließen konnte. In einer Vorlesung über molekulare Resonanzstrukturen nämlich, als eine Professorin vor einer Tafel mit drei großen Struktur-Abbildungen einer Nitratverbindung die komplexe Realität so erklärte: „Genau genommen hat ein Molekül mit Resonanzstrukturen zu jedem Zeitpunkt jede einzelne Struktur, und niemals nur eine einzige Struktur.“ Die Strudenten reagierten mit ratlosen Gesichtern. Daraufhin wiederholte die Professorin: „Das Molekül hat alle Strukturen zugleich, niemals nur eine davon.“

In diesem Augenblick ging es Nabeel Quereshi durch den Kopf: „Wenn es Dinge auf der Welt gibt; die drei in einem sein können, auch wenn das unverständlich ist, warum kann Gott das nicht auch sein?“

Nicht nur in molekularen und anderen Strukturen, sondern auch in uns selber als mit Vernunft und Wille begabte Wesen können wir erfahren, dass „in einem drei sein können“.

Mit unserer Vernunft begreifen wir uns selber. In der Folge davon können wir uns annehmen und uns gegenüber eine gesunde Wertschätzung entwickeln. So sind auch wir gewissermaßen drei in einem: 1) als wir selber; 2) als Erkannter, wenn wir uns selber begreifen, und 3) als liebend Gewollter, wenn wir uns selber bejahend annehmen. Schon Augustinus hat im vierten Jahrhundert diese Beobachtung als Analogie zur Dreifaltigkeit Gottes tiefgründig und weitreichend erörtert.

O Heilige Dreifaltigkeit, o hochgelobte Einigkeit, Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist, heut diesen Tag mir Beistand leist.“ („Begnadigungslied“ von Martin Behm [1557 - 1622])

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 20/2018 - 7. Woche im Jahreskreis (B)

Aus Furcht vor den Juden hatten die Jünger die Türen verschlossen“, so berichtet der Evangelist Johannes (Kap. 20, Vers 19) von den Tagen nach der Auferstehung Jesu bis zum Pfingstfest. Die anfängliche Furcht der Jünger gehört auf jeden Fall mit zu Pfingsten. Sie lässt die Bedeutung von Pfingsten besser verstehen.

Die Jünger waren zu Lebzeiten Jesu voller Erwartung. Das wird unter anderem deutlich aus den Worten der Emmaus-Jünger (Lk 24,21): „Wir aber hatten gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen werde.“ Der unerwartete Tod Jesu hatte all das durchkreuzt. So waren und blieben sie sprachlos. Sie waren ohne Antrieb; ohne rechte Inspiration, wie es nun weitergehen sollte. Das waren und blieben sie auch, nachdem Jesus von den Toten auferstanden und ihnen mehrfach erschien war.

Dies änderte sich schlagartig am Pfingsttag. „Als der Pfingsttag gekommen war“, so berichtet die Apostelgeschichte (2. Kapitel, Vers 1 und folgende), „befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daher fährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.“

Nun war die Sprachlosigkeit durchbrochen. Darüber hinaus wurden die Jünger von allen verstanden. Die Volksmenge, die zusammenkam, „war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden.“ Anschaulich und emphatisch berichtet die Apostelgeschichte, dass alle „außer sich vor Staunen gerieten und sagten: Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören: Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Zyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten, Juden und Proselyten, Kreter und Araber, wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden.“

Man kann sich fragen, warum Gott all das so und nicht anders gefügt hat. Offenbar soll die anfängliche Sprachlosigkeit der Jünger noch einmal bewusstwerden lassen, wie wenig der Mensch ohne Gott vermag.

Die auf das Irdische begrenzten und nur innerweltlich inspirierten Innovationen haben die Welt noch nie in der Geschichte so grundlegend verändert, dass man von Erlösung sprechen kann. Wohl sind im Laufe der Jahrhunderte von den großen Denkern und Machern oft Heil und Erlösung versprochen, aber bei allem Fortschritt nie nachhaltig von ihnen verwirklicht worden.

Bei seiner Menschwerdung hat sich Gott allerdings in einer unvorstellbaren Nähe und Fülle ganz mit dem Menschen verbunden: In Jesu Christus ist uns Gott „in allem gleich geworden, bis auf die Sünde“ (viertes Hochgebet). Alles, was der Mensch Jesus Christus getan und gesagt hat, das hat zugleich Gott durch und mit ihm gesagt und getan. Deshalb lag auf dem Leben Jesu uneingeschränkt Segen (vgl. Mk 7,37): „Er hat alles gut gemacht.“ Das ist Erlösung!

Nach Jesu Tod, Auferstehung und Himmelfahrt ist das aber nicht Vergangenheit. Wie damals von Pfingsten an die Jünger Jesu, kann nun jeder die „Geschichte und das Leben Jesu“ in sich aufnehmen und fortschreiben.

Von Pfingsten an nahmen nun alle Christgläubigen den wahren und ungeteilten Gott in seiner dritten Person, den Heiligen Geist in sich auf. Anders als Jesus blieben sie zwar weiterhin sündige Menschen. Aber ihr Schaffen, Wirken und Arbeiten war immer dann segensreich wie das unseres Herrn Jesus Christus, wenn sie im Geist Gottes blieben, ihm gemäß lebten und wirkten.

Genau dies erfährt jeder, der sich auch heute Gott öffnet; der aus der ehrlichen Erfahrung der eigenen Sprach- und Machtlosigkeit gegenüber dem Unfrieden dieser Welt und dem des eigenen Ego sein Leben mit dem Geist Gottes entfaltet. Dann erfährt der Mensch Erlösung, die auch den Alltag umfasst.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 19/2018 - 7. Osterwoche (B)

1000plus Babyflaschen-Aktion in St. Pantaleon

Liebe Mitchristen und Freunde von St. Pantaleon!

Am Sonntag, dem 13. Mai 2018, zugleich Muttertag, möchten wir in St. Pantaleon der Babyflaschen-Aktion des Projekts 1000plus unter dem Motto „Hilfe statt Abtreibung“ viel Raum geben.

Im Anschluss an die Sonntagsgottesdienste kann sich jeder Infomaterial über das Projekt mit nach Hause nehmen. Dazu eine zur Spendendose umfunktionierte Babyflasche. Diese können Sie in aller Ruhe und wann Sie wollen mit einer Spende füllen. Die Babyflasche mit Ihrer Spende können Sie in den kommenden zwei Wochen vor oder nach einem der Gottesdienste ganz einfach in die Sakristei bringen.

Das Projekt 1000plus startete vor Jahren mit dem Ziel, jedes Jahr 1000 und mehr ungewollt Schwangeren durch Beratung und Vermittlung zu helfen, sich für ihr Kinder entscheiden zu können. Im letzten Jahr wurden über 8300 Frauen beraten.

Die Beratung erfolgt deutschlandweit über Internet und Telefon. Es wird kein Beratungsschein ausgestellt, der eine Abtreibung straffrei machen würde. Als Folge davon muss ohne jeden öffentlichen Zuschuss die Beratung und Hilfe für Schwangere zu 100 Prozent aus Spendenmitteln finanzieren werden.

Die Beratungen über die Aktion 1000plus haben nicht nur deutlich zugenommen. Über 65 % der dort beratenen Frauen entscheiden sich im Anschluss an die Beratung für ihr Kind. Damit bestätigt sich: viele Abtreibungen in unserem Land gehen auf fehlende Hilfeleistung zurück. Wo Frauen geholfen wird, entscheiden sich viele für ihr Kind.

In dem Projekt 1000plus arbeiten die STIFTUNG JA ZUM LEBEN und die beiden Beratungsstellen für ungewollt Schwangere Pro Femina e.V. und BIRKE e.V. zusammen. Die Arbeit finanziert sich ausschließlich aus Spenden. Die Babyflaschen-Aktion soll auf die Not und Verzweiflung von Frauen aufmerksam machen, die eine Abtreibung erwägen. Mit Ihrer Spende kann die Beratung weiter ausgebaut werden.

Jeden Monat wenden sich Hunderte von Frauen an 1000plus. Stellvertretend für diese stehen die Zeilen einer jungen Frau, die sich vor wenigen Monaten an die Beraterinnen von 1000plus uns gewandt hat:

Liebe Beraterinnen von Pro Femina! Ich bin 32 Jahre und habe schon zwei Kinder im Alter von 3 und 6 Jahren. Ich habe seit Februar wieder eine Arbeitsstelle als Bürokauffrau und bin sehr glücklich, wieder arbeiten zu können. Doch jetzt habe ich gestern einen Schwangerschaftstest gemacht, und der ist positiv!!! Nächste Woche habe ich einen Termin beim Arzt. Mein Kopf sagt mir, eine Abtreibung wäre vernünftiger wegen der finanziellen Situation. Wie soll ich mit drei Kindern allen gerecht werden? Wie soll ich gleichzeitig in eine größere Wohnung ziehen und meine Arbeitsstelle aufgeben?

Aber mein Herz sagt mir, ich kann mein Kind nicht abtreiben, denn es ist ein Lebewesen und mein eigenes Fleisch und Blut! Wenn ich mein Kind abtreiben würde habe ich Angst, danach Gewissensbisse zu haben und in ein tiefes Loch zu fallen. Vor meinem ersten Kind hatte ich eine Fehlgeburt, die mich lange beschäftigt hat. Was können Sie mir raten? – Viele Grüße, Miriam

Auf solche und ähnliche Anfragen und nach einer der vielen erfolgreichen Beratungen, die sich auch über Monate erstrecken, folgen nicht selten Dankbriefe wie diese:

Liebe Martina, am 21. September war es endlich so weit. Ich durfte meine kleine Tochter Hanna das erste Mal in den Händen halten. Mein Mann und die Kinder haben vor dem Kreißsaal gewartet, dass sie zu uns können, und waren sehr glücklich, dass das Schwesterchen Hanna da ist.

Ich möchte mich bei Ihnen von ganzem Herzen bedanken! Bedanken, weil Sie mich von Anfang an unterstützt haben, und dass Sie mein Gefühl gestärkt haben – mein Gefühl, dass ich mich unmöglich gegen dieses kleine Leben entscheiden kann. Ich hätte mit dieser Entscheidung nur schwer leben können.

Ich möchte mich auch bei den Spendern bedanken, dass sie es mit der finanziellen Unterstützung ermöglicht haben, dass ich in unserer Situation mich erleichtert gefühlt habe und für unsere Kleine die nötigen Sachen kaufen konnte. Ohne diese Unterstützung wären diese Monate sehr schwer gewesen.

Ich bin so dankbar, dass es ein Beratungszentrum wie Euch gibt! Herzlich, Deine Theresia

Ihnen allen, die Sie ein Anliegen wie dieses tatkräftig unterstützen, sage ich von Herzen: Vergelt’s Gott!

Ihr Pfr. Dr. Volker Hildebrandt

 

Pfarrnachrichten 18/2018 - 6. Osterwoche (B)

Am Donnerstag feiern wir das Hochfest Christi Himmelfahrt

An den letzten beiden Sonntagen hörten wir im Sonntagsevangelium gleichnishafte Reden Jesu. Einmal vom guten Hirten (Joh. 10,11-18) und darauf folgend vom Weinstock, dem Winzer und den Reben (Joh. 15,1-8). An diesem Sonntag in der Osterzeit hören wir nun in begrifflicher Klarheit (Joh. 15,9-17), was in den Sonntagen davor im Bild veranschaulicht wurde: Die Gebote dienen der Liebe.

Jesus sagt: „Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe.“ Die Gebote sind uns nicht wie etwas Fremdes, das nicht zu uns passen würde, „übergestülpt“ oder „vor die Nase gesetzt“.

Dieser Eindruck entsteht immer dann, wenn ein Gebot einem spontanen Begehren oder Wollen entgegensteht und dieses als etwas Böses oder Unpassendes zurückweist. Bei genauerem Hinsehen, Beobachten und Analysieren, zu dem insbesondere auch der vergleichende Bezug zu bisherigen Lebenserfahrungen gehört, wird jedoch schnell deutlich, dass die Gebote der Liebe dienen.

Liebe äußerst sich am Anfang meist in einem Gefühl der Zuneigung, der Sympathie und des „Berührt-Seins“ vom anderen. Aber in der Tiefe ist Liebe weitaus mehr. Liebe ist dort, wo man den Anderen nicht seiner Selbst sondern des Anderen wegen mag und ihn will. Wo man ihn bestätigt und wünscht, dass es ihn gibt: dass er da ist. – So sind wir am Ende, weil allem anderen voran Gott uns will: „Ich möchte, dass es dich gibt.“

Die „Matrix unserer Existenz“ ist deshalb ganz von Liebe bestimmt und durchwoben. – Von daher berührt uns die Wirklichkeit der Liebe immer wieder so tief und eben existentiell. Und von daher bleiben wir in der Liebe, wenn wir uns so entfalten, wie wir sind und wie Gott uns gedacht hat.

Eben das spiegelt sich in den Geboten wieder, die unserem Menschsein eingeschrieben und uns als Leitlinien gegeben sind, um uns zu verstehen und zu begreifen: um uns gemäß dem zu entfalten, wie wir sind und „ticken“. Die Gebote, insbesondere die 10 Gebote, entsprechen ganz dem, was und wie wir sind.

Hier besteht auch ein enger Zusammenhang zu dem Gebet, das Jesus gelehrt hat: „Dein Wille geschehe. Dein Reich komme.“ – Wer so betet und lebt, bleibt in der Liebe. Und er hält sich an die Gebote.

Liebe und Gebote sind kein Gegensatz. Sie erhellen sich vielmehr gegenseitig und offenbaren den Sinn des Lebens: Geliebt und ausdrücklich gewollt zu sein, und in der Liebe als dem wichtigsten Lebensvollzug glücklich zu werden und Erfüllung zu finden.

Es ist ein langer Weg, um in lebenslanger Erfahrung existentiell zu erfassen, dass es, wie von Jesu formuliert, „keine größere Liebe gibt, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“

Am Anfang der Liebe steht gewöhnlich, was der Grieche „eros“ nennt. Es ist die erste Stufe der Liebe. Auch wenn diese Liebe anfangs ganz notwendig ist und bis zum Ende des irdischen Lebens ihren Eigenwert hat, ist der in diesem Sinne Verliebte noch ganz bei sich selber. Man empfindet die Nähe des anderen als „schön“. Man mag den anderen und ist in ihn verliebt. Aber man kreist sehr um seine eigenen Gefühle, Wünsche und Träume.

Erfahrungsgemäß nimmt diese Liebe nach einer gewissen Zeit mehr ab als zu. Wenn diese erste Liebe sich nicht entwickelt und entfaltet, bleiben von ihr im schlechtesten Fall Narzissmus oder Egoismus: eine „böse Liebe“, die nur um sich selber kreist.

Zur umfassenden und guten Liebe gehört in der ihr eigenen Dynamik und innewohnende Notwendigkeit, dass sie sich ein Leben lang vom „eros“ zu dem entwickelt, was der Grieche „agape“ nennt. Das ist die Liebe des Wohlwollens.

Ti voglio bene“ sagt der Italiener um auszudrücken, dass er den so Angesprochenen liebt. Wörtlich übersetzt: „Dich will ich gut“. – Die Liebe des Wohlwollens sucht am Ende ganz und uneingeschränkt das Wohl des anderen. Und eben das ist Liebe in ihrer ganzen Fülle: Nicht im Sinne des Besitzens und der Befriedigung eigener Bedürfnisse „will ich dich“, sondern ganz in dem Sinne, dass Du als Geliebter und Erwünschter ganz Sinne Deines Glückes und Wohles sein sollst und darfst.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 17/2018 - 5. Osterwoche (B)

Ich bin der wahre Weinstock, ihr seid die Reben.

An diesem fünften Sonntag in der Osterzeit hören wir ein weiteres der sogenannten „Ich bin“ – Worte Jesu. Vergangenen Sonntag war es das Bild vom guten Hirten, mit dem Jesus viel über sich selber aussagt, über seine Beziehung zum himmlischen Vater, über sein Verhältnis zu uns Menschen und was Erlösung für uns als Kinder Gottes konkret bedeutet.

An diesem Sonntag nun ist es das Bild vom Weinstock und den Reben. „Ich bin der wahre Weinstock“, sagt Jesus, „und mein Vater ist der Winzer. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab, und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt.

Seinen Zuhörern war dieses Bild nicht ganz unbekannt. Das jüdische Volk verstand sich nämlich als der von Gott gepflanzte Weinberg (vgl. Jes 5,1-7). Damit jeder Jude, der zum Tempel in Jerusalem ging, sich daran erinnerte, war an der Stirnseite des Tempels ein großer goldener Weinstock angebracht.

Im Prophetenbuch von Jesaja (s.o.) endet das alttestamentliche Lied vom Weinberg allerdings damit, dass dieser Weinberg statt der erwarteten süßen Trauben nur saure Beeren brachte. Das Volk Gottes hat nicht die erwartete Frucht gebracht. Deshalb wurde seine schützende Hecke wieder entfernt und seine Einfriedungsmauer eingerissen. Der Weinberg wurde zertrampelt und zu Ödland. Am Ende wuchern nur noch Dornen und Disteln dort.

In Abgrenzung dazu und anders entfaltet ist Jesus im neutestamentlichen Bildwort „der wahre Weinstock“ und sein “Vater der Winzer“. Hier wird gegenüber dem alttestamentlichen Bild ein spezifischer Perspektivenwechsel deutlich. Es geht nicht mehr vorrangig um einen Weinberg, der sorgfältig und mit Hoffnung auf süße Trauben angelegt wird. Nun steht die einzelne Rebe im Vordergrund.

Die Aufmerksam des Vaters gilt nicht mehr primär einem auserwählten Volk als seinem Weinberg. Nun wendet der Vater seine ganze Aufmerksamkeit jedem Einzelnen zu. Wie ein guter Winzer pflegt und kümmert er sich um jede einzelne Rebe.

Hinter jedem guten Wein verbirgt sich bekanntlich ein guter Winzer. Über Jahre muss er die Rebe „erziehen“, wie es in der Fachsprache heißt. Er muss sie mehrfach beschneiden und hochbinden, bis sie gute Trauben hervorbringt. Wildwuchs führt unweigerlich zur Minderung der Traubenqualität.

Alle schlechten Trauben müssen herausgeschnitten werden. Sie nehmen dem Weinstock unnötig seine Kraft. Sind die schlechten Trauben entfernt – und dafür muss der Weinstock erst einmal „bluten“; auch das gehört zur Fachsprach im Winzergewerbe –, können die guten Reben bzw. Trauben ihre volle Qualität entfalten.

In diesem gegenüber dem Alten Testament weiter entfalteten Bild vom Weinstock und den Reben wird, wie in dem neutestamentlichen Bild vom guten Hirten, die Offenbarung Gottes für die Menschen zu ihrem Heil für immer präzisiert und endgültig deutlich. Gott sorgt sich um jeden! Uneingeschränkt kümmert („reinigt“) er einen jeden, so dass sein Leben zunehmend „Frucht bringt“ (s.o.).

Es sei denn, jemand will keine Frucht im Sinne Gottes bringen. So wäre der bildhafte Vergleich (s.o.) eigentlich besser übersetzt: „Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringen will, schneidet er ab …

Neben dem starken Bild vom Weinstock, den Reben und dem Winzer fällt auf, dass das Wort „bleiben“ sehr oft vorkommt: „Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr keine Frucht bringen, wenn ihr nicht in mir bleibt.“

Bleiben wir also im Gebet, im Austausch mit Gott! Bleiben wir dran an der Sonntagsmesse! Bleiben wir den Unseren treu; unseren guten Vorsätzen und unserem Glauben an die reinigende Kraft der Sakramente: vor allem der Taufe und der Beichte.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 16/2018 - 4. Osterwoche (B)

Jesus, der gute Hirt

Liebe Mitchristen und Freunde von St. Pantaleon!

An diesem Sonntag begegnet uns im Tagesevangelium (Joh 10,11-18) mit großer Eindringlichkeit das Bild vom guten Hirten. Es ist eines der bekanntesten und ansprechendsten Bilder aus der Heiligen Schrift, mit denen Gott sich in seiner Beziehung zu den Menschen vergleicht. Es vermittelt seit der Zeit des Alten Testamentes ein Gottesbild, das spezifisch biblisch genannt werden kann.

Um Gott in seiner Beziehung zu den Menschen aber richtig zu verstehen, muss man vor Augen haben, dass es hier nur um ein ansprechendes Bild geht. Um ein Bild, dass die Wirklichkeit der Beziehung zwischen Gott und seinem liebsten Geschöpf, dem Menschen, nur unzulänglich wiedergibt.

Man kann zwar durchaus Hirten begegnen, die sich mit schier unendlicher Liebe um ihre Schafe kümmern. Aber Schaf bleibt Schaf; und Hirt bleibt Hirt. Auch der liebevollste Hirt wird eines Tages die Schafe nicht auf die beste Weide, sondern in den Schlachthof führen. Schließlich lebt der Hirt von seinen Schafen. An den Schafen selber liegt ihm gewöhnlich nur so viel, wie es am Ende, wenn „es um die Wurst geht“, gutem Fleisch, bester Wolle und feinster Milch dient.

Hier nun führt die Heilige Schrift über die am Ende engen Grenzen des Bildes hinaus. So auch an diesem vierten Sonntag der Osterzeit; etwa in der zweiten Lesung (1 Joh 3,1-2): „Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es. … Jetzt sind wir Kinder Gottes. Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“

In seiner Beziehung zu Gott wird der Mensch nun nicht mehr als einfaches Schaf gesehen – das bei aller Fürsorge und emotionaler Nähe zum Hirt weiterhin dumm bliebt –, sondern als Kind, das sich auf dem Weg zu einer unvorstellbaren Ähnlichkeit mit Gott befindet. Dieser Weg des Menschen zu Gott als Ziel allen menschlichen Lebens übersteigt jede empirische Perspektive. Sie ist nur möglich von Gott her, der mehr und anders ist als jeder noch so gute Hirt. Deshalb sagt Johannes zudem noch (s.o.): „Die Welt erkennt uns nicht, weil sie ihn nicht erkannt hat.

Die Abhebung Gottes vom guten Hirten ist schon in dem bekannten Worten Jesu ausgesprochen: „Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe.“ Macht das denn ein noch so guter Hirt, wenn es (s.o.) „um die Wurst geht“? Wieviel hingegen Gott und seinem Sohn am Menschen wirklich liegt – eben auch in Abhebung vom Bild des guten Hirten –, drückt Jesus dann in den Worten aus: „Ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich.“ Kennt etwa das Schaf wirklich seinen Hirten?

Und noch mehr übersteigt Jesus dieses starke Ich-Worte („Ich bin der gute Hirt“) vom Bild zur gemeinten Realität, wenn er im gleichen Atemzug die Weite, mit der „seine Schafe“ ihn als „ihren Hirten“ erkennen, mit der Weite und Unergründlichkeit vergleicht, mit der Gott sich seiner innergöttliche Liebe bewusst ist: „wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne“.

Das Bild vom guten Hirten ist im Grunde erst dann ein starkes Bild, wenn man sich in der Stille der vertrauten Zweisprache und Begegnung mit Gott, im Gebet also, der in diesem Bild gemeinten Weite und Tiefe anzunähern bereit ist. Gelingen wird es nur durch Gottes Gnade und Eingebung. Und wiederum auch nur dann, wenn man sich in diese Richtung immer wieder auf den Weg macht. Es reicht nicht, sich dafür auf einen einzigen und isolierten Versuch zu beschränken.

Um von Gott in seine Größe aufgenommen zu werden und bei ihm in seiner Liebe anzukommen, muss der Mensch von sich selber aus zu vielen Anläufen bereit sein, und diese Bereitschaft auch umsetzen. Beides wünsche ich Ihnen von Herzen.

Ihr Pfr. Dr. Volker Hildebrandt

 

Pfarrnachrichten 15/2018 - 3. Osterwoche (B)

Die Hl. Messe ist alles Wichtige in einem. Sie ist Abendmahl, Opfer Jesu am Kreuz, Auferstehung und ein Stück Himmel auf Erden.

Liebe Mitchristen und Freunde von St. Pantaleo!

Die sogenannten nachösterlichen Evangelien sind voller Überraschungen. An diesem Sonntag etwa hören wir (Lukas 24, 35-48), wie die aus Emmaus zurückgekehrten Jünger „den Elf und den anderen Jüngern erzählten, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach.“ Dann heißt es: „Während sie noch darüber redeten, trat er selbst in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Sie erschraken und hatten große Angst, denn sie meinten, einen Geist zu sehen.“

Dass die Jünger erschraken, ist nachvollziehbar. Aber dass sie „große Angst hatten“ und meinten, „einen Geist zu sehen“, das überrascht. Obwohl sie doch über ihn redeten, erkannten sie ihn nicht.

Die Nachricht vom leeren Grab wie auch die Nachricht von den Begegnungen mit dem Herrn haben „den Durchbruch“ noch nicht bewirkt. Zur umfassenden und wirksamen Osterbotschaft, die nachhaltig verändert und alles mit neuen, mit den Augen Gottes sehen lässt, reichen heilige Worte und fromm überlieferte Erzählungen alleine also nicht aus.

Mit anderen Worten: Die Heilige Schrift alleine (sola scriptura) genügt nicht. Nach Gottes Vorsehung muss zum Heiligen Wort der Bibel noch etwas Anderes hinzukommen. Wohl wirkt Gott durch die Heilige Schrift. Aber Gott hat es offenbar so gewollt, dass das Wort alleine noch nicht die Fülle der Gnade schenkt, die erst den Menschen verwandelt und verändert.

Obwohl wir durch das gnadenvolle Wirken der heiligen Worte in der Schrift und der Überlieferung Gott geheimnisvoll in einem ersten Schritt begegnen, muss der Mensch darüber hinaus Gott auch noch in anderer Weise, in einem zumindest zweiten Schritt begegnen, um ein gläubiger Mensch zu werden.

Das wird überraschend deutlich bei den Emmausjüngern (Lk 24,13-35). Sie erkannten den Herrn erst, nachdem sie ihn gedrängt hatten: „Herr, bleib doch bei uns, denn es wird bald Abend, der Tag hat sich schon geneigt“, und erst, als der Herr „mit ihnen bei Tisch war“. Dort „nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen.“ Erst dann „gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn; dann sahen sie ihn nicht mehr.

Erst von da an konnten sie das Erlebte richtig ein- und zuordnen. Sie hatten auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus eine ganz wichtige Glaubenserfahrung gemacht. Aber erst als der Herr vor ihren Augen das Brot brach und ihnen davon gab, konnten sie sich darüber auch austauschen. Erst von dann wurde ihre Glaubenserfahrung wirksam. Erst die Speise des gebrochenen Brotes hat sie so weit verändert, dass sie nun zueinander sagen konnten: „Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss?

Ähnlich auch im Evangelium von diesem Sonntag. Die gegenseitigen Erzählungen von den Begegnungen mit dem Herrn, haben die Jünger zwar sehr interessiert und auch berührt. Aber zum Glauben kamen sie dadurch noch nicht.

Der Herr musste auch persönlich zu ihnen kommen. Als Auferstandener! ####

Er ganz persönlich musste ihnen sagen: „Was seid ihr so bestürzt? Warum lasst ihr in eurem Herzen solche Zweifel aufkommen? Seht meine Hände und meine Füße an: Ich bin es selbst. Fasst mich doch an, und begreift: Kein Geist hat Fleisch und Knochen, wie ihr es bei mir seht.“

Neben der Heiligen Schrift – dem Tisch des Wortes – ist für den gläubigen Christen deshalb auch der „Tisch des Brotes“, die zumindest sonntägliche Eucharistie von unverzichtbarer Bedeutung. Zum Durchbruch im Glauben, zu einer verändernden Wahrnehmung aus der Perspektive Gottes kommt es erst dann, wo gläubige Christen auch den Sonntag halten, genauer gesagt: Wo sie sich durch den Sonntag und eine lebendige Mitfeier der Eucharistie von Gott halten und verwandeln lassen.

Die Eucharistie ist „Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“ (II. Vatikanum). Die Eucharistie, die deshalb auch Heilige Messe oder „Messopfer“ heißt, ist – so haben es die Kommunionkinder mit Hilfe des abgebildeten Bildes auf den Punkt bringen und auswendig lernen können – „alles Wichtige in einem. Sie ist Abendmahl, Opfer Jesu am Kreuz, Auferstehung und ein Stück Himmel auf Erden.“

Ihr Pfr. Dr. Volker Hildebrandt

 

Pfarrnachrichten 13+14/2018 - Karwoche (B)

Der Auferstandene – Aachener Dom

Liebe Mitchristen und Freunde von St. Pantaleon!

Was bedeutet die Auferstehung für den gläubigen Christen? Ich will eine ganz kurze Antwort versuchen.

In der Auferstehung Jesu geht uns der menschgewordene Gott voraus in die endgültige Erlösung. Die endgültige Erlösung gibt es nur im Himmel. Aber diese endgültige Erlösung im Himmel beginnt schon hier auf Erden.

Hier auf Erden, in unserem irdischen Leben, wächst Gottes Gegenwart immer dann, wenn wir uns Gott im Gebet öffnen, auf ihn hören, und uns von ihm im stillen Hinhören auf sein Wort leiten und führen lassen.

Dann sind Leib und Seele immer seltener Widersacher, die im Streit liegen. Mit Gottes Hilfe kommen Leib und Seele zusammen. Sie finden zu einer Harmonie, wie sie von Gott gemeint und uns als Aufgabe mitgegeben sind.

Gesegnete und frohe Ostern!

Ihr Pfr. Dr. Volker Hildebrandt

 

Pfarrnachrichten 12/2018 - Karwoche (B)

Der „neue“ und der „bisherige“ Generalvikar

Liebe Mitchristen und Freunde von St. Pantaleon!

Wir alle haben Grund, dem bisherigen Generalvikar, Dr. Dominik Meiering, für seinen dreijährigen Dienst als Generalvikar zum Wohl unseres Erzbistums von Herzen zu danken. Wir wünschen ihm und dem neuen Generalvikar, Msgr. Dr. Markus Hofmann, Gottes reichen Segen, viel Geduld und reichlich Inspiration, die Gott ihnen schon geben wird. – Zum Wechsel im Amt des Generalvikars gab es einige ziemlich schräge Pressenachrichten, zu denen ich in diesen Pfarrnachrichten, auch als Ihr Pastor, in Überarbeitung zweier Leserbriefe von mir Stellung beziehe. – Ihr Pfr. Dr. Volker Hildebrandt

Zum Bericht im Kölner Stadtanzeiger vom 19.03.2018: „Paukenschlag im Kölner Erzbistum. Kardinal trennt sich von seinem Generalvikar“ habe ich der Redaktion – hier noch einmal überarbeitet – folgendes geschrieben:

Leider bedienen Sie sich in Ihre Berichterstattung Klischees von gestern: „Blitz und Donner in der Führungsetage des Erzbistums Köln“; „Abberufung und Entmachtung“. So war das wohl mal: vor und auch noch einige Zeit nach dem Konzil. Da hat sich Vieles längst verändert.

Von Ihrer fast ausschließlich auf Soziologisches reduzierten Perspektive sind dann auch einige ihrer Schlussfolgerungen ziemlich „verpeilt“. Unter anderem „trennt sich Kardinal Rainer Woelki“ nicht von Meiering. Mit der neu übertragenen Aufgabe drückt Woelki seinem bisherigen Generalvikar vielmehr sein uneingeschränktes Vertrauen und seine allergrößte Wertschätzung aus. Wenn schon nur in diesen Kategorien gedacht wird, dann wird Meiering in mancher Hinsicht eher befördert als degradiert.

Als Kölner Generalvikar bestand Meierings Aufgabe in der Gesamt-Verwaltung des Erzbistums als Chef einer bischöflichen Behörde mit 600 Kirchenbediensteten. Je nach Perspektive ist seine zukünftige Aufgabe durchaus vielfältiger und anspruchsvoller. Er stellt sich nun der Herausforderung, ca. 40.000 Menschen ihr Leben vor und mit Gott neu entdecken zu lassen. Da sind Innovation, Kreativität und Empathie pur gefragt.

In dieser Hinsicht ist Meierings neue Aufgabe von ganz anderem Kaliber. Diese Aufgabe lässt einen Priester gleichermaßen wie einen Erzbischof zuerst einmal in die Knie gehen und den Himmel um seinen Beistand bitten.

So ist Meiering auch nicht „Opfer des pastoralen Zukunftsweges“, wie sie Ihre Informanten als vermeintliche „Kenner der Verhältnisse im Erzbistum“ zitieren. Für eine sachgerechte Wahrnehmung und ausgewogene Berichterstattung sind solche „Insider-Unkenrufe“ wenig hilfreich. An der gegenwärtigen Realität der Kirche zielen Sie leider zu oft haarscharf vorbei und daneben.

An die Kölnische Rundschau habe ich als Leserbrief - hier noch einmal überarbeitet – geschrieben:

Ihre Berichterstattung über die katholische Kirche in Köln lässt mehr als zu wünschen übrig. Sie reduzieren die Kirche auf Soziologisches und werden ihr damit nicht mehr gerecht.

Letzten Dienstag haben Sie deshalb einen schrägen Artikel über die Abberufung von Dr. Meiering als Generalvikar („Generalvikar wird leitender Pfarrer“ – Rundschau vom 20.03.2018, S. 23) publiziert. Sie schreiben über das Amt des Kölner Generalvikars: „Eine Führungsposition, die im Erzbistum Köln als Empfehlung für höhere Weihen gilt.“ Nun: Wenn jemand Priester oder Pfarrer wird, um Karriere zu machen, dann ist er fehl am Platz. Die Gläubigen lehnen das ab.

Dann widersprechen Sie sich in ein und demselben Artikel. Sie schreiben, dass „es offenbar hinter den Mauern der Bistumsverwaltung gekracht“ und dass „die Chemie zwischen Generalvikar und Kardinal nicht mehr gestimmt habe“. Es sei „von Entfremdung die Rede“.

Einseitig auf negativ Zwischenmenschliches reduziert, präsentieren Sie unausgewogen ein verzeichnetes Bild von Kirche.

Das hätte Ihnen an der Widersprüchlichkeit Ihres Berichtes auffallen müssen. Denn im Folgenden zitieren Sie Meiering, der ganz in Übereinstimmung mit seinem Bischof erklärt: Sein (Meierings) neuer Aufgabenbereich liege „in der Herzkammer unseres Erzbistums. Unzählige Menschen suchen hier die Begegnung mit der Kirche und damit mit dem lebendigen Gott.“ Für eine – wie in Ihrer Berichterstattung – tendenziös auf negativ Soziologisches reduzierte Kirche bleibt es doch zutiefst widersprüchlich, wenn nach „Entfremdung“ und „Krach“ ein Kardinal und Erzbischof diesem Priester, mit dem „die Chemie nicht mehr stimmt“, das Filetstück seines Erzbistums anvertraut.

Hier sind Sie mangels gesundem Menschenverstand Opfer von klerikalem Gerede Ihrer Informanten.

Heute nun lese ich in Ihrer Zeitung, zudem noch auf der ersten Seite, eine 19-Zeilen-Meldung („Woelki beruft Hofmann als Generalvikar“ – Rundschau vom 22.02.2018, S. 1) mit gleich drei Fehlern. Davon belegt zumindest einer, wie unqualifiziert Ihre kirchliche Berichterstattung ist.

Sie schreiben, dass Hofmann „2009 von Woelki zum Leiter des erzbischöflichen Priesterseminars ernannt wurde.“ Im Jahre 2009 war Rainer Maria Woelki allerdings Weihbischof in Köln, der in diesem Amt überhaupt niemanden ernennt. Kirchliche Ernennungen in einem Bistum gehen ausschließlich vom Diözesanbischof aus. 2009 war das für die Diözese Köln Kardinal Meisner. Peinlich!

Seit Jahren ist nicht nur Ihre Berichterstattung über die katholische Kirche mal mehr mal weniger tendenziös, einseitig, unausgewogen und oft nicht sachgerecht. Das liegt zum einen an illoyalem Insider-Gerede, das in der Kirche leider auch unter einigen Priestern und anderen gepflegt wird, und auf die Sie als Ihre Informanten zurückgreifen. In ihr teils verdächtig schadenfroh auf negativ Soziologisch-Zwischenmenschliches reduzierte Kirchenbild mischt sich dann noch die Phantasie anderer, die Ihrer Aufgabe und Verpflichtung als Journalist nicht mehr umfassend gerecht werden. So verkaufen Sie uns dieses Gemenge als Sensation und Nachricht.

Vielleicht haben Sie zumindest so viel Rückgrat, auch einmal deutliche Kritik an Ihrer kirchlichen Berichterstattung zuzulassen, und diese nicht unter den Tisch zu kehren.

 

Pfarrnachrichten 11/2018 - 5. Fasten-Woche (B)

Bild: Klaus Herzog - in: Pfarrbriefservice.de

Wer am fünften Fastensonntag in eine ihm bekannte Kirche geht, nimmt in der Regel auf der Stelle wahr, dass der ihm gewohnte Anblick des Innenraumes verändert ist: durchbrochen und durchkreuzt durch die Verhüllung aller größeren Kreuze im Inneren der Kirche vom fünften Fastensonntag an bis Karfreitag. Das ist ein alter Brauch, der in besonderer Weise auch den ungewöhnlichen Verlauf des Evangeliums (Joh 12,20-33) vom fünften Fastensonntag im Lesejahr „B“ aufnimmt und widerspiegelt. Johannes berichtet in diesen Versen von „einigen Griechen, die beim Osterfest in Jerusalem Gott anbeten wollten.

Bei diesen „Griechen“ handelt es sich wohl um fromme und gläubige Menschen, die dem jüdischen Glauben und dem Volk Gottes nahestanden, ohne ihm jedoch anzugehören. Auch solchen Sympathisanten war der Zutritt zum Inneren des Tempels verwehrt. Wie alle anderen Unbeschnittenen durften auch sie auf dem Tempelgelände nur den Vorhof der Heiden betreten. Doch diese Ausgrenzung hindert jene Griechen nicht daran, sich nach Jerusalem auf den Weg zu machen, um eigens dort „beim Osterfest“ Gott in einer größeren Nähe „anbeten“ zu können.

Sie hatten wohl einiges von Jesus gehört. Und nun suchen sie die Gelegenheit, ihn persönlich kennenzulernen. Sie wenden sich an den Apostel, der seinem Namen nach griechischer Abstammung war: an „Philippus“ nämlich, und bringen ihr Anliegen vor: „Wir möchten Jesus sehen.“ Um sich abzusichern, „ging (dieser) und sagte es Andreas; Andreas und Philippus gingen und sagten es Jesus.“

Auf den ersten Anschein antwortet Jesus auf das Anliegen der Griechen scheinbar abweisend und uninteressiert (Joh 12,23): „Jesus aber antwortete ihnen: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht wird.“

Bis dahin lässt der Evangelist Johannes den Herrn in seinem Evangelium wiederholt „von der Stunde“ sprechen, die aber „noch nicht gekommen ist“. So etwa bei der Hochzeit zu Kana (Joh 2,4). Bei dieser Hochzeit verwandelt er Wasser in wunderbaren Wein. Er bewahrt ein Brautpaar vor einem Missgeschick und lässt sie fröhlich in ihre Ehe starten.

Nun aber (ibid.) „ist die Stunde, gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht wird.“ Und diese Stunde ist in dem Augenblick gekommen, wo Gläubige ihn „sehen“ wollen, die von auswärts, von jenseits der jüdischen Nationalität kommen.

In genau diesem Augenblick offenbart sich Jesus von seinem ganzen Wesen her. Bislang hat er immer nur etwas von sich und seiner Botschaft offenbart, wobei er seinen Worten durch mancherlei Wunder, wie bei der Hochzeit zu Kana, und wiederholten Austreibungen böser Geister Nachdruck verliehen hat.

Nun aber spricht er vom Weizenkorn (Joh 12,24.26.31), das in seinem Sterben reiche Frucht bringt: „Wenn das Weizenkorn nicht auf die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.

Wie durch die Verhüllung des Kreuzes der Blick auf das Kreuz geschärft werden und aus dem Gewöhnlichen herausgehoben und hinterfragend vertieft werden soll, so schärft Jesus durch seine ungewöhnliche Reaktion auf den Wunsch der Griechen, ihn sehen zu wollen, die Wahrnehmung aller für den Kern sowohl seiner Sendung und Botschaft, wie seiner Person.

Jesus ist nicht mehr nur da, wie am Anfang, für das auserwählte Volk Gottes (vgl. Mt 15,24). Er sagt nun ausdrücklich (Joh 12,32): „Wenn ich über die Erde erhöht bin, werde ich alle zu mir ziehen.“ Von nun an, da seine Stunde gekommen ist, ist er in gleicher Weise für Juden und Griechen da, und damit für alle Menschen „guten Willens“. Und er ist nicht dafür da, wie man anfangs, als seine Stunde noch nicht gekommen war, vermuten könnte, dass ein Brautpaar zünftig Hochzeit feiern kann (s.o.) und „Blinde wieder sehen …. und Armen das Evangelium verkündet“ (Mt 11,5 usw.) wird.

Nun ist die Stunde gekommen, in der er Wein in sein Blut verwandelt, damit es vergossen wird zum Heil für viele: wirklich, aber vorwegnehmend im sakramentalen Zeichen am Gründonnerstag beim Abendmahl, und dann ebenso wirklich, aber blutig am Tag darauf, am Karfreitag am Kreuz. Nun offenbart er sich voll und ganz.

Der äußere Anlass dafür sind Griechen, die ihn sehen wollen. Menschen, die nicht mehr in der Tradition des auserwählten Volkes stehen. Und mit seiner ungewöhnlichen Reaktion auf dieses Anliegen lässt er nun alle Menschen „sehen“ und verstehen, worum es in der ganzen Tiefe seiner Sendung und Erlösung geht (Joh 12,31): „Jetzt wird Gericht gehalten über diese Welt; jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden.“

Möchten auch wir, wie jene Griechen, „Jesus sehen“? Möchten wir ihn wirklich „sehen“ und verstehen? – Dann müssen wir dazu bereit und darauf gefasst sein, dass Jesus unsere oft nur weltlich-irdische Wahrnehmung durchbricht und durchkreuzt. Deshalb deutet er nun auch das Bild vom Weizenkorn, dass in die Erde fällt, dort stirbt und reiche Frucht bringt.

Das Bild vom Weizenkorn trifft an erster Stelle auf ihn selber zu. Dann aber auch auf jeden, der ihn „sehen“, ihn verstehen und ihm folgen will. Und so erklärt Jesus (Joh 12,25): „Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben.“

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 10/2018 - 4. Fasten-Woche (B)

Jesus und Nikodemus - von-Crijn-Henddricksz

In seinem dritten Kapitel berichtet Johannes über einen heimlichen Besuch des Nikodmeus bei Jesus. Nikodemus war ein bekannter Ratsherr. Bei diesem Besuch erklärt ihm Jesus (Joh 3,3): „Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nur wenn ein Mensch von neuem geboren wird, kann er in das Reich Gottes kommen.

In das Reich Gottes kommen, dort leben und glücklich sein: Das will man wohl gerne. Aber wie kann man dafür neu geboren werden? Das ist auch die Frage des Nikodemus stellt. Woraufhin Jesus „nachbessert“ (Joh 3,5): „Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“

Damit ist nun unbestreitbar die Taufe jenes Gnadengeschenk, das neues Leben schenkt und den Getauften neue geboren sein lässt. Durch die Taufe wird also die Voraussetzung geschaffen, ins Reich Gottes zu kommen. Doch die Taufe alleine reicht nicht. Weshalb Nikodemus auch nachhakt. Daraufhin gibt Jesus dem Nikodemus ein Beispiel aus der Geschichte Israels an die Hand.

Als die Israeliten in der Wüste gesündigt hatten, wurden sie von Giftschlangen gequält und viele kamen dadurch um. Im Auftrag Gottes machte Mose eine Schlange aus Kupfer und hängte sie an einer Fahnenstange auf. Wer nun diese Schlange anblickte, der entging der tödlichen Wirkung des Schlangengiftes.

Die Schlange steht natürlich auch als Symbol für das Böse. In ihrer Gestalt trat der Teufel im Paradies auf, um Adam und Eva zu verführen. In der Wüste haben sich die Israeliten vom Bösen verführen lassen und gegen Mose und Gott gemurrt. Mose bezwingt die Schlange, die für das Böse steht, indem er sie an einer Fahnenstange aufhängt. Damit macht er den Sieg Gottes über die Macht des Bösen deutlich.

Das nicht in allem leicht nachvollziehbare Gespräch zwischen den beiden gipfelt in der Aussage Jesu (Joh 3,14-16): „Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, in ihm das ewige Leben hat. Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hergab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.“

Neben der Taufe als Neue Geburt und damit Voraussetzung, am Reich Gottes Anteil zu haben, ist auch der Glaube an den erhöhten Menschensohn ausschlaggebend. So sagt Jesus in diesem immer allgemeiner werdenden Gespräch mit Nikodemus über sich selber als den Sohn (Joh 3,18): „Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat.

Es ist dann vom Gericht auch noch im Folgenden die Rede. Aber zugleich wird nichts von einem außenstehenden Richter gesagt. Alles deutet daraufhin hin, dass jeder Mensch sich durch sein Verhalten am Ende selber richtet.

Nach all diesen doch sehr theologischen Äußerungen stellt sich vielleicht die Frage, welche konkreten Impulse von diesem Evangelium des vierten Fastensonntags ausgehen, die man aufnehmen und für den Alltag vor Augen habe kann?

Warum nicht jene, die wir mit den Worten überschreiben könnten: An Jesus glauben heißt, wie Jesus leben.

Im Reich Gottes findet man das Glück darin, dass man das eigen Leben nicht über das Leben der anderen stellt. Man muss den alten Menschen ablegen und neu beginnen: nicht am eigenen, ganz persönliche Glück festhalten, sondern sich selbst vergessen; sein Leben an die Mitmenschen verschenken. So wie der Herr es getan hat. Damit nimmt der Glaube an Jesus Gestalt an. Und dieser Glaube erhöht schließlich auch den Gläubigen zur verheißenen Erfüllung.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 09/2018 - 3. Fasten-Woche (B)

Tempelreinigung - Rembrandt Harmensz van Rijn

Als einmal bei einer Filmvorführung im Rahmen einer Kinderkatechese die anschaulich inszenierte Tempelreinigung – das heutige Sonntagsevangelium: Joh 2,13-25 – präsentiert wurde, schrie ein Kind lauthals auf: „Das darf der doch gar nicht. Jesus schlägt ja. Das ist doch gemein. Warum macht er das denn?

Hier ist nicht nur der Religionspädagoge gefragt, der mit der Vermittlung von biblischen Aussagen sehr sorgsam und jeweils altersgemäß umgehen muss. Hier sind auch wir gefragt. „Warum macht er das denn?“ Auch die Juden, die damaligen Augenzeugen, stellen ihn zur Rede: „Welches Zeichen lässt du uns sehen als Beweis, dass du dies tun darfst?“

Jesus antwortet ihnen souverän, dass er den niedergerissenen und zerstörten Tempel Jerusalems, der den 7 antiken Weltwundern nur wenig nachstand und für dessen Errichtung 46 Jahre lang unter Aufwendung aller Kräfte gebaut wurde, in nur 3 Tagen wieder aufrichten werde. Erst später, nach der dreitägigen Grabesruhe und der Auferstehung Jesu, haben seine Jünger angefangen, ihren und unseren Herrn zu verstehen.

Jesus reinigt den Tempel. Damit reinigt er auch uns. Und er stellt uns vom Kopf wieder auf die Füße. Sehr schnell verliert auch der gläubige Mensch das Gespür für das Heilige, das Gespür für Gottes Gegenwart in unserem ganzen Leben, besonders auch im Alltäglichen.

Ob ihr esst oder trinkt“, so sagt es einmal der heilige Apostel Paulus, „tut alles zu Ehre Gottes“.

Auch als gläubige Sonntagschristen – und schon dieses Wort provoziert in die Richtung der Tempelreinigung – sind wir aufgerufen, die Ereignisse von damals zu bedenken. Auch wir sollten unser religiöses Leben angesichts des Eifers Jesu, der Ihn umtreibt und der ihn wie die Bibel sagt „verzehrt“, kritisch durchleuchten und von Jesus reinigen lassen. Das ist auch der besondere Sinn der Fastenzeit.

Wo das Gebet zur Routine geworden ist, wo bei der Mitfeier der Eucharistie zu viele andere Gedanken ablenken und den wahren, heilige Mittelpunkt verdunkeln, da sollten wir unbedingt Jesus bitten, uns erneut wahre Frömmigkeit und Ehrfurcht vor dem Heiligen zu ermöglichen. Selbstverständlich müssen dann auch wir das Notwendige von unserer Seite aus dazutun.

Dazu passt die alttestamentliche Lesung dieses Sonntags: Ex 20,1-17. Den 10 Geboten ist eine wichtige Feststellung vorangestellt: „Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus.“ Hier handelt es sich zwar nicht um ein Gebot. Aber diese einleitend vorangestellte Feststellung ist wie ein Schlüssel, der einen tieferen Zugang zu den Geboten eröffnet.

Die darauf folgenden drei ersten Gebote des Dekalogs sollen bewahren, vertiefen und kultivieren helfen, dass Gott allein in einem sowohl Ursprung und Ziel des menschlichen Lebens ist. Mit dem rechten Bezug zu ihm steht und fällt die Qualität des Lebens von uns Menschen. Ohne ihn bleiben wir Knechte und in materieller Abhängigkeit.

So dient die Fastenzeit dazu, wieder frei zu werden für das Große und Gute, für das Eigentliche, das uns Menschen glücklich macht.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 08/2018 - 2. Fasten-Woche (B)

Verklärung Jesu - Lorenzo Lotto (1511)

Aus dem Fastenhirtenbrief unseres Erzbischofs – Teil II

IV. Evangelium er-leben

Das Evangelium vom 1. Fastensonntag schließt mit dem Ruf Jesu: »Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!« (Mk1,15). Das ist die Einladung, unsere gewohnten Standpunkte wieder neu auf Gott hin zu orientieren und den Worten und dem Wirken Jesu einen immer tieferen Glauben zu schenken. Auf genau diese innere Bewegung setzt auch unser Pastoraler Zukunftsweg. An der Seite der Jünger, die bis über Ostern hinaus »wie mit Blindheit geschlagen« (Lk 24,16) bleiben, können wir viel darüber lernen. »Wir hatten gehofft …«, das ist die enttäuschte Bilanz, mit der sich die beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus aus dem Geschehen um Jesus von Nazaret zurückziehen. Dabei wissen sie um Jesu »mächtige Worte und Taten vor Gott und dem ganzen Volk« (vgl. Lk 24,19). Sie wissen um Jesu Tod. Sie wissen um die Nachricht vom leeren Grab und die Auferstehungsbotschaft der Engel. Und sie besitzen eine vertiefende Kenntnis der heiligen Schriften. Doch nichts davon löst ihre Befangenheit. Die Betrübnis bleibt. Und die Herzensblindheit.

Es scheint also eine Weise zu geben, von Jesus und seiner Geschichte zu wissen, ohne dass deren frei und froh machende Wirkung Raum gewänne. Das ist eine schmerzliche Erfahrung, die wir in unseren leerer werdenden Kirchen teilen.

Damit die gemeinsame Erfahrung, die geschürte Hoffnung, der keimende Glaube und all das, was die Emmausjünger aus der heilsgeschichtlichen Überlieferung »wissen«, zum Evangelium werden kann – also zur frohen Botschaft, die nichts lässt, wie es ist –, muss etwas geschehen, was sich nicht automatisch im Leben einstellt, sondern aktiv gestaltet werden will: das Lösen von der Vergangenheit als Sammelbecken der guten Erinnerungen, der Hoffnungen, Wünsche und Sehnsüchte, die die Jünger als vermeintlich sichere Kenntnis – und als Enttäuschung ihrer Erwartungen – hüten.

V. Christus-Begegnung jetzt

Der auferstandene Christus durchbricht die geschlossene Zweisamkeit der Jünger auf dem Weg nach Emmaus. Indem sich Jesus zu ihnen gesellt, bringt er die Jünger dazu, ihren Blick zu heben und die Blickrichtung zu ändern. Das verändert auch die einseitige Wahrnehmung des Vergangenen.

In der Begegnung mit Christus können die Jünger jetzt Gottes Spur in ihrer eigenen Geschichte erkennen: Mose, alle Propheten, die gesamte Schrift, der Messias musste all das erleiden … (vgl. Lk 24,26-27). In der Erinnerung sammeln sich so nicht länger vor allem die enttäuschten Erwartungen, sondern die Vergangenheit wird jetzt zum Sammelbecken auch für das, was sich noch erfüllen will, was noch aussteht. In der nachösterlichen Begegnung mit Christus gehen den Jüngern so »die Augen auf« (Lk 24,31) – und aus lähmender Bindung wird Zukunftsoption. Genau darauf zielt auch unser Pastoraler Zukunftsweg: mit Christus an unserer Seite Totes und Lebendiges in unserem ganz konkreten kirchlichen Leben sehen und unterscheiden zu lernen – und uns glaubensmutig für das Leben zu entscheiden.

Die Emmausjünger haben es mit der Gottes-Zukunft vor Augen plötzlich eilig. »Noch in derselben Stunde« brechen sie auf, kehren nach Jerusalem zurück und stellen sich ihren Realitäten. Wir sind eingeladen, es ihnen gleich zu tun!

VI. Pastoraler Zukunftsweg als Christusweg

Liebe Schwestern, liebe Brüder, wir alle sind nachösterliche Menschen. Wir alle kennen die ganze Geschichte. Darum wissen wir auch um die Gefahr, am Gott der Gegenwart vorbeizuleben, wenn wir zu sehr mit uns selbst beschäftigt sind. Als Einzelne. Und auch als Gemeinde, als Seelsorgebereich, als Erzbistum, als ganze Kirche mit ihren vielen Einrichtungen.

Ich denke, dass wir fast alle schon einmal die Erfahrung gemacht haben, dass die Versuchungen Jesu auch unsere Versuchungen sind, und dass die Erfahrungen der Jünger auf dem Weg nach Emmaus auch einen Teil unserer Erfahrungen widerspiegeln. Darum ist uns die Zeit auf Ostern zu auch dafür geschenkt, auf unseren Wegen in besonderer Weise Platz zu machen, damit Christus an unsere Seite treten kann: uns zu begleiten, uns zuzuhören, uns zu erinnern, uns das Brot zu brechen, uns die Augen zu öffnen, uns zukunftsfähig zu machen. In diesem Sinne will auch unser Pastoraler Zukunftsweg Christusweg sein.

VII. Ostern entgegen

So wünsche ich uns allen von Herzen eine österliche Bußzeit 2018, in der wir als Kirche von Köln immer mehr miteinander lernen, unsere Erinnerungen und Erwartungen, unsere Enttäuschungen und Hoffnungen, unsere Bedürfnisse, unsere Wünsche und unsere Vision von einer wachsenden Kirche ins Licht der verheißenen Osterhoffnung zu stellen: auf dass uns die Augen aufgehen, weil wir Christus begegnet sind!

Dieser österliche Blick wird uns hoffentlich dabei helfen, uns immer entschiedener mit der Gegenwartssituation unseres Kirche-seins zu beschäftigen und nicht weniger engagiert in Richtung Zukunft unterwegs zu sein. Der Gott der Gegenwart wartet in den kommenden 40 Tagen darauf, dass wir ihm so entgegenkommen, dass das österliche Licht uns zuinnerst treffen und verwandeln kann: jeden und jede von uns ganz persönlich und uns alle gemeinsam als Christinnen und Christen unserer Zeit im Erzbistum Köln.

Auf diesem Weg Ostern entgegen begleite und ermutige Sie alle der Segen des allmächtigen Gottes..., Rainer Maria Kardinal Woelki, Erzbischof von Köln

 

 

Pfarrnachrichten 07/2018 - 1. Fasten-Woche (B)

Die drei Versuchungen Jesu - Markusdom Venedig

Aus dem Fastenhirtenbrief unseres Erzbischofs – Teil I

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

wir haben »kurze« Zeiten hinter uns. Eine kurze Adventszeit. Eine kurze Karnevals-Session. Für Vorfreude blieb da wenig Zeit. Es ging schnell auf Heiligabend zu. Und es ging schnell auf Aschermittwoch zu.

Mich hat das herausgefordert: Zeit zu gewinnen, wenn kaum Zeit war, damit doch Zeit blieb für wirklich Wichtiges. Gott wird Mensch: das braucht Zeit in mir, Zeit für Begegnung, Zeit in Stille – und verträgt eigentlich keine Abkürzung. Und »us der Reih zo danze« (Sessionsmotto des Kölner Karneval 2018), das braucht auch seine Zeit, wenn es mit dem Schwung nicht vorbei sein soll, bevor das Leben mal wieder so richtig in Bewegung gekommen ist.

Die eiligen Zeiten zum Ende des vergangenen Jahres 2017 und zu Beginn des jetzt Neuen Jahres 2018 haben es mir nicht leicht gemacht. Doch der achtsame Umgang mit der knappen Zeit hat mir auch gezeigt, wie gut es tut, wenn ich abwäge und gewichte, wenn ich Prioritäten setze und sehr bewusst das tue, was ich tue – und ebenso bedacht Dinge lasse. Das war und das ist auch eine grundlegend wichtige Haltung für unseren Pastoralen Zukunftsweg.

I. Wer wir jetzt sind

Nicht alles ist zu jeder Zeit dran. Erst recht dann nicht, wenn Zeiten, Räume, Mittel oder Kräfte knapp bemessen sind. Vermutlich haben die meisten von uns Erfahrungen mit solcherart Grenzen: in der Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz, in unserem kirchlichen Engagement. Von dem mittelalterlichen Mystiker Meister Eckhart, der in der Zeit des Übergangs vom 13. zum 14. Jahrhundert lebte, stammt dazu ein für mich tröstliches Wort: »Mit Gott kannst Du nichts versäumen. Denn Gott ist ein Gott der Gegenwart. Wie er dich findet, so nimmt und empfängt er dich, nicht als das, was du gewesen, sondern als das, was du jetzt bist.« Wie auch immer wir also durch die Zeiten zu gehen haben, Gott nimmt uns stets an als die Menschen, die wir jetzt sind. Selbst wenn wir uns aktuell mit den Herausforderungen und notwendigen Veränderungen in der Kirche nicht leicht tun, so sind und bleiben wir auch als Kirche von Köln stets in Gott geborgen. Darauf dürfen wir fest vertrauen. Und wir dürfen in diesem Vertrauen unseren Pastoralen Zukunftsweg wagen und gehen.

Wieder liegt eine so genannte »geprägte Zeit« vor uns: die österliche Bußzeit. Ganz gleich, wie Sonne, Mond oder Sterne stehen, diese Zeit öffnet sich jedes Jahr mit demselben Zeitfenster in unser Leben hinein. Früher oder später im Jahr, doch nie gedrängt. Es scheint, als bräuchte das Zugehen auf das Osterfest genau diese Zeit – als bräuchten wir genau diese 40 Tage, um dem Geheimnis des Lebens über den Tod hinaus alljährlich wieder neu auf die Spur zu kommen: als Einzelne und als Gemeinschaft der Kirche in unseren Gemeinden, Pfarreien, Seelsorgebereichen und all unseren kirchlichen Einrichtungen.

II. 40 Tage bedeutsame Zeit

In der Bibel begegnet uns die Zahl 40 immer dann, wenn es in der langen Geschichte Gottes mit den Menschen um ganz besonders wichtige und bedeutsame Zeiträume geht. Zeiträume der Suche, der Prüfung, der Bewährung, der Entscheidung, des Neuanfangs. 40 Tage dauert die Sintflut. 40 Tage verbringt Mose auf dem Sinai, bevor er dort von Gott die Zehn Gebote empfängt. 40 Tage und 40 Nächte wandert der Prophet Elija durch die Wüste zum Gottesberg Horeb, wo ihm eine außergewöhnliche Gottesbegegnung zuteil wird. 40 Jahre gar zieht das Volk Israel durch die Wüste auf seinem Weg bis ins Gelobte Land.

Heute haben wir im Evangelium davon gehört, dass Jesus 40 Tage in der Wüste verbringt, bevor sein öffentliches Wirken beginnt. Für ihn ist es eine Zeit der Versuchung. Doch Jesus lässt eigene Bedürfnisse, Wünsche und Geltungsansprüche, mit denen der Teufel ihn lockt, nicht größer werden als Gott. Und so beginnt mit ihm das Reich Gottes nahe zu kommen. Die 40 Tage, die nun konkret vor uns liegen, wollen auch uns eine wichtige und bedeutsame Zeit sein. Eine Zeit, uns vom Gott der Gegenwart finden zu lassen: nicht als die, die wir gewesen, sondern als die, die wir jetzt sind – mit allen Herausforderungen, die als Kirche von Köln vor uns liegen.

III. Im Glauben wachsen

Die kirchliche Leseordnung lädt uns von heute bis Ostermontag auf ein anspruchsvolles Wegstück ein: von der Versuchung Jesu in der Wüste bis hin zu den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus. Dazwischen geht es auf und ab – und im Kern darum, im Glauben zu wachsen. Damit, liebe Schwestern und Brüder, sind wir nie am Ende. Als Einzelne nicht und als Kirche nicht. Das können wir schon an den Jüngern um Jesus ablesen. Ihr Weg an Jesu Seite bleibt trotz aller Nähe und trotz aller geteilten Erfahrung mit ihm ein fortwährender Lern- und Reifungsweg im Glauben. Das gilt auch für uns heute.

So dürfen wir uns nun mit den Jüngern auf den Weg nach Ostern machen. Denn dafür sind die vor uns liegenden 40 Tage da: Jesus nahe zu sein und ihn immer besser kennenzulernen, damit wir sehen lernen, was er uns zeigen will. Heute. Für unser persönliches Leben und für uns alle gemeinsam als Kirche von Köln auf unserem Pastoralen Zukunftsweg.

Pfarrnachrichten 05/2018 - 5. Woche im Jahreskreis (B)

Rembrandt - Heilung der Schwiegermutter des Petrus

Im sogenannten Tagesgebet an diesem fünften Sonntag im Jahreskreis betet der Priester im Gottesdienst stellvertretend für alle: "Gott, unser Vater, wir sind dein Eigentum und setzen unsere Hoffnung allein auf deine Gnade. Bleibe uns nahe in jeder Not und Gefahr und schütze uns." Aus den dann in der Heiligen Messe folgenden Lesungen lässt sich herausholen, was das konkret bedeutet.

So erzählt der heilige Markus in seinem Evangelium (Mk 1,29-39), dass die Schwiegermutter des Petrus mit Fieber im Bett lag. Die Apostel machten sich offenbar größere Sorgen um sie. Denn „sie sprachen mit Jesus über sie.“ Wäre es ein gewöhnliches Fieber gewesen, hätte der heilige Markus diesen Vorfall in seinem Evangelium gewiss nicht eigens erwähnt.

Von daher lag die Schwiegermutter des Petrus nicht nur einer einfachen Fiebererkrankung wegen danieder. Es dürften größere Sorgen, und womöglich nicht nur gesundheitliche gewesen sein, die sie nicht mehr aufstehen ließen. Wohl auch Zukunftsängste! Jesus hatte immerhin ihren Schwiegersohn Petrus überzeugt, seine bisherige Arbeit aufzugeben und ihm als Menschenfischer zu folgen. Allerdings nicht, um gutes Geld zu verdienen. Was sollte nun aus der Familie werden?

Umso interessanter sind die weiteren Details, die Markus erzählt: Jesus "ging zu ihr, fasste sie an der Hand und richtete sie auf. Da wich das Fieber von ihr, und sie sorgte für sie."

Ans Bett gefesselt, vermochte sie das bis dahin nicht. Es könnte angesichts der familiären Schwierigkeiten auch eine innere Ablehnung gewesen sein. So sah sie sich nicht in der Lage, für ihren Schwiegersohn Petrus und seinen, für sie bis dahin merkwürdigen neuen Freund Jesus mit seiner Anhängerschaft den Dienst der Gastfreundschaft auszuüben.

Somit war es mit großer Gewissheit ein ernstes Gespräch, das die Apostel mit Jesus über sie führten. Dabei aber blieb es nicht.

Jesus ging daraufhin zu ihr. Und die Schwiegermutter wandte sich dabei nicht von ihm ab. Weder drehte sie sich abweisend um, noch verweigerte sie Jesus die Hand. Sie kehrte ihm nicht den Rücken zu. Sie hat sich auf seinen Blick eingelassen. – Der Gnade schenkende Blick Gottes, den er durch Jesus auf uns Menschen richtet, wird auch in diesem Fall ganz entscheidend gewesen sein.

Wo sonst gewöhnlich gerichtet und ein einseitiges Urteil über andere gefällt wird, da richtet Gott durch Jesus auf. Jesus handelt aus der Kraft Gottes in der segenbringenden Art: „nicht richten, sondern aufrichten“.

Die Schwiegermutter lässt sich darauf ein. Sie ist dem Herrn gegenüber keine „Spielverderberin“. Einmal aufgerichtet, ist alles wieder gut: „Da wich das Fieber von ihr, und sie sorgte für sie.“

Ähnlich möchte der Herr auch uns gegenüber nicht Richter, sondern „Aufrichter“ sein. Damit wir das nicht vergessen, betet die Kirche mit uns allen, wie es oben im Tagesgebet des fünften Sonntags formuliert ist: „Wir sind dein Eigentum und setzen unsere Hoffnung allein auf deine Gnade.“

Zwar richtet die Kirche die folgende Bitte „bleibe uns nahe in jeder Not und Gefahr und schütze uns“ an Gott, den Herrn. Diese Bitte ist im Eigentlichen aber weniger an ihn, sondern vor allem an uns gerichtet: als zu vertiefende und in ihrer Ganzheit zu verinnerlichende Erinnerung. Wenn, dann verweigern und vergessen wir als seine freien Geschöpfe die „Kooperation“. Nicht aber Gott.

Schnell wurde bekannt, was passiert war. Daraufhin „brachte man alle Kranken und Besessenen zu Jesus. Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt, und er heilte viele, die an allen möglichen Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus.“

Im letzten Teil des Sonntagsevangeliums wird noch einmal deutlich, von wo Jesus als Mensch seine Kraft zu diesem seinen erlösenden Dienst bezog: „In aller Frühe, als es noch dunkel war, stand er auf und ging an einen einsamen Ort, um zu beten.“

Die Apostel „eilten ihm nach“, um ihm zu sagen: „Alle suchen dich.“ Die darin enthaltene indirekte Aufforderung war partiell zwar legitim. Aber auf das Ganze gesehen war sie unpassend.

Jesus kehrte nicht in ihre Stadt zurück. Er zog weiter, „durch ganz Galiläa, predigte in den Synagogen und trieb die Dämonen aus.“ Diese auch für ihn gewiss nicht leichte Entscheidung traf er aus jener Kraft, die ihm aus dem Gebet mit Gott seinem Vater erwuchs.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 04/2018 - 4. Woche im Jahreskreis (B)

Feier der Eucharistie: Quelle und Höhepunkt des christlichen Lebens

Warum soll ich zu Messe gehen?“ Auf diese Frage antwortet Papst Franziskus: „Es genügt nicht zu antworten, dass es ein Gebot der Kirche ist. … Wir Christen müssen an der Sonntagsmesse teilnehmen, weil wir nur durch die Gnade Jesu, mit seiner lebendigen Gegenwart in uns und unter uns, sein Gebot in die Praxis umsetzen und so seine glaubwürdigen Zeugen sein können.“

Die deutsche Wochenausgabe der Vatikan Zeitung L'Osservatore Romano (22. Dezember 2017) gibt hierzu eine Katechese von Papst Franziskus wieder, die ich Ihnen Ihrer Lektüre empfehlen möchte. Papst Franziskus sagte wörtlich:

„Die sonntägliche Eucharistiefeier steht im Mittelpunkt des Lebens der Kirche (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2177). Wir Christen gehen am Sonntag zur Messe, um dem auferstandenen Herrn zu begegnen, oder vielmehr, damit er uns dort begegnen kann, um sein Wort zu hören, uns von seinem Tisch zu speisen und so Kirche zu werden, das heißt sein mystischer Leib, der in der Welt lebendig ist.

Das haben die Jünger von der ersten Stunde an verstanden: Sie haben die eucharistische Begegnung mit dem Herrn an dem Tag der Woche gefeiert, den die Juden als den „ersten Tag der Woche” und die Römer als „Tag der Sonne” bezeichneten, weil an jenem Tag Jesus von den Toten auferstanden und den Jüngern erschienen ist, mit ihnen gesprochen hat, mit ihnen gegessen hat, ihnen den Heiligen Geist geschenkt hat (vgl. Mt 28,1; Mk 16,9.14; Lk 23,1.13; Joh 20,1.19) ...

Auch die große Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten geschah an einem Sonntag, dem 50. Tag nach der Auferstehung Jesu. Aus diesen Gründen ist der Sonntag ein heiliger Tag für uns, geheiligt von der Eucharistiefeier, der lebendigen Gegenwart des Herrn unter uns und für uns. Die Messe macht also den christlichen Sonntag aus! Der christliche Sonntag dreht sich um die Messe. Ein Sonntag, in dem die Begegnung mit dem Herrn fehlt: Was für ein Sonntag ist das für einen Christen? …

Einige säkularisierte Gesellschaften haben das christliche Bewusstsein um den von der Eucharistie erleuchteten Sonntag verloren. Das ist eine Sünde! In solchen Umfeldern ist es nötig, dieses Bewusstsein neu zu beleben, um die Bedeutung des Festes zurückzugewinnen, die Bedeutung der Freude, der Pfarrgemeinde, der Solidarität, der Erholung, die Seele und Leib erquickt (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2177-2188).

Die Eucharistie ist uns Lehrmeisterin all dieser Werte, Sonntag für Sonntag. Das Zweite Vatikanische Konzil hat bekräftigt: „Deshalb ist der Herrentag der Ur-Feiertag, den man der Frömmigkeit der Gläubigen eindringlich vor Augen stellen soll, auf dass er auch ein Tag der Freude und der Muße werde” (Konstitution Sacrosanctum concilium, 106).

Die sonntägliche Arbeitsruhe gab es in den ersten Jahrhunderten nicht: Es ist eine besondere Errungenschaft des Christentums. Aus biblischer Tradition ruhen die Juden am Sabbat, während in der römischen Gesellschaft kein Ruhetag von schwerer Arbeit vorgesehen war. Es war das christliche Bewusstsein, als Kinder und nicht als Sklaven zu leben, beseelt von der Eucharistie, das den Sonntag – fast weltweit – zum Ruhetag gemacht hat.

Ohne Christus sind wir dazu verurteilt, von der Müdigkeit des Alltags mit seinen Sorgen und von der Angst vor dem Morgen beherrscht zu werden. Die sonntägliche Begegnung mit dem Herrn gibt uns Kraft, das Heute mit Vertrauen und Mut zu leben und mit Hoffnung voranzugehen. Darum gehen wir Christen am Sonntag zur Begegnung mit dem Herrn, in der Eucharistiefeier. Die eucharistische Gemeinschaft mit Jesus, dem Auferstandenen und in Ewigkeit Lebenden, ist eine Vorausnahme des Sonntags ohne Untergang, an dem es keine Mühsal und keinen Schmerz, keine Trauer und keine Tränen mehr geben wird, sondern nur die Freude, in ganzer Fülle und immer mit dem Herrn zu leben. Auch von dieser seligen Ruhe spricht die Sonntagsmesse zu uns, die uns im Fluss der Woche lehrt, uns den Händen des Vaters im Himmel anzuvertrauen.

Was können wir jenen Antworten, die sagen, dass man nicht zur Messe gehen braucht, auch nicht am Sonntag, weil das Wichtigste sei, gut zu leben, den Nächsten zu lieben?

Es ist wahr, dass die Qualität des christlichen Lebens an der Fähigkeit zu lieben bemessen ist, wie Jesus gesagt hat: „Darum werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt“ (Joh 13,35). Aber wie können wir das Evangelium praktizieren, ohne die notwendige Kraft dafür zu schöpfen, Sonntag für Sonntag, aus der unerschöpflichen Quelle der Eucharistie? Wir gehen nicht zur Messe, um Gott etwas zu geben, sondern um von ihm das zu empfangen, was wir wirklich brauchen. Daran erinnert das Gebet der Kirche, das sich so an Gott wendet: „Du bedarfst nicht unseres Lobes, es ist ein Geschenk deiner Gnade, dass wir dir danken. Unser Lobpreis kann deine Größe nicht mehren, doch uns bringt er Segen und Heil(Römische Messbuch, Präfation für Wochentage IV)."

 

So also Papst Franziskus! – Ihr Pfr. Dr. Volker Hildebrandt

 

Pfarrnachrichten 03/2018 - 3. Woche im Jahreskreis (B)

Auch Jona musste durch ein sogar tiefgreifendes Bekehrungserlebnis umkehren, um schließlich Gottes Auftrag in Ninive zu erfüllen (Buch Jona). - Seeleute werfen Jona über Bord (Marcellino-Katakombe; 3. Jh.)

Die Zeit ist kurz“ sagt der Hl. Paulus in der zweiten Sonntagslesung (1 Kor 7, 29-31). In enger Beziehung dazu stehen die Worte Jesu, wie sie uns an diesem Sonntag aus dem Markusevangelium (Mk 1,14-20) vorgetragen werden: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!

Hier geht es nicht um Zeitnot. Und auch nicht darum, dass uns jemand Stress machen möchte.

Neben der Zeit, die kurz und begrenzt ist, geht es in den biblischen Sonntagslesungen zudem um „Umkehr“ und um „Glaube“: Um Umkehr hin zum Glauben an das Wort Gottes. Um tiefe Bekehrung, wieder dem einen, umfassenden und göttlichen Wort zu glauben, das in der Krippe von Bethlehem Mensch geworden ist.

Dafür „ist die Zeit kurz“, sagt Paulus. Und dafür „ist die Zeit erfüllt“, sagt der Herr: dafür ist die Zeit gekommen.

Umkehren und glauben heißt: Diesem einen Wort Gottes alles Gute zutrauen, und allein von ihm zu erwarten, was selig, heil und heilig macht.

Jesus sagt (Mk 1,15): „Kehrt um und glaubt an das Evangelium.“ Damit meint er punktgenau, was er an anderer Stelle mit den wunderbaren Worten ausdrückt: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott, und glaubt an mich!

Und hier schon schließt sich der Kreis. Die Zeitnot und die Kürze der Zeit wird immer nur von uns selber verursacht. Nicht Gott, sondern wir machen uns den Stress. Und zwar immer dann, wenn wir Angst aufkommen und uns verwirren lassen; wenn wir nicht mehr daran glauben, dass Gott auf unserer Seite ist; und dass er uns nichts von dem wegnimmt, was gut und richtig, was zutiefst wertvoll und krisensicher erfüllend ist.

Gehorsam gegenüber dem Wort des Herrn machte sich Jona schließlich auf den Weg nach Ninive (Sonntagslesung). Ninive war eine für die Antike außergewöhnlich große Stadt. Sie zu durchqueren benötigt zwar nicht drei Tage, wie es im das Buch Jona steht; wohl aber, wenn man – wie Jona – jedem Einwohner etwas zu sagen hat. So ging Jona in die Stadt Ninive und er rief einen ganzen Tag lang: „Noch vierzig Tage, und Ninive ist zerstört.“

Nun ist es allerdings nicht Gott, der unsere Städte zerstört. Es ist auch nicht Gott, der uns den Frieden nimmt. Es ist nicht Gott, der Streit und Krieg entfacht. Es ist nicht Gott, der uns unzufrieden macht, wenn wir es dann wieder einmal sind.

Wir sind es, der Mensch! Ja wir selber, wenn Unfriede in unserem Inneren aufsteigt, und wir die anderen schließlich auch noch damit belästigen und mit hineinziehen.

Euer Herz lasse sich nicht verwirren.“ Das heißt auch: „Euer Herz sei ohne Furcht.“ Euer Herz sei frei von allem, was es zerreißt. … Und was unser Herz zerreißt, das wissen wir sehr genau: Neid, Begehrlichkeit, niedere Leidenschaften, Zorn, Misstrauen, falsche Verdächtigungen, Habgier und was wir sonst noch alles aufzählen müssten.

Diese Welt ist nicht schlecht. Gegen alles Herabwerten dieser Welt wiederholt die Heilige Schrift zwischen den Schöpfungstagen: „Gott sah, dass es gut war.“ Es war sogar „sehr gut.“ (Gen 1,31)

Aus eben diesem Grund sagt der heilige Paulus (1 Kor 7,29.31): „Wer eine Frau hat, verhalte sich in Zukunft so, als habe er keine.“ Das gilt natürlich auch umgekehrt. Weiterhin sagt Paulus. „Wer sich die Welt zunutze macht, verhalte sich so, als nutze er sie nicht.“

Jeder von uns hat seine Familie, seine Wohnung, sein Haus, sein Eigentum, seine Qualifikation, sein Prestige, sein gesellschaftliches Renommee, seinen Einfluss, seine Möglichkeiten… Aber zu oft sind wir genau deshalb zerrissen. Denn all das ist nicht nur Segen. All das kann schnell zum Fluch werden; zu Angst, zu Stress, zu Streit und sogar zum Krieg führen. – Nicht aber, wenn wir dem Rat des heiligen Paulus folgen: „Wer weint, verhalte sich so, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht“. Und „wer kauft, verhalte sich so, als würde er nicht Eigentümer.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)

 

Pfarrnachrichten 02/2018 - 2. Woche im Jahreskreis (B)

Hörende – von Toni Zens

Liebe Mitchristen und Freunde von St. Pantaleon!

Das Schott-Messbuch (Erzabtei Beuron) enthält wertvolle Impulse zu den Sonntagslesungen. Diese, zusammen mit den (gekürzten) Lesungen empfehle ich Ihnen gerne zur Lektüre und betrachtenden Vertiefung.

Ihr Pfr. Hildebrandt

Zur ersten Lesung (1 Sam 3, 3b-10.19): Samuel ist ein von Gott Erwählter und Berufener. Seine Mutter hat ihn früh dem Dienst am Heiligtum in Schilo geweiht. Noch ehe der junge Samuel es recht begreifen konnte, hat Gott ihn mit einem harten Prophetenauftrag zum Hohenpriester Eli geschickt.

Samuel hört das Wort, das Gott ihm sagt, mit der ganzen Sammlung und Kraft seines jungen Herzens. Sein Leben lang wird er nichts Anderes tun als auf das Wort hören und es treu weitersagen, sei es gelegen oder ungelegen.

Samuel kannte den Herrn noch nicht, und das Wort des Herrn war ihm noch nicht offenbart worden. Da rief der Herr den Samuel zum dritten Mal. Er stand auf und ging zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Da merkte Eli, dass der Herr den Knaben gerufen hatte. Eli sagte zu Samuel: Geh, leg dich schlafen! Wenn er dich wieder ruft, dann antworte: Rede, Herr; denn dein Diener hört. Samuel ging und legte sich an seinem Platz nieder. Da kam der Herr, trat zu ihm heran und rief wie die vorigen Male: Samuel, Samuel! Und Samuel antwortete: Rede, denn dein Diener hört.

Zur 2. Lesung (1 Kor 6, 13c-15a.17-20): Paulus war ein leidenschaftlicher Prediger der christlichen Freiheit. Aber er weiß auch, wie gefährdet diese Freiheit ist: durch Missbrauch und Willkür auch auf dem Gebiet des Geschlechtlichen. Der Christ soll seinen Leib weder verachten noch vergötzen. Der Leib, das ist der ganze Mensch, für den Christus gestorben und vom Tod auferstanden ist. Sich der Begierde versklaven heißt Christus entehren. Leib und Seele und Geist des Getauften sind Christus geweiht.

Der Leib ist nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn, und der Herr für den Leib. Gott hat den Herrn auferweckt; er wird durch seine Macht auch uns auferwecken. Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind? Wer sich an den Herrn bindet, ist ein Geist mit ihm. Hütet euch vor der Unzucht! Jede andere Sünde, die der Mensch tut, bleibt außerhalb des Leibes. Wer aber Unzucht treibt, versündigt sich gegen den eigenen Leib. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Verherrlicht also Gott in eurem Leib!

Zum Evangelium (Joh 1, 35-42): Es genügt nicht, über Jesus und seinen Weg etwas gehört oder gelesen zu haben. Die Jünger des Johannes haben das Wort vom Lamm Gottes gehört und sind Jesus nachgegangen. So konnte er sich ihnen zuwenden und sie einladen: Kommt und seht! Sie gingen mit ihm und blieben bei ihm bis zum Abend. Nun wussten sie, wer Jesus war. Und die Geschichte der Berufenen ging weiter: Brüder und Freunde, einer sagte es dem anderen.

In jener Zeit stand Johannes am Jordan, wo er taufte, und zwei seiner Jünger standen bei ihm. Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes! Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus. Jesus aber wandte sich um, und als er sah, dass sie ihm folgten, fragte er sie: Was wollt ihr? Sie sagten zu ihm: Rabbi - das heißt übersetzt: Meister -, wo wohnst du? Er antwortete: Kommt und seht! Da gingen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm; es war um die zehnte Stunde. Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer der beiden, die das Wort des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren. Dieser traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden. Messias heißt übersetzt: der Gesalbte - Christus.

 

Pfarrnachrichten 01/2018 - 1. Woche im Jahreskreis (B)

Taufe Jesu - von J.F. Glocker -Empore evangel. Kirche in Wolfschlugen

Nach einer sehr kurzen Adventzeit – wie sie kürzer nicht sein konnte: der vierte Adventsonntag fiel Ende des vergangenen Jahres mit Heiligabend auf den 24. Dezember – geht in diesem Neuen Jahr nun auch die Weihnachtszeit in der kürzest möglichen Zeit zu Ende.

In der Regel wird das Fest der Taufe Jesu, mit dem grundsätzlich die Weihnachtszeit zu Ende geht, an dem Sonntag gefeiert, der unmittelbar auf das Dreikönigsfest am 6. Januar folgt. In diesem Jahr nun fällt der Sonntag nach dem Fest der Heiligen Drei Könige auf den 7. Januar.

Damit werden die zwei großen, die Weihnachtszeit abschließenden Feste – das Fest der Heiligen Drei Könige und das Fest der Taufe Jesu –, von einem Tag auf den anderen ganz eng hintereinander gefeiert. Das gibt uns Anlass, zumindest kurz auf die vielfältigen, insbesondere auch inhaltlich zusammenhänge Bedeutung beider Feste für unser christliches Leben hinzuweisen.

Die Könige haben sich mit allergrößter Erwartung auf den Weg gemacht. Das wird in ihren Worten deutlich, als sie vom Stern geführt schließlich Jerusalem erreichen und fragen (Mt 2,2): „Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.“ Auch wären andernfalls „Herodes …. und mit ihm ganz Jerusalem“ nicht so erschrocken.

Auf der letzten Etappe ihrer langen Reise (Mt 2,9f) „zog der Stern, den sie hatten aufgehen sehen“, für sie nun noch einmal ganz deutlich sichtbar „vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen.“ Der Evangelist betont: „Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt.“

Und Ihre großen Erwartungen? Sie müssen anfangs ganz anders gewesen sein als das, was sie schließlich antrafen. Der Evangelist formuliert deshalb bewusst ganz unprätentiös (Mt 2,11): „Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter.“ Dennoch waren sie alles andere als enttäusch. „Da fielen sie nieder“, berichtet der Evangelist, „und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar.

Die Begegnung mit dem göttlichen Kind hat diese gelehrten Männer von Rang und Namen nachhaltig und zutiefst verändert. Alle drei haben sich auf diese Veränderung eingelassen: am Ende dieser Vorgänge und Ereignisse (Mt 2,12) „zogen sie auf einem anderen Weg heim in ihr Land.

Ihr sichtbar anderer Weg wich nun dem Bösen aus. Im Traum wurde ihnen geboten (Mt 2,12) „nicht zu Herodes zurückzukehren“. Der andere Weg, den sie nach der Begegnung mit dem göttlichen Kind einschlugen, nahm dem Bösen seine Kraft. Herodes war nun nicht mehr in der Lage, seine Hand gegen die Quelle des Guten und die Quelle der Erlösung gerade vom Bösen auszustrecken.

Ähnlich ist es mit der Taufe. Sie befreit vom Urheber des Bösen, der die Quelle des Guten in uns ersticken und versiegen lassen möchte. In der Taufe hat Gott auch uns gesagt, dass wir seine geliebten Kinder sind (vgl. Mk 1,11). Gott hilft uns, andere Wege zu finden und zu gehen, als die Wege der Berechnung und Erwartung nur des eigenen Vorteils. Diese Wege führen in den Tod. … Gott aber erfüllt unsere Erwartungen meist anders, als wir anfangs dachen, dafür aber nachhaltig und für immer.

(Pfr. Dr. Volker Hildebrandt)